Tote Würmer in schlammverschmierten Hosentaschen? Igitt, entfährt es den meisten Eltern. Unverzüglich landen die Kadaver in der Tonne. Keine gute Reaktion, sagt dazu der Philosoph und Biologe Andreas Weber: Kinder brauchen Natur – und wenn es nur eine bescheidene Brache in betonierter Umgebung ist. Hauptsache, es kriecht und krabbelt, gedeiht und vergeht. »Mehr Matsch!«, fordern sichtlich lustvoll drei gut eingesaute, fröhliche Knaben auf dem Einband seines neuen Buches.

Was der Autor eingangs beklagt, ist nicht neu: Unsere lieben Kleinen daddeln am Computer oder hängen stundenlang vor dem Fernseher. Ihr Alltag ist durchgetaktet, festgezurrt auf Autorücksitzen, werden sie von einer Aktivität zur nächsten chauffiert. Da ist kaum verwunderlich, dass inzwischen mehr als die Hälfte aller deutschen Jugendlichen chronische psychosomatische Störungen aufweist, Depressionen, Ängste, Essstörungen oder das Zappelphilippsyndrom ADS.

Dagegen hilft, die Knirpse mehr draußen spielen zu lassen und ihnen mehr Freiheiten zu gewähren. Auch diese Forderung hören wir nicht das erste Mal. Aber die radikalen Argumente, mit denen Weber sie begründet, sind bedenkens-, in jedem Fall lesenswert. Es ist gut, Amseln an ihrem Ruf zu erkennen oder zu beobachten, wie Spinnen Fliegen in ihren Netzen fangen. Aber nicht in erster Linie, weil das Kind dadurch zum Ass in Biologie wird und als Erwachsener womöglich den ökonomischen Wert von Artenvielfalt einzuschätzen vermag. Weber geht es um weit mehr als um diesen funktionellen Aspekt: Natur macht gesund, lautet seine These. Seelisch gesund. Denn der Kontakt zu Bäumen, Wiesen und Tieren sei »Bestandteil der eigenen humanen Identität«.

Belege für diese These findet der Autor in der Hirnforschung, der Entwicklungspsychologie wie auch in der ökophilosophischen Literatur. Objektiv nach geltenden wissenschaftlichen Kriterien erhärten, etwa mit Langzeitstudien, lässt sie sich jedoch nicht. Das weiß Weber auch. Schließlich hat er mit seinem ersten Buch Alles fühlt (Berlin Verlag, 2007) gerade dafür plädiert, die Subjektivität wieder in die Naturwissenschaften einzuführen, weil diese trotz allen Erkenntnisfortschritts bislang nicht schlüssig erklären können, was Leben eigentlich ist. Mit poetischen Worten schildert er darin sein Erweckungserlebnis: Als Jugendlicher macht er an einem kalten Spätwintertag nach der Schule an einem halb zugefrorenen Tümpel Halt. Da taucht ein zackenkammbewehrtes Fabelwesen auf, schnappt kurz Luft und lässt sich wieder ins schlammige Dunkel zurückfallen. Der kurze Blick ins Auge des Teichmolchs lässt das Herz des Heranwachsenden »einen Satz machen« und ihn die »Tiefe der Natur« spüren.

Folgerichtig zieht Weber in seinem jüngsten Werk immer wieder Beobachtungen heran, die er an seinen eigenen Kindern gemacht hat. Wie sie sich im Spiel ganz und gar in Tiere verwandeln können. Und wie sie sich verändern, wenn sie auch nur ein Eckchen Wildnis hinter einer Hecke für sich allein haben. Dabei fließen dem Autor laufend große Worte wie Sehnsucht, Liebe, Freude, Glück aus der Feder. Auf manchen Seiten häufen sie sich bis kurz vor die Schmerzgrenze. Dennoch wirkt diese Sprache glaubhaft. Weber ist kein Esoteriker. Sein subjektiver Ansatz hat nichts mit jenem der vielen wohlfeilen Glücksratgeber zu tun, die lediglich auf Optimierung des Individuums abzielen. Er liefert einen wichtigen Baustein zu einem fundamentalen Wertewandel: Wir sollten uns wieder zu einem Teil der Natur machen, anstatt uns über sie zu erheben.

Also, liebe Eltern und Erziehende: Lassen Sie Wildnis zu, auch wenn es unordentlich aussieht. Schicken Sie die Kinder zum Spielen nach draußen, sooft es geht. Erkunden Sie mit Ihren Sprösslingen, was diese am Wegesrand entdecken, in Pfützen oder unter vermoderten Ästen – auch wenn Sie sich davor ekeln. Selbst überfahrene Frösche oder Igelleichen sind interessant, weil sie nicht weglaufen. Die verendeten Würmer können Sie zu Hause erst einmal unter der Lupe betrachten, bevor Sie sie diskret entsorgen.

Andreas Weber: "Mehr Matsch! Kinder brauchen Natur", Ullstein, Berlin 2011; 256 S., 18,- €