SchwellenlandIndiens sterbende Kinder

Warum das reiche Schwellenland sein Hungerproblem nicht löst von 

Die vier Monate alte Geeta im einer Klinik für Unterernährte in Indien. Das Bild wurde im Mai 2007 aufgenommen - seither hat das Land kaum Fortschritte im Kampf gegen den Hunger erreicht.

Die vier Monate alte Geeta im einer Klinik für Unterernährte in Indien. Das Bild wurde im Mai 2007 aufgenommen - seither hat das Land kaum Fortschritte im Kampf gegen den Hunger erreicht.  |  © Manan Vatsyayana/AFP/Getty Images

Romatas Kleider liegen auf einem Haufen roter Sandsteine: ein schwarzes Hemd, eine grüne Mütze und Unterwäsche. Mehr Kleider besaß das zwölf Monate alte Mädchen nicht. Sie schmücken jetzt ihr Grab. Darüber steht Romatas Vater und schluchzt. Vor Stunden noch hielt er seine Tochter lebend in den Armen. »Ich hatte keine Ahnung, dass sie sterben würde«, sagt Chunbad Mawabi, ein 25-jähriger Landarbeiter im Dorf Patni im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh.

Keine Ahnung? Romata hatte dünne Arme, einen dicken Bauch und bräunliche Haare – die Zeichen von Hunger und Unterernährung. Wusste der Vater wirklich nicht, dass seine Tochter in Lebensgefahr schwebte? Wollte er Romatas Elend nicht wahrhaben? So wie die indische Regierung und die ganze Welt das Elend des Landes nicht wahrhaben wollen?

Anzeige

»Den Hunger haben wir fast überall in Indien besiegt«, sagte der indische Innenminister Palaniappan Chidambaram. Der Satz wurde im Fernsehen übertragen, genau an dem Tag, an dem Romata gestorben war. So oder ähnlich antworten Regierungspolitiker meist, wenn sie nach der Hungersnot im Land gefragt werden. Aber der Satz ist eine Lüge. Eine, die oft erzählt und oft geglaubt wird.

Kürzlich erst hat die Weltbank verkündet, dass Indien im kommenden Jahr die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt sein wird. Spätestens seit der westlichen Finanzkrise gilt Indien als demokratisches, marktwirtschaftliches Erfolgsmodell. Neun Prozent Wachstum prophezeit die Regierung in Neu-Delhi auch für das kommende, im April beginnende Berichtsjahr. Lauter Erfolgsnachrichten. Nur verhungern deshalb nicht weniger Kinder in Indien.

Jeden Tag sind es nach Angaben von Unicef 4657 Kinder, die wie Romata still und unbemerkt ihr Leben aushauchen. Man kann sie überall im Land sterben sehen mit ihren winzigen aufgeblähten Bäuchlein und ihren fingerdünnen Gliedmaßen. In der Statistik schlägt sich ihr Schicksal in der Kindersterblichkeit nieder, dem sichersten Indikator von Hungersnot. Auf 1000 Geburten gerechnet, sterben in Indien 66 Kinder , bevor sie fünf Jahre alt werden – in Deutschland sind es weniger als vier. Bei knapp 27 Millionen Geburten zählt Indien also 1,7 Millionen tote Kinder im Jahr. Rund 90 Prozent davon sterben an Hunger, schätzen Entwicklungsexperten. Ökonomen und auch Organisationen wie Unicef und die Weltbank gehen von einem deutlich niedrigeren Anteil aus, weil sie Erkältungen, Durchfall, Masern oder Ähnliches als eigenständige Todesursache gelten lassen. Dabei enden solche Krankheiten oft bloß deswegen tödlich, weil die Kinder zuvor drastisch unterernährt waren. In Indien sterben sogar zahlreiche Jugendliche und Erwachsene an den Folgen von Hunger und Mangelernährung. Nur lässt sich ihre Zahl aufgrund der vielfältigeren Todesursachen im höheren Alter nicht genau ermitteln.

