Lauschangriff Her mit der Story!

Der große Lauschangriff: Ein Klatschblatt des Medien-Moguls Rupert Murdoch hat jahrelang britische Prominente abgehört.

Ein Mann vor der Zentrale von News International in London. Der Herausgeber mehrerer britischer Zeitungen war in den Abhörskandal verwickelt.

Ein Mann vor der Zentrale von News International in London. Der Herausgeber mehrerer britischer Zeitungen war in den Abhörskandal verwickelt.

In der letzten Märzwoche musste sich der stellvertretende Polizeichef Londons vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission rechtfertigen. Unterhausabgeordnete warfen ihm vor, mit dem Medienkonzern des Pressetycoons Rupert Murdoch zusammengewirkt und das wahre Ausmaß eines Skandals vertuscht zu haben, der den britischen Journalismus seit fast sechs Jahren aufwühlt. In der ersten Aprilwoche verhaftete Scotland Yard Neville Thurlbeck, den Chefreporter der News of the World, des zweitgrößten Druckerzeugnisses der britischen Dependance in Murdochs weltumspannendem Empire. Ebenfalls verhaftet wurde Ian Edmondson, ein früherer leitender Nachrichtenredakteur. Die beiden werden beschuldigt, Mobiltelefone von Politikern, Stars, Promis und Angestellten des Königshauses abgehört zu haben.

Der Skandal reicht bis in das Jahr 2005 zurück. Zuerst wurden nur die Machenschaften eines Clive Goodman ruchbar. Goodman, 48 Jahre alt, ist »königlicher Korrespondent«. Will heißen: Er ist einer der hartgesottenen Berichterstatter, die den Royals ständig auf den Fersen sind und ihre Leser mit Gerüchten und Klatsch vom Hof versorgen.

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Englische Namen ordnen ihre Träger sozial ein, kein Adliger heißt Goodman. Das zu sagen ist nicht politisch korrekt. Aber man weiß es. Ein klassischer Clive Goodman ist ein zungenfertiger Emporkömmling, der sich wenig um Moral und Gesetze kümmert. Der Clive Goodman, um den es hier geht, erfüllt das Klischee aufs i-Tüpfelchen. Er war einer der Ersten, die das Auseinanderbrechen der Ehe von Charles und Diana aufdeckten. Doch 2005 geht ihm die Munition aus, sein letzter Scoop liegt Jahre zurück. Der Mitarbeiterstab von Prinz Charles hat aus dem PR-Desaster gelernt. Zwölf Presseoffiziere sind damit beschäftigt, Journalisten auf Distanz zu halten. Goodman hat allerdings einen ehrgeizigen Chefredakteur namens Andy Coulson. Die Storys müssen her, koste es, was es wolle. Im November verfasst der königliche Korrespondent zwei belanglose Artikel, die von einer Knieverletzung Prinz Williams und von Editiergeräten handeln, die ein TV-Journalist dem Prinzen geliehen habe. Sie stimmen in jedem Detail. Die königlichen Pressesprecher stutzen. Wie gelangte der Zeitungsmann an die Informationen?

Mitarbeitern des Hofs ist es schon seit einiger Zeit spanisch vorgekommen, dass sie SMS-Nachrichten oder Voicemails, die sie nicht gelesen oder abgehört hatten, in ihren Handys als abgespeichert fanden. Sie schalten Scotland Yard ein. Die Detektive heften sich an Goodmans Fersen – telekommunikativ gesprochen. Ein halbes Jahr später ertappen sie ihn auf frischer Tat. Goodman zitiert wortwörtlich eine ironische SMS-Nachricht, die Prinz William seinem Bruder Harry schickte, als dessen Freundin Chelsy ihn wegen eines Flirts mit einer Stripperin in die Mangel genommen hatte.

Die Polizei durchsucht Goodmans Schreibtisch in der Redaktion und das Haus eines Privatdetektivs namens Glenn Mulcaire, der ihm zugearbeitet hat. Mulcaire hatte den Code von Prinz Williams Handy geknackt. Bei ihm finden sie die Sicherungscodes der Mobiltelefone neunzig weiterer bekannter und weniger bekannter Individuen. Er und sein Auftraggeber haben das Mobiltelefon eines Mitarbeiters von Prinz Charles über 400 Mal abgehört.

