Sachbuch "Soldaten""Das hat Spaß gemacht"

Sönke Neitzel und Harald Welzer entdecken in den Abhörprotokollen der Alliierten die ganz normale Unmenschlichkeit deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg. von Wolfram Wette

Wer geglaubt hatte, das Interesse an der Erforschung der Geschichte der Wehrmacht sei nach dem großen Erfolg der Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944 erloschen, hat sich gründlich getäuscht. Die damalige öffentliche Debatte hat viele neue Untersuchungen angestoßen – unter anderem über das Führungspersonal der Wehrmacht, den Kommissarbefehl, die Judenmorde in verschiedenen Regionen Europas, die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion, über Mitwisserschaft und Mittäterschaft von Wehrmachtsoldaten, über Prostitution und sexuelle Gewalt im Krieg, über die Kriegsendephase und das Pathos des »Untergangs«, über die Wehrmachtjustiz, über Täter, Kameradschaft, Deserteure, »Retter in Uniform« und Kriegsheimkehrer.

Seit der Publikation von Sönke Neitzels Buch Abgehört , in dem über die decouvrierenden Plaudereien deutscher Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942 bis 1945 berichtet wird, wissen wir, dass die Briten nicht nur – durch die Entschlüsselung des deutschen Enigma-Systems – über die Mordtaten der Einsatzgruppen, sondern auch über das Innenleben der deutschen Wehrmacht bestens informiert waren. Das neue Buch Soldaten stellt in gewissem Sinne eine Fortsetzung von Abgehört dar.

Anzeige
Wolfram Wette

ist emeritierter Militärhistoriker an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Von ihm erschien Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden und zuletzt: Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden, Fischer Verlag 2011.

Verfasst wurde es von dem Mainzer Historiker Sönke Neitzel und dem Essener Sozialpsychologen Harald Welzer, denen eine sechsköpfige Forschergruppe zuarbeitete. Sie sichtete den riesigen Quellenbestand von etwa 150.000 Seiten aus den Nationalarchiven in Großbritannien und in den USA und werteten ihn aus. Hauptsächlich stammen die abgehörten Gespräche aus den Jahren 1940 bis 1945.

In dem neuen Band stehen nicht die Generäle im Vordergrund, sondern kriegsgefangene Soldaten mit niedrigen Dienstgraden, einfache Mannschaftssoldaten, Piloten, Kampfschwimmer, »Etappenhengste« – die ganze Bandbreite der Wehrmacht. Während sich die Briten mehr für die Funktionselite der Wehrmacht interessierten, konzentrierten sich die Amerikaner auf die einfachen Soldaten aus den Kampfeinheiten. Obwohl diese an den westlichen Kriegsschauplätzen in Gefangenschaft gerieten, handeln einige Gespräche auch von der Ostfront, wo die betreffenden Soldaten zuvor eingesetzt gewesen waren.

Sensationelle Neuigkeiten über die Kriegführung der Wehrmacht oder über Kriegsverbrechen enthält der Band nicht, zumindest nicht für die Fachwelt. Wohl aber sind die dokumentierten Aussagen von einfachen Soldaten ein wesentlicher Beitrag zu einer Mentalitätsgeschichte der Wehrmacht. In ihrer Unmittelbarkeit und Ungeschminktheit sind sie geeignet, jene Zeitgenossen zu verstören, die teilweise noch immer an die Legende von der »sauber« gebliebenen Wehrmacht glauben und unleugbare Verbrechen als Randphänomene abtun.

Die Soldatenerzählungen leuchten ins Zentrum des total geführten Krieges hinein. Von völkerrechtlichen Kriegsregeln ist kaum je die Rede. Die Übergänge zu Verbrechen werden fließend. Bei den einfachen Soldaten, die in der Kleingruppe, der »Kameradschaftsgruppe«, ihre Orientierung suchten und nicht in irgendwelchen Ideologien, entstand auch bei Überschreitungen kein Unrechtsbewusstsein. Das Töten wurde zur normalen Routine, gelegentlich auch das Töten von Frauen, Kindern und unbeteiligten Zivilisten. Neitzel und Welzer stellen fest: Man finde in diesen Quellen »erstaunlich wenig Empörung« über die Verbrechen.

In den Gesprächen der kriegsgefangenen Soldaten der Wehrmacht wurden auch Tabuthemen nicht ausgespart, die in kaum einem Feldpostbrief zu finden sind. Der Brief aus dem Krieg richtete sich bekanntlich an die Angehörigen in der Heimat, und die Intention des Verfassers bestand in aller Regel darin, die Empfänger nicht zu beunruhigen. Der Gesprächspartner im Kriegsgefangenenlager dagegen war ein Kamerad, der Ähnliches erlebt hatte wie man selbst und dem gegenüber solche Zurückhaltung nicht erforderlich war. Hier konnte man Tacheles reden und mit den eigenen Heldentaten angeben. Man brauchte nicht zu leugnen, dass Krieg auch Spaß machen und das Töten einen Lustgewinn bedeuten konnte.

