Es gibt Themen , die mögen Leser nicht. Und Journalisten mögen sie auch nicht. So kommt es, dass jahrelang lustlose Pflichtgeschichten darüber geschrieben werden. Ein solches Thema, das keinen so recht interessierte, waren Asset Backed Securities – drei Worte wie Chloroform: Wer kein Experte war, verlor sofort das Bewusstsein.

Um etwa zehn Jahre später wieder zu erwachen, in der schlimmsten Finanzkrise des Jahrhunderts . Genauer: im Jahr 2007, als Asset Backed Securities, ABS abgekürzt, den Zenit ihrer infernalischen Wirkung erreichten. Natürlich sind ABS an sich nicht böse. Sie sind nur eine mathematisch-juristische Konstruktion, die es den Banken ermöglicht, Kredite zu vergeben, ohne dafür zu haften. Sie trennen den Schuldner vom Gläubiger, das Risiko von der Haftung, den Kredit von der Kreditwürdigkeit. Den kalifornischen Landarbeiter, dem eine Villa finanziert wurde, von dem Sachbearbeiter, der das verantwortete. Verbriefte Kredite verhielten sich zur Finanzkrise wie die Kernspaltung zur Atombombe: Sie sind nicht die Ursache, aber ein unabdingbares Mittel.

Aber das wissen wir heute. Und die Frage ist: Hätten wir es schon damals wissen können, während der 15 Jahre, in denen ABS und andere Dreibuchstabenpapiere, mit denen auf ABS gewettet wurde, zum größten Renner der Finanzwelt wurden? Warum haben die Zeitungen, die Medien, haben wir Journalisten, die es jetzt ganz genau beschreiben können, nicht eher gewarnt? Wir hätten die Welt retten können und taten es nicht – aus Ahnungslosigkeit, Ignoranz oder was sonst?

Ihren ersten Auftritt in der deutschen Publikumspresse haben Asset Backed Securities 1997 im Spiegel . Dort ist zu lesen, wie David Bowie das neue Finanzinstrument nutzt , um Kapital zu besorgen. Von einer Zauberformel ist die Rede, die Mathematik bleibt naturgemäß im Dunkeln. Was hängen bleibt: Asset Backed Securities sind irgendwie modern. Kurz darauf folgt ein Artikel in der FAZ . Erster Satz: »Die deutschen Banken ringen derzeit mit dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen um die Rahmenbedingungen, mit denen in Deutschland ein Markt für neue Finanzprodukte entstehen soll.«

Die ZEIT beginnt ihre Berichterstattung über das neue Thema in den neunziger Jahren klischeegerecht: mit Friedrich dem Großen, dem Erfinder des Pfandbriefs. Vom Jahr 2000 an explodiert der Markt. Die FAZ beschreibt strohtrocken, wie spätere Pleitebanken Asset Backed Securities nutzen, um Risiken auszulagern: »Dadurch würden Banken wie die IKB von diesen Risiken entlastet, (...) erläuterte KfW-Vorstandssprecher Hans W. Reich die Grundidee.« Eine zutiefst problematische Grundidee, ersonnen von gierigen Provinzbankern, die auch mal im großen Casino mitspielen wollten. So würde man später darüber urteilen. Damals kein Grund zur Aufregung. Auch die ZEIT schrieb ganz gelassen über die neuen Zweckgesellschaften (»Bei der WestLB heißt sie Compass«).

Überhaupt musste, wer in jenen Jahren den Wirtschaftsteil der Zeitung nicht ungelesen beiseite legte, den Eindruck gewinnen, dass es sich bei den ABS um eine feine Sache handelte. Immer wieder wird von ihrer überdurchschnittlichen Rendite berichtet, ihrem segensreichen Einfluss auf Mittelstand und Bankbilanzen. Von Risiken und Nebenwirkungen ist manchmal im vorletzten Absatz die Rede, also da, wohin keiner je vordringt, der nicht Teil dieser Welt ist und ihre Sprache beherrscht.

