Charlotte Roche ist eine glückliche Frau , trotz allem. Sie ist 33 Jahre alt und hat zwei Millionen Exemplare ihres Debütromans Feuchtgebiete verkauft, der 2008 erschien. Sie ist verheiratet mit einem Mann, der viel Geld mit Fernsehen verdient hat. Zusammen mit ihm und ihrer neunjährigen Tochter lebt sie in Köln, in einem jener Viertel, die sich junge Familien in Großstädten suchen, um sich wohl zu fühlen. Roche kennt hier die Menschen auf der Straße, den Italiener, bei dem sie mittags isst. Es ist ihr Reich, aber eines, in das immer wieder Boulevardreporter einfallen, seit zehn Jahren. Bald könnte es wieder zu einem Angriffsversuch kommen.

Gerade arbeitet sie an ihrem zweiten Roman, er ist fast fertig, er erscheint im August, er wird Schoßgebete heißen. Es wird um eine junge Frau gehen, die versucht glücklich zu sein, trotz allem. Das Buch beginnt mit einer Katastrophe.

Charlotte Roches Katastrophe passierte im Sommer 2001. Sie wollte heiraten, ihren damaligen Freund, den Vater ihrer Tochter. Die Hochzeit sollte in England stattfinden, Roche war bereits da, ihre Mutter war mit den drei Brüdern unterwegs, aber in Belgien hatten sie einen Autounfall, die Mutter wurde schwer verletzt, die Brüder starben.

Viva-Moderatorin war Charlotte Roche damals, und sie war besser als die meisten anderen, eine große TV-Karriere schien vor ihr zu liegen. Sie war bereits eine gute Geschichte, auch für Boulevardmedien, und die Hochzeit und der Tod waren eine noch bessere Geschichte. »Einen Tag nach dem Unfall rief mich jemand auf dem Handy an und sagte, er habe eine schreckliche Nachricht für mich, es habe einen schlimmen Unfall gegeben. Als ob ich das nicht schon gewusst hätte. Ich legte sofort auf, aber das Handy klingelte und klingelte.« Bild druckte dann am 2. Juli 2001 ein großes Foto des Unfallwagens, dazu die Zeilen: »Viva-Star Charlotte Roche. Die Familie war auf dem Weg zu ihrer Hochzeit. Alle 3 Brüder tot in diesem Wrack.«

Damit beginnt die Geschichte von Bild und Charlotte Roche, und vier Wochen nach dem Unfall geht sie weiter. Charlotte Roche will zum ersten Mal wieder arbeiten gehen, sie steht mit ihrem Lebensgefährten vor ihrer Wohnung, sie warten auf ein Taxi. Ihr Freund macht einen Witz, Roche lacht für einen Moment, der lange genug ist, um fotografiert zu werden. Sie bemerkt eine Lichtreflexion und entdeckt dann ein Teleobjektiv, das aus einem Wagen gehalten wird, sie stürmt auf den Wagen zu, schlägt auf das Dach und schreit: »Mach die Tür auf!« Als Roche bei Viva eintrifft, erfährt sie, dass jemand dort angerufen hat, der gerne ein Interview mit ihr führen würde – wenn sie nicht wolle, könne man am nächsten Tag ein Foto in der Zeitung sehen, auf dem sie lache. Eine mögliche Überschrift könne sein: »So trauert sie um ihre toten Brüder.« In der Folge kam es zu einem Prozess zwischen Bild und Roche.

Wenn sie diese Geschichte heute erzählt, dann lächelt Charlotte Roche. Spricht man sie darauf an, sagt sie, es sei ein Schutzreflex, sie wolle nicht, dass die Geschichte ihr nahe gehe, »ich habe all das nicht ansatzweise verarbeitet«. Das Foto, auf dem sie lächelt, ist übrigens nie erschienen. Sie ist nie mit denen Fahrstuhl gefahren.

