Romatas Kleider liegen auf einem Haufen roter Sandsteine: ein schwarzes Hemd, eine grüne Mütze und Unterwäsche. Mehr Kleider besaß das zwölf Monate alte Mädchen nicht. Sie schmücken jetzt ihr Grab. Darüber steht Romatas Vater und schluchzt. Vor Stunden noch hielt er seine Tochter lebend in den Armen. »Ich hatte keine Ahnung, dass sie sterben würde«, sagt Chunbad Mawabi, ein 25-jähriger Landarbeiter im Dorf Patni im indischen Bundesstaat Madhya Pradesh.

Keine Ahnung? Romata hatte dünne Arme, einen dicken Bauch und bräunliche Haare – die Zeichen von Hunger und Unterernährung. Wusste der Vater wirklich nicht, dass seine Tochter in Lebensgefahr schwebte? Wollte er Romatas Elend nicht wahrhaben? So wie die indische Regierung und die ganze Welt das Elend des Landes nicht wahrhaben wollen?

»Den Hunger haben wir fast überall in Indien besiegt«, sagte der indische Innenminister Palaniappan Chidambaram. Der Satz wurde im Fernsehen übertragen, genau an dem Tag, an dem Romata gestorben war. So oder ähnlich antworten Regierungspolitiker meist, wenn sie nach der Hungersnot im Land gefragt werden. Aber der Satz ist eine Lüge. Eine, die oft erzählt und oft geglaubt wird.

Kürzlich erst hat die Weltbank verkündet, dass Indien im kommenden Jahr die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt sein wird. Spätestens seit der westlichen Finanzkrise gilt Indien als demokratisches, marktwirtschaftliches Erfolgsmodell. Neun Prozent Wachstum prophezeit die Regierung in Neu-Delhi auch für das kommende, im April beginnende Berichtsjahr. Lauter Erfolgsnachrichten. Nur verhungern deshalb nicht weniger Kinder in Indien.

Jeden Tag sind es nach Angaben von Unicef 4657 Kinder, die wie Romata still und unbemerkt ihr Leben aushauchen. Man kann sie überall im Land sterben sehen mit ihren winzigen aufgeblähten Bäuchlein und ihren fingerdünnen Gliedmaßen. In der Statistik schlägt sich ihr Schicksal in der Kindersterblichkeit nieder, dem sichersten Indikator von Hungersnot. Auf 1000 Geburten gerechnet, sterben in Indien 66 Kinder , bevor sie fünf Jahre alt werden – in Deutschland sind es weniger als vier. Bei knapp 27 Millionen Geburten zählt Indien also 1,7 Millionen tote Kinder im Jahr. Rund 90 Prozent davon sterben an Hunger, schätzen Entwicklungsexperten. Ökonomen und auch Organisationen wie Unicef und die Weltbank gehen von einem deutlich niedrigeren Anteil aus, weil sie Erkältungen, Durchfall, Masern oder Ähnliches als eigenständige Todesursache gelten lassen. Dabei enden solche Krankheiten oft bloß deswegen tödlich, weil die Kinder zuvor drastisch unterernährt waren. In Indien sterben sogar zahlreiche Jugendliche und Erwachsene an den Folgen von Hunger und Mangelernährung. Nur lässt sich ihre Zahl aufgrund der vielfältigeren Todesursachen im höheren Alter nicht genau ermitteln.

