Libyen-Krieg "Sollen sie doch schießen"
Auf einem Schlepper fuhr Wolfgang Bauer mit libyschen Rebellen in die Stadt Misrata und erlebte, wie Gadhafis Truppen dort wüteten.
© Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Männer sitzen vor selbstgebauten Zelten am Hafen der libyschen Stadt Misrata
Das Schiff, das den einen das Leben bringt und den anderen das Verderben, legt ab. Kurz kratzt sie am Kai entlang, die Ezzarouk, ein in Holland gebauter Hafenschlepper, dann löst sie sich und fährt hinaus auf die offene See. Die Männer an Deck heben die Hände. Sie rufen Gott an, nicht so euphorisch wie sonst, verhaltener. Die Reise der Ezzarouk ist geheim, wenige in der libyschen Hafenstadt Bengasi wissen von ihr. Dr. Sulaiman Fortia, 57, in Anzug und gebügeltem Herrenhemd, umklammert die Reling. Der Mann, der die Überfahrt organisiert hat, kämpft mit der Übelkeit, noch mehr mit seiner Angst. »Heute wird es keine Probleme geben«, sagt er und versucht ein befreiendes Lachen, was ihm misslingt. 25 junge Männer begleiten ihn, sie schlagen den Koran auf, flüstern Suren und bereiten sich vor auf ein Leben, das dem Tode folgt.
Die Reise soll 24 Stunden dauern und nach 240 Seemeilen in Misrata enden, der drittgrößten Stadt Libyens. Deren Einwohner haben sich am 20. Februar gegen den Despoten Muammar al-Gadhafi erhoben, mit Massendemonstrationen und Kundgebungen wie in anderen Orten. Doch nirgendwo reagierte das Regime so brutal wie in Misrata. Seit fünf Wochen wird die Stadt von Regierungstruppen belagert. Eine halbe Million Menschen leben eingeschlossen auf wenigen Quadratkilometern, sämtliche Ausfallstraßen sind von Gadhafis Panzern blockiert. Scharfschützen haben Teile des Zentrums besetzt und zielen auf alles, was sich bewegt. Wahllos feuert schwere Artillerie in die Stadt hinein. Der Name Misrata, den im Ausland zuvor kaum jemand kannte, steht für das bisher größte Drama des Bürgerkriegs. Das Leningrad Libyens. »Wenn wir das Schiff nicht durchbringen«, sagt Sulaiman Fortia auf der Ezzarouk, »wird die Stadt in den nächsten drei Tagen fallen.«
Diese Fahrt ist auch eine ins vermutlich nächste Einsatzgebiet der Bundesmarine. Deutschland hat sich bisher nicht an der UN-Intervention gegen Gadhafi beteiligt, doch die Bundesregierung kann es sich nicht leisten, die Tragödie dieser Stadt zu ignorieren. Die Europäische Union erwägt eine Rettungsaktion, die Gremien tagen – viel Zeit bleibt ihnen nicht.
Ich habe im Hafen von Bengasi gezögert, an Bord zu gehen, den Schritt ins Unwägbare zu tun. »Was ist jetzt? Entscheiden Sie sich!«, rief Fortia ungehalten. Ich warf das Gepäck aufs Deck und fand nur schwer einen Platz in den Mannschaftsräumen. Der 26 Meter lange Schlepper ist voller Waffen und Munition. Gewehre unterschiedlichster Typen, in graue Decken eingewickelt, liegen auf dem Boden der Kajüten. Auch unter den Tischen der kleinen Messe stapeln sich Gewehre, die Waschküche ist angefüllt mit Panzerfäusten. Patronengurte hängen aus den Deckenverkleidungen wie anderswo Isolierwolle. Das Schiff ist eine schwimmende Bombe. Es gibt keine andere Möglichkeit, die belagerte Stadt zu versorgen, als den Weg übers Meer. Seit Wochen pendeln kleine Fischerboote zwischen Bengasi und Misrata, unregelmäßig, wetteranfällig. Drei Tage brauchen die Nussschalen für die einfache Strecke. Die Ezzarouk ist der Riese unter den Zwergen, das bislang größte Schiff, mit dem die Rebellen Gadhafis Blockade zu durchbrechen hoffen.
Der Schlepper, kurz und hoch, eigentlich nur für die Hafenarbeit ausgelegt, taucht ins aufgewühlte Mittelmeer. Der Bordmechaniker verteilt schwarze Plastiktüten, in die sich die Freiheitskämpfer erbrechen. Die Kajüten teilen sich bärtige Feldarbeiter aus dem Hinterland, Studenten unterschiedlicher Fächer und Exil-Libyer aus dem Ausland – unter ihnen der neue Öl- und Wirtschaftsminister der Übergangsregierung, Ali Tarhouni, der vor einem Monat aus Seattle kam. Nervös sieht der bisherige Wirtschaftsprofessor auf den Bordradar und raucht Kette. Der 60-Jährige ist seit Wochen übernächtigt, seine Haare stehen wirr vom Kopf ab.
