Bruchsal ist eine Kleinstadt, wie es sie überall in Deutschland gibt: 43.000 Einwohner, ein Barockschloss, eine Fußgängerzone, eine Lokalzeitung. Die Oberbürgermeister kamen jahrzehntelang aus derselben Partei, der CDU. Wenn nicht eines Tages einige unzufriedene Bürger mit dem Bloggen angefangen hätten, wäre das vielleicht auch so geblieben. Es war im Sommer 2009, als diese Leute etwas Unerhörtes taten: Sie kritisierten im Internet während des Wahlkampfs um das Amt des Oberbürgermeisters jenen CDU-Kandidaten, der unter mehreren Anwärtern der Union die größten Aussichten hatte. Er verlor schließlich, erstmals seit 1946 war das Amt nicht mehr christdemokratisch besetzt, eine Parteilose wurde Oberbürgermeisterin.

Nach den Wahlen haben sich die verschiedenen Blogger zu der Plattform bruchsal.org zusammengeschlossen. Sie schreiben über Affären im Gemeinderat, über den Kostenstreit beim Bau der Stadtbahn, über die jüdische Vergangenheit der Stadt. Dabei zeigen sie eine Bissigkeit, die sich die einzige Lokalzeitung, die Bruchsaler Rundschau, ein Ableger der Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) in Karlsruhe, nicht immer erlaubt. Übernimmt der Blog Aufgaben der Lokalpresse, die diese nicht mehr zu leisten scheint, womöglich weil sie den Mächtigen zu nahe ist? Und können Blogger Journalisten ersetzen?

Das Lokalblog hat zuletzt immerhin 120.000 Seitenaufrufe im Monat verzeichnet. Christian Kretz, 49, sagt: »Wir kanalisieren den Volkszorn.« Kretz sitzt spätabends an seinem Schreibtisch und produziert Lesestoff für den Wutbürger. Tagsüber betreibt er eine PR-Agentur, die mittelständische Industrieunternehmen berät, und arbeitet als Englischlehrer in Teilzeit.

Während des Wahlkampfs sei er so erbost gewesen über die »Politphrasen« des CDU-Kandidaten Florian Hartmann, dass er gedacht habe, dieser Mann müsse unbedingt verhindert werden. Er traf auf einen Gleichgesinnten, den Juristen Jochen Wolf, 45, Angestellter bei SAP, früher Mitglied der Jungen Union. Zusammen starteten sie ein Blog. Zufällig waren sie nicht die Einzigen: Der Betriebswirt Rolf Schmitt, 59, tat das Gleiche. Was sie einte, war die Befürchtung, die Bruchsaler Rundschau werde Hartmanns Schwächen nicht thematisieren. Kretz sagt unumwunden, es sei ihnen nicht um Journalismus gegangen, sie hätten eine Kampagne gefahren.

Auf beiden Blogs prangerten sie den ihrer Meinung nach verlogenen Wahlkampf Hartmanns an, eines 33-jährigen Juristen aus Düsseldorf. Der Vorwurf, sein Lebenslauf enthalte Lücken, stellte sich als unbegründet heraus. Die Blogger entdeckten aber, dass eine Passage aus einer Rede identisch war mit Sätzen, die ein anderer Bürgermeisterkandidat der Union mehr als zwei Jahre früher in einer Ansprache verwendet hatte.

Die Spur führte zum Wahlkampfmanager Ulrich Heckmann, der in der baden-württembergischen Provinz schon reihenweise Bürgermeisterkandidaten beraten hat. Er war auch in Bruchsal im Einsatz – was zu diesem Zeitpunkt kaum jemand wusste. Für Hartmanns Rede hatte er auf ein altes Manuskript zurückgegriffen.

Die Blogger warfen ihm vor, Hartmann wie »Handelsware« zu inszenieren. Bis zu dieser Wahl hatten die Bruchsaler immer gesagt: »Selbst wenn ein schwarzer Besen aufgestellt würde, würde der gewählt.« Das galt jetzt nicht mehr. Die Kampagne der Blogger sei wahlentscheidend gewesen, glauben einige. »Die Blogger waren die Bürgermeistermacher«, sagt zum Beispiel der Fernsehjournalist Rainer Kaufmann, der in Bruchsal lebt und auch als Kabarettist auftritt. Dann wären die Blogs für Bruchsal, was WikiLeaks für die Welt und GuttenPlag für Deutschland war: eine Internetplattform, die politische Verhältnisse verändert.