Es ist eine alte Geschichte, aber das macht sie nicht weniger dramatisch. Schon vor 20 Jahren, zu Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen, starben in Indien im Jahr drei Millionen Kinder. Insofern hat sich die Lage im Vergleich zu damals verbessert. Doch das ändert nichts daran, dass das indische Massensterben weitergeht. Durchschnittlich über zwei Millionen Kinderopfer pro Jahr in den vergangenen zwei Jahrzehnten, das sind mindestens 40 Millionen seit Beginn der Wirtschaftsreformen im Jahr 1991. Das sind Opferzahlen wie im Weltkrieg, mehr als je unter Mao Tse-tung beim berüchtigten »Großen Sprung nach vorn« verhungert sind. Es ist einer der größten Menschenrechtsskandale der Welt. Indien ist heute ein reiches Land, das alle Mittel hat, seinen Nachwuchs anständig zu ernähren. Es ist so reich, dass es Entwicklungshilfe aus den meisten Industrieländern ablehnt und schon nach dem großen Tsunami im Jahr 2005 auf alle Hilfe aus dem Ausland verzichtete. Ebendas aber verleitet zur Verharmlosung – vor allem unter Ökonomen. Viele von ihnen glauben blind, das hohe Wachstum werde die Probleme schon irgendwie lösen. Jagdish Bhagwati, ein Wirtschaftsprofessor an der Columbia-Universität in New York, dessen Indien-Expertise weltweit hoch geschätzt wird, spricht für viele in seiner Zunft, wenn er sagt: »Indiens Wachstum kommt allen zugute.«

Doch vor Ort in Madhya Pradesh herrscht eine andere, bittere Wirklichkeit. Nirgendwo auf der ganzen Welt ist die Kindersterblichkeit – und damit die Hungersnot – größer als dort. Vergleichbar ist die Lage allenfalls mit der in Äthiopien oder im Tschad. Doch anders als Äthiopien ist das Hungerleiden in Madhya Pradesh in der weltweiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Hier wird der Hunger gut verborgen. Man kann jenseits der pulsierenden Provinzhauptstadt Bhopal tagelang auf neuen Straßen durch seit Jahrtausenden kultivierte Landschaften brausen. Man kann einen der fünf berühmten Tiger-Safariparks von Madhya Pradesh besuchen und sich auf den Spuren von Rudyard Kipling wähnen, der hier das Dschungelbuch schrieb. Unterwegs sieht man in dieser Jahreszeit gut stehenden Weizen und gelb blühende Senffelder. Ein Hungerland, denkt der flüchtige Besucher, sieht anders aus.

Doch sobald man die asphaltierte Überlandstraße mit ihren prosperierenden Städtchen und Marktflecken verlässt, über Feldwege schaukelt und in einem Dorf wie Patni Station macht, eröffnet sich eine andere, vergessene Welt. In ihr lebt die Mehrheit der indischen Bevölkerung in größter Armut, Besitzlosigkeit und Kastendiskriminierung. In ihr hat Vater Mawabi mit seiner kleinen Tochter Romata gewohnt: in einer Lehmhütte mit zwei größeren Geschwistern. Gemeinsam mit seinem Bruder hat Mawabi einen Hektar Land zu bewirtschaften. Nicht genug für die beiden Familien. Dem Bruder verhungerten bereits zwei Kinder. Jetzt traf es Romata. Mawabi führt in seine Hütte. Er läuft barfuß, trägt graue Hosen, ein zerrissenes Hemd. Drinnen gibt es nur ein Zimmer und außer zwei Bambusliegen keine Möbel. Über der Kochstelle aus Lehm zieht Rauch durch das verrußte Strohdach ab. Mawabi nimmt in die eine Hand einen kleinen Sack Reis, in die andere einen etwas größeren Sack Weizen. »Das ist alles, was wir zum Essen haben«, sagt er. »Keine Linsen, keine Bohnen.«

Doch der Landwirtschaftsökonom Prateek Kumar will es von Mawabi genau wissen: »Was hat Romata vor ihrem Tod gegessen?« Kumar ist der einzige Akademiker weit und breit: ein junger, fröhlicher Idealist selbst inmitten dieses Elends. Er leitet eine Zwei-Mann-NGO für Kinderrechte im Kreis Satna im Osten von Madhya Pradesh. Er führt Listen über verhungerte und vom Hunger bedrohte Kinder, die er an die verantwortlichen Regierungsstellen schickt, er macht das regelmäßig seit Anfang 2008. Antwort erhielt er bisher nur einmal von einem Beamten in Bhopal, der Hilfe versprach, die nie kam. Auch die lokalen Medien nehmen von seinen Opfermeldungen kaum Notiz, sie berichten lieber über Mord und Diebstahl. Allein in den letzten drei Monaten aber zählte Kumar in den drei Dutzend Dörfern, die er betreut, 28 Kinder unter fünf Jahren, die unter seinen Augen verhungerten. Patni kennt er besonders gut: Hier verhungerten laut seiner Liste in den vergangenen zwei Jahren 24 Kinder. Doch bevor er Romata dazuzählt, will er sicher sein, dass sie wirklich an Hunger starb: Wie viel staatlich vergünstigte Lebensmittelrationen die Familie zuletzt erhielt, fragt er Mawabi. Wie viel von der staatlichen Nahrungshilfe für Kinder. Ob Romata geimpft wurde. Wann sie zuletzt im Anganwadi war, dem staatlichen Kindergesundheitszentrum von Patni.

