Meine Religiosität und meine Kenntnis der eigenen Religion, erst recht der anderen Weltreligionen, sind bis in die erste Nachkriegszeit nur ganz rudimentär gewesen. Solange ich später in der deutschen Politik aktiv war, hat sich zwar mein Verständnis der christlichen Religion etwas vertieft. Ich bin aber immer Skeptiker geblieben, das heißt ein sehr distanzierter Christ.

Durch vielerlei Reisen habe ich seither eine Ahnung von den Inhalten und der politischen Bedeutung anderer Religionen gewonnen. Während bis zum Jahr 1982 die Zuhörerschaft meiner Vorträge ausschließlich aus Bürgern der Bundesrepublik bestand, kam später eine Reihe von kirchen- und religionsrelevanten Reden auf dem Boden der damaligen DDR hinzu. Gleichzeitig konnte ich viele private Reisen in andere Kontinente unternehmen. Infolgedessen hat sich auch die Thematik meiner Vorträge verschoben; interreligiöse und außereuropäische transnationale Probleme standen fortan im Mittelpunkt.

Gleichzeitig veränderte sich das Weltbild, das wir in den Jahren des Kalten Krieges gewohnt gewesen waren. Heute leben wir in einer multipolaren Welt, deren Schwerpunkt sich vom euro-amerikanischen Westen in Richtung China, nach Ost- und Südasien verschiebt. Das Bewusstsein, in einer multireligiösen und multikulturellen Welt zu leben, teilt sich zunehmend den Menschen in allen Kontinenten mit. Dennoch hat die Menschheit sich mit tödlichen Waffen aller Art ausgerüstet – einschließlich atomarer. Nicht nur die technologische und ökonomische Globalisierung, sondern auch die globale Über-Rüstung sollte die politischen und religiösen Führer zur Kooperation zwingen. Tatsächlich stecken wir noch in den Anfängen der globalen Zusammenarbeit. Wo ökonomische, soziale oder politische Missstände massenhafte Unzufriedenheit auslösen, eröffnen sich Möglichkeiten für religiösen Fundamentalismus in einem Maße, das es im 19. und 20.Jahrhundert nicht gegeben hat.

Damit wächst die Wahrscheinlichkeit von Kriegen und Aufständen. Zwar gibt es ein verbreitetes Bewusstsein von der Existenz eines Völkerrechts, aber gleichzeitig nimmt die Wucht der Kriege gewaltig zu. Zwar haben wir durch die Vereinten Nationen und ihren Sicherheitsrat, durch Weltbank, Weltwährungsfonds und Welthandelsorganisation vernünftige Steuerungsmechanismen geschaffen, aber gleichzeitig nehmen die Verstöße gegen internationale Regeln zu.

Es liegt jetzt zweieinhalbtausend Jahre zurück, dass Heraklit den Krieg als »Vater aller Dinge« bezeichnete. Ein Jahrtausend später hat der Kirchenvater Augustinus die Lehre vom »gerechten Krieg« aufgestellt. Seit einem Jahrhundert gibt es dank der Haager Konventionen ein einvernehmliches »Recht im Kriege«. Gleichwohl haben die Kriege des 20.Jahrhunderts weit mehr als einhundert Millionen Tote gekostet. Und heute besteht an vielen Orten der Welt die Gefahr, dass Waffen in großer Zahl in die Hände religiöser oder ideologischer Fundamentalisten geraten. Der »Clash of Civilizations« ist denkbar geworden. Er ist denkbar geworden zwischen dem Islam und dem Westen als Ganzem, zwischen Israel und dem Iran, zwischen Nord- und Südkorea, zwischen China und den USA.

Krieg ist ein Urphänomen der Menschheit. Für viele Naturreligionen war er eine selbstverständliche Kategorie. Aber auch im Alten Testament ist viel von Krieg die Rede, und zwar keineswegs in verurteilendem Sinne. Beim Prediger Salomo heißt es beiläufig: »Ein jegliches hat seine Zeit ... Krieg hat seine Zeit, Frieden hat seine Zeit...« Erst spät nahmen einige Religionen die Maxime des Friedens auf. Die den Frieden erstrebende Moral hat sich bisher nicht durchgesetzt. Für mich ist dies aber kein Grund, sie gering zu achten oder gar aufzugeben. Zwar bekennen die wichtigsten Religionen der Welt sich heute mehr oder minder zum Frieden, sie entsprechen der goldenen Regel: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu. In der Praxis folgen die Führer der weltweit bedeutenden Religionen, Ideologien und Weltanschauungen dieser Norm aber nur in geringem Maße.

Religiosität ist dem Homo sapiens offenbar ein Grundbedürfnis. Die Glaubensbereitschaft der meisten Menschen wird auch von ihrer Vernunft nicht verdrängt . Besonders deutlich wird die Rolle der Überlieferung im Hinduismus einschließlich seiner Kastengliederung der Gesellschaft. Über eine Milliarde Menschen hängen heute dem Hinduismus an. Auch der Buddhismus hat alte Wurzeln. In den meisten buddhistischen Strömungen wird die Ethik der Nicht-Gewalt gelehrt; aber es gibt auch militante buddhistische Mönche.