Wir hätten einander auch draußen am Wasser, bei der Kleinen Meerjungfrau begegnen können oder auf einem Karussell im Tivoli: drei Paare fortgeschrittenen Alters, eines aus Schwaben, zwei aus Schweden, eine junge Frau mit Dreadlocks, ein deutsches Pärchen in tief sitzenden Röhrenjeans – Touristen, die sich in Kopenhagen zufällig auf eine Sehenswürdigkeit verständigt haben. Draußen an der Prinsessegade schlagen die Glocken der Erlöserkirche drei Uhr. Die Sonne scheint, und die Jugendlichen, die mit haschroten Augen von der Pusher Street herüberschlurfen, tragen die Kapuzen ihrer Sweatshirts auf den Schultern. Es wird Frühling in Christiania .

»Gehen Sie nicht als Tourist nach Christiania«, schrieb der Fotograf Mark Edwards 1980 in seinem Buch Christiania – Versuche, anders zu leben: »Sie werden sich unbehaglich und fehl am Platz fühlen und nichts erfahren.« Die Kopenhagen-Besucher sind seinem Ratschlag nie gefolgt. Laut Stadtmarketingbüro Wonderful Copenhagen gehört die »Fristad« auf der künstlichen Insel Christianshavn zu den fünf beliebtesten Attraktionen der Hauptstadt. Rund eine Million Touristen passieren jährlich den Torbogen mit der Aufschrift »Sie verlassen jetzt die EU«.

Wir folgen unserer Führerin Nina, die ihr Lastenfahrrad durch den feuchten Kies schiebt, laufen vorbei an den Fassaden alter Kasernen, überwuchert von Graffiti-Flechten, werden von wütenden Radfahrern in Reih und Glied geklingelt, sehen Menschen in gelassener Ausflugsstimmung, mit Sonne im Haar und süßlich duftenden Rauchschwaden über den Köpfen auf den Wiesen sitzen. Sähe die Welt überall so aus, wenn die Siebziger nie zu Ende gegangen wären?

Vor fast 40 Jahren, am 26. September 1971, riefen ein paar Hausbesetzer auf dem Gelände einer verlassenen Kaserne, 15 Gehminuten vom Zentrum Kopenhagens entfernt, die »Fristad Christiania« aus. Sie richteten die leer stehenden Gebäude her, bauten Holzhütten am Ufer des seebreiten Wehrgrabens, legten Wasserleitungen und Stromkabel und schufen eine Selbstverwaltung, die Entscheidungen nach dem Konsensprinzip treffen wollte.

Dem ökolibertären Geist von Zeit und Szene folgend, gab das Gremium Verkauf und Konsum weicher Drogen auf seinem 34 Hektar großen Territorium frei, verbot das Autofahren, und der dänische Staat als Eigentümer ließ die jungen Leute gewähren – zumal sie regelmäßig ihre Abgaben für Strom und Wasser beglichen und ein Auffangbecken für Gestrandete der Gesellschaft boten, für Obdachlose, teenage rebels und Nonkonformisten. Es heißt, mancher Psychiater habe seinen Patienten nach Entlassung aus der Psychiatrie dazu geraten, in Christiania neu anzufangen, weil das gesellschaftliche Normalitätsgebot nirgendwo durchlässiger ist als hier. Elf Kabinette kamen und gingen, Christiania blieb. So war es bis zur Jahrtausendwende.

Als jedoch 2001 eine liberal-konservative Koalition die dänische Regierung übernahm, begann ein Rechtsstreit über die Zukunft des Geländes. Das angrenzende Quartier Christianshavn ist ein angesagtes Viertel, die Lage Christianias damit für Privatinvestoren und gut situierte Bohemiens äußerst attraktiv. Zudem ist die konservative Regierung nicht mehr bereit, den Drogenhandel entlang der Pusher Street, direkt am Eingang zu den ehemaligen Kasernen, zu tolerieren. Wo früher freundliche Hippies braune Haschischbrocken über ihre Ladentheken schoben, kämpfen heute immer häufiger organisierte Banden um die Vorherrschaft.

Nina, selbst Christianiterin, macht mit der Gruppe einen Bogen um die Pusher Street, schwenkt ein in die Fabrikstraße, wo wochentags die berühmten Kastenfahrräder zusammengeschraubt und alte Öfen restauriert werden, von denen einige Exemplare schon in Harry Potter- Filmen zu sehen waren. An einem herrenlosen Flohmarktstand deponieren Christianiter alte Kleidung – wer hat, der gibt, wer braucht, der nimmt sich. Die meisten Regeln Christianias sind leicht zu verstehen.

Gegenüber vom Spielplatz, auf dem Kinder in alten Autoreifen über eine Seilbahn toben, ist das Grundgesetz des Kollektivs an eine Holzwand geschlagen. Man würde an dieser Stelle ein paar Ismen vermuten – kein Rassismus, kein Sexismus. Stattdessen: keine Waffen, keine Explosivstoffe, keine schusssicheren Westen. Und keine harten Drogen – darauf, sagt Nina, hätten sie sich schon früh, Ende der siebziger Jahre verständigt. Junkies, die zum Entzug bereit waren, kamen damals in einer der Kasernen unter. Die anderen stellte man in Unterwäsche auf die Straße und rief die Polizei. »Es gibt kein Paradies ohne ein bisschen Scheiße in der Ecke«, sagt Nina.