Der Dieb des Lichts des kirgisischen Regisseurs Aktan Arym Kubat anzusehen. Er erfüllt jenes Anliegen, das dem Kino seit Anfang an zugrunde gelegen hat: "Fenster zur Welt" zu sein.

Das Land, aus dem dieser Film zu uns kommt, liegt so fern, dass bei uns sogar unklar ist, wie es heißt. Die einen sprechen von Kirgisien, andere von Kirgistan, wieder andere von Kirgisistan, und wie die Hauptstadt des Landes heißt, ist eine Frage, die sich auf den höheren Gewinnstufen einer Quizshow stellen ließe. Schon diese allgemeine Ahnungslosigkeit legt es nahe, den Film

Dieses Fenster öffnet sich zur grandiosen Schönheit eines abgelegenen kirgisischen Tals. Ein paar Häuser sind in diese Landschaft gestreut und bilden ein kleines Dorf. Größer und Ehrfurcht gebietender sind die Bäume am Wegesrand, und überragt wird alles von einem Bergmassiv im Hintergrund, dessen Relief so scharf gefaltet ist wie die Gewandung auf den Bildern altniederländischer Meister. Über die Landschaft hinweg aber brausen unablässig Winde, die der Film geschickt für sich zu nutzen weiß. Selten sieht man Frauenkleider so sich bauschen! Selten hört man Wind in den Bäumen so rauschen! Der Regisseur geht aber noch einen Schritt weiter und lässt den Wind den Plot des Films auffalten.


In dessen Zentrum steht ein liebenswerter Elektriker (Kubat selbst spielt ihn mit einer herrlichen Mischung aus Naivität und Verschmitztheit), der fürs Dorf von besonderer Bedeutung ist. Denn so prächtig die Landschaft, so dürftig ist das Leben in ihr, es fehlt an allem, so auch an Strom, der immer wieder ausfällt. Der Lichtmann, wie er im Dorf nur genannt wird, richtet die Sache, manipuliert aber auch die Zähler in den Häusern all jener, die den Strom nicht bezahlen können; das heißt, bei fast allen, da der Strompreis durch die Privatisierung der alten staatlichen Stromkraftwerke in astronomische Höhen geschossen ist.

Der Lichtmann ist jener Sozialrebell, der im Namen der Gerechtigkeit die Gesetze bricht. Zugleich ist er ein Visionär. Er träumt davon und bastelt daran, mit dezentraler Energieversorgung über Windräder Strom zum dörflichen Gemeingut zu machen. Allerdings trifft er dabei, stets mit Fahrrad unterwegs, auf einen mächtigen Gegenspieler: den Geschäftsmann Bekzat. Der ist in der Stadt zu Geld gekommen und will sich nun das Land seines Heimatdorfes, das er im schwarzen Geländewagen durchkreuzt, unter den Nagel reißen.

Trotz dieser klaren Rollenverteilung ist Der Dieb des Lichts ein vielseitiger Film. Er oszilliert zwischen Bauernschwank und düsterer Politfabel. Er preist das einfache Leben nach den Regeln der Schicklichkeit und zeigt doch, dass in den Traditionen eine unheilvolle, aus Männlichkeit und Macht gemischte Archaik steckt. Das für den touristischen Blick pittoreske Ritual der kirgisischen Schafsjagd zu Pferde etwa gibt es zweimal im Film, einmal als Spiel, einmal als Perversion, mit dem Lichtmann als Schaf. Vielseitig ist Der Dieb des Lichts schließlich auch, indem er im Moment größter Verdunkelung die Hoffnung aufglimmen lässt und noch die Ferne verwandelt, aus der er anfangs zu kommen schien: Der Film geht uns nah. maximilian probst