Es ist eine alte Geschichte, aber das macht sie nicht weniger dramatisch. Schon vor 20 Jahren, zu Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen, starben in Indien im Jahr drei Millionen Kinder. Insofern hat sich die Lage im Vergleich zu damals verbessert. Doch das ändert nichts daran, dass das indische Massensterben weitergeht. Durchschnittlich über zwei Millionen Kinderopfer pro Jahr in den vergangenen zwei Jahrzehnten, das sind mindestens 40 Millionen seit Beginn der Wirtschaftsreformen im Jahr 1991. Das sind Opferzahlen wie im Weltkrieg, mehr als je unter Mao Tse-tung beim berüchtigten »Großen Sprung nach vorn« verhungert sind. Es ist einer der größten Menschenrechtsskandale der Welt. Indien ist heute ein reiches Land, das alle Mittel hat, seinen Nachwuchs anständig zu ernähren. Es ist so reich, dass es Entwicklungshilfe aus den meisten Industrieländern ablehnt und schon nach dem großen Tsunami im Jahr 2005 auf alle Hilfe aus dem Ausland verzichtete. Ebendas aber verleitet zur Verharmlosung – vor allem unter Ökonomen. Viele von ihnen glauben blind, das hohe Wachstum werde die Probleme schon irgendwie lösen. Jagdish Bhagwati, ein Wirtschaftsprofessor an der Columbia-Universität in New York, dessen Indien-Expertise weltweit hoch geschätzt wird, spricht für viele in seiner Zunft, wenn er sagt: »Indiens Wachstum kommt allen zugute.«

Doch vor Ort in Madhya Pradesh herrscht eine andere, bittere Wirklichkeit. Nirgendwo auf der ganzen Welt ist die Kindersterblichkeit – und damit die Hungersnot – größer als dort. Vergleichbar ist die Lage allenfalls mit der in Äthiopien oder im Tschad. Doch anders als Äthiopien ist das Hungerleiden in Madhya Pradesh in der weltweiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Hier wird der Hunger gut verborgen. Man kann jenseits der pulsierenden Provinzhauptstadt Bhopal tagelang auf neuen Straßen durch seit Jahrtausenden kultivierte Landschaften brausen. Man kann einen der fünf berühmten Tiger-Safariparks von Madhya Pradesh besuchen und sich auf den Spuren von Rudyard Kipling wähnen, der hier das Dschungelbuch schrieb. Unterwegs sieht man in dieser Jahreszeit gut stehenden Weizen und gelb blühende Senffelder. Ein Hungerland, denkt der flüchtige Besucher, sieht anders aus.

Doch sobald man die asphaltierte Überlandstraße mit ihren prosperierenden Städtchen und Marktflecken verlässt, über Feldwege schaukelt und in einem Dorf wie Patni Station macht, eröffnet sich eine andere, vergessene Welt. In ihr lebt die Mehrheit der indischen Bevölkerung in größter Armut, Besitzlosigkeit und Kastendiskriminierung. In ihr hat Vater Mawabi mit seiner kleinen Tochter Romata gewohnt: in einer Lehmhütte mit zwei größeren Geschwistern. Gemeinsam mit seinem Bruder hat Mawabi einen Hektar Land zu bewirtschaften. Nicht genug für die beiden Familien. Dem Bruder verhungerten bereits zwei Kinder. Jetzt traf es Romata. Mawabi führt in seine Hütte. Er läuft barfuß, trägt graue Hosen, ein zerrissenes Hemd. Drinnen gibt es nur ein Zimmer und außer zwei Bambusliegen keine Möbel. Über der Kochstelle aus Lehm zieht Rauch durch das verrußte Strohdach ab. Mawabi nimmt in die eine Hand einen kleinen Sack Reis, in die andere einen etwas größeren Sack Weizen. »Das ist alles, was wir zum Essen haben«, sagt er. »Keine Linsen, keine Bohnen.«

Doch der Landwirtschaftsökonom Prateek Kumar will es von Mawabi genau wissen: »Was hat Romata vor ihrem Tod gegessen?« Kumar ist der einzige Akademiker weit und breit: ein junger, fröhlicher Idealist selbst inmitten dieses Elends. Er leitet eine Zwei-Mann-NGO für Kinderrechte im Kreis Satna im Osten von Madhya Pradesh. Er führt Listen über verhungerte und vom Hunger bedrohte Kinder, die er an die verantwortlichen Regierungsstellen schickt, er macht das regelmäßig seit Anfang 2008. Antwort erhielt er bisher nur einmal von einem Beamten in Bhopal, der Hilfe versprach, die nie kam. Auch die lokalen Medien nehmen von seinen Opfermeldungen kaum Notiz, sie berichten lieber über Mord und Diebstahl. Allein in den letzten drei Monaten aber zählte Kumar in den drei Dutzend Dörfern, die er betreut, 28 Kinder unter fünf Jahren, die unter seinen Augen verhungerten. Patni kennt er besonders gut: Hier verhungerten laut seiner Liste in den vergangenen zwei Jahren 24 Kinder. Doch bevor er Romata dazuzählt, will er sicher sein, dass sie wirklich an Hunger starb: Wie viel staatlich vergünstigte Lebensmittelrationen die Familie zuletzt erhielt, fragt er Mawabi. Wie viel von der staatlichen Nahrungshilfe für Kinder. Ob Romata geimpft wurde. Wann sie zuletzt im Anganwadi war, dem staatlichen Kindergesundheitszentrum von Patni.

