Charlotte Roche ist eine glückliche Frau , trotz allem. Sie ist 33 Jahre alt und hat zwei Millionen Exemplare ihres Debütromans Feuchtgebiete verkauft, der 2008 erschien. Sie ist verheiratet mit einem Mann, der viel Geld mit Fernsehen verdient hat. Zusammen mit ihm und ihrer neunjährigen Tochter lebt sie in Köln, in einem jener Viertel, die sich junge Familien in Großstädten suchen, um sich wohl zu fühlen. Roche kennt hier die Menschen auf der Straße, den Italiener, bei dem sie mittags isst. Es ist ihr Reich, aber eines, in das immer wieder Boulevardreporter einfallen, seit zehn Jahren. Bald könnte es wieder zu einem Angriffsversuch kommen.

Gerade arbeitet sie an ihrem zweiten Roman, er ist fast fertig, er erscheint im August, er wird Schoßgebete heißen. Es wird um eine junge Frau gehen, die versucht glücklich zu sein, trotz allem. Das Buch beginnt mit einer Katastrophe.

Charlotte Roches Katastrophe passierte im Sommer 2001. Sie wollte heiraten, ihren damaligen Freund, den Vater ihrer Tochter. Die Hochzeit sollte in England stattfinden, Roche war bereits da, ihre Mutter war mit den drei Brüdern unterwegs, aber in Belgien hatten sie einen Autounfall, die Mutter wurde schwer verletzt, die Brüder starben.

Viva-Moderatorin war Charlotte Roche damals, und sie war besser als die meisten anderen, eine große TV-Karriere schien vor ihr zu liegen. Sie war bereits eine gute Geschichte, auch für Boulevardmedien, und die Hochzeit und der Tod waren eine noch bessere Geschichte. "Einen Tag nach dem Unfall rief mich jemand auf dem Handy an und sagte, er habe eine schreckliche Nachricht für mich, es habe einen schlimmen Unfall gegeben. Als ob ich das nicht schon gewusst hätte. Ich legte sofort auf, aber das Handy klingelte und klingelte." Bild druckte dann am 2. Juli 2001 ein großes Foto des Unfallwagens, dazu die Zeilen: "Viva-Star Charlotte Roche. Die Familie war auf dem Weg zu ihrer Hochzeit. Alle 3 Brüder tot in diesem Wrack."

Damit beginnt die Geschichte von Bild und Charlotte Roche, und vier Wochen nach dem Unfall geht sie weiter. Charlotte Roche will zum ersten Mal wieder arbeiten gehen, sie steht mit ihrem Lebensgefährten vor ihrer Wohnung, sie warten auf ein Taxi. Ihr Freund macht einen Witz, Roche lacht für einen Moment, der lange genug ist, um fotografiert zu werden. Sie bemerkt eine Lichtreflexion und entdeckt dann ein Teleobjektiv, das aus einem Wagen gehalten wird, sie stürmt auf den Wagen zu, schlägt auf das Dach und schreit: "Mach die Tür auf!" Als Roche bei Viva eintrifft, erfährt sie, dass jemand dort angerufen hat, der gerne ein Interview mit ihr führen würde – wenn sie nicht wolle, könne man am nächsten Tag ein Foto in der Zeitung sehen, auf dem sie lache. Eine mögliche Überschrift könne sein: "So trauert sie um ihre toten Brüder." In der Folge kam es zu einem Prozess zwischen Bild und Roche.

Wenn sie diese Geschichte heute erzählt, dann lächelt Charlotte Roche. Spricht man sie darauf an, sagt sie, es sei ein Schutzreflex, sie wolle nicht, dass die Geschichte ihr nahe gehe, "ich habe all das nicht ansatzweise verarbeitet". Das Foto, auf dem sie lächelt, ist übrigens nie erschienen. Sie ist nie mit denen Fahrstuhl gefahren.

"Für die Bild- Zeitung gilt das Prinzip: Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten." Das ist der immer wieder zitierte Satz, der alles erklären soll, der alles rechtfertigen soll, was Bild über Prominente druckt. Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, hat diesen Satz gesagt, im Juni 2006 in einem Gespräch mit Günter Grass, das im Spiegel erschien. Er ergänzte diesen Satz noch so: "Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen."

Der Satz beschreibt im Grundsatz tatsächlich die deutsche Rechtsprechung. Wer sich selbst zur Person der Zeitgeschichte macht, der bietet Anlass, über sich zu berichten – in dem Bereich, in dem er sich geöffnet hat. Wo aber genau die Grenze gezogen werden muss, wie groß der Bereich ist, über den berichtet werden darf, das ist Auslegungssache – und wird keineswegs von allen Richtern in Deutschland gleich definiert.

Der Aufzug-Satz gilt, aber ist er auch gerecht? Muss jemand, der am Anfang seiner Karriere unverblümt Privates erzählt hat, auf ewig die Ehe mit dem Boulevard schließen? Muss jemand, der eine belanglose Personality-Geschichte mit einer Illustrierten gemacht hat, es ertragen, wenn er in seiner Trauer über den Tod des geliebten Kindes gezeigt wird? Muss er Auskunft geben über den Krach mit dem Vermieter, den Familienzwist, seinen Gesundheitszustand? Muss er nicht, aber oft bleibt ihm nichts anderes übrig.

Charlotte Roche ist ein klassisches Boulevardopfer. Wir werden allerdings noch feststellen, dass es heute auch ganz andere Opfer der Boulevardmedien gibt.

Termin bei dem Medienanwalt Christian Schertz. "Taliban des Rechts" nennen sie ihn in manchen Redaktionen, vom "Terrorregime des Christian Schertz" soll ein Boulevardchefredakteur einmal geredet haben. Für die Höhle eines Taliban sieht es in der Kanzlei am Berliner Ku’damm ziemlich gediegen aus. Knarzendes Parkett, imposant hohe Decken, Designerlampen, an den Wänden Porträts der Klienten: Herbert Grönemeyer, Cosma Shiva Hagen, beide fotografiert von Jim Rakete, Martina Gedeck, aufgenommen von André Rival, ein Plakat von Heike Makatsch. Auch Charlotte Roche ist Schertz’ Mandantin. Lässig sitzt der Anwalt an seinem Besprechungstisch, in Jeans und schwarzem Sakko, darunter ein weißes Hemd, die zwei obersten Knöpfe hat er geöffnet, die schwarzen Haare trägt er nach hinten gestrichen, er witzelt selbst über die Ähnlichkeit, die man zwischen ihm und dem Bild- Chefredakteur Kai Diekmann sehen kann, seinem großen Gegenspieler, dem Mann, gegen den er regelmäßig prozessiert.