»Für die Bild- Zeitung gilt das Prinzip: Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.« Das ist der immer wieder zitierte Satz, der alles erklären soll, der alles rechtfertigen soll, was Bild über Prominente druckt. Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, hat diesen Satz gesagt, im Juni 2006 in einem Gespräch mit Günter Grass, das im Spiegel erschien. Er ergänzte diesen Satz noch so: »Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.«

Der Satz beschreibt im Grundsatz tatsächlich die deutsche Rechtsprechung. Wer sich selbst zur Person der Zeitgeschichte macht, der bietet Anlass, über sich zu berichten – in dem Bereich, in dem er sich geöffnet hat. Wo aber genau die Grenze gezogen werden muss, wie groß der Bereich ist, über den berichtet werden darf, das ist Auslegungssache – und wird keineswegs von allen Richtern in Deutschland gleich definiert.

Der Aufzug-Satz gilt, aber ist er auch gerecht? Muss jemand, der am Anfang seiner Karriere unverblümt Privates erzählt hat, auf ewig die Ehe mit dem Boulevard schließen? Muss jemand, der eine belanglose Personality-Geschichte mit einer Illustrierten gemacht hat, es ertragen, wenn er in seiner Trauer über den Tod des geliebten Kindes gezeigt wird? Muss er Auskunft geben über den Krach mit dem Vermieter, den Familienzwist, seinen Gesundheitszustand? Muss er nicht, aber oft bleibt ihm nichts anderes übrig.

Charlotte Roche ist ein klassisches Boulevardopfer. Wir werden allerdings noch feststellen, dass es heute auch ganz andere Opfer der Boulevardmedien gibt.

Termin bei dem Medienanwalt Christian Schertz. »Taliban des Rechts« nennen sie ihn in manchen Redaktionen, vom »Terrorregime des Christian Schertz« soll ein Boulevardchefredakteur einmal geredet haben. Für die Höhle eines Taliban sieht es in der Kanzlei am Berliner Ku’damm ziemlich gediegen aus. Knarzendes Parkett, imposant hohe Decken, Designerlampen, an den Wänden Porträts der Klienten: Herbert Grönemeyer, Cosma Shiva Hagen, beide fotografiert von Jim Rakete, Martina Gedeck, aufgenommen von André Rival, ein Plakat von Heike Makatsch. Auch Charlotte Roche ist Schertz’ Mandantin. Lässig sitzt der Anwalt an seinem Besprechungstisch, in Jeans und schwarzem Sakko, darunter ein weißes Hemd, die zwei obersten Knöpfe hat er geöffnet, die schwarzen Haare trägt er nach hinten gestrichen, er witzelt selbst über die Ähnlichkeit, die man zwischen ihm und dem Bild- Chefredakteur Kai Diekmann sehen kann, seinem großen Gegenspieler, dem Mann, gegen den er regelmäßig prozessiert.

 

Kai Diekmann, die Bild – wenn man jetzt eine Tirade gegen die bösen Buben vom Boulevard erwartet, wird man überrascht: Als Erstes erklärt Schertz, er habe ja mit Bild gar nicht mehr so viel zu tun wie früher, eher mit der Yellow Press. Das Neue Blatt, Freizeit Revue, Die Aktuelle, Echo der Frau, Woche der Frau – »manchmal habe ich bei einer Ausgabe fünf Fälle«. Bild aber, der wichtigste Repräsentant des Boulevards, habe abgerüstet. »Die verletzen nicht mehr jeden Tag die Persönlichkeitsrechte, nicht mehr so oft und nicht mehr so intensiv.« Der Aufzug-Satz, der uns interessiert – Christian Schertz glaubt, er gelte nur noch begrenzt. Denn es führen gar nicht mehr so viele mit im Aufzug, viele Prominente bräuchten den Boulevard nicht mehr für ihre Karriere, im Gegenteil, es könne sogar schädigend sein, mit Bunte und Bild zusammenzuarbeiten, »deshalb hat Bild die Politik geändert«. Die aktuelle Werbekampagne, in der Prominente wie Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker und Til Schweiger – auch kritisch – »ihre Meinung zu Bild « äußern, sei eine Charmeoffensive gegenüber den Prominenten. Bild will weg vom Schmuddelimage, der Boulevard strebt in die Mitte der Gesellschaft. Schertz sagt: »Heute respektiert Bild im Wesentlichen, wenn ich sie anschreibe, dass mein Mandant keine Berichterstattung wünscht.«