Mawabis Antworten erzählen vom Scheitern der traditionellen indischen Hungerbekämpfung. Er bekam im Januar 20 Kilo Weizen und Reis zum staatlich verbilligten Preis für Arme. Nach dem Gesetz stehen ihm 35 Kilo zu. Im Anganwadi, dem dörflichen Kindergesundheitszentrum, bekam er im Monat eine 750-Gramm-Tüte mit gehaltvoller Proteinnahrung für seine Kinder ausgehändigt. Allein für Romata hätte ihm jede Woche eine solche Tüte zugestanden. Das staatliche Arbeitsbeschaffungsprogramm half ihm auch nicht: Zuletzt arbeitete er dafür 20 Tage im vergangenen Juni – und bekam nur für 15 Tage Lohn ausgezahlt. Der ist längst verbraucht, und andere Einnahmen hat Mawabi in Patni nicht.

 Den Armen steht Hilfe zu, aber sie erhalten viel zu wenig

Die staatliche Lebensmittelvergabe an die Armen läuft schon seit den fünfziger Jahren. In den Siebzigern wurden eine Million Anganwadis errichtet, eines für jedes indische Dorf. Sie sollen speziell auf die Kinderernährung und auf Impfungen achten. Seit 2005 gibt es ein staatliches Arbeitsbeschaffungsprogramm für alle Armen, das ihnen 100 Tage öffentliche Beschäftigung im Jahr zu einem stabilen Mindestlohn garantiert. Würde auch nur eines dieser drei Programme leidlich funktionieren, müsste in Indien heute vielleicht niemand mehr hungern. Doch sie funktionieren nicht.

Wo aber sind all die staatlichen Hilfsmittel geblieben? Darüber diskutiert im Nachbardorf Amiriti der Dorfrat – öffentlich unter einem alten Affenbrotbaum. Ein solches Treffen gibt es nur dreimal im Jahr. Viele Landarbeiter der Umgebung sind gekommen. Sie tragen zerschlissene Kleider und sitzen auf der blanken Erde. In ihrer Mitte steht aufrecht ein Mann in schwarz-weißem Bügelhemd und Anzughose. Arun Pandey ist 29 Jahre alt und arbeitet als Grafiker in der Kreisstadt Satna. Er besucht heute seine Familie in Amiriti, um das Wort gegen die Dorfratsvorsitzende und ihren Ehemann zu führen. »Das Leben in Amiriti ist voller Entbehrungen. Aber was immer die Regierung an Leistungen verspricht: Niemand im Dorfrat fühlt sich dafür verantwortlich. Alles fällt der Korruption zum Opfer«, ruft Pandey. Laut Gesetz bekomme der Dorfrat staatliche Mittel für Pensionen, Straßen, die Schule und Kinderernährung. »Wer von uns hat je von Maßnahmen des Dorfrats profitiert?«, fragt Pandey. Die Landarbeiter applaudieren.

Die öffentliche Sitzung des Rats zählt zu den jüngsten Reformen im Kampf gegen den Hunger. Früher verwalteten Beamte der Provinzregierung alle auf Dorfebene zugeteilten Mittel. Heute kann der Dorfrat vieles selbst entscheiden. Das sollte die Mittelvergabe effizienter und transparenter machen. In Amiriti hat das nicht geklappt. »Der Dorfrat ist heute reicher und korrupter denn je«, diese Botschaft nimmt NGO-Mann Kumar von der Sitzung unter dem Affenbrotbaum mit.

