DIE ZEIT: Sie erforschen die psychischen Folgen von Katastrophen. Unter anderem haben Sie die Reaktionen auf die Reaktorunfälle von Harrisburg und Tschernobyl untersucht. Was haben die Menschen dort durchgemacht?

Evelyn J. Bromet: In Harrisburg beobachteten wir vor allem Depressionen und Angststörungen. In Tschernobyl, wo die Situation wesentlich schlimmer war, entwickelten viele Menschen eine posttraumatische Belastungsstörung. Hinzu kamen somatische Symptome, für die es keinen medizinischen Grund zu geben schien, starke Kopfschmerzen zum Beispiel. Und eine große allgemeine Angst um die Gesundheit. Ähnliches kann man jetzt auch schon in Japan beobachten.

ZEIT: Die Japaner werden häufig als sehr gelassen im Umgang mit dem Unglück von Fukushima beschrieben. Teilen Sie diesen Eindruck?

Bromet: Nein, diese Interpretation ist falsch. Japan ist eine sehr geordnete Gesellschaft, deshalb verhalten sich die Menschen nach außen hin anders als damals in der Ukraine oder in den USA. Während Amerikaner ihre Emotionen sehr frei ausdrücken, kontrollieren Japaner ihre Gefühle in der Öffentlichkeit. Ich habe jedoch den Eindruck, dass sie im Moment einfach unter Schock stehen und wie betäubt sind. Aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass sie innerlich nicht ähnliche Gefühle erleben wie die Menschen in Tschernobyl oder Harrisburg.

ZEIT: Gibt es denn kulturelle Unterschiede im Umgang mit psychischen Problemen?

Bromet: Schon, offenbar unterscheidet sich bereits die grundsätzliche Einschätzung der eigenen psychischen Gesundheit je nach Nation, das haben Umfragen gezeigt. In der Ukraine schätzen die meisten Menschen ihre Verfassung als mittelgut bis sehr schlecht ein, in den USA dagegen antwortet die Mehrheit sehr positiv. Es ist allerdings nicht klar, ob die Aussagen der Wahrheit entsprechen oder ob es darauf ankommt, wie jeweils über das Thema gesprochen wird.

ZEIT: Wie lange halten die psychischen Folgen solcher Katastrophen an?

Bromet: Sehr, sehr lange. Und dies ist wirklich ungewöhnlich im Vergleich mit anderen Formen von Unglücksfällen. Wir haben das sowohl in Harrisburg als auch in Tschernobyl gesehen. Als wir die Menschen in der Ukraine 19 Jahre nach der Katastrophe befragten, sagten die meisten noch immer, dass sie gesundheitliche Probleme wegen Tschernobyl hätten, selbst wenn sie tatsächlich gesund waren. In Harrisburg waren auch zehn Jahre nach dem Unfall Depressionen und Angststörungen nicht zurückgegangen – obwohl dort vermutlich keine übermäßige Strahlung freigesetzt worden war.

ZEIT: Woran liegt das?

Bromet: Zum einen ist – ganz universell – die Angst vor radioaktiver Strahlung die größte Furcht überhaupt. Zum anderen sind Reaktorunfälle nicht wie andere Katastrophen. Ein Unglück passiert normalerweise plötzlich, dann muss man irgendwie damit zurechtkommen, und schließlich kann man sagen: »Es ist vorbei, jetzt mache ich weiter mit meinem Leben.« Für Menschen, die in der Angst leben, dass sie Strahlung abbekommen haben, ist es oft fast unmöglich zu sagen: »Es ist vorbei.«

ZEIT: Was kann man tun, um solche Folgen möglichst gering zu halten?

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen. © Julika Altmann

Bromet: Am allerwichtigsten ist es, den Menschen eine individuelle Risikoabschätzung anzubieten. Dies geschieht momentan in Japan. Die Leute können ihre Strahlenbelastung messen lassen, danach wissen sie Bescheid. Das ist ein großer Unterschied zu Tschernobyl. Außerdem müssen die Hausärzte geschult werden: Wie beurteilt man die Strahlenbelastung? Welche Symptome sind damit verbunden, wie erkennt und behandelt man psychische Probleme? Schließlich gehen die Menschen ja nicht gleich zum Psychologen. In Tschernobyl war das Problem, dass viele Ärzte sich nicht auskannten und ihren Patienten sagten, ihre Symptome hingen mit dem Reaktorunglück zusammen – egal, wie diese aussahen. Dies hat alles noch schlimmer gemacht.

ZEIT: Wie sollten Behörden und Unternehmen über eine solche Katastrophe informieren, damit die Angst nicht überhandnimmt?

Bromet: Man muss den Leuten klar sagen, was man über das Unglück weiß und was nicht. Genauso wie bei den atomaren Unfällen der Vergangenheit beobachten wir heute in Japan eine Verwirrung darüber, was eigentlich passiert ist. Vielleicht wollen Regierung und Tepco möglichst wenig verraten, um die Menschen nicht zu beunruhigen. Gerade dieses Verhalten verbreitet jedoch Angst und Misstrauen.

ZEIT: Reagieren Menschen auf Naturkatastrophen anders als auf ein Unglück, das sie letztlich mitverursacht haben?

Bromet: Kurzfristig nicht so sehr. Da hängt die Reaktion vor allem von der Schwere der Katastrophe ab. Aber bei einem menschengemachten Unglück entwickeln sich später oft Zorn und Feindseligkeit. Aus diesem Grund halten die Folgen einer solchen Katastrophe meist länger an.

Das Gespräch führte Stefanie Schramm