Leserkommentare
  1. ist doch völlig fern der Realität - als hätte der "normale" Wehrmachtssoldat "gelegentlich" Frauen, Kinder und unbeteiligte Zivilisten getötet. Der normale Soldat hat den Krieg gehasst und daran nichts Positives gefunden.

    Mir scheint eher, dass Forschung, die die besonders schwere deutsche Schuld aller (deutschen) Beteiligten feststellen soll, auf "biegen und brechen" betrieben wird, um Deutschland auf ewig in eine Art Sippenhaft nehmen zu können.

    Perverse gibt es bei jeder Armee. Das hat aber mit Krieg und Armeen insgesamt etwas zu tun und nicht insbesondere mit der deutschen Wehrmacht.

    Es lässt sich mit Briefen so ziemlich alles belegen und beweisen. Das sind aber keine Quellen, die man zur Grundlage wissenschaftlich-seriöser Arbeit machen sollte.

    Anm: bitte vermeiden Sie Unterstellungen und belegen Sie Ihre Aussagen mit Quellen. Danke. Die Redaktion/lv

    18 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Es lässt sich mit Briefen so ziemlich alles belegen und beweisen. Das sind aber keine Quellen, die man zur Grundlage wissenschaftlich-seriöser Arbeit machen sollte."

    Haben sie 'ne Ahnung…

    "…ist doch völlig fern der Realität - als hätte der "normale" Wehrmachtssoldat "gelegentlich" Frauen, Kinder und unbeteiligte Zivilisten getötet. Der normale Soldat hat den Krieg gehasst und daran nichts Positives gefunden."

    Dann haben sie da bestimmt beste Quellen für.

    m.E. ist das recht schwer zu quantifizieren und ich persönlich fühle mich auch nicht dazu berufen über die Aussage, dass Kriegsgefangene der Wehrmacht systematisch ausgehungert wurden und in anderen Konflikten nicht, irgendeine gescheite Aussage zu treffen. Zumindest nicht auf Grundlage dieses Artikels.

    Dass es Soldaten gibt, denen töten Spaß macht, ist dabei aber kaum was neues. Da reicht auch ein Gedächtnis von weniger als 10 Jahren. Abu-Grahib, die Erschießung von Reuters-Mitarbeitern im Irak oder ganz aktuell die Tötung von Zivilisten aus Spaß im Irak.

    Von daher halte ich, liebe Redaktion, diesen Artikel für furchtbar schlecht. Er enthält keine wesentlichen Neuinformationen, aber sehr viele Behauptungen, die möglicherweise im Buch belegt werden, aber hier nicht. Was soll man also mit diesem Artikel anfangen?

    Vielen Dank für diese Aufklärung, die hier unbedingt angebracht ist.

    ohne irgendeine Quelle dazu lesen zu müssen, dass dies wahr ist. Denn ich weiss, zu was der Mensch aus Neugier, Wut, Hass, Angst und sogar aus Spass, fähig ist. Ich empfinde Ihren Kommentar als höchst bedenklich, wahre aber gewisse Forenregeln.

    http://de.wikipedia.org/w...

    Mit tiefer Recherche könnte man da sicher noch viel mehr finden, aber das führt mit Sicherheit zu keiner anderen Erkenntnis, als dass es so viele Perspektiven über diese Zeit gibt, wie es Soldaten gab. Vom Perversen bis zum Lyriker wird das Spektrum bestimmt reichen...

    Was ist denn bitte ein "normaler" Soldat? Und was ist, wenn es diesen Ihrer Meinung nach gibt/gab, dann ein "anormaler" Soldat?! Vielleicht kann ich dann Ihrem Gedankengang folgen. Was ich bezweifle.

    "Mir scheint eher, dass Forschung, die die besonders schwere deutsche Schuld aller (deutschen) Beteiligten feststellen soll, auf "biegen und brechen" betrieben wird, um Deutschland auf ewig in eine Art Sippenhaft nehmen zu können."

    Diese Meinung ist genau der Grund, warum die Aufarbeitung des zweiten Weltkrieges bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Liegt es nicht im ureigenen Interesse unseres Landes, die Gruende unserer juengeren Geschichte so genau wie nur irgend moeglich nachzuvollziehen und zu begreifen, um wirklich zu verstehen, wie es dazu kommen konnte?
    Wie genau sollte Deutschland in Sippenhaft genommen werden, wo doch die meisten Zeitzeugen bereits tot sind? Ich empfinde keinerlei Schuld, wenn ich ueber die Graeueltaten der Generation meiner Groszeltern lese. Ich kann zudem keinen Grund erkennen, warum irgendein Teil der damaligen deutschen Bevoelkerung aus der Schuldfrage ausgeklammert werden sollte. Jeder, der dieses Regime auch in kleinster Weise unterstuetzt oder auch nur hat walten lassen, also auch das Ausland, traegt meiner Meinung eine Mitverantwortung, entweder durch Anteilnahme oder "stillschweigender Zustimmung".

