Journalisten Eine Klasse für sich?

Leser kritisieren uns in Briefen und E-Mails: Journalisten seien elitär, abgehoben, weltfremd. Haben sie recht? Drei ZEIT-Redakteure antworten.

Neu ist die Heftigkeit der Vorwürfe

»Es ist nicht begreiflich, dass Journalisten die Meinung der Mehrheit ignorieren«, schrieb uns Frau C., und diese Meinung war ihrer Ansicht nach völlig eindeutig: nämlich dass Karl-Theodor zu Guttenberg, das politische Großtalent, Minister bleiben sollte. Was aber taten die Journalisten? »Es wird immer weiter auf Guttenberg draufgedroschen, obwohl das Volk sich eine andere Meinung gebildet hat als die von Opposition und Massenmedien gewünschte. Hauptsache, nachquasseln, beleidigen und diffamieren.«

Eine von insgesamt 567 ZEIT- Leserinnen und Lesern, die ihrem Herzen Luft machten, als landauf, landab über die Affäre Guttenberg gestritten wurde. Bei Weitem nicht alle waren der Meinung von Frau C., die streng mit unserer Berichterstattung ins Gericht ging. In vielen dieser Briefe ging es nicht um Plagiate, Wertmaßstäbe und politisches Kalkül, sondern um die Rolle der Journalisten, in dieser Angelegenheit speziell, aber auch grundsätzlich. Richtig zufrieden ist man mit unserer Arbeit offenbar nicht.

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Dass Journalisten kritisiert werden, ist nicht neu. Neu ist die Heftigkeit der Vorwürfe. Früher schrieben Leser Postkarten und Briefe, wenn ihnen etwas nicht passte. Einige handschriftlich, andere mit der Schreibmaschine verfasst, Fehler sorgsam mit Tipp-Ex verbessert. Heute wird gemailt. Zurückgeschlagen. Parallel zur Beschleunigung der Medien hat sich die Leserschaft, früher als »schweigende Mehrheit« verachtet, munitioniert. Die Posse um Guttenbergs Rücktritt hat den Graben zwischen Journalisten und Publikum vertieft. Leitartikler, Redakteure, Moderatoren sind zu Hassobjekten geworden, eitel, selbstverliebt und abgehoben. Was draußen im Lande eigentlich los ist, davon haben »die« sowieso keine Ahnung.

Als vor knapp einem Jahr Hauptstadt-Kommentatoren dem zurückgetretenen Bundespräsidenten Fahnenflucht vorwarfen, war die Reaktion beim Wähler eine komplett entgegengesetzte: Dass Horst Köhler »denen da in Berlin« die Brocken hingeschmissen hatte, fanden sie richtig gut. Ein Akt der Aufrichtigkeit, der zu dem Mann passte, den sie nie als Berufspolitiker wahrgenommen hatten. Dann passierte Guttenberg.

Die einen schäumen über »die unerträgliche Hetze«. »In welcher Zeit leben Sie eigentlich?«, fragt Herr M. und erinnert mal kurz an die eigentliche Aufgabe der Medien: »Hunderttausende von Bürgern vor den Kopf zu stoßen ist wohl nicht Ihr Auftrag.« Herr K. erkennt ein »Trommelfeuer der Meinungsmache«, und Dr. L. hat es einfach nur satt: »Ich habe es nicht nötig, mich von Ihren Redakteuren beschimpfen zu lassen, nur weil ich eine andere Meinung vertrete.« Auch Frau S.S. ist empört über die Verkommenheit der Branche: »Politische Bildung, guter Journalismus sind Ihnen fremd. Stattdessen Selbstgerechtigkeit und Moralpauke.« Was Guttenberg angetan worden sei, bezeichnet sie als »eine Treibjagd in Wildwest-Manier«, um hinzuzufügen: »Und Sie schämen sich nicht!«

Andere wie beispielsweise Herr A. ironisieren. Seinen Ärger über die Berichterstattung der ZEIT verpackt er sorgfältig: »Das war ja wohl ein gefundenes Fressen für die journalistische Klasse... Alles unter dem Motto: ›Es muss uns doch gelingen, den zu Guttenberg aus dem Amt zu quatschen und zu schreiben‹.« Einige zornige Absätze später zieht er Resümee: »Je aufmerksamer ich in letzter Zeit Äußerungen und Kommentare von Journalisten höre und lese, komme ich zu dem Schluss, allein diese Experten-Gruppe gehört eigentlich an die Regierung! Denn nur sie wissen genau, was auf allen relevanten Feldern von Wirtschaft bis Kultur das Richtige ist. Armes deutsches Volk, das diese Kompetenz entbehren muss.«

Herr L. schlägt vor, das ursprüngliche ungarische Mediengesetz für deutsche Printmedien einzuführen, damit in Zukunft »solche unausgewogenen Zeitungsartikel, die gegen journalistische Ethik verstoßen, mit Strafe belegt werden«.

Anna von Münchhausen ist ZEIT-Textchefin und betreut die Leserbriefseite

Leser-Kommentare
    • Kriton
    • 13.04.2011 um 15:37 Uhr

    Nichts ärgert mich mehr als eine Anmaßung, in die ich selbst unwillentlich subsumiert werde - und genau darin liegt der Unterschied zwischen den JournalistInnen von Qualitätsmedien, die i.d.R. aus ihrer Perspektive schreiben und den eingangs zitierten Leserbriefen, die sich einbilden, "das Volk" zu repräsentieren. Als Mitglied dieses Volkes beharre ich auf dem Recht einer eigenen Meinung, die weder im Boulevard wiedergegeben wird, noch in denjenigen Leserbriefen, die unbeschwert von jeglicher Argumentation, eine "Volksmeinung" herausposaunen. ICH (als eigenständiges, vernunftbegabtes Individuum) lese gerne durchdachte Kommentare, intelligente Kritiken und bin auch noch der Meinung, dass nicht nur Guttenberg falsch gehandelt hat, sondern dass auch diejenigen, die den Verstoß gegen die wissenschaftliche Redlichkeit deckten oder bagatellisierten, sich an Fundamenten unserer Gesellschaft vergangen haben.