Er hat drei Holzkisten mit Bargeld auf den Schlepper verladen lassen, weil die Belagerten nichts mehr haben. Mehrere Millionäre senken auf der Ezzarouk ihre Köpfe in die schwarzen Tüten. In Misrata erhoben sich nicht nur Jugendliche und Rechtsanwälte wie in Bengasi, sondern auch Unternehmer. Sulaiman Fortia ist Leiter eines internationalen Ingenieurbüros, sein Vater starb unter Gadhafi im Gefängnis, sein jüngster Bruder bei den Demonstrationen vor fünf Wochen. Die Schiffsreise hat er gemeinsam mit Mohamed el-Muntasser geplant, dem Vorsitzenden der Deutsch-Libyschen Wirtschaftskammer, einem der wichtigsten Unternehmer des Landes. Die beiden Männer, Mitglieder der Übergangsregierung, sind vor drei Tagen nach Bengasi gekommen, um Waffen zu kaufen. 650 Gewehre, erzählt el-Muntasser, hätten sie auf dem Schwarzmarkt erstanden. »Wenn wir es nach Misrata schaffen, verdreifachen wir die Zahl der Waffen.« Gegen zehn Bataillone hat sich die Stadt bislang mit 250 Gewehren und einem Dutzend Flugabwehrgeschützen verteidigt.
Hinter der Ezzarouk kämpfen zwei weitere Schiffe gegen die Wellen an, alte Fischtrawler, die ebenfalls Waffen in sich tragen. El-Muntasser hat sie aus eigener Tasche bezahlt. Er sagt: »Wir bekommen in Bengasi nichts geschenkt. Die sagen, sie brauchen die Sachen an ihrer eigenen Front.«
Der Koch bereitet Reis mit Hühnchen, der Mechaniker klärt im Maschinenraum einen falschen Feueralarm, und Sulaiman Fortia, Doktor der Ingenieurwissenschaften, hat sich meinen Notizblock ausgeliehen, um den jungen Kämpfern an Bord einen Schlachtplan für Misrata aufzumalen, eine verwirrende Skizze mit Kreisen und Pfeilen – da meldet sich zum ersten Mal die Nato. »Was transportieren Sie, Kapitän?«, funkt eine italienische Fregatte die Brücke an. »Milch, Gemüse und Waffen für die Revolution«, antwortet Abdullah, der Kapitän.
Damit beginnen die Probleme.
Täglich nehmen die Spannungen zwischen den Rebellen und der Nato zu, Luftschläge treffen Aufständische statt Regierungstruppen. Die Flugzeuge des Militärbündnisses können die Opposition immer weniger schützen, weil sich Gadhafis Anhänger in Zivilfahrzeugen und Zivilkleidern bewegen, ihre schweren Waffen verstecken. Am nächsten Morgen entern acht italienische Marinesoldaten die Ezzarouk, ein Helikopter kreist über dem Schlepper. Die Soldaten zwingen die Besatzung in die Bugspitze. »Ich bin völlig verwirrt!«, ruft der Ölminister, der als Einziger auf der Brücke bleiben durfte, ins Satellitentelefon. Zum Abschied hatte ihm der französische Botschafter in Bengasi eine gute Reise gewünscht, auch der britische Gesandte, doch jetzt meldet ihm die Nato-Zentrale, sie wisse von nichts. Die Fregatte nähert sich dem Waffenschmuggler auf wenige Meter, auf allen Plattformen stehen Marinesoldaten und fotografieren mit ihren Handykameras.
- Datum 14.04.2011 - 19:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.4.2011 Nr. 16
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Wer wütet in einem Krieg nicht ? Siehe USA in Vietnam, Irak, Korea etc.
zu einseitig ist, fragen sie doch mal bei Gaddafi nach, warum er auf seiner Seite der Front keine Berichterstattung zulässt
Vielen Dank, Herr Bauer, für diesen bewegenden Bericht !
Und wer bezahlt Sie? Ihr stereotyper Verweis auf die USA, legt den Gedanken nahe, dass Sie auch nicht gerade übermässig neutral sind. Wenns um das Wüten in Kriegen geht, hätten Sie in einigen Tausend Jahren Menschheitsgeschichte noch ne Menge anderer "schöner" Beispiele finden können. Oder sind Sie einfach nur sauer, dass sich die Opfer in Misrata nicht dazu eignen, die übliche Kriegstreiber- und Völkermordklage gegen die USA anzustimmen?