Natürlich steckt in diesem Lob, das gleichzeitig eine kleine Gemeinheit gegenüber der immer als so mächtig beschriebenen größten Boulevardzeitung Europas ist, auch eine Menge Selbstlob. Wenn er sagt: »Gerade wächst eine Generation von Prominenten heran, die weiß, dass sie Bunte und Bild nicht braucht«, dann ist ja klar, dass das auch an seiner Arbeit liegt. Nora Tschirner, Heike Makatsch, Christian Ulmen – zum Boulevard haben diese Klienten der Kanzlei ein distanziert-desinteressiertes Verhältnis, wie es ihnen die Großen – Stefan Raab oder auch die Schertz-Mandanten Herbert Grönemeyer und Günther Jauch – vorgemacht haben. Und dass in der Bild- Redaktion regelmäßig ein Jurist am »Balken« steht, also dort, wo die Schlagzeilen gemacht werden, hat damit zu tun, dass Schertz und seine Kollegen Matthias Prinz und Michael Nesselhauf, die ähnliche Fälle übernehmen, oft schon vorsorglich die Redaktionen anschreiben, um bekanntzugeben: Wir haben ein Mandat, und wenn ihr etwas schreibt, das uns nicht passt, kann das teuer werden. Der juristische Kampf um die Berichterstattung wird immer öfter schon geführt, bevor ein Wort gedruckt ist. Schertz klagt, wann immer er kann. Das macht ihn nicht beliebt, weder bei Journalisten, die ihn »Zensor« nennen, noch bei Anwaltskollegen. »In den letzten fünf Jahren haben sich beide Seiten professionalisiert«, sagt Schertz, »die Boulevardmedien wie auch die Prominenten.«

Gerne hätten wir mit Kai Diekmann ein Gespräch darüber geführt, wie er all das sieht. Leider war der Bild -Chefredakteur nur bereit, schriftlich auf unsere Fragen zu antworten. Also: Brauchen viele Prominente den Boulevard nicht mehr für ihre Karriere? Diekmann antwortet betont cool: »Mag sein, dass einige Prominente heute manchmal lieber das Treppenhaus nutzen, aber auch dabei wollen sie unbedingt von der Presse begleitet werden. Das liegt ganz einfach in der Natur der Sache: Ohne Presse keine Präsenz, ohne Präsenz kein Prominentenstatus.« Sein Verhältnis zu Schertz bezeichnet Diekmann übrigens als »professionell sportlich«.

Wenn Bild , wie Schertz glaubt, wirklich braver geworden ist, bedeutet das aber noch lange nicht, dass dies für alle gilt, über die berichtet wird – und dass alle Boulevardmedien sich geändert hätten. Denn wer sich nicht zu wehren weiß, wer prominent ist nicht durch eigene Leistung, sondern durch die Vermarktung seines Privatlebens, der kann keinen Schutz seiner Intimsphäre reklamieren. Wer als Nichtprominenter in die Zeitung kommt, weil er Opfer eines Unglücks wurde, eines Schicksalsschlags, der hat kaum eine Chance. Ihn trifft die volle Wucht des Boulevardapparats: Nach dem Amoklauf von Winnenden wurden Facebook- und StudiVZ-Fotos von erschossenen Kindern veröffentlicht; gerade erst wurden nach dem Mord von Krailling Grundschüler von Reportern behelligt. Wer weiß schon, wie er sich da wehren kann, und wer hat die Kraft, es in so einer emotionalen Ausnahmesituation zu tun?