Dabei sind verbriefte Wertpapiere – ABS und CDOs, zu denen ABS zusammengefasst wurden – längst eine große Sache. Bereits 2003 werden verbriefte Kredite im Wert von etwa 3000 Milliarden Dollar emittiert, 2006 sind es knapp 5000 Milliarden. Selten hat die Menschheit in so kurzer Zeit so viel Geld in ein neues Finanzprodukt investiert. Aber eine Geschichte ist das nicht. Jedenfalls keine große Geschichte, die Lesern ohne Vorbildung verdeutlicht hätte, was die riesigen, unkartierten pools of money mit ihnen zu tun hatten. Wer hätte gedacht, dass kurz darauf genau diese uninformierte Allgemeinheit für die Rettung des Systems bezahlen sollte?

Dabei war es nicht unmöglich, das zu erkennen. In Deutschland wird man aufmerksam, als Warren Buffett 2003 Derivate als »Massenvernichtungswaffen« bezeichnet. Ein bisschen jedenfalls. Zwischen 2000 und Ende 2006 findet man in einer Pressedatenbank in großen deutschen Zeitungen unter den Stichwörtern »Asset Backed Securities«, »Derivate/IWF«, »Derivate/Massenvernichtungswaffen«, »Buffett/Derivate« insgesamt ein paar Dutzend Artikel von zwei bis drei Spalten Länge, die das Risiko zum Aufhänger machen – in der FAZ, der Financial Times Deutschland, dem Handelsblatt, der Süddeutschen Zeitung , der ZEIT.

Das ist wenig. Und es wird der Wucht der nahen Krise nicht gerecht. Zumal eine Einordnung selbst für den interessierten Bürger schwierig gewesen wäre: Schließlich erscheinen im selben Zeitraum in denselben Zeitungen deutlich mehr Texte, die die Finanzinnovationen loben. Inzwischen werden sie auch vonseiten der Politik gefördert.

Und dann verhallt Buffetts Warnschuss wieder: Der Handelsblatt- Korrespondent Tobias Moerschen, der 2004 in mehreren Artikeln vor den Gefahren warnt, hört auf, darüber zu schreiben.

Auch auf der Geldseite der ZEIT schreibt damals ein Kollege namens Thomas Hammer in klaren deutschen Worten über die Probleme mit Kreditderivaten . An derselben Stelle warnt Heike Buchter, damals freie Mitarbeiterin in New York. Anfang 2005 bringt das manager magazin eine lange, kritische Geschichte, die detailgenau ist, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Doch ein Pflichtthema, auf das in Redaktionskonferenzen gedrungen wird (»Was schreiben wir dazu?«), wird nicht daraus.

 

Größere Stücke, die die einzelnen Punkte zu einem Bild verbinden, erscheinen erst vom Spätsommer 2006 an – etwa in der ZEIT, im Spiegel, in der Wirtschaftswoche . In der Le Monde Diplomatique, die der taz beiliegt, schlägt der damals 74-jähriger Historiker Gabriel Kolko den großen Bogen, der mit einer großen Wirtschaftstheorie beginnt und mit Finanzderivaten endet.

Ein paar Monate später war es auch schon so weit: Die Immobilienpreise sanken, die Märkte für ABS und CDOs froren ein. Die Finanzkrise hatte begonnen, der Tsunami, wie sie genannt wurde, weil sie die Welt überraschte wie eine Naturkatastrophe. Aber das war sie nicht: Banken, Politiker, Rating-Agenturen, Theoretiker hatten über Jahre zusammengewirkt am größten Korruptionsskandal des Jahrhunderts. Und die Zeitungen? Hatten es nicht geschafft, die Öffentlichkeit zu alarmieren.

Journalisten suchen übrigens nicht nach der Wahrheit, sondern nach Geschichten. Eine Geschichte ist eine Geschichte, wenn sie der Wahrheit von gestern widerspricht oder sie zumindest auf eine interessante Weise fortspinnt. Egal, ob es um Klimaerwärmung, Kindererziehung oder den FC Bayern geht. Der Wirtschaftsredakteur, der sich in den neunziger Jahren für freie und weltweite Finanzmärkte begeisterte, erzählte auch eine neue Geschichte. Sie handelte davon, wie sich die Nachkriegsweltordnung auflöste, die noch vom Schock der Weltwirtschaftskrise und des Weltkriegs geprägt war. Ihre Botschaft: Die Zeit der Vorsicht ist vorbei. Das ist sogar eine große Neuigkeit, und viele Geschichten, die seit dem Ende des Kommunismus geschrieben wurden, speisten sich aus dieser Quelle.

