Country von Alison KraussNimm mich mit nach West Virginia!

Auch Cowgirls kriegen den Blues: Die archaische Welt der Sängerin Alison Krauss. von 

Alison Krauss ist der Typus amerikanischer Siedlerfrau, die im Notfall von der Waffe Gebrauch macht. Mit den Herren von Union Station hat sie ihr neues Album aufgenommen

Alison Krauss ist der Typus amerikanischer Siedlerfrau, die im Notfall von der Waffe Gebrauch macht. Mit den Herren von Union Station hat sie ihr neues Album aufgenommen  |  © Universal Music

In echt wirkt sie dann doch nicht wie aus einem John-Steinbeck-Roman. Das Kleid fehlt, das an die dreißiger Jahre irgendwo im Süden der USA denken lässt, eine gottesfürchtige junge Frau im Sonntagsstaat. Es fehlt auch die männliche Entourage ihrer Band Union Station, bärtige Gesellen bis auf einen, die auf dem Cover der jüngsten CD Paper Airplane in Stiefeln, ungebleichtem Denim und anderem Grobgewirkten eine stilvoll sepiabraune Stimmung zwischen Goldgräbercamp und Spätestwestern verbreiten. Doch natürlich ist es schwierig, authentisch zu sein, wenn die Verhältnisse nicht so sind.

An wenigen Orten könnte Alison Krauss deplatzierter wirken als im etuiartig ausgeflauschten Ambiente eines Londoner Nobelhotels, wo die Kellner nach italienischer Art zwischen den Tischen herumscharwenzeln und alles immerzu Old Europe schreit. Der Terminplan ist etwas durcheinandergeraten, weil eine Bombendrohung Terminal 1 lahmgelegt hat, Heathrow im Ausnahmezustand, was dazu beigetragen haben mag, dass die Künstlerin in einer fast vollständig abgedunkelten Suite empfängt. Nichts erinnert an den weiten Himmel, den ihre Lieder brauchen, es sei denn, man wollte im angrenzenden Hyde Park die Prärie erkennen. Das Verblüffende: Sobald sie zu reden beginnt, ist trotzdem alles da.

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Wer Alison Krauss gegenübersitzt, kann gar nicht anders, als an die Welt zu denken, die sie seit mehr als zwanzig Jahren besingt, eine Welt, wie es sie längst nicht mehr gibt, ohne dass sie deswegen an Aktualität verloren hätte. Verantwortlich zu machen ist ihre Ausstrahlung: auf eine ländliche Weise burschikos und zurückhaltend zugleich – mit dieser Frau würde man gern mal ein Pferd stehlen. Der Hauptgrund aber liegt in ihrer Stimme, die auch im Sprechmodus etwas Sirenenhaftes hat. Viel ist geschrieben worden über diese Stimme, man hat sie mit dem Organ eines Engels verglichen, doch wenn dem so sein sollte, handelt es sich um einen Engel, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht und bereit ist, sich im Notfall mit Schusswaffen zu verteidigen.

Es ist die uramerikanische Figur der Siedlerfrau, der Alison Krauss ein zeitgemäßes Gesicht gibt: durch nichts so leicht aus der Ruhe zu bringen, doch wenn es hart auf hart kommt, mit vollem Einsatz auf dem Posten. Und es kommt ständig hart auf hart bei ihr. Die Songs, die sie sich für Paper Airplane zu eigen gemacht hat, handeln fast ausnahmslos von vergeblicher Liebe, verlorener Arbeit und anderen, selbst den Tüchtigen ereilenden Prüfungen des Lebens. In der Ballade von Bonita And Bill Butler läuft ein stolzes Schiff auf Grund. In Dustbowl Children wird – allerdings von Gitarrist Dan Tyminski gesungen – ein Mann vorstellig, den die Wirren der Großen Depression um Haus und Hof gebracht haben. Die Quersumme seines Lebens: »Yeah, we’re all dust bowl children, singin’ the dust bowl song«. Bald 100 Jahre liegt die Große Depression zurück. Trotzdem erkennen sich viele darin wieder.

Zugeständnisse an den Massengeschmack sind kaum dafür verantwortlich zu machen. Dass die Frau, die da in einer Art Country-Hausmantel geduldig Fragen beantwortet, auch in kommerzieller Hinsicht kein Mauerblümchen ist, das immerhin beweisen ihre zahlreichen Auszeichnungen: Auf 26 Grammys kann sie für ihr Schaffen zurückblicken, mehr haben nur Quincy Jones (27) und Sir Georg Solti (31) erhalten. Wer sich daheim in den Staaten bei der nächsten Generation in Erinnerung rufen will, reißt sich um ein Duett mit ihr, von Dolly Parton über Kenny Rogers bis hin zum alten Haudegen Kris Kristofferson. Schließlich ist auf Raising Sand hinzuweisen, das viel beachtete Album mit Ex-Led-Zeppelin-Sänger Robert Plant , das ihr 2007 Gold und Platin bescherte. Doch das sind Erfolgsmeldungen von der Promo-Front, auf die eine Alison Krauss mit Zurückhaltung reagiert.

Soll doch die Plattenfirma damit hausieren gehen. Als Künstlerin spricht sie lieber über die essenziellen Dinge des Lebens: den Blues zum Beispiel, der sie mit einem so gegensätzlichen Charakter wie Robert Plant verbindet. Eine großartige Erfahrung, sich mit Robert über gemeinsame Wurzeln zu verständigen. »Alison«, habe er gesagt, »die Ähnlichkeiten sind erstaunlich.« Country und Blues seien wie zwei Äste, die sich in unterschiedliche Richtungen strecken, »aber das gebrochene Herz ist das gleiche«. Auch die Tatsache, dass eine Garde junger Countrysängerinnen gerade die Hochburgen des Pop erobert, schert sie wenig: Solche Zeiterscheinungen hat es immer gegeben, sie kommen, und sie gehen vorüber. Überhaupt, die Schubladen. Manche nennen das, was sie macht, Pop, andere Bluegrass, Dritte Country. Was aber sind Namen, wenn es darum geht, der Tradition Tribut zu zollen?

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