Prominente aber wissen sich zu wehren, und das hat auch den seriösen Journalismus verändert. Der Deutsche Journalistenverband beklagt Interviewverträge, in denen – nicht nur für die Boulevardzeitungen – festgeschrieben ist, dass alles autorisiert werden muss, inklusive Bildauswahl, Überschrift und Bildunterschrift. Es sind Verträge, die zum Teil aus der Kanzlei am Ku’damm stammen, und es sind Verträge, angesichts derer sich seriös arbeitende Journalisten fragen, wie unabhängig sie eigentlich noch berichten können.

Unabhängigkeit, das ist allerdings ohnehin ein altmodisches Wort. »Die eine Seite des Boulevards ist die Persönlichkeitsrechtsverletzung, die andere ist die Hofberichterstattung, das Labelling«, sagt Schertz. Bestimmte Prominente tauchen in der Bild mit den immerselben Beinamen auf: Der »Poptitan« Dieter Bohlen, der »Kaiser« Franz Beckenbauer, die »Top-Schauspielerin« Veronica Ferres. Immer nur positiv. »Hat das noch irgendetwas mit Journalismus zu tun?«

Auf unsere schriftliche Frage an Kai Diekmann, wie sich in seinen Augen das Verhältnis des Boulevards zu den Prominenten verändert habe und ob es heute eine größere Bereitschaft von Bild gebe, mit den Prominenten statt gegen sie zu arbeiten, antwortet er: »Das Klischee, Bild arbeite ›gegen‹ die Prominenten, hat einen sooo langen Bart. Es gab schon immer gute und nicht so gute Geschichten, Erfolge und Misserfolge. Über alles müssen wir berichten.« Dass wir uns vor allem nach dem Miteinander erkundigt haben, hat der Bild -Chef offensichtlich überlesen.

Wie es zu den stets wiederholten Beinamen kommt und ob es da irgendwelche Absprachen mit den Prominenten gebe, kann er uns nur so erklären: »Ach wissen Sie, Bild hat einfach die kreativste Redaktion, da brauchen wir keine Unterstützung von den Prominenten – wir überraschen sie lieber.«

Dass eine bestimmte Riege von Schauspielern hofiert wird, hängt auch damit zusammen, dass andere der Boulevardpresse nicht mehr unbegrenzt zur Verfügung stehen. Aufstrebenden Jungstars werden heute von den Plattenfirmen und der Medienindustrie, die sie hervorbringt, Berater zur Seite gestellt. Bei der RTL-Castingshow Deutschland sucht den Superstar, kurz DSDS , geht es nicht mehr um die Lieder, sondern um die Krebserkrankung der Mutter, den frühen Tod des Vaters, die Inhaftierung des Kandidaten Menowin. »RTL vermarktet seine Kandidaten selbst schon mit Privatgeschichten«, sagt Schertz. Das heißt: »Die eine Medienindustrie bedient die andere nicht mehr so sehr – und liefert sie auch nicht mehr so sehr aus.« RTL habe seine eigene Wertschöpfungskette: Es gibt ja nicht nur die Fernsehsendung DSDS . Es gibt auch die RTL-Boulevardsendungen, die Beiträge über die DSDS- Kandidaten bringen , und es gibt ein eigenes Printmagazin, das exklusive und selbst inszenierte Geschichten rund um die Sendung druckt. Da muss man die eigenen Stars vor der Ausschlachtung durch andere Medien schützen. The Girl is mine , ist die Maxime.

Sind die Prominenten vom Boulevard abhängig oder ist es eher umgekehrt? Ist aus dem Schlachthof ein Marktplatz geworden, eine Art Börse, in der mit Aufmerksamkeit, Berichterstattung und Zuneigung gehandelt wird? Oder gibt es etwa beides nebeneinander, Schlachthof und Marktplatz?