Wer einmal so gesinnt war, stand Finanzinnovationen aufgeschlossen gegenüber. Weil: Es gibt in dieser Welt keinen Staat, das Geschäft fand oft außerhalb der Bilanz statt, frei von Eigenkapitalvorschriften, die das Risiko im gesellschaftlich akzeptierten Rahmen gehalten hätten. Der Markt regelt das, sagten die Neoliberalen, im Preis steckt zu jedem Zeitpunkt die Schwarmintelligenz aller Marktteilnehmer, die größer ist als die von ein paar Regulierern.

Von einigen einflussreichen Wirtschaftsredakteuren hieß es nach der Krise, sie seien eben marktgläubig gewesen. Oder einfach: große Deuter des Weltgeschehens, die das große Ganze beschrieben und dabei die Details übersahen. (Zum Beispiel die Beipackzettel einer Asset Backed Security, die mehrere hundert Seiten umfassen.) Rainer Hank, Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, einer der intellektuellen Köpfe des deutschen Liberalismus, will zu dem Thema kein Interview geben. Er teile, schreibt er, nicht die Prämisse der Geschichte, dass »böse ABS« die Finanzkrise verursacht hätten. Gabor Steingart, der beim Spiegel immer wieder prominent gegen zu viel Staat schrieb, äußert sich nicht zu unserer Anfrage.

»In vielen Punkten bin ich für Deregulierung«, sagt Nikolaus Piper, New-York-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, damals Ressortleiter Wirtschaft. »Aber die war, was die Finanzmärkte betrifft, einfach fehlgesteuert. In der Redaktion gab’s die Finanzmarktspezialisten und die Makro-Leute. Wir haben das einfach nicht zusammengebracht. Jemand wie ich hätte sich mehr drum kümmern müssen, was da passiert.« Außerdem sei er abgelenkt gewesen, die Gefahr habe er eher im US-Handelsdefizit vermutet.

Und das überraschend gute Risiko-Rendite-Verhältnis der ABS, das immer wieder gelobt wurde? Hätte man darüber nicht stolpern müssen, verbirgt sich hinter solchen Behauptungen nicht der faule Zauber, der jeder Finanzkrise zugrunde liegt? »Man liest das zehnmal am Tag, und irgendwann überliest man es«, sagt Piper.

Und ältere Kollegen? Wechselten irgendwann die Seiten: »Wir haben das anfangs eher mit Skepsis betrachtet«, sagt Wolfgang Kaden, 1940 geboren, Volkswirt, früher Spiegel- Chefredakteur und von 1994 bis 2003 Chefredakteur des manager magazin. »Aber als man sah, was da freigelegt wurde – da wurden ja gewaltige Wachstumsimpulse freigelegt –, haben wir das unterstützt. Sie sind ja als Journalist hoffentlich ein offenes System. Sie gehen raus, reden mit Leuten, und wenn da so ein Meinungsstrom in diese Richtung geht: Dem können Sie sich nicht verschließen.«

Robert von Heusinger, damals Finanzmarkt-Korrespondent der ZEIT, glaubt, dass seine Redaktion nicht an der Ideologie gescheitert sei. »Ich habe immer für mehr Regulierung plädiert«, sagt der 43-Jährige, heute stellvertretender Chefredakteur der DuMont-Redaktionsgemeinschaft. »Ich habe auf die irren Renditeerwartungen von 25 Prozent bei den Banken geguckt, auf Währungswetten und Hedgefonds. Ich dachte: Da irgendwo bricht es. Asset Backed Securities galten nicht groß als gefährlich. Dass die Banken da am Ende überhaupt nicht mehr in der Haftung waren, das wusste ich nicht. So hatte ich das nicht gelernt.«

Es gab Störfälle, die Anlass für einen reality check hätten sein können. 2002 geht in Amerika der erste ABS-Emittent pleite, eine Allianz-Tochter ist in Mitleidenschaft gezogen. Wenig später warnt ein Mitglied der US-Notenbank vor den späteren Katastrophenbanken Fannie und Freddie. 2003 sprach dann Warren Buffett deutliche Worte.

