Schriftsteller Glück ist immer Körperglück

Ein Gespräch mit Michel Houellebecq

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq

Zwei Tage lang gibt der französische Starautor der deutschen Presse Interviews in Berlin. Ich bin schon die Dritte an diesem Morgen. Houellebecq sitzt in sich versunken in einer Winterjacke im Raucherzimmer des Regent Hotels in Berlin, eine einstündige Audienz. Begrüßung. Weiß er überhaupt, wer hier einer nach dem anderen sein Aufnahmegerät neben den Wassergläsern aufstellt? Nein, er weiß es nicht, die deutsche Presselandschaft scheint ihm nicht näher oder ferner zu stehen als die koreanische oder bengalische. Er schwitzt, das Gesicht ist schweißüberströmt. Ob ihm nicht zu warm sei in diesem Zimmer? Nein, es sei alles sehr angenehm. Ob er sich bei solchen Masseninterviews nicht ständig selbst wiederhole? Ja, das sei so, aber es sei besser, sich zu wiederholen, als ständig das Thema zu wechseln. Wahrscheinlich, wird er am Ende des Gesprächs sagen, werde er auch bald gar keine Interviews mehr geben.

Streng genommen hat er mit dem Aufhören auf seine Weise schon angefangen. Die Satzmelodie, besonders im Französischen ein munteres Geplätscher, das wie eine Flotte kleiner Papierboote auf den Gesprächswellen hoch- und runterhüpft, ist bei Houellebecq ein Basso continuo im Satzmelodienkeller. Das Tonband wird später nur ein brummendes Rauschen von sich geben.

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Ob er sich, frage ich mich und frage ich ihn, eigentlich über uns alle lustig macht, uns Journalisten, die Leser, seine Romanfiguren? Und ob nicht dieser letzte Roman Karte und Gebiet nur noch die Karikatur von einem Roman sei? Diese beiden superreichen Landhausedelmänner, die in ihren Tocqueville-Ausgaben herumblättern, die gepflegten Kamingespräche, alles ein großer Bluff? Nein, das sei falsch. Solche Leben, solche Leute gebe es. Alles sei echt. Selbst sein Interesse an der französischen Literaturschickeria, die sich in diesem Buch so wichtigmacht – alles kein Scherz. Ein Anflug von Lächeln. Zigarette.

Houellebecq raucht nicht, er inhaliert, schnappt nach dem Rauch wie ein Erstickender nach Luft. Warum er in seinem Roman einen Dichter seines Namens zerstückelt und in einen Kindersarg verfrachtet habe? Das sei eben so eine Idee gewesen. Und der Sex, Fluch und Segen aller Houellebecqschen Helden, warum spiele er im neuen Roman plötzlich keine Rolle mehr? Kein Lächeln. So sei das manchmal, das Interesse am Sex habe eine beschränkte Haltbarkeit. Schweigen. Natürlich denke ich: Das ist also das viel gerühmte Houellebecqsche Interviewschweigen. Was tun? Warten? Neue Fragen suchen?

Den Lebensekel, der in allen Houellebecq-Romanen so etwas wie das Grundrauschen abgibt, habe er den noch? Nein, seine Figuren hätten nichts gegen die Welt, sie fänden nur keinen Kontakt zu ihr. Habe er so etwas wie Brüder im Ekel, vielleicht Sartre mit seinem Roman Der Ekel? Ja, das Buch habe er gelesen, das sei ein gutes Buch. Aber ihm sei Ionescos Einzelgänger viel näher und Der Mann, der schläft von Georges Perec. Zur Not hält er es auch mit Camus’ Der Fremde, aber leider habe Camus ja keinen Sinn für das Komische gehabt. Er, Houellebecq, habe anders als Camus keinen Hang zum Tragischen, selbst wenn die Dinge eine schlimme Wendung nähmen, gebe es bei ihm doch immer die Möglichkeit, dass sie auch eine gute Wendung nehmen könnten. Ob es denn Glück in seinen Büchern gebe? Ja, augenblicksweise. Glück bei ihm sei eher Körperglück.

Das alte Houellebecq-Thema, das so wenig zu dieser in sich zusammengesunkenen Sphinx zu passen scheint. Ob er denn nie an Revolte und Aufstand denke wie sein Kollege Stéphane Hessel? Durch Revolten werde alles immer nur noch schlimmer. Die Revolten in den arabischen Ländern seien bedauerlich. Es sei immer besser, wenn Dinge so blieben, wie sie seien. Jede Veränderung verursache nur Unruhe. Es sollte generell so wenig Veränderung wie möglich auf der Welt geben.

