Bald 40 Jahre nach der berühmten Studie des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums ist das Unbehagen am Wirtschaftswachstum neu erwacht. Auch das atomare Desaster in Japan hat die Frage aufgeworfen, ob die Selbstgefährdung der Industriegesellschaft eine radikale Umkehr erzwingt. Keine Frage: Das gegenwärtige Wachstumsmodell ist nicht zukunftsfähig. Es überlastet die Ökosysteme, von denen die Menschen abhängig sind. Zur Debatte steht die Schlussfolgerung aus diesem Befund: Geht es um Abschied vom Wachstum oder den großen Sprung in eine ökologische Moderne, in der wirtschaftliches Wachstum und Naturverbrauch voneinander entkoppelt sind? Heißt die ökologische Vision Wohlstand ohne Wachstum oder Wachsen mit der Natur?

Schauen wir den Tatsachen ins Auge: Ein Ende des Wachstums ist reine Fiktion. Vielmehr befinden wir uns mitten in einem beispiellosen Wachstumszyklus, der sich noch über die nächsten Jahrzehnte erstrecken wird. Er speist sich aus zwei mächtigen Quellen: dem Anstieg der Weltbevölkerung von heute knapp sieben Milliarden auf etwa neun Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050 sowie den Bedürfnissen der großen Mehrheit der Erdbewohner. Ihre Träume von einem besseren Leben – komfortable Wohnungen, reichhaltigere Nahrung, Computer und Telefon, modische Kleidung, Unterhaltung, individuelle Mobilität und Reisen in fremde Länder – werden sie sich nicht abspenstig machen lassen. Die Frage wird einzig sein, ob dieser gewaltige Schub neuer Güter und Dienstleistungen einen ökologischen Kollaps verursacht oder in nachhaltige Bahnen gelenkt werden kann.

Ende des 18. Jahrhunderts, als die Industrialisierung ihren Anfang nahm, prophezeite der englische Ökonom Robert Malthus , dass die Agrarproduktion nicht mit der rasch anwachsenden Bevölkerung Schritt halten könne. Steigende Lebensmittelpreise und Hungersnöte seien unausweichlich. Für mehr als eine Milliarde Menschen – in etwa die damalige Bevölkerungszahl – biete die Erde keine Lebensgrundlage. Malthus’ Gesetz hatte nur einen kleinen Fehler: Es verlängerte den Status quo in die Zukunft. Wie hätte er auch die bahnbrechenden Entdeckungen des Gießener Lebensmittelchemikers Justus Liebig und seines Zeitgenossen, des Genetikforschers Gregor Mendel, voraussehen können? Die Kombination von Agrochemie und systematischer Pflanzenzucht revolutionierte die Landwirtschaft und vervielfachte die Erträge.

Seither wuchs die Weltbevölkerung auf das Siebenfache, Hand in Hand mit einem steigenden Kalorienverbrauch pro Kopf: ein klassisches Beispiel für das »Wachstum der Grenzen«. Parallel stieg der Energieverbrauch um das Vierzigfache und die Weltwirtschaft um das Fünfzigfache. Welche Kriterien man auch immer anlegt, ob Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Bildungsniveau, gesundheitliche Versorgung, Frauenrechte oder demokratische Freiheiten – der wachsende materielle Reichtum ging einher mit gesellschaftlichem Fortschritt. Auch für bald neun Milliarden Menschen wird es genügend zu essen geben, wenn die nötigen Agrarreformen rechtzeitig eingeleitet werden, die Produktivität der kleinen Farmer steigt, der Überkonsum von Fleisch in den wohlhabenden Ländern sinkt und die Produktion von Biotreibstoffen nicht auf Kosten der Welternährung betrieben wird.

Keine Frage, es gibt ökologische Grenzen des Wachstums, die nur bei Strafe schwerer Umweltkrisen überschritten werden können. Sie liegen vor allem in der Absorptionsfähigkeit der Ökosysteme für die von Menschen verursachten Emissionen. So ist der hausgemachte Klimawandel ein Fiebersymptom für das Überschreiten der Belastungsgrenzen der Atmosphäre. Allerdings können die biophysikalischen Grenzen des Wachstums durch zwei Operationen hinausgeschoben werden, nämlich mittels Steigerung der Ressourceneffizienz (aus weniger mehr machen) sowie mittels der Substitution endlicher Rohstoffe durch regenerative Energien und nachwachsende Werkstoffe, also durch potenziell unendliche Quellen des Reichtums.

Bisher zehrte die Industriegesellschaft von den gespeicherten Energievorräten der Erde: von Wäldern, Kohle, Öl und Gas. Jetzt zeigt sich, dass die Auflösung der Kohlenstoffreserven des Planeten einen lange vernachlässigten Effekt hat, er destabilisiert das Erdklima. Das fossile Zeitalter stößt tatsächlich an seine Grenzen. Das heutige Energiesystem ist so wenig globalisierbar wie unser auf billigem Öl aufgebautes Verkehrssystem. Künftig muss die Menschheit ihren Energiebedarf aus erneuerbaren Energiequellen decken. Gleichzeitig erzwingt die absehbare Erschöpfung vieler Industrie-Rohstoffe den Übergang zu einer Bio-Ökonomie, deren stoffliche Basis aus organischem Material besteht. Letztlich geht es auch hier um Sonnenlicht als primäre Quelle aller Produktion und Konsumtion.