 

Tobias Moerschen, damals 30, war gerade Korrespondent desHandelsblatts in New York geworden. Er konnte Buffetts Warnung nicht einschätzen, aber die Story lag auf der Hand: Börsenguru warnt vor Megamarkt. Moerschen setzte drei Geschichten ab, im Ressort »Finanzzeitung«. Pro und Contra, vor allem Contra, gut lesbar, aber natürlich unmöglich einzuschätzen für Leser, die keine Experten sind. Eine eigene Einordnung, eine tiefe Recherche war es nicht. Tobias Moerschen sagt, ohne Ironie, dass ihn keiner daran gehindert hätte, das zu tun – nachts. Vormittags habe er in jenen Tagen etwa zwei Artikel geschrieben. Nachmittags habe er dann Zeit für »Freischwimmer-Geschichten« gehabt, für die er ein paar Tage, manchmal auch mehr, recherchieren konnte.

»Das habe ich eine Handvoll Male gemacht, für große Themen mit großen Namen. Aber für eine abstrakte Geschichte nach dem Motto: ›Das könnte böse enden, aber vielleicht auch nicht‹? Das vorherzusehen, das hat die Kapazitäten der besten Professoren und Praktiker überschritten. Ich würde das nicht von einem kleinen Journalisten erwarten.« Später machte er dann ein Interview mit dem amerikanischen Wirtschaftsprofessor Robert Shiller, der vor einer neuen »Blase« warnte. Interviews kosten wenig Zeit, und amerikanische Akademiker sind gut darin, abstrakte Themen für die Allgemeinheit zu übersetzen. »Den können Sie einfach reden lassen«, sagt Moerschen.

New York, ein Großraumbüro am Central Park, mit diesen grauen Arbeitswaben, wie man sie aus dem Film Watergate kennt, der die wahre Heldengeschichte zweier Journalisten erzählt , die einen Präsidenten stürzen. Der Gründungsmythos vom Journalismus als vierte Gewalt. Hier sitzt Dean Starkman und fragt sich, was anders geworden ist. Der 52-Jährige ist Wirtschaftsredakteur bei der Columbia Journalism Review, die von der Columbia School of Journalism herausgegeben wird. Hier wird der Pulitzer-Preis gehütet, der Gral des Journalismus.

Starkmans Interesse gilt nicht der Exzellenz einiger weniger, sondern dem Versagen fast aller. Er hat ein paar Tausend Wirtschaftsberichte in neun amerikanischen Zeitungen gesichtet, Fazit: »Sie haben die systemische und systematische Korruption der Hypothekengeber und ihrer Finanziers an der Wall Street nicht begriffen. Stattdessen haben sie sich auf die üblichen Porträts der Finanzindustrie konzentriert.«

Das schreibt er unter anderem der Tatsache zu, dass die amerikanischen Zeitungen, bedrängt durchs Internet, selbst in der Krise gewesen seien und deshalb zu verunsichert, um dem militant-bankenfreundlichen Klima der Bush-Jahre zu widerstehen. »Es gibt großartige Geschichten über die Wall Street, Den of Thieves oder Predators’ Ball . Aber das sind Bücher, nichts, was man als investigativen Journalismus bezeichnen könnte. Ich frage mich, ob die Wall Street jemals die Behandlung bekommen hat, die andere Branchen zuteil wurde, der Tabakindustrie zum Beispiel. Und die Frage, an der ich arbeite, heißt: Was hindert den Wirtschaftsjournalismus?«

Starkman schreibt an einem Buch über das Thema, das nicht groß werden wollte. Seine wichtigste These hat nichts mit Ideologie zu tun oder mit Recherchezeit: »Mein Ansatz ist, dass die Perspektive zu eng ist, dass die meisten Berichte die Fragestellungen der Wall Street übernehmen, wie ihre Strategien aufgehen und solche Dinge. So entsteht ein Konsens darüber, was smart ist. Und smart ist, was deine Kollegen für smart halten. Aber es ist eine Definition von smart, die sich an dem Interesse von Insidern orientiert.«

