Der Wind zerrt an den weißen Tischdecken, die Sonne verschwindet immer wieder hinter dunklen Wolken, doch vor dem Grotta Azzurra an der Ecke Broome, Mulberry Street wartet der Kellner unverdrossen auf die ersten Mittagsgäste. »Lunch?«, fragt er knapp und beobachtet aus dem Augenwinkel, wie ein Fernsehteam mit großen Scheinwerfern für die Krimiserie Blue Blood einen echten Frühlingstag simuliert. »Wir drehen oft in Little Italy«, sagt der Kabelschlepper. »Viel Atmosphäre, echtes, altes New York.« Die Türme aus farbigem Glas, die nun schon seit Jahren über die grauen, niedrigen Dächer der Lower East Side hinauswachsen, kommen nicht ins Bild, das Schaufenster des chinesischen Massagesalons und das Werbeschild von Yan Shin Tams Akupunkturpraxis natürlich auch nicht.

Wer an Little Italy denkt, denkt immer noch an die Einwanderer aus Süditalien, die ihre malerischen Dörfer, die Zitronenbäume und Zypressen zurückließen, um in einer winzigen New Yorker Wohnung ohne fließendes Wasser noch einmal ganz von vorne anzufangen. Man denkt an Trattorien mit Fresken vom Vesuv, an großartige Pizza und vielleicht auch an inbrünstigen Diaspora-Katholizismus. Da tut es nichts zur Sache, dass der neuesten Volkszählung zufolge unter den 8600 Einwohnern der 30 Häuserblocks, die einmal Little Italy ausmachten, kein einziger gebürtiger Italiener mehr finden lässt. Dass nur noch fünf Prozent Italoamerikaner sind.

Fodor’s New York City Guide empfiehlt Reisenden, die sich die italoamerikanische Gegenwart anschauen wollen, deshalb die Arthur Avenue in der Bronx. Doch was findet man dort schon? Garantiert nicht den silbernen Karren des Cannoli King, der in Little Italy seit 1973 sizilianische Süßigkeiten auf der Straße verkauft. In der Bronx fehlen auch die berühmten Traditionslokale wie das Grotta Azzurra, das Napoli und das Buona Notte, die bunten Plastikblumen auf den Tischen und die Kellner in schwarzen Anzügen, die in Little Italy seit Jahrzehnten einen Hauch von Old Europe versprühen. Und welche Kneipe getraute sich, so stolz mit dem Mafia-Nimbus der italienischen Einwanderer zu spielen wie die Mulberry Street Bar, die vor zwei Jahren ihren 100. Geburtstag feierte?

Neben die uralten Schwarz-Weiß-Fotografien von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis im Fenster hat der Besitzer vor ein paar Jahren ein Poster von James Gandolfini, dem charmanten Hauptdarsteller der beliebten Mafia-Soap The Sopranos, gehängt. Die senfgelbe Decke ist von Schwaden aus der Zeit, als man in Kneipen noch rauchen durfte, verdunkelt, den Kachelboden durchziehen schmutzige Risse, die Spitzengardinen im Hinterraum sind vergilbt. Ein Gemälde hinter Glas porträtiert die Stammgäste der siebziger Jahre im Stil einer Genrestudie des 19. Jahrhunderts. Dass hier am Wochenende Karaoke geboten wird, spricht nicht gegen die Authentizität des Lokals.

Ein paar Hausnummern weiter, vor der Most Precious Blood Church, hält der heilige Gennaro seit den zwanziger Jahren ein täglich frisches Bündel Geldscheine in der Hand. Noch immer beten die Nachkommen ursprünglich aus Neapel stammender Amerikaner hier zu dem Schutzpatron des Viertels. Im September kommen an die drei Millionen zum Fest des Märtyrers San Gennaro.

Im vergangenen Jahr haben die Boutique- und Restaurantbesitzer des angrenzenden Viertels NoLita – so nennen die New Yorker die Gegend nördlich von Little Italy – gegen das Straßenfest prozessiert, weil der Krach und die Grilldünste ihnen zwei Wochen lang die elegante Klientel vertreiben. Und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis der Schick von NoLita bis nach Little Italy vordringt.

Die renovierten Zweizimmerwohnungen hinter der in den italienischen Nationalfarben gestrichenen Mietskaserne in der Grand Street kosten heute schon mehr als 4000 Dollar im Monat. Manches Traditionslokal hat sich längst nach Staten Island oder New Jersey zurückgezogen, weil es die Mieten nicht mehr zahlen konnte.

»Vielleicht wird es Little Italy nicht mehr lange geben«, sagt Joseph Scelsa, der ehemalige Rektor des Italian American Institute an der City University. Vor zwei Jahren hat der Soziologe in einem ehemaligen Bankgebäude in der Mulberry Street das Italian American Museum eröffnet. Zu den Ausstellungsstücken gehören eine Fin-de-Siècle-Nähmaschine, ein Hochzeitskleid von 1908, diverse Schiffsbillets von der Überseereise und ein Puppentheater. Bis heute hätten nur 16 Prozent aller Amerikaner einen Reisepass, sagt Scelsa. »Wenn sie Italien sehen wollen, fahren die meisten nach Little Italy.« Mit seinem kleinen Museum will er dafür sorgen, dass dieses Italien auch in Zukunft nicht aus Manhattan verschwinden wird.