Das Scheitern der staatlichen Hilfe enttäuscht auch diejenigen, die sie in der Hauptstadt Delhi entwickelt haben. Zu ihnen zählt der indische Ökonom Jean Drèze von der Delhi School of Economics. Er entwickelte zu Beginn des Jahrhunderts das ländliche Arbeitsbeschaffungsprogramm. Gemeinsam mit Amartya Sen, dem indischen Nobelpreisträger für Wirtschaft, schrieb Drèze zuvor viele Bücher über die Bekämpfung von Hunger und Armut. Zum Teil lebten diese Schriften noch von Sens optimistischer These, die ihm 1998 den Nobelpreis einbrachte und derzufolge Demokratien keine Hungersnöte zulassen. Drèze aber ist heute desillusioniert: Er macht nun gerade die demokratische Elite in Delhi für das Hungerleiden verantwortlich. Hunger und Unterernährung seien für die Führung unter Premierminister Manmohan Singh nur noch »peinlich«, sagt Drèze, und »absolut nicht prioritär«. Die Regierung habe jeden Glauben in ihre eigenen Sozialprogramme verloren und betrachte sie als Geldverschwendung. »Es gibt keinen Glauben mehr an öffentliche Programme, keinen an die öffentliche Schule und auch keinen an die öffentliche Gesundheitsversorgung«, sagt Drèze. Zugleich ist er der festen Überzeugung, dass nur eine bessere öffentliche Schulerziehung und Gesundheitsversorgung den Hungertod in Indien beenden können.

Von einer politischen Prioritätensetzung für die Armen ist auch in Madhya Pradesh nichts zu spüren. »Wer vom Hunger spricht, gilt als altmodisch oder sozialistisch«, sagt der Sozialaktivist Sachin Jain in Bhopal. Jain hat ein kleines Büro und treue Bewunderer im ganzen Land. Er leitet seit den neunziger Jahren eine in seiner Provinz ebenso einsame wie konkurrenzlose Kampagne für den Artikel 3 der allgemeinen Menschenrechtserklärung: das Recht auf Leben. Jain erzählt, wie die Regierungen in Bhopal ständig die Kaloriensätze für eine vernünftige Ernährung senkten, um den Hunger statistisch zu kaschieren. Er berichtet von der Rekordernte des Jahres 2010 in Madhya Pradesh, die für die Hungernden nichts bedeute, weil sie arm und besitzlos seien. Jain arbeitet in einem Klima der Ignoranz.

Dabei geht es in Madhya Pradesh nicht einmal um ein Minderheits-, sondern um ein Mehrheitsproblem. 60 Prozent aller Menschen in der Provinz sind unterernährt. Das schürt überall Existenzängste. Eltern aber sehen in ihren Kindern ihre zukünftigen Versorger. Umso mehr Kinder werden geboren. Bei 3,1 Kindern pro Frau liegt die Fruchtbarkeitsrate in Madhya Pradesh. So ist die Bevölkerung des Bundesstaats allein im letzten Jahrzehnt von 60 auf 70 Millionen gestiegen. Reicht das, um zu erklären, warum die Neugeborenen nicht richtig versorgt werden?

Bei Mahender Hardia klingt es wie eine schlechte Ausrede, wenn der Gesundheitsminister von Madhya Pradesh klagt: »Alle zehn Jahre wird unsere Bevölkerung wiedergeboren.« Er ist für die höchste Kindersterblichkeit der Welt politisch verantwortlich. Hardia müsste gegen die Hungersnot kämpfen. Doch Hardia ist keine Kämpfernatur und weiß selbst nicht, warum ausgerechnet er vor einem Jahr in Bhopal Gesundheitsminister wurde. »Das hat der Chef entschieden«, sagt er.

