In dieser Welt, in der sich alles verändert, ist nicht einmal der Ausländer eine verlässliche Größe. Auch er wandelt sich beständig und tritt uns immer wieder mit neuem Gesicht entgegen. Das nötigt uns dann jedes Mal, unsere inneren Einstellungen, unsere Affekte und Ressentiments, unsere Hoffnungen und Ängste neu einzustellen. Denn mit nichts macht man sich lächerlicher, als wenn man vor Gespenstern warnt, die längst der Vergangenheit angehören. Aber damit der Groschen fällt, braucht es ein symbolisches Gesicht, das die Grundkoordinaten des Diskurses neu ordnet. Vielleicht wird Philipp Rösler , der neue FDP-Chef, für Deutschland genau dieses Gesicht sein, das unser Bild des Fremden endlich ans Zeitgenössische heranführt.

Bisher war der Fremde in Deutschland der Ausländer, der etwas vom Kuchen der Deutschen abhaben wollte, was ihm irgendwie nicht zustand. Sozial gesehen kam er von unten, und wenn man sich ihm zuwandte, dann in einer paternalistischen Haltung der Milde und Barmherzigkeit. (Amerikaner und Franzosen waren, das verstand sich von selbst, keine Ausländer im echten Sinne, zu ihnen schaute man eher angstvoll nach oben wie zu einem Lehrer, um dessen Achtung man buhlt.) Nachdem Deutschland sich bis 1945 ethnisch erfolgreich homogenisiert hatte, trat der Ausländer in der Geschichte der Bundesrepublik – von der außerplanmäßigen und nur episodischen Intervention des schwarzen GIs abgesehen – zuerst als Gastarbeiter auf, dem man die Fließbänder des Wirtschaftswunders überließ. Dann nahm er in den achtziger Jahren die Gestalt des Scheinasylanten an, der sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in unsere Sozialsysteme schlich. Dem folgte eine Phase, in der der Ausländer zum Menschen mit Migrationshintergrund wurde – ein Problembündel aus Bildungsdefiziten, hoher Kriminalitätsrate, Integrationsschwierigkeiten und vitaler Reproduktionskraft –, bevor er zuletzt als Muslim dem schulischen Schwimmunterricht fernblieb und den Dschihad in die westliche Werteordnung trug.

Aber perfiderweise gab es den Ausländer nicht nur auf deutschem Boden, sondern auch – ein zart-bitteres Paradox – im Ausland. Auch in dieser Form wurde er als eine Bedrohung heimischer Besitzstände wahrgenommen: als fleißiger Chinese, der für einen Hungerlohn unsere Turnschuhe nähte und den biodeutschen Facharbeiter um seine Tariferhöhungen prellte. Spätestens als der Deutsch sprechende Inder in einem Callcenter in Mumbai Fragen zum Meilenstand unseres Vielfliegerprogramms beantwortete, wurde klar, dass Ausländer ein Problem sind, auch wenn sie Deutsch lernen und da bleiben, wo sie herkommen.

Während wir – ob in sozialpädagogischer Zuwendung oder xenophober Abwehr – als Leitbild des Diskurses stets diesen Ausländer von unten vor Augen haben, hat längst der Ausländer von oben die Bühne betreten. Das ist durchaus ein Paradigmenwechsel. Denn die Kategorien von Rasse und Klasse stehen in einer Wechselbeziehung, und die alteingeübte deutsche Identifikation von fremder Rasse mit niedriger Klasse ist passé. Die neue Herrschaftsklasse der globalisierten Welt hat sich ethnisch pluralisiert. Die internationalen Topuniversitäten sind die Orte, an denen diese neue Elite ausgebildet wird und wo eine Sozialpraxis entsteht, in der sich Herkunftsidentität und Kosmopolitismus fein ausbalancieren und jedenfalls niemand markig nach einer Leitkultur ruft. Wer durch amerikanische Museen geht oder in Konzertsälen sitzt, bekommt sehr unmittelbar einen Begriff davon, wie auch der alteuropäische Kulturkonsum mittlerweile eine vor allem asiatische Trägerschicht hat. Deutschland ist auch hierin verspätete Nation, aber wenn es an den neuen Macht-, Kapital- und Kulturbewegungen der Gegenwart partizipieren will, sollte es sich ein neues Bild vom Ausländer zulegen. Zur Minimalanforderung gehört, nicht mehr vom Aussehen auf den Sozialstatus rückzuschließen.

Philipp Rösler gibt dem Land dazu jetzt eine gute Möglichkeit. Das vietnamesische Waisenkind, mit neun Monaten von einem deutschen Ehepaar adoptiert, ist die erste landesweit berühmte Verkörperung jenes asiatischen Überfliegertums, das die Welt-Konkurrenzgesellschaft derzeit auf Trab hält – und, nebenbei bemerkt, auch die Faszination ausmacht, mit der Amy Chuas Erziehungsbuch Die Mutter des Erfolgs weltweit aufgenommen wurde: Die Angstlust gilt jetzt nicht mehr dem Fremden als hungriger Masse, die uns die Butter vom Brot nimmt, sondern dem Fremden als diszipliniertem Selbst-Optimierer, der uns Kinder der Gemütlichkeit bildungstechnisch in die Tasche steckt. Der ehemalige Hamburger Wirtschaftssenator Ian Karan, ein gebürtig Ceylonese, gehört auch zu diesem Typus, aber noch idealtypischer natürlich der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, Kind einer luxemburgisch-indischen Verbindung: die in sich ruhende, unangreifbar lächelnde Verkörperung reiner Rationalität.

Als Philipp Rösler – so berichtet das Hamburger Abendblatt – seinen Dienst im Gesundheitsministerium antrat, stellte er sich dem Pförtner mit den Worten vor: »Guten Tag, ich bin der neue Gesundheitsminister.« Worauf der Pförtner antwortete: »Is klar, aber wenn du gesagt hättest, du bist der Kaiser von China, wäre das glaubwürdiger gewesen.« Der Pförtner hat da etwas auf den Punkt gebracht – und die interessantesten Biografien werden in Deutschland künftig entlang dieser Begriffsstutzigkeit zu erzählen sein.

Rösler indes ist nur der Anfang, das freundliche Gesicht des Ausländers als Überflieger. Er sieht ja, wie dann gerne gesagt wird, nur so aus wie ein Ausländer. Der eigentliche Härtetest kommt für Deutschland erst noch. Wenn nämlich – und vieles spricht dafür – der Inder Anshu Jain die Ackermann-Nachfolge antritt und neuer Vorstandssprecher der Deutschen Bank wird. Das wird ein echter Kultur-Clash, weil sich dann die Fragen von Herkunft, Sprache, Macht, Unternehmenskultur und Loyalität zugespitzt stellen werden.