Heike-Melba Fendel, Geschäftsführerin der Künstleragentur Barbarella Entertainment, ist eine leidenschaftliche Kritikerin der Boulevardmedien. Zu den Künstlern, die sie vertritt, gehören Matthias Brandt, Muriel Baumeister, Joachim Król, Anna Thalbach und Hanns Zischler, die eher anspruchsvolle Filme machen. Jahrelang hat Fendel ihren Künstlern geraten: »Scheißt auf Bild«. Inzwischen ist sie von der ganz harten Linie abgekommen und akzeptiert projektgebundene Interviews, denn offensichtlich ist es so einfach dann doch wieder nicht, auf Bild zu verzichten, jedenfalls nicht für alle. Das Problem: »In den Fernsehsendern sitzen Leute, die sich denken, von den 12,5 Millionen Bild- Lesern sind ein Großteil potenzielle Zuschauer.« Sagt man ein Interview ab, »hat man ganz schnell den Produzenten am Hörer, der sagt: Bitte macht das.« Der Druck kommt also nicht mehr vom Boulevard direkt, sondern von den Sendern, in denen Redakteure sitzen, die diese Art der Presse als Werbeinstrument benutzen wollen.

 

Was sich verändert hat am Verhältnis zwischen Bild- Zeitung und Prominenten? Die Bild habe ihren Buh-Status verloren, sagt Fendel. Gleichzeitig huldigen heute alle, nicht mehr nur die Bild- Zeitung stärker dem Fetisch Prominenz. Alle sind ein bisschen Boulevard geworden – nicht unbedingt in ihren Recherchemethoden, aber in der Art, wie man sich bestimmten Themen nähert, in der Entscheidung, was überhaupt ein Thema ist. Banales füllt die vermischten Seiten, da entsteht schnell das Gefühl, man könne doch alles ausplaudern (das ewige Gequatsche über alles und jeden gipfelt in der Erfindung des Leserreporters: Bei Bild kann jeder, der irgendwo irgendwas beobachtet hat, ein Foto einschicken). Oft genug plappern die Stars ja auch unbekümmert selbst und plaudern auf Facebook aus, mit wem sie jetzt liiert sind. Wer war zuerst da, wer hat den Aufzug geholt, wer hat den Knopf gedrückt?

»Immer mehr Prominente leben dem Boulevard entgegen«, sagt Fendel und meint damit keineswegs nur Schauspieler. Im Februar saß sie im Astor-Kino am Ku’damm in einer vierstündigen Vorab-Vorführung des Fernseh-Zweiteilers Schicksalsjahre . In der Reihe vor ihr: Christian Wulff, der amtierende Bundespräsident. In Ägypten war gerade die arabische Revolution im Gange, es war der Tag des »Marschs der Millionen«, in Kairo protestierten zwei Millionen Menschen gegen Hosni Mubarak, doch Fendel hat nicht bemerkt, dass Wulff in diesen Stunden ein einziges Mal auf sein Handy geschaut hätte. Nico Hofmann, der Produzent des Films, duzte Wulff in seiner Ansprache, anderthalb Wochen später erschien in Bild eine Filmkritik, geschrieben von Christian Wulff. Überschrift: »Warum ich diesen Film uns Deutschen ans Herz lege.« Ein Bundespräsident, der eine Filmkritik schreibt – irgendwas scheint durcheinandergeraten zu sein im Verhältnis von Medien und Prominenten, von Medien und Politik.

Kann man es sich tatsächlich leisten, in einem solchen System einfach zu sagen: Ich spiele nicht mit? »Die Frage ist, ob Sie Ihre Arbeit in einem Segment ansiedeln, wo die Bild- Leser absatzrelevant sind«, sagt Fendel. Maria Furtwängler redet mit Bild , Nina Hoss, die nicht Tatort- Kommissarin ist, sondern bevorzugt mit Regisseuren wie Christian Petzold Kinofilme dreht und am Deutschen Theater spielt, muss das nicht tun. Ihr Publikum sind nicht die Bild- Leser. »In dem Moment aber, wo Sie Eventfilme machen, braucht der Sender Bild . Achten Sie mal drauf: Schauspieler, die regelmäßig Primetime-Hauptrollen übernehmen – da gibt es niemanden, der nicht mit allen Medien redet.«