Mawabis Antworten erzählen vom Scheitern der traditionellen indischen Hungerbekämpfung. Er bekam im Januar 20 Kilo Weizen und Reis zum staatlich verbilligten Preis für Arme. Nach dem Gesetz stehen ihm 35 Kilo zu. Im Anganwadi, dem dörflichen Kindergesundheitszentrum, bekam er im Monat eine 750-Gramm-Tüte mit gehaltvoller Proteinnahrung für seine Kinder ausgehändigt. Allein für Romata hätte ihm jede Woche eine solche Tüte zugestanden. Das staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramm half ihm auch nicht: Zuletzt arbeitete er dafür 20 Tage im vergangenen Juni – und bekam nur für 15 Tage Lohn ausgezahlt. Der ist längst verbraucht, und andere Einnahmen hat Mawabi in Patni nicht.

Leserkommentare
  1. alles andere wird nie greifen. Es mag uns gestattet sein, auf Missstände hinzuweisen und eventuell noch einen kleinen Ratschlag mitzugeben, der Rest geht uns einfach nichts an!

    5 Leserempfehlungen
    • afr
    • 19. April 2011 13:03 Uhr

    Ja, aber wenn das Wachstum stimmt, muß man über soche "Kleinigkeiten" hinwegsehen. Zur Zeit interessieren uns 1000 tote lybische Rebellen mehr als Millionen verhungerter Kinder. Es gibt halt mehrere Wahrheiten ind man muß Prioritäten setzen. Pervers, aber wahr.

    4 Leserempfehlungen
    • LeMans
    • 19. April 2011 13:06 Uhr

    So ist das, wenn die Volkswirtschaft wächst und gedeiht, die Organisation aber nicht mitwächst. Zudem regiert es auf dem Land immer noch das unmenschliche Kastensystem. Aber ich denke auch, Indien kann die Probleme selbst lösen.

    4 Leserempfehlungen
  2. Wer sich die Atombombe und ein eigenes Weltraumprogramm leisten kann, sollte sich auch um seine eigene Bevoelkerung kuemmern koennen. Vielleicht herrscht aber auch in Indien der neue liberale Zeitgeist vor, nachdem man gerne hunderte Milliarden den Banken schenken kann, fuer ein paar Millionen fuer soziale Projekte ist aber dann natuerlich kein Geld mehr vorhanden.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Polyp
    • 04. November 2012 14:29 Uhr

    Und nach außen ein blendent, schillerndes Bild über seine Bolly-Wood-Schinekn verströmen will. Denn so sieht sich die oberste indische Kaste. Wir nerven nur mit unseren Ansichten.
    Apropos - wie steht es eigentlich mit dem Betreungsgeld? Der überfälligen entwicklung und Stärkung unseres Binnenmartes?

    • self22
    • 19. April 2011 13:36 Uhr

    und lebenserfahrene Bürger der westlichen Hemisphäre von solchen Oranisationen wie Unicef und Weltbank für dumm verkaufen lassen?

    "...weil Erkältungen, Durchfall, Masern oder Ähnliches als eigenständige Todesursache gelten..."

    Die wollen uns also erzählen, dass diese Kinder in dieser Größenordnung nicht an Unterernährung zugrunde gehen, sondern an diversen Kränkeleien.

    Echt hilfreich diese Ursachen-Verdeckungs-Organisationen.

    • Klaue
    • 19. April 2011 13:53 Uhr
    6. Indien

    Ich war 2004-2005 mit einer NGO in Indien.

    Indien wird in Deutschland immer als fortschrittlich dargestellt, dies ist aber gar nicht der Fall, 30 km außerhalb der Städte ist tiefstes Mittelalter (kein Wasser, kein Strom, keine Bildung).