Was das bedeutet, kann man täglich in jedem Wirtschaftsteil besichtigen: Mini-Scoops die nur die Branche versteht, Handlungsstränge, die sich erst erschließen, wenn man über Monate mitliest und keine einzige Folge verpasst. Dean Starkman schreibt dies der Tatsache zu, dass Wirtschaftsjournalisten eine ziemlich geschlossene Gesellschaft bilden: »Es gibt die, die drin sind und deren Tendenz es ist, andere Leute fernzuhalten. Zum Teil, weil sie nicht wollen, dass jemand fragt, wie sie ihren Job machen. Und wenn es jemand tut, wird er der Ignoranz, Vereinfachung, Dummheit beschuldigt. Das ist eine harte Waffe. Und es braucht eine ungewöhnliche Person, um das auszuhalten.«

Er fand solche Ausnahmetalente: Mike Hudson, ein Mitarbeiter der Los Angeles Times, der über Jahre die Halbwelt im Hinterland seiner Zeitung beschrieb, in der Dealer Überdosen an Kredit an Arme verteilten. Oder Gillian Tett, Finanzmarktredakteurin der britischen Financial Times, die früh vor Derivaten warnte. Tett hatte Ethnologie studiert und betrachtet die Finanzcommunity wie einen fremden Stamm , den es in seiner Gesamtheit zu erforschen gilt.

2004 tat sie etwas sehr Mutiges: Sie stellte sich dumm. Sie bat einen Kollegen, ihr aufzumalen, wie die einzelnen Teile der Londoner Bankenwelt eigentlich zusammenhingen. »Ich habe als Ethnologin gelernt, dass man, um eine Gesellschaft zu verstehen, nicht nur die Teile betrachten muss, über die alle reden, in diesem Fall die Aktienmärkte oder die großen Fusionen, sondern auch die sozialen Schweigezonen.« Sie fand: Derivate. ABS und CDOs und CDS, Themen, bei denen ihre Kollegen regelmäßig glasige Augen bekommen hätten. »Viel Platz bekam sie nicht«, sagt Starkman. Klar: Das Thema war Kassengift in hoher Konzentration. Abstrakt, gesichtslos und pessimistisch. Schwer zu erklären.

Mit diesen Schwierigkeiten kämpfte auch Heike Buchter, die Prophetin in der eigenen Zeitung, die 2004 ihre erste Geschichte über das Thema schrieb. Darin stand, unglaublicherweise, alles, was man wissen muss: zwei amerikanische Hypothekenbanken, Fannie und Freddie genannt, die in großem Stil ABS über die Welt verteilen, was, bei einem Sinken der amerikanischen Immobilienpreise, zu einem »weltweiten Beben an den Finanzmärkten« führen würde. Im Nachhinein ist die Geschichte ein Knüller. Damals lief sie auf der »Geld-Seite« der ZEIT .

 

Immerhin. Andererseits, wäre es nicht eigentlich ein Riesenthema gewesen? Einer der größten Märkte der Welt – eine Art Zeitbombe? Vielleicht sogar eine Titelgeschichte, zehn, zwanzig Recherchetage? Sie habe damals mindestens einen Monat Recherche in das Thema versenkt, sagt die Kollegin. Aber von einem großen Auftritt hat sie nicht zu träumen gewagt. »Mit Derivaten? Schlagen Sie das mal dem Chefredakteur vor. Offen gestanden hatte ich das Gefühl, dass wir Finanzjournalisten unter Ausschluss der Öffentlichkeit arbeiten: von Experten für Experten.«

Auch offen gestanden: Man versteht diese Berichte oft nicht. Selbst wenn sie »flott geschrieben«, metaphernreich und so weiter sind: Die größeren Zusammenhänge erschließen sich, auf den 200 Zeilen, die Finanzgeschichten im Allgemeinen eingeräumt werden, nicht. Selbst wenn sie im Nachhinein als Highlight der Finanzberichterstattung gelten. Heike Buchter sagt, dass sie oft Monate damit verbringe, sich in ein Thema einzuarbeiten – wenn man wieder auftauche, sei es schwer, drei Schritte zurückzutreten. Dass ihre Stücke oft von Anwälten gegengelesen werden müssen, führe nicht unbedingt zu verständlicheren Texten.