Der Gesundheitsminister empfängt in Bhopal, in einer prachtvollen Kolonialvilla mit Seeblick. Er trägt eine goldene Uhr und zwei rosa Diamanten in einem goldenen Ring. Immerhin leugnet er das Problem nicht, ganz im Gegensatz zum Innenminister in Delhi. »Es gibt den Hunger noch«, sagt Hardia. Doch er tut nichts dagegen. Er muss sich erst eine Broschüre geben lassen und aus ihr vorlesen, um etwas über die Lebensmittelvergabe an unterernährte Kinder sagen zu können.

Der Landarbeiter Santosh Ahirwar weiß es aus eigener Erfahrung. »Ich esse weniger, damit es meinen Kindern besser geht«, sagt der Vater von vier Söhnen. Er macht das nicht nur aus Altruismus: »Wenn sich meine Söhne später nicht um mich kümmern, werde ich vor Hunger sterben.« Es ist ein Teufelskreis. Denn Vater Ahirwar – er selbst ein großer, hagerer Mann – weiß wohl, wie es um seine Söhne steht. »Schau ihn dir an!«, ruft er seinen Jüngsten herbei. Bald steht ein spindeldürrer Dreijähriger neben ihm. Er heißt Ajay. »Glaubst du, dass er genug zu essen hat?«, fragt Ahirwar.

Die Familie lebt im Dorf Ajitpur im landwirtschaftlich geprägten Kreis Damoh in Madhya Pradesh. Zu Essen gibt es nur Weizenbrot, obwohl ringsherum relativer Wohlstand herrscht. Es ist die beste Jahreszeit, noch mangelt es nicht an Brunnenwasser für die Felder. Es gibt viel Gemüse. Das zahlreiche Vieh in Ajitpur – Kühe und Wasserbüffel – ist gut ernährt. Die meisten Kinder im Dorf sind es nicht. Tiere, Felder und Gemüse gehören den 50 Brahmanen- und Yadavfamilien von Ajitpur. Sie bilden die höheren Kasten. Die meisten Kinder aber gehören zur untersten Kaste, zu den 100 Familien der Unberührbaren im Dorf. Sie müssen inmitten des Wohlstands hungern.

 Das Kastensystem ist ein Grund für das Elend

In Ajitpur lassen sich zwei Gründe für das fortwährende Elend festmachen: die unvollständige Landreform und das Kastensystem. Zwar musste in Ajitpur vor Jahren der Großgrundbesitzer gehen. Aber bei der anschließenden Landverteilung gingen die Unberührbaren – die Mehrheit im Dorf – leer aus. Zudem blieb auch das Stigma erhalten, das auf der niedrigsten Kaste lastet. So muss Avadhrani, die Frau Ahirwars, am Dorfbrunnen lange warten, bevor sie Wasser schöpfen darf. Erst wenn kein Mitglied einer höheren Kaste mehr am Brunnen ist, darf sie ran. Die anderen Frauen würden sonst denken, dass sie das Wasser verschmutze.

Kaum anders ergeht es Ahirwar bei der staatlichen Lebensmittelvergabe. Jedes Mal bedient man ihn zuletzt. Nie erhält er genug. Aus seiner Hütte holt er eine fast leere Lebensmitteltüte vom Anganwadi, dem Kinderzentrum. Sofort reißen ihm seine beiden jüngsten Söhne die Tüte aus der Hand und streiten um die letzten Krümel darin. Ahirwar aber erzählt, dass man die Tüten im nahen Städtchen als Viehfutter verkaufe, statt sie den Unberührbaren auszuhändigen. Er selbst bekomme nur eine im Monat, obwohl ihm zwei pro Woche zustünden.

Es sind solche Erfahrungen, die die Unberührbaren davon abhalten, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Von ihren knapp 300 Kindern besuchen an diesem Tag nur drei die Dorfschule. »Sie werden dort nur als Unberührbare behandelt, in die letzte Reihe gesetzt und verprügelt«, sagt Ahirwar. Ohne Schule kein Ausweg aus der Hungersnot in Madhya Pradesh.