  1. Nein, Herr Jessen, da stapeln sie zu tief. Sobald ich die DIE ZEIT in die Hand nehme, lese ich erstmal das Zeitmagazin, klar, Buntheit ist nicht zu toppen. Aber dann schon an zweiter Stelle greife ich zum Feuilleton. Mag sein, dass es an meinem Kulturinteresse liegt, aber mir erscheinen Feuilleton-Artikel auch nachhaltiger (vielleicht das, was man philosphisch nennt). Jedenfalls erinnere ich mich an solche eher als an andere. Ich kann ihnen ein paar Artikel aus dem Stegreif aufzählen: Ijoma Mangold, wie er über Heinrich Böll schreibt, aber natürlich, ich will es nicht verschweigen, alle Artikel Ihres Kollegen Thomas Assheuer: "Vorwärts, Genosse!" ist mir immer noch sehr präsent(Schade, dass er so selten schreibt). In manchen anderen Zeitungen ist das Feuilleton zum Wegwerfen, Ergebnis von Sparmaßnahmen? Möglicherweise! Ich wünsche mir, dass sich DIE ZEIT ihren Ruf als Zeitung mit spannendem Feuilleton erhält!!!

    • essilu
    • 15.04.2011 um 18:24 Uhr

    ..."Wunderbare(r) Artikel" schließe ich mich an.
    Meine besondere Sympathie gilt hier Herrn Jens Jessen "Kleine Rede an die Verächter des Feuilletons". Sie sprechen mir aus der Seele...
    In diesem Zusammenhang bin ich traurig, dass der große Ryszard Kapuscinski nicht mehr unter uns weilt...

    Wünsche allen ernsthaften, kritischen und unverhohlen "anspruchsvollen" Geistern unter uns ein schönes Wochenende...
    mit einem kleinen Schmankerl aus YouTube zum Genuss:

    YouTube:
    Gerhard Polt - Democracy [in Afrika] (with Blackboard)
    (9:54 min.)

  2. Mir sind Journalisten nicht kritisch genug. Auch in der ZEIT. Ich vermisse wirklich kritische Nachfragen in Interviews: Herr Westerwelle, sie haben "mehr netto vom brutto" versprochen. Warum haben Sie Ihr Versprechen nicht eingehalten? Frau Merkel, Sie wissen, daß die Mehrheit in Deutschland gegen Atomkraft ist, was denken Sie sich dabei, die Laufzeiten zu verlängern? An alle Abgeordneten in allen Parlamenten: Habt Ihr neben Eurem Job als Volksvertreter wirklich Zeit für Nebentätigkeiten? Vielleicht ist es aber so, liebe Journalisten, daß Ihr fürchtet, nächstes Mal nicht mehr mitfliegen zu dürfen wenn Ihr richtige Fragen stellt? Wir brauchen Journalisten, die an die politische Führung strenge Maßstäbe anlegen. Es müssen strengere Maßstäbe als für nicht privilegierte Normalbürger gelten. Ihr seid die vierte Gewalt. Ihr seid verpflichtet, dem Volk die Wahrheit zu sagen, daß die Region um Fukushima für die nächsten paar Tausend Jahre unbewohnbar ist. Die Wahrheit, daß Ärzte und Apotheker gewinnorientierte Unternehmer sind und zuerst an sich selbst denken, wenn sie mit der Regierung über eine Gesundheitsreform verhandeln. Die Wahrheit, daß niemand weiß, wovon die Normalbürger, die jetzt Mitte 30 sind, im Alter einmal leben werden. Und die vergleichsweise unbedeutende Selbstverständlichkeit, daß jemand, der nicht einmal seinen Doktortitel selbst erarbeiten kann, als Beamter ungeeignet ist. Solche Leute nennt man nämlich: Lügner.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Warum kritisieren sie nicht den Artikel Ihres Chefredakteurs, der noch kurz vor dem Abtritt Guttenbergs auf Seite 1 Ihrer Wochenzeitung sich auf den Standpunkt stellte, Guttenberg könne bleiben, zumal den deutschen Promotionsordnungen eh "schnurzpiepegal" seien?
    Warum kritisieren Sie nicht die Artikel von Sabine Rückert über den Kachelmann-Prozess, die jegliche journalistische Distanz vermissen lassen, eine Journalistin, die sich nicht scheut, einen Hamburger Anwalt in einem laufenden Verfahren als Alternative anzupreisen und ihn dann den Lesern als eine Art "Gutmensch" nahezubringen?
    Warum kritisieren sie nicht, dass ihr Ex-stellvertr. Chef Matthias Nass sich an der Vorbereitung und Durchführung der
    Bilderbergkonferenz massgeblich engagiert, eine Konferenz die durch Ausschluss der Öffentlichkeit eine Verhöhnung von demokratischen Prinzipien darstellt?

    Dr. Alexander von Paleske
    Arzt für Innere Medizin, Hämatologie
    Leitender Arzt
    Bulawayo/Simbabwe
    Ex Rechtsanwalt beim Landgericht Frankfurt (M)

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