ZEITmagazin: Herr Ischinger, als Diplomat wirkten Sie immer so ausgeglichen und freundlich. Man kann sich kaum vