Der Reporter, ein undankbarer Gast

Es ist sechs Jahre her, dass ich die Familie T. zuletzt gesehen habe, aber ich erinnere mich gut an sie. »Der Jörg von der ZEIT ist da!«, rief Herr T., als ich wieder einmal zu Besuch in die kleine Erdgeschosswohnung am Rand Berlins kam, ich war zum Mittagessen eingeladen. Herr T. hatte gekocht, er war als Handwerker gerade arbeitslos. Es gab Kassler und Kartoffelpüree. Dann saß ich mit den T.s und ihrem jüngsten Sohn im Wohnzimmer, stellte Fragen und machte Notizen. Sie ahnten nicht, dass Journalisten sich für solche Freundlichkeiten nicht unbedingt erkenntlich zeigen.

Ich fand die T.s sympathisch: normale Leute, ohne die Glätte der Mächtigen und Funktionsträger, auf die man als Reporter häufig trifft. Sie lachten gern über sich selbst – Vater, Mutter, Sohn witzelten über ihre größte gemeinsame Schwäche: Sie waren zu dick. Viel zu dick sogar. Und weil man das immer vor Augen hatte, nahmen ihre Witze einem etwas von der eigenen Befangenheit. So ließen die T.s auch den Druck aus dem mit Schuld und Scham besetzten Thema.

Herr T. grinste und lud sich den Teller voll. »Ich war als Kind schon pralle.«

»Biste heute noch!«, rief der Sohn, er klatschte sich auf den Bauch.

Ich hatte die T.s über eine Ärztin kennengelernt, die dicken Kindern beim Abnehmen hilft. Ihr Sohn P. war elf Jahre alt und wog 80 Kilo. Er war jenes deutsche Kind, dessen Anblick Politiker im Jahr 2005 in Aufregung versetzte: Jedes fünfte Kind sei zu dick, hatten Statistiker herausgefunden, und es sah so aus, als würde das ganze Land über kurz oder lang fett und schlaff werden. In der Küche der T.s schien es um unser aller Zukunft zu gehen. Deshalb besuchte ich die T.s ein Jahr lang immer wieder, dann schrieb ich meine Eindrücke auf.

In der Redaktion wurde der Text gelobt. Die Familie T. habe ich nicht gefragt, wie sie ihn fand. Ich hatte sie öffentlich ausgestellt, zwar mit verändertem Namen und einem Foto, auf dem selbst Nachbarn den Sohn nicht erkennen konnten, aber doch auf der Basis freundlicher Begegnungen – ein leises Unbehagen hielt mich von einem Anruf ab. Könnten sie die Reportage als Beleidigung empfunden haben, diesen kalten Blick auf sich selbst? Weitere Fragen bohrten, auch beim Schreiben anderer Texte: Was macht man als Journalist mit den Menschen, über die man schreibt? Was bildet man da mit welchem Recht und welchen Folgen ab?

Journalisten sprechen oft von der nötigen »Zuspitzung«. Sie meinen Dramatisierung. Jede Beschreibung ist nur ein Splitter der Realität, vielleicht sähe ein Zweiter im selben Moment etwas ganz anderes. Der Reporter ist immer im Zwiespalt: Er sucht das Farbige, Aussagekräftige, und zugleich müssen seine Sätze der Wirklichkeit gerecht werden. Was ist noch vertretbar, was schon zu viel? Und wieweit verpflichten Höflichkeit und Fairness gegenüber Menschen, die sich einem geöffnet haben? Das richtige Maß muss man finden. Bei Mächtigen können ganz andere Maßstäbe gelten als bei Leuten von nebenan. Ältere Kollegen geben gern den Rat, in jedem Fall so zu schreiben, dass man den Porträtierten ohne schlechtes Gewissen unter die Augen treten kann. Da muss was dran sein.

Die Reportage Schweres Los , in großem Abstand wieder gelesen: Das Drama eines dicken Jungen, der eigentlich keine Chance hat, auch weil seine Eltern ihm das Dicksein als ausweglos vorleben. Eine Geschichte, die beim Leser kalkuliert Wirkung erzielt, weil dieser Junge wohl in jedem von uns ist: da, wo wir scheitern, ohne recht zu wissen, warum.

Die Familie ist nicht unsympathisch dargestellt, aber die Autorenkamera zeigt ausgiebig das Desolate. Wie die T.s über ihr Leid hinwegreden, es gar nicht als solches sehen. Trotzdem ist der Eindruck jetzt: Da ist etwas zu schwarz-weiß gezeichnet. Die kleinbürgerliche Familie auf dem Sofa wird ausgestellt »in riesigen Sweatshirts, die sie trotzdem ganz ausfüllen«. Wo ist all das, was den Autor einmal für sie eingenommen hat? Es fehlt eine Schattierung. Haben die T.s sich in dieser Beschreibung am Ende halbwegs wiedergefunden oder den Autor verflucht?

Nun also doch: ein Anruf bei der Familie, sechs Jahre später. Es meldet sich P., der Sohn, seine Stimme ist viel tiefer als damals. Er muss heute 17 Jahre alt sein. Er erinnert sich sofort. Wie er den Artikel fand?

»Gut«, brummt er. Mehr sagt er nicht, aber er wird ja auch überrumpelt. Er holt seine Mutter ans Telefon. »Der Artikel war nicht ganz so, wie ich ihn mir erhofft hatte«, sagt sie freundlich. Aber sie erinnere sich nicht genau. Ob man ihn noch mal schicken könne?

Ein zweiter Anruf, ein paar Tage später. Frau T. hat der Familie laut vorgelesen.

»Wir haben uns köstlich amüsiert«, sagt sie und lacht. Im Ernst? »Na ja, manche Sachen waren schon komisch geschrieben, und manche passten nicht zu uns. Da war so ein vorwurfsvoller Ton. Und gar nichts über unseren Zusammenhalt. Es ist uns doch nicht egal, dass wir dick sind, so haben Sie uns aber dargestellt. Manchmal haben wir uns gedacht: Das sind nicht wir.«

Jörg Burger ist Redakteur beim ZEITmagazin