....genügend Sympathie, wenn Gaddafi nicht auf sein Recht verzichten will und Die sich seiner Gewalt entziehen wollen ausrottet. Zumindest sprechen Sie dagegen, dass die UNO der Anforderung an sie aufnimmt und eine Bevölkerung versucht gegen den Diktator zu schützen und untergraben willentlich den Konsens dies zu tun. Das ist legitim. Ich sehe Sie zwar als Mittäter an, aber das wird Ihnen kaum etwas ausmachen, nehmen Sie ja auch keine besondere Rücksicht auf die Gefühle der dort betroffen.
zu einseitig ist, fragen sie doch mal bei Gaddafi nach, warum er auf seiner Seite der Front keine Berichterstattung zulässt
Vielen Dank, Herr Bauer, für diesen bewegenden Bericht !
Und wer bezahlt Sie? Ihr stereotyper Verweis auf die USA, legt den Gedanken nahe, dass Sie auch nicht gerade übermässig neutral sind. Wenns um das Wüten in Kriegen geht, hätten Sie in einigen Tausend Jahren Menschheitsgeschichte noch ne Menge anderer "schöner" Beispiele finden können. Oder sind Sie einfach nur sauer, dass sich die Opfer in Misrata nicht dazu eignen, die übliche Kriegstreiber- und Völkermordklage gegen die USA anzustimmen?
....genügend Sympathie, wenn Gaddafi nicht auf sein Recht verzichten will und Die sich seiner Gewalt entziehen wollen ausrottet. Zumindest sprechen Sie dagegen, dass die UNO der Anforderung an sie aufnimmt und eine Bevölkerung versucht gegen den Diktator zu schützen und untergraben willentlich den Konsens dies zu tun. Das ist legitim. Ich sehe Sie zwar als Mittäter an, aber das wird Ihnen kaum etwas ausmachen, nehmen Sie ja auch keine besondere Rücksicht auf die Gefühle der dort betroffen.
Das sind also die mutigen Menschen die sich dem Diktator entgegenstellen! Und gleichzeitig die, die Deutschland nicht unterstützen will.
Mögen diese libyschen Helden Erfolg haben und ihren Dank den Mutigen der Welt für die Hilfe entgegen bringen können.
für diese Reportage und den Mut, solche Zeugnisse zu holen. Es ist die beste, die ich seitdem in der internationalen Presse über diese dramatischen Ereignisse gelesen habe. Es ändert uns von den armen abgeschriebenen Berichten von Nachrichtenagenturen.
Sehr geehrter Herr Bauer, ich möchte Ihnen meine Hochachtung für Ihren Einsatz aussprechen! Da fällt das Kommentieren hier sehr leicht (s. 1.).
SO sieht das Waffenembargo gegen Libyen aus.
Zitat: "ie wichtigste Fracht der Ezzarouk ist [...] das Milan-Raketensystem"
Danke für den Text und Ihren Mut Wolfgang Bauer.
Auch von meiner Seite ein großes Dankeschön für diesen tollen lebendigen Bericht aus einem fernen umkämpften Land. Für ein solches Wagnis gehört sehr viel Mut. Ich ziehe respektvoll meinen Hut vor einem Reporter dieser Art.
es werden Waffen, Kämpfer und Munition nach Misrata verschifft damit man in Misrata weiter Kämpfen kann....
das ist doch dann kaum der Kampf der dortigen Bevölkerung gegen Gadhafi....
und die Nato dudldet den Waffenschmuggel
der Bevölkerung wäre mehr gedient, wenn die Kämpfe aufhören würden anstatt neue Waffen und Kämpfer nach Misrata zu verschiffen
was für eine Farce
Es ist die Bevölkerung die kämpft, da sie Angst vor Gadafhi hat. Glauben sie wenn die Rebellen (= Zivilisten mit Waffen) die Waffen wieder abgeben, wird Gadafhi sie verschonen? Sollte das passieren geht das Gemetzel erst richtig los.
Für die Rebellen gibt es jetzt nur noch Sieg oder Flucht aus dem Land.
Stefan005 hat sich gerade 20 Jahre Bautzen eingebrockt.
Es ist die Bevölkerung die kämpft, da sie Angst vor Gadafhi hat. Glauben sie wenn die Rebellen (= Zivilisten mit Waffen) die Waffen wieder abgeben, wird Gadafhi sie verschonen? Sollte das passieren geht das Gemetzel erst richtig los.
Für die Rebellen gibt es jetzt nur noch Sieg oder Flucht aus dem Land.
Stefan005 hat sich gerade 20 Jahre Bautzen eingebrockt.
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