Dieter Wedel, der Filmregisseur, gibt unumwunden zu: »Wir schreiben unseren Schauspielern in die Verträge, dass sie für Interviews zur Verfügung stehen müssen, natürlich.« Die Besetzung einer Rolle werde ja auch davon bestimmt, ob jemand boulevardfähig sei – »bei den Sendern heißt es: Die war sechs Mal in der Bunten oder der Gala, die sollten wir besetzen. Häufig wenn Redaktionen entscheiden und nicht der Regisseur, läuft das so.« Man könne doch nicht in diesen Beruf gehen und sagen: Ich will mit Medien nix zu tun haben, sagt Wedel. »›Mit Bild rede ich nicht‹, das ist ja Quatsch. Man teilt aus, man steckt ein, und dann redet man wieder miteinander.«

Wedel hat sich dafür entschieden, das Spiel mit dem Boulevard mitzumachen, in selbst definierten Grenzen. Davon hat ihn auch eine Erfahrung, die er schon vor Jahren gemacht hat, nicht abgehalten. Er war morgens um sechs zur Darmspiegelung im Krankenhaus, nur eine harmlose Vorsorgeuntersuchung. Auf dem Gang, während er wartete, Schwestern, Pfleger und Ärzte, die ihn erkannten. »Hätte ich es verschweigen können, wenn ich etwas gehabt hätte?«, fragte er später einen leitenden Redakteur einer Boulevardzeitung. Die Antwort lautete: »Wir hätten es vor Ihnen gewusst, wir hatten eine Direktleitung ins Krankenhaus.«

Wedel hat auch Sibel Kekilli geraten, sie sollte wieder mit der Bild- Zeitung zusammenarbeiten. Das war 2009, während der Dreharbeiten zu Gier . Kekilli war 2004 als Schauspielerin aus Gegen die Wand bekannt geworden, und Bild hatte alte Pornofotos von ihr gedruckt , weshalb ihre konservative türkische Familie mit ihr gebrochen hatte – und sie mit Bild . In Wedels Augen ist das Austeilen übrigens kein Boulevardphänomen, jedenfalls nicht ausschließlich. Er habe beobachtet, dass Häme, Bösartigkeit und Wadenbeißertum auch in der seriösen Presse zugenommen hätten. »Ich habe immer stärker den Eindruck, dass Journalisten im Rudel jagen, beißen und auch jubeln.«

Wenn man aber, wie man aus den Gesprächen mit dem Regisseur und der PR-Frau folgern kann, gar nicht frei ist in seiner Entscheidung, ob man in den Boulevardfahrstuhl einsteigen will: Ist der Aufzug-Satz gerechtfertigt? »Der Satz ist eine Drohung«, sagt Fendel, »das ist ja, wie wenn ein Mann zu einer Frau sagt: Wenn du mich verlässt, verhau ich dich.«

Das sind definitiv die schrecklichsten Tage in ihrem Job: Wenn einen ihrer Künstler eine persönliche Katastrophe ereilt, eine Trennung, eine Krankheit, der Tod eines Verwandten. »Wann immer ein Prominenter einen Schicksalsschlag hat, müssen Sie sofort eine Medienstrategie haben«, sagt Fendel. Die Strategie beginnt bei der Besetzung des Telefons, denn die Reporter fragen nicht, ob es stimmt, dass die Mutter einer Schauspielerin gestorben ist, sondern richten herzliches Beileid aus – das betretene »Dankeschön« der Assistentin, die das Gespräch entgegengenommen hat, ist schon die Bestätigung des Gerüchts.

Die Methoden des Boulevards. Man ruft grundsätzlich ohne Nummernkennung an. Man überrumpelt Verwandte von Prominenten, man schickt junge Reporter zu Partys, die am Buffet die Prominenten in ein Gespräch verwickeln. »Die Springer-Leute sind netter als früher, sie vernetzen sich mehr, bewegen sich scheinbar auf Augenhöhe mit den Personalities«, sagt Fendel. Mit dieser Methode kommen die Boulevardjournalisten oft schon sehr weit, und wenn es nicht klappt, bleibt ja noch die harte Tour. Der unter Prominenten weit verbreitete Glaube »Ich mache lieber mit, dann kann ich steuern, was über mich geschrieben wird«, er ist ein Irrtum. Ein trügerisches Gefühl, man habe irgendetwas unter Kontrolle.

