Was wäre, wenn morgen ein Asteroid auf die Erde zuraste ? Wenn ein neues Computervirus das Internet lahmlegte? Wenn ein Vulkanausbruch in der Eifel das Bett des Rheins verstopfte? Keine Sorge, jedes dieser Ereignisse ist äußerst unwahrscheinlich. Andererseits: Wer hätte es vor drei Monaten für möglich gehalten, dass ein Beben vor Japan zu einem Tsunami und zu einer Atomkatastrophe führt, die Baden-Württemberg einen grünen Ministerpräsidenten beschert und die Bundesregierung zu einer Kehrtwende in der Energiepolitik zwingt?

»Die am wenigsten erwarteten Ereignisse haben oft die größte Wirkung«, hieß es Anfang des Jahres an dieser Stelle. Damals versuchte die Redaktion des Ressorts Wissen, einen Blick in die Zukunft zu werfen: Welche überraschenden » Jokerereignisse « könnten 2011 den Lauf der Weltgeschichte verändern? Doch so kühn uns all unsere Prognosen erschienen – heute wirken sie geradezu liebenswürdig naiv. Mit der Wirklichkeit halten derzeit selbst die wildesten Fantasien nicht Schritt.

Da wächst die Sehnsucht nach »normalen Verhältnissen«, gewohnt und überschaubar. Doch wenn es aus Fukushima etwas zu lernen gibt, dann dies: Die Hoffnung auf Normalität bleibt vergeblich. Nicht nur, dass uns das Reaktorunglück noch lange in Atem halten wird – die Krise an Japans Ostküste weist auf etwas viel Grundsätzlicheres hin: Die Verkettung einzelner Unglücke war zwar in dieser Form einzigartig; ihr Muster jedoch ist längst kein Einzelfall mehr.

Wir haben es, wie Risikoforscher diagnostizieren, zunehmend mit einem neuen Typus von Desastern zu tun: Sie gewinnen ihre Wucht aus einer höchst unglaublichen, aber dennoch möglichen Kettenreaktion, die in der eng vernetzten Welt postwendend globale Wirkung entfaltet. Und jede dieser Krisen stellt eine vorher nie dagewesene Situation dar, für deren Bewältigung es keine Bedienungsanleitung gibt. Die Experten stehen vor ihr so ratlos wie ein Arzt vor einer unbekannten Krankheit.

Panikmache? Ein kurzer Blick in die jüngere Katastrophengeschichte lehrt das Gegenteil: 9/11 , die Sars-Pandemie , der Tsunami im Indischen Ozean , die Zerstörung von New Orleans durch Hurrikan Katrina , die globale Finanzkrise , die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, der Blow-out der Ölbohrplattform Deepwater Horizon, Fukushima – lauter Schockereignisse, die Krisenstäbe und Rettungsmannschaften mit Fragen konfrontierten, die sich diese vorher nie gestellt hatten.

»Schwarze Schwäne« hat der Statistik-Philosoph Nassim Nicholas Taleb solche Geschehnisse jenseits des Erwartungshorizonts genannt. Wir halten ihr Auftreten für undenkbar, bis wir plötzlich mit ihrer Existenz konfrontiert werden. »Es gibt vermutlich«, sagt der Risikoforscher Ortwin Renn , »eine Million extrem seltener Ereignisse mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million; das heißt, dass jedes Jahr mindestens eines davon eintritt.« Wir wissen nur nicht, welches. Und ist das Unwahrscheinliche – wie in Fukushima – real geworden, kann man daraus auch nur begrenzt Lehren ziehen. »Das unwahrscheinliche Einzelereignis wird sich eben genau so nicht wiederholen«, sagt Renn.

Zwar nimmt die Zahl der Naturkatastrophen nicht zu. Erdbeben , Vulkanausbrüche oder Monsterwellen gibt es heute nicht häufiger als früher (in Bezug auf die Folgen des Klimawandels ist die Fachwelt noch gespalten). Was aber wächst, ist die Folgenschwere der Desaster (in Industrieländern steigt der Sachschaden, in eng besiedelten Entwicklungsländern die Zahl der Todesopfer). Denn zunehmend kommt es zu »Sekundärkatastrophen«, bei denen die technische Infrastruktur und das Krisenmanagement selbst zum Problem werden.

So verheerend etwa der Tsunami Japan getroffen hat, durch die Reaktorhavarie erhielt das Unglück noch eine weitere, einmalige Dimension. Ähnlich war es nach dem gewaltigen Erdbeben im japanischen Kobe 1995: Damals platzten die Erdgasleitungen in der Stadt. Schwere Brände brachen aus. »Diese technische Katastrophe«, sagt Renn, »forderte am Ende mehr Todesopfer als das Beben selbst.«

Von »Megakrisen« spricht der französische Krisenforscher Patrick Lagadec in diesem Zusammenhang. Lagadec, der an der Pariser École Polytechnique Wirtschaftsmathematik lehrt, ist ein alter Hase im Katastrophengeschäft. Schon 1981 – lange bevor Ulrich Beck den Begriff der »Risikogesellschaft« in Deutschland populär machte – schrieb Lagadec das Buch La Civilisation du risque (»Die Risikozivilisation«).