    "Perverse gibt es bei jeder Armee. Das hat aber mit Krieg und Armeen insgesamt etwas zu tun und nicht insbesondere mit der deutschen Wehrmacht."

    Ja, und? Nur weil die deutsche Wehrmacht sich nicht untypisch verhalten hat, ist ihr Verhalten nicht weniger interessant fuer das Verstaendnis des Gesamtkontexts im Nationalsozialismus.

  2. 2. Ahja.

    "Es lässt sich mit Briefen so ziemlich alles belegen und beweisen. Das sind aber keine Quellen, die man zur Grundlage wissenschaftlich-seriöser Arbeit machen sollte."

    Haben sie 'ne Ahnung…

    "…ist doch völlig fern der Realität - als hätte der "normale" Wehrmachtssoldat "gelegentlich" Frauen, Kinder und unbeteiligte Zivilisten getötet. Der normale Soldat hat den Krieg gehasst und daran nichts Positives gefunden."

    Dann haben sie da bestimmt beste Quellen für.

    m.E. ist das recht schwer zu quantifizieren und ich persönlich fühle mich auch nicht dazu berufen über die Aussage, dass Kriegsgefangene der Wehrmacht systematisch ausgehungert wurden und in anderen Konflikten nicht, irgendeine gescheite Aussage zu treffen. Zumindest nicht auf Grundlage dieses Artikels.

    Dass es Soldaten gibt, denen töten Spaß macht, ist dabei aber kaum was neues. Da reicht auch ein Gedächtnis von weniger als 10 Jahren. Abu-Grahib, die Erschießung von Reuters-Mitarbeitern im Irak oder ganz aktuell die Tötung von Zivilisten aus Spaß im Irak.

    Von daher halte ich, liebe Redaktion, diesen Artikel für furchtbar schlecht. Er enthält keine wesentlichen Neuinformationen, aber sehr viele Behauptungen, die möglicherweise im Buch belegt werden, aber hier nicht. Was soll man also mit diesem Artikel anfangen?

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Die Studie "
  3. 3. Danke

    Vielen Dank für diese Aufklärung, die hier unbedingt angebracht ist.

    Antwort auf "Die Studie "
  4. das Buch von Eugen Sorg "Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist". Das ist keine wissenschaftliche Studie, aber ich fand Sorgs Darstellung und Gedankengänge überaus schlüssig, um dergleichen Phänomene (wie die "Lust am Töten") zu begreifen.

    4 Leserempfehlungen
  5. Man stelle sich vor, eine Fußballmannschaft in der Männerdusche würde abgehört und daraus würden Rückschlüsse über das Wesen des Mannes gezogen. Das Ergebnis wäre wenig schmeichelhaft.

    In einem Kriegsgefangenenlager war es zweifelsohne wichtig, nicht als "Schwächling" zu erscheinen.

    Ein guter Historiker geht kritisch mit Quellen um. Ich bin sicher die Inhalte dieser Abhörprotokolle sind oft schlimm. Aber zu glauben, sie seien automatisch wahr...

    9 Leserempfehlungen
  6. ohne irgendeine Quelle dazu lesen zu müssen, dass dies wahr ist. Denn ich weiss, zu was der Mensch aus Neugier, Wut, Hass, Angst und sogar aus Spass, fähig ist. Ich empfinde Ihren Kommentar als höchst bedenklich, wahre aber gewisse Forenregeln.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Die Studie "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ihnen ist schon klar wie wenig sinnvoll ihr Kommentar ist, oder?

  7. hat sich nichts geändert. Stichwort Collateral Murder. Aufschlußreich auch Hemingway. Er schildert genüsslich, wie er einen fliehenden deutschen Soldaten in WK II in den Rücken schiesst.

    11 Leserempfehlungen
  8. Ihnen ist schon klar wie wenig sinnvoll ihr Kommentar ist, oder?

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ich weiss,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    denn etwas "pro Nazideutschland" zu veröffentlichen, wird nicht möglich sein.

    Es ist daher immer sehr einfach, den Deutschen von 1933-1945 alles vorzuwerfen.

    Es wird nicht viele Menschen geben, besonders keine Deutschen geben, die Vorwürfen widersprechen.

    Nur soviel dazu: es wird mit Sicherheit viele Briefe von Wehrmachtssoldaten geben, die an den Kriegsgeschehnissen fast zerbrochen sind. Würde man nun daraus ein Buch machen und sagen: die Deutschen Soldaten waren häufig sehr fair und menschlich, dann wäre die Aufregung doch vorprogrammiert.

    In diesem Sinne kann man zu diesem Thema auch sagen: wer provokante Sätze wie "Das hat Spaß gemacht" als Aufhänger nutzt, will sein Buch verkaufen und bedient undifferenzierte Betrachtungsweisen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Günther Anders | Soldat | Verbrechen | England | Großbritannien | Ruanda
Service