Ob ihn denn dann überhaupt noch etwas störe auf der Welt? Zum Beispiel der Kapitalismus? Nein, der habe ihn nie gestört, ihn störe der Gesundheitswahn der westlichen Gesellschaften, »der Hygienianismus«. Das Leben wäre glücklicher, wenn es ungesünder wäre. Ob er denn glücklicher wäre, wenn er überall rauchen dürfte? Selbstverständlich, das Rauchverbot mache ihn unglücklich, es ekle ihn an und grenze ihn aus. Drogen dürfe er auch nicht nehmen. Das sei sein Elend. Das Leben werde mehr und mehr reglementiert. Das Leben in früheren Zeiten sei viel freier gewesen. Was denn sein Traum von Freiheit sei? Kein Englisch mehr sprechen zu müssen und rauchen zu können. Vielleicht noch Fahren ohne Gurt. In Frankreich müsse man sich nun sogar auf dem Rücksitz anschnallen, das kotze ihn an.

Kann es sein, dass der große poète maudit mit einer freizügigeren Anschnallregelung mit dieser Moderne zu versöhnen wäre? Ja, sagt er. Das ist die Freiheit. Sie ist einfach, sie besteht darin, zu machen, was man will. In diesem Augenblick steht bereits Tilman Krause von der Welt vor der Tür.

 
Leser-Kommentare
  1. Wenn ich etwas von Houellebecq lese fühle ich mich wie in einer Ein-Zimmer-Wohnung eingeschlossen, deren Balkon endlos mit Schlagbohrern demontiert wird. Lese ich dann ein Gespräch mit ihm, sehe ich gar ein Foto dieser grau-porösen Fläche, dann werden auch die Fenster dieser imaginären kleinen Wohnung mit Brettern vernagelt. Bleibt übrig ein Gedanke: Frische Luft, Ruhe, klarer Geist.

    • aadam
    • 15.04.2011 um 8:23 Uhr

    ... unsichtbar bleiben und nur durch ihre Werke sprechen. Pynchon ist hier das große Vorbild.
    Houellebecqs Romane gefalllen mir gut, aber die persönliche Begegnung - und sei es nur in Form eines Interviews - ist, wie so oft, enttäuschend.

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    Sehe ich genauso: durch das Interview schon wieder 2 Stunden für das Schreiben oder das Relaxen vom Schreiben verloren. Schlimm sowas.

    Wer sind Sie, dass Sie dogmatisch festlegen können, wie Schriftsteller zu sein und was sie zu tun und zu lassen haben? Als wichtige Personen der Zeit sind Schriftsteller natürlich zunächst einmal interessante Interviewpartner - dass dann bei einigen von ihnen (bei weitem nicht bei allen) die Fähigkeiten des schriftlichen und des mündlichen Ausdrucks ziemlich unterschiedlich ausgeprägt sind, ist zu erwarten.

    Gilt Ihr Dogma eigentlich nur für Schriftsteller oder auch für andere Berufsgruppen des öffentlichen Interesses? Vor allem Fußballer glänzen ja damit, viel Zeit für Interviews aufzubringen, die sie ja doch besser mit Fußballspielen oder mit der Erholung vom Fußballspielen nutzen sollten.

    Nebenbei bemerkt: Wenn Interviews mit Schriftstellern bei Ihnen ein bisschen an der Aura der Werke kratzen, dann lesen Sie sie doch einfach nicht.

    Sehe ich genauso: durch das Interview schon wieder 2 Stunden für das Schreiben oder das Relaxen vom Schreiben verloren. Schlimm sowas.

    Wer sind Sie, dass Sie dogmatisch festlegen können, wie Schriftsteller zu sein und was sie zu tun und zu lassen haben? Als wichtige Personen der Zeit sind Schriftsteller natürlich zunächst einmal interessante Interviewpartner - dass dann bei einigen von ihnen (bei weitem nicht bei allen) die Fähigkeiten des schriftlichen und des mündlichen Ausdrucks ziemlich unterschiedlich ausgeprägt sind, ist zu erwarten.

    Gilt Ihr Dogma eigentlich nur für Schriftsteller oder auch für andere Berufsgruppen des öffentlichen Interesses? Vor allem Fußballer glänzen ja damit, viel Zeit für Interviews aufzubringen, die sie ja doch besser mit Fußballspielen oder mit der Erholung vom Fußballspielen nutzen sollten.

    Nebenbei bemerkt: Wenn Interviews mit Schriftstellern bei Ihnen ein bisschen an der Aura der Werke kratzen, dann lesen Sie sie doch einfach nicht.

  2. Sehe ich genauso: durch das Interview schon wieder 2 Stunden für das Schreiben oder das Relaxen vom Schreiben verloren. Schlimm sowas.

  3. Houellebecq

    Klar sind seine Gedanken düster, klar gilt Houllebecq als Provokateur. Vieles ist auch nachvollziehbar, kennt man - auch nur oberflächlich - seine Lebensgeschichte, die schon in der Kindheit einen schlechten Lauf genommen hat.