Auch Barbara Rudnik, die Schauspielerin, die vor zwei Jahren starb, irrte, als sie dachte, sie könne die Berichterstattung über ihre Krankheit steuern. Christian Schertz, der sie vertrat, sagt: »Sie hatte sich entschlossen, ihre Krebserkrankung offenzulegen, das Ganze aber selbstbestimmt in der Bunten mit einer eigenen Fotostrecke, die sie autorisieren konnte.« Rudnik kannte die Chefredakteurin der Bunten schon lange und glaubte, bei ihr sei die Geschichte in guten Händen. Dann trat Bild auf den Plan mit Fotos, die Rudnik ohne Haare vor der Klinik zeigten. Die Schauspielerin wollte keine Zusammenarbeit mit Bild; nach einem Wettrennen der beiden Blätter erschienen beide Geschichten fast zeitgleich. Auch nach Rudniks Tod, sagt Schertz, habe Bild verbotenerweise Privatfotos aus der Krankenzeit gedruckt. Als Rudnik noch lebte, soll übrigens auch eine Journalistin einer anderen Boulevardzeitung bei Rudniks Mutter angerufen haben, sie sei eine Freundin von Barbara, sie mache sich solche Sorgen – wie es Barbara denn gehe?

Wer wissen will, wie der Boulevard funktioniert, der kann das in Matthias Frings’ Roman Ein makelloser Abstieg nachlesen. Es geht um einen Fernsehmoderator, der beschließt, aus der Öffentlichkeit auszusteigen, und kläglich scheitert. Es gibt eine Szene in dem Buch, die in einer noblen Verlags-Lounge in Berlin spielt – die Vorlage lieferte erkennbar der Journalisten-Club in der 19. Etage des Springer-Hauses. Es ist die große Niederlage des Buch-Helden: Die zunächst sehr freundliche Einladung der Zeitung verwandelt sich in eine waschechte Erpressung. Man hat Fotos seiner alkoholkranken Freundin, die man drucken will, wenn er sich einem Interview verweigert. (Übrigens gibt es in dem Roman noch eine Hauptfigur, einen Journalisten, der mal bei einer großen Zeitung war und sich, seitdem er aus wirtschaftlichen Gründen rausgeworfen wurde, mit kleinen Jobs über Wasser hält – als er den Moderator kennenlernt, wittert er einen Boulevardauftrag. Für die seriöse Zeitung, bei der er mal gearbeitet hatte, ist die ZEIT das Vorbild.)

 

»Ich musste nix groß recherchieren«, sagt Matthias Frings. Er habe die Methoden der Boulevardpresse selbst erlitten und bei vielen Freunden aus der Nähe miterlebt. Frings war früher Fernsehproduzent und -moderator; er hat in den neunziger Jahren die Sendung Liebe Sünde moderiert. Das ist fast zwanzig Jahre her, heute ist er Schriftsteller; mit seinem letzten Buch war er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Die Methoden des Boulevards, sagt Frings, hätten sich grundsätzlich nicht verändert, aber sie seien teurer geworden. Die Summen, die für Interviews geboten würden, seien heute fünfstellig – von einer von Jörg Kachelmanns Exgeliebten weiß man seit dem Vergewaltigungsprozess, dass sie für ein Bunte- Interview 50.000 Euro kassierte. Hätten früher noch Fotografen vor der Tür gestanden oder in Bäumen gesessen, sagt Frings, würden jetzt die Hubschrauber eingesetzt. »Ich kenne Leute, die vollkommen entnervt ihr Ferienhaus verkauft haben.« Sie waren es leid, dass man im Helikopter über den Pool fliegt, um ein Oben-ohne-Foto zu ergattern.