    Das größte Problem der Inder ist die sehr, sehr, sehr große Korruption und ihr Stolz. Z.B. essen sie alle weißen Reis, obwohl dieser mehr kostet, im Vergleich zu braunem Reis, und so gut wie gar keine Vitamine enthält (das Problem mit den dicken Kinderbäuchen = Vitaminmangel).

    Der Tsunami hat weitere interessante Einblicke in die Indische Gesellschaft ermöglicht. Im Süden sind durch den Tsunami viele Fischerdörfer zerstört worden, doch anstatt das die Menschen aus den umliegenden Städten/Dörfern ihren Mitmenschen zur Hilfe eilen, passiert nichts. Ihnen ist es schlicht und ergreifend egal.

    Neben der Korruption (die dafür sorgt das so gut wie nie das Geld dort ankommt wofür es gedacht ist - oft kommt nur ein Alibi-Sümmchen an) hemmt die indische Gesellschaft auch noch sehr stark, dass sie sich "alle" gegenseitig unter den Tisch ziehen. Es herrscht eine "Let's make money"-Stimmung: "Was ich dem Einen nicht gebe, dass habe ich selber mehr".

    - Wer Indien mit einer rosaroten Brille bereist wird eine interessante Kultur vorfinden.
    - Wer den Mut finden zu hinterfragen, der wird viel Elend und selbst verursachtes Leiden sehen.

    Indien hat viele Probleme, doch ihr größtes ist, dass ihr Stolz es ihnen verbietet sich dessen bewusst zu werden.

    10 Leserempfehlungen
  3. Was ist denn daran jetzt verwunderlich? Seit wann hat im Kapitalismus Wirtschaftswachstum etwas mit sinkender Armut zu tun oder mit besserem Gesundheitssystem?

    Indien hat auf Druck der USA den Freihandel zugelassen und Monsanto und Co. ins Land gelassen. Noch ein bisschen Korruption hier und da und schon versickern die Milliarden ganz zuverlässig in den Händen weniger.

    China ist wenigstens so klug und leitet die ein oder andere Milliarde in die Entwicklung der Bevölkerung. Die letzten Nachwehen des Kommunismus sozusagen. Und China würde auch nie eine Firma wie Monsanto die Landwirtschaft regieren lassen. Da sind die Chinesen einen Tick klüger als die Inder bzw. sind weniger beeinflusst.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • LeMans
    • 19. April 2011 14:33 Uhr

    Sie sind einfach zu verwöhnt.
    Zitat
    "Seit wann hat im Kapitalismus Wirtschaftswachstum etwas mit sinkender Armut zu tun oder mit besserem Gesundheitssystem?"

    Eigentlich immer. Alle Staaten mit diesem Gesellschaftsystem
    zeichnen sich durch eine stabile Regierung, ein intaktes Gesundheitssystem, Meinungsfreiheit und Wohlstand aus.
    Fast alle sozialistischen Diktaturen sind untergegangen.

    "China ist wenigstens so klug und leitet die ein oder andere Milliarde in die Entwicklung der Bevölkerung. Die letzten Nachwehen des Kommunismus sozusagen"

    Ach, China hat in seiner Zeit als kommunistische Diktatur in die Entwicklung der eigenen Bevölkerung investiert?
    Mein Gott hören Sie doch auf, solche Märchen zu verbreiten.
    Die Menschen haben nie mehr gelitten als unter dem Joch des Kommunismus mit seinen Millionen Opfern.
    China mußte sich gezwungenermaßen öffen, da das Land quasi bankrott war.

    • Pekri
    • 19. April 2011 13:57 Uhr

    Als alte Indienliebhaberin fehlen mir langsam auch die Töne, wenn ich so etwas lese. Mittlerweile erhebt Indien eine Visagebühr von insgesamt 95 Euro für ein Jahresvisum. Das dürfte weltweit eine der höchsten Visagebühren sein. Mich würde interessieren, was mit solchen Geldern eigentlich passiert. Zu DM-Zeiten hat ein Visum 20 DM gekostet. Wo ist das alte herzliche und tief spirituelle Indien geblieben? Das ist genauso gestorben wie Romata. Mein Beileid. Zählt denn nur noch Geld?

    5 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Indien | Hungersnot | Weltbank | Bhopal | Delhi
Service