    Vor allem aber ist Houllebecq in meinen Augen ein Meister der Inszenierung (mise-en-scène) seiner selbst. Ich hatte ihn vor Jahren auf einer Lesung erlebt und fand faszinierend wie konsequent er in seiner "mise-en-scène" ist. Dazu gehören neben der Wortwahl seine ablehende Körperhaltung, die leise, monotone Stimmne, das inhalierende Rauchen. Gut für die Vermarktung, schlecht für die Gesundheit.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Wer sind Sie, dass Sie dogmatisch festlegen können, wie Schriftsteller zu sein und was sie zu tun und zu lassen haben? Als wichtige Personen der Zeit sind Schriftsteller natürlich zunächst einmal interessante Interviewpartner - dass dann bei einigen von ihnen (bei weitem nicht bei allen) die Fähigkeiten des schriftlichen und des mündlichen Ausdrucks ziemlich unterschiedlich ausgeprägt sind, ist zu erwarten.

    Gilt Ihr Dogma eigentlich nur für Schriftsteller oder auch für andere Berufsgruppen des öffentlichen Interesses? Vor allem Fußballer glänzen ja damit, viel Zeit für Interviews aufzubringen, die sie ja doch besser mit Fußballspielen oder mit der Erholung vom Fußballspielen nutzen sollten.

    Nebenbei bemerkt: Wenn Interviews mit Schriftstellern bei Ihnen ein bisschen an der Aura der Werke kratzen, dann lesen Sie sie doch einfach nicht.

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    • aadam
    • 16.04.2011 um 10:38 Uhr

    Wischen Sie sich mal den Schaum vom Mund, es spritzt ja schon aus dem Monitor ...
    Das Wörtchen "sollten" in meiner Überschrift unterstreicht den empfehlenden Charakter meines Beitrages, den ich im weiteren durch meine persönlichen Eindrücke begründet habe.
    Der Dogmatiker (Fanatiker) sind Sie.

    • aadam
    • 16.04.2011 um 10:38 Uhr

    Wischen Sie sich mal den Schaum vom Mund, es spritzt ja schon aus dem Monitor ...
    Das Wörtchen "sollten" in meiner Überschrift unterstreicht den empfehlenden Charakter meines Beitrages, den ich im weiteren durch meine persönlichen Eindrücke begründet habe.
    Der Dogmatiker (Fanatiker) sind Sie.

    • virpi
    • 15.04.2011 um 12:26 Uhr

    "Nein, der habe ihn nie gestört, ihn störe der Gesundheitswahn der westlichen Gesellschaften, »der Hygienianismus«. Das Leben wäre glücklicher, wenn es ungesünder wäre."

    Dies ist genau meine Meinung. Wir gesunden uns zu Tode.

  5. Illusion und Realität, Karte und Gebiet, ...
    Die Kritik glaubt, uns diesen „pervers Aufrichtigen“ mit ihrer oberflächlichen Fragerei vorführen zu können, und alle amüsieren sich.
    Dabei geht der Mann einfach nur mit Hund spazieren, bläst genüsslich seinen Rauch in die Luft, verweigert sich dümmlichen Fragen, und ist mit seinen Gedanken längst im 22. Jahrhundert verschwunden.
    Vielleicht amüsiert er sich darüber, wenn das Öl in naher Zukunft wirklich zur Neige geht: Autos fahren dann mit Strom, ja, aber Flugzeuge? Hähä! Wie ergötzt sich dieser Houellebecq an den industriell erzeugten Geräuschen, umso mehr, wenn sie dann ohne ihren Treibstoff mehr und mehr verschwinden werden. Er selbst wird das nicht mehr erleben, aber der Gedanke daran belustigt ihn schon heute. Wetten das?

    • aadam
    • 16.04.2011 um 10:38 Uhr

    Wischen Sie sich mal den Schaum vom Mund, es spritzt ja schon aus dem Monitor ...
    Das Wörtchen "sollten" in meiner Überschrift unterstreicht den empfehlenden Charakter meines Beitrages, den ich im weiteren durch meine persönlichen Eindrücke begründet habe.
    Der Dogmatiker (Fanatiker) sind Sie.

    Antwort auf "Unsinn."
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    Fühlen Sie sich doch nicht gleich so ans Bein gepinkelt. Ja, natürlich, ich bin ein Dogmatiker (und Dogamtiker) und Fanatiker, und es schäumt mir vor dem Mund (was auch immer da dann aus Ihrem Monitor spritzt - I don't wanna know). Ähm. Was vertrete ich denn da gerade so fanatisch?

    Ich habe Sie nie als Dogmatiker bezeichnet. Aber ein Dogma wird man doch wohl als ein solches benennen dürfen. Das muss doch in Deutschland noch erlaubt sein!

    Fühlen Sie sich doch nicht gleich so ans Bein gepinkelt. Ja, natürlich, ich bin ein Dogmatiker (und Dogamtiker) und Fanatiker, und es schäumt mir vor dem Mund (was auch immer da dann aus Ihrem Monitor spritzt - I don't wanna know). Ähm. Was vertrete ich denn da gerade so fanatisch?

    Ich habe Sie nie als Dogmatiker bezeichnet. Aber ein Dogma wird man doch wohl als ein solches benennen dürfen. Das muss doch in Deutschland noch erlaubt sein!

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