Das ist nicht überall in Indien so. Bundesstaaten wie Kerala und Tamil Nadu im Süden, Himachal Pradesh im Norden und selbst das Madhya Pradesh benachbarte Chhattisgarh haben durch viel sozial- und bildungspolitische Eigeninitiative bewiesen, dass den Ärmsten geholfen werden kann, und zwar gerade auch den Unberührbaren. So zeigen die Studien des Ökonomen Amartya Lahiri von der University of British Columbia in Vancouver, dass die Unberührbaren in Indien landesweit seit 1983 bedeutende Fortschritte gemacht haben: Sie sind sozial mobiler geworden, verdienen in den Städten annähernd gleiche Löhne und haben eine bessere Schulbildung. Aber das gilt eben nur sehr eingeschränkt für bevölkerungsreiche Armutsprovinzen wie Madhya Pradesh, Uttar Pradesh und Bihar. Lahiri macht dafür die Korruption verantwortlich: »Sie wäre nicht teuer«, sagt Lahiri über die nötige Hungerhilfe. »Aber die Korruption tötet uns.«

In Madhya Pradesh kommt noch das Phänomen der Deindustrialisierung der Landwirtschaft hinzu. Früher gehörte die Region zum großen Baumwollgürtel Indiens. Doch mit dem Niedergang der indischen Textilindustrie und dem Ersatz von Baumwolle durch Kunststoffe stellten die Bauern hier auf Senf für die Ölherstellung um. »Dadurch wurden Millionen Arbeitskräfte auf dem Land freigesetzt«, bilanziert der emeritierte Wirtschaftsprofessor Valabhdas Mehta in Bhopal. Der 80-Jährige hat sich viel mit Indiens Unterentwicklung beschäftigt. »Für mich sind Wachstum und Entwicklung kein systematischer Prozess«, sagt er.

Ebendas aber bestreitet der indische Mainstream: Ökonomen, Politiker und Unternehmer verweisen stolz auf die Wachstumsraten des Landes, die letztlich auch den Ärmsten Nahrung bescheren sollen. Die Ökonomin Pallavi Mali glaubt nicht daran. Seit 1995 hat sie vier Berichte über die humanitäre Entwicklung in Madhya Pradesh verfasst, im Auftrag der Vereinten Nationen und der Regierung von Madhya Pradesh. »Wir sehen in unserem Bundesstaat trotz steigendem Wirtschaftswachstum seit Jahren keinen Rückgang der Kindersterblichkeit«, sagt die Ökonomin.

Es ist ein großer Streit mit Millionen von Opfern. Der international bekannte indische Schriftsteller Pankaj Mishra hat dazu bemerkt, dass die »Intensität der Entbehrungen in Madhya Pradesh nur mit denen im kriegszerstörten Kongo zu vergleichen sind«. Postwendend schalt Professor Bhagwati den Schriftsteller einen »Reform-Neinsager«, der das indische Wirtschaftswunder diskreditiere. Darauf reagierte Nobelpreisträger Amartya Sen. »Warum ist die Unterernährung in Indien so hartnäckig?«, fragte er und warnte, dass das Land »versäume, in einer Zeit steigender Lebensmittelpreise seine Bevölkerung zu ernähren«.

Im Grunde erkennt man die Lage auch in Deutschland. »Es gibt ein großes Problem mit der angemessenen Ernährung der Bevölkerung«, sagte der ehemalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, als er im Februar Delhi besuchte. Mehr wollte er zur Hungersnot im Land seiner Gastgeber allerdings nicht sagen. Er war gekommen, um den Indern den Eurofighter zu verkaufen.

Das aber ist Teil des Problems. Länder wie China werden vom Westen politisch bedrängt, die Menschenrechte inmitten des Wachstumserfolges nicht zu vergessen. In Indien ist das anders, weil Romata und die vielen Millionen anderen toten Kinder keine lokale, keine nationale und erst recht keine internationale Trauergemeinde haben.

Romatas notdürftiges Sandsteingrab am Waldrand von Patni wird bald verweht sein. Nichts wird dann mehr an sie erinnern.