Fotos, die harte Währung des Boulevards. Seit Bild die Aufnahme vom Unfall ihrer Familie druckte, kämpft Charlotte Roche gegen das Blatt. Als sie einmal im gleichen Flugzeug wie Mathias Döpfner saß, ging sie zu ihm und sagte ihm, dass sie ihn für einen schlechten Menschen halte. Sie trug im Fernsehen T-Shirts mit dem Schriftzug von bildblog.de, jenem Onlineformat, das es sich seit Jahren erfolgreich zur Aufgabe macht, Bild Fehler nachzuweisen. Auf eBay versteigerte Roche ein gelbes Kleid, auf dem »Kill Bild« stand. Und irgendwann erschien dann doch noch ein Foto von ihr in der Bild- Zeitung. Vor drei Jahren war das, ihr Buch begann gerade sehr erfolgreich zu werden, da sah man sie neben einem Mann und dazu die Zeile: »Das ist ihr Feuchtgebieter«. Roche ging dagegen vor, schließlich habe sie sich nie öffentlich mit ihrem Mann gezeigt, sie sind nie gemeinsam über einen roten Teppich gegangen, es gibt keine Homestorys, keine gemeinsamen Interviews. Die Zeitung verpflichtete sich freiwillig, das Foto nicht mehr zu drucken. Wegen des Texts kam es zum Gerichtstermin, Bild wollte beweisen, dass sie und ihr Mann in dem Roman vorkommen, also beide Personen des öffentlichen Lebens sind. Ihr Mann musste vor Gericht bestätigen, dass sich seine Frau, im Gegensatz zu Helen, der Heldin des Romans, regelmäßig wäscht. Bild darf nun Roches Mann nicht mehr als ihren »Feuchtgebieter« bezeichnen und auch keine weiteren Details über ihn berichten.

Vor ein paar Wochen, als ihr neuer Roman angekündigt wurde, läutete Bild auf seiner Onlineseite die nächste Runde »Bild gegen Charlotte Roche« ein: »Wird Roches neuer Roman so schmutzig wie der erste?« Wenn die Mitarbeiter der Axel Springer AG das herausfinden wollen, müssen sie sich ein Exemplar kaufen – Roche hat ihren Verlag angewiesen, keinem von ihnen ein Buch zu schicken.

Charlotte Roche hat die Methode Kämpfen gewählt. Andere entscheiden sich für Ignorieren, einige für Kollaboration. Eine vergleichsweise neue, zynische Form der Kollaboration ist der abgesprochene Abschuss durch Paparazzi, eine weitere Perversion des Boulevardjournalismus, die Weiterdrehe der alten, inzwischen fast schon langweilig gewordenen Geschichte »Boulevard gegen Prominente«.

Wie das funktioniert, lernt man vielleicht am besten von einem echten Weltstar, von Angelina Jolie. Die New York Times hat 2008 enthüllt, wie die Schauspielerin ihr Image kontrolliert, das vor ein paar Jahren noch ein anderes war als heute. Während ihrer Ehe mit Billy Bob Thornton hatten die beiden öffentlich über seltsame Liebesrituale gesprochen – Angelina Jolie galt als wild und ein bisschen irre. 2001 adoptierte sie ein kambodschanisches Waisenkind, und als sie sich 2003 scheiden ließ, soll sie selbst das Magazin Us informiert haben, wann und wo sie mit ihrem Kind spielen werde, damit man Paparazzi-Fotos machen könne. Die Geburtsstunde der neuen Angelina Jolie, der Übermutter.

Ein Geschäft – und ähnliche Geschäfte sollen auch schon zwischen deutschen Prominenten und dem Boulevard stattgefunden haben. Schertz sagt, dass es solche Deals gibt – und weist von sich, selbst daran beteiligt zu sein. Mit Sich-Wehren hat die neue Entwicklung nicht mehr viel zu tun, eher ist es so: Manche Prominente, die zuvor von der Presse instrumentalisiert wurden, haben den Spieß jetzt einfach umgedreht. Die Medien sind ihr Werkzeug geworden. Der Boulevard und die Prominenten, Arm in Arm, in der Lüge vereint. Das neue Opfer des Boulevards, es ist der Leser.