Wer rechnen kann, ist im Vorteil, wenn es ums Geld geht. Wenn es aber um Zinsen geht, geraten selbst Rechenprofis leicht ins Grübeln. Gerade hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf 1,25 Prozent angehoben , in der ersten Zinserhöhung seit Zuspitzung der Finanzkrise. Doch was genau heißt das fürs eigene Konto, für den Dispo und den Baukredit, aber auch für Sparverträge oder Festgeldbestände? Wer nach Antworten sucht, stellt schnell fest, dass auch hier vor allem wieder einer gewinnt: die Bank.

Zunächst die Theorie: Der Leitzins legt fest, zu welchen Kosten Banken sich bei der EZB Geld leihen können – Geld, das sie weiterverleihen, an Firmen, Konsumenten, Bauherren und Immobilienkäufer. Steigen die Leitzinsen, passen Banken die Sollzinsen, also etwa die Zinsen für den Dispo oder den Immobilienkredit, nach oben an – sinken die Leitzinsen, senken die Banken die Sollzinsen. In der Praxis jedoch, monieren Kritiker, vollzögen die Banken den Schritt nach oben sehr schnell, eine Zinssenkung gäben sie aber gerne nur in Teilen und gerne nur mit zeitlicher Verzögerung an ihre Kunden weiter. Und da hört die Kritik nicht auf, denn an die Leitzinsen sind indirekt auch die Habenzinsen gebunden. Steigen die Leitzinsen, sollten auch die Zinsen auf Tagesgeld, Festgeld oder Sparverträge steigen – denn je teurer es für die Bank wird, sich Geld von der Notenbank zu leihen, desto sinnvoller ist es, den Kunden höhere Zinsen zu bieten und sich über deren Einlagen zu refinanzieren.

Was im Grundsatz einfach klingt, ist im Alltag kaum zu durchschauen. Schon bei den Habenzinsen fängt es an, wie eine kleine Kostprobe aus den Konditionen eines langfristigen Sparplans zeigt, den eine Sparkasse aus Norddeutschland anbietet: »Addieren wir die Basiswerte für April, März und Februar und dividieren die Summe durch 3, erhalten wir den gleitenden Durchschnittszins für 3-Monats-Anlagen. Auf gleiche Weise ermitteln wir die Durchschnittszinssätze für 2-, 3- und 10-Jahres-Anlagen. Dazu werden die Zinssätze der letzten 24, 36 bzw. 120 Monate addiert.« Wer an dieser Stelle noch nicht ausgestiegen ist, tut es spätestens danach: »Der letzte Schritt für die Ermittlung des Referenzzinssatzes ist die prozentuale Gewichtung der einzelnen gleitenden Durchschnittszinssätze.«

Auf diese oder ähnliche Weise berechnen Hunderte Institute Hunderttausende Sparverträge in Deutschland. Am Ende steht irgendein Zinssatz, und immer mehr Kunden bezweifeln, dass dabei alles mit rechten Dingen zugeht. Die Gerichte geben ihnen vielfach recht: Banken berechnen bei Sparverträgen häufig zu niedrige Zinsen. Zwar dürfen sie deren Höhe an die schwankenden Leitzinsen anpassen, das aber müssen sie dann immer tun – und nicht nur, wenn es zu ihren Gunsten geht. Das sei eine Abrechnung nach Gutsherrenart, rügte der Bundesgerichtshof (BGH) mehrfach. Die Institute müssen Sparer also auch an steigenden Zinsen teilhaben lassen. Dazu gebe es zwar keine gesetzliche Pflicht, erklärt Andreas Fuchs, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Osnabrück. Doch es gelte laut Bürgerlichem Gesetzbuch das Benachteiligungsverbot. »Anpassungen müssen immer in beide Richtungen gehen. Die Banken dürfen ihre Kunden nicht einseitig benachteiligen, auch die Rechtsprechung ist da erheblich strenger geworden«, sagt Fuchs. Künftig müssen die Zinsen laut BGH »so angepasst werden, dass es für Kunden transparent ist«. Doch was transparent ist und was ein verbindliches Modell, nach dem die Banken verzinsen, hat der BGH bis heute nicht festgelegt. So rechnet jede Bank weiter, wie es ihr gefällt.

Noch klarer wird die Willkür bei den Sollzinsen, wie die Entwicklung seit dem Herbst 2008 illustriert. Als die Leitzinsen in der Krise in den Keller rauschten, fielen zwar die Zinsen für Tagesgeld, Festgeld und andere Anlagen schnell mit ihnen – die Banken konnten sich ja günstig über die Zentralbanken refinanzieren, warum also den Kunden viel Geld bieten? Das hinderte die Banken aber nicht daran, zugleich die Strafzinsen für Kontoüberzieher auf dem Niveau zu belassen, auf dem sie vor der Krise waren. Daher sind die Dispositionszinsen vieler Banken noch immer auf Rekordniveau. Und mit der jüngsten Leitzinserhöhung werden sie voraussichtlich weiter steigen. Im Durchschnitt liegt der Dispo-Zins derzeit bei mehr als elf Prozent, wie eine Untersuchung der Stiftung Warentest jüngst ergab. Einige Banken und Sparkassen verlangen sogar 15 Prozent und mehr. »Das ist beim derzeitigen Zinsniveau nicht vertretbar«, findet Arno Gottschalk von der Verbraucherzentrale Bremen, »da wären nicht einmal zehn Prozent gerechtfertigt.«

Mit diesen Wucherzinsen verdienen die Banken an allen Kurzfristschuldnern, die sich jeden Monat gedankenlos 40 Milliarden Euro bei ihnen pumpen. Und sie verdienen immer mehr. Noch vor zehn Jahren lag der Abstand zwischen EZB-Referenzzins und Dispo-Zins bei durchschnittlich 5 bis 6 Prozent. Heute sind es 9,5 Prozent. Kritiker hegen den Verdacht, dass die jüngst Not leidenden Banken sich gesundstoßen, indem sie klamme Kunden abkassieren. Zumal unter den Banken mit den höchsten Dispo-Zinsen eine ist, die mit Steuermilliarden gerettet werden musste: die Commerzbank.