Und die, die selbst aus dem Detailgewirr der Derivate eine große Erzählung machen könnten? Reporter mit unerschöpflichen Spesenaccounts und erzählerischen Fähigkeiten, die Zahlen zum Leben erwecken können? Wussten nichts davon und wollten es auch nicht wissen. Wirtschaftsthemen galten vor der Finanzkrise in Deutschland als unsexy; eine große Reportage zu schreiben bedeutete bis vor wenigen Jahren, die Welt aus der Perspektive von Machtlosen und Unterprivilegierten zu betrachten, nach unten zu blicken statt nach oben. Auch ist die Dramatik dort meist schneller zu begreifen.

Dass eine Gruppe von Reportern auf ein komplexes Thema angesetzt wird, kommt seit dem 11. September häufiger vor – aber nur, wenn die Katastrophe passiert ist. Ein einzelner, der sich, sagen wir 2005, wochenlang hätte freinehmen wollen, um sich in die Welt der Derivate zu begeben, hätte sich seiner Sache schon sehr sicher sein müssen. Denn wäre er mit leeren Händen wiedergekommen oder hätte um fünf weitere Wochen Recherchezeit gebeten (weil das alles so kompliziert ist), dann hätte er ein Problem gehabt.

Mit dem Journalismus ist es wie mit dem Investieren. Es ist schwer, gegen den Mainstream zu arbeiten. Das hat nichts mit Ideologie zu tun. Es hat nicht einmal etwas mit Wirtschaftsjournalismus zu tun. Es hat damit zu tun, dass wir alle, auch unsere Leser, Nachrichtenzyklen unterliegen, die dafür sorgen, dass bestimmte Ideen jahrelang fast unpublizierbar sind – zu merkwürdig, zu schwer verdaulich, irgendwie aus der Zeit gefallen.

Man kann das am Yoga erklären: Zwischen 1980 und 2000 galt Yoga als Hippie-Sache. Egal, wie toll seine Wirkung: Eine Geschichte war es nicht. Erst als zwei Dinge zusammenkamen – ein wachsendes Interesse an Spirituellem und eine Verwestlichung des Yoga –, konnte man in einer Mainstream-Zeitung darüber schreiben. Und plötzlich (denn auch die Wissenschaft unterliegt solchen Zyklen) gab es Untersuchungen, die die positiven Effekte des Yoga nachwiesen. Was wiederum den Journalisten hilft, ihre Geschichten zu verkaufen und das Interesse an Yoga weiter verstärkt. Diese Welle wird noch ein paar Jahre anhalten – bis sie bricht.

Dann werden die einzigen Geschichten, die man noch über Yoga hören will, von bösartigen Yogalehrern handeln, von Yogaverletzungen oder besser noch: Yogatoten. Das ist (öffentliche Personen wissen es) eine starke Dramaturgie, viel stärker, als Medien sie je schaffen könnten. Oder andersherum: Eine Redaktion, die keinen Respekt vor der Welle hat, die zu weit vorn oder zu weit hinten ist, wird nicht erfolgreich sein. Gegen die Welle anzuschreiben ist nicht unmöglich. Aber Spaß macht es nicht. Es gibt keine »amerikanischen Wissenschaftler«, die Beweise liefern, keine Leser, keinen Platz, und es erscheint auf Seite 28 unten.

Heike Buchter sagt, intern seien ihre Geschichten damals gut angekommen. Die Redaktion machte sie zur Wirtschaftskorrespondentin, eine Möglichkeit, sich wochenlang in Akten einzuwühlen, Geschichten hinter den Zahlen zu finden, statt nur hinter den großen Namen der Wall Street.

Sie vertiefte sich in Hedgefonds, Private Equity, Computerhandel. Das Thema ABS verlor auch sie aus den Augen. Schließlich sei ja auch nichts passiert. Erst Ende 2006 recherchierte sie wieder dazu – und schrieb eine Geschichte über Kreditverbriefung, die mit einem New Yorker Hausbesitzer begann und bei Banken in Deutschland endete. Das sei eine schöne Zeit gewesen, die Blütezeit des investigativen Finanzjournalismus, auch wenn heute das Interesse an ihrem Thema bei den Lesern schon wieder am Abflauen sei. Zumindest wenn nicht das Wort »Derivate« in dem Text auftauchte. Dabei lägen die Probleme inzwischen ganz woanders. Und wo?

Das sei eine lange Geschichte, sagt Heike Buchter. Sie ist abstrakt, kompliziert, und keiner will sie hören.