Goodman hat Mulcaire für seine Dienste 12.300 Pfund – etwa 15.000 Euro – in bar bezahlt und den Betrag von seiner Zeitung als Rechercheaufwand erstattet bekommen. Die beiden werden verhaftet und einem Richter vorgeführt. Der überweist den Fall an das Zentralgericht Old Bailey. 2007 werden sie zu vier und sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Technisch scheint es relativ einfach zu sein, Mobiltelefone anzuzapfen. Doch viele Fragen bleiben offen. Die News of the World haben Mulcaire in einem Jahr 100.000 Pfund bezahlt. Er arbeitete offensichtlich nicht nur für Goodman. Und wem gehören die fast 3.000 Mobiltelefonnummern, die die Polizei in seinem Archiv fand? Der Chefredakteur Coulson behauptet, er wisse von nichts. Er räumt dennoch seinen Stuhl. Wenige Monate später tritt er in einem neuen Job auf – als Pressesprecher des jetzigen Premiers David Cameron. Tony Blair hatte mit dem skrupellosen Boulevardjournalisten Alistair Campbell bewiesen, wie wichtig ein Spinmaster aus der Branche im öffentlichen Leben Großbritanniens ist, Campbell bereitete Blairs Wahlsieg 1997 vor. Nun ebnet Andy Coulson seinem Herrn David Cameron den Weg ins Amt. Die Zeitungen seines ehemaligen Arbeitgebers, die sich von Campbell für New Labour einnehmen ließen, schwenken auf die Torys um.

Doch der Abhörskandal verfolgt Coulson wie eine Erbsünde. Es ist das Jahr 2010, und der regierungskritische Guardian enthüllt, die News of the World hätten unter seiner Ägide den Chef der englischen Profifußballervereinigung, Gordon Taylor, abgehört und ihn, als der das herausfand, mit einer Million Pfund abgefunden. Taylors Fall ist besonders pikant. Das Blatt versuchte, ihm eine Liebesaffäre mit seiner Sekretärin anzudichten. Die Story stützte sich auf die SMS-Nachricht »Vielen Dank für gestern. Du warst großartig«.

Leser-Kommentare
  1. Die Journalisten der News of the World sind in Vietnam nur knapp einer Verhaftung entkommen. Damals hatten sie ein Kopfgeld von 5.000 Pfund ausgelobt, wer den Aufenthaltsort von Gerry Glitter kennt. Das wollte sich wohl offensichtlich ein Schotte verdienen. Was dann geschah ist bekannt.

    Dumm nur, dass Kopfgeldjagd dort streng verboten ist und die Aktion als solche gewertet wurde. Die Brandstifter hatten sich dann ganz schnell vom Acker gemacht. Eigentlich sollten auch sie strafrechtlich belangt werden.

    • Pyr
    • 15.04.2011 um 13:22 Uhr

    Ein paar technische Details dazu wären sehr schön. Liegt es an der generellen Unsicherheit von GSM, wie sie zuletzt immer wieder der Chaos Computer Club demonstrierte und aufzeigte, wie ich ohne Möglichkeit dies zu merken so ziemlich jedes Handy da draußen aus der Ferne überwachen lässt? Oder wie haben sie's angestellt? Denn normalerweise sollte das nun wirklich nicht so leicht sein. Es geht hier schließlich um höchst private Kommunikation.

    Eine Leser-Empfehlung
    • hardob
    • 15.04.2011 um 13:58 Uhr

    "Aber man weiß es. Ein klassischer Clive Goodman ist ein zungenfertiger Emporkömmling, der sich wenig um Moral und Gesetze kümmert."

    (Müßte eigentlich heißen: Aber man weiß es. Ein klassischer Clive Goodman ist ein zungenfertiger Emporkömmling, der sich ebensowenig wie die Upperclasse um Moral und Gesetze kümmert.)

  2. Ich frage mich bei solchen Geschichten immer: "Wozu brauchen wir das ?". Man geilt sich gerade zu auf an Geschichten und Bildern von Prominenten. Paparazzi jagen den Promis immer dreister hinter her um den einen Schnappschuss zu bekommen mit dem Sie dann ein Haufen Geld verdienen können. Manche Prominenten provozieren solches Verhalten um damit dann auf die Titelseite zu kommen.
    Es wird versucht mit allen Mitteln an solche Storys zu kommen.

    Ich finde, es ist ein Armutszeugnis das es einen Markt für solche Sachen gibt und das es Leser gibt die sich an solchen Geschichten aufgeilen und unterhalten.

    Es gibt doch interessantere Themen mit denen man sich unterhalten kann.

  3. Herr Schwarz, da muss ich Ihnen vollkommen Recht geben. Diese Branche und ihre Themen sind Absolut irrwitzig. Trotzdem finde ichbes prekär, dass es einfach so möglich sein soll, fremde Handys zu überwachen. Wenn Daten gelesen werden können, kann ja auch sicher auch der Standort des Benutzers einfach geortet werden. Privatsphäre ist wirklich zu einem kostbaren Gut geworden.

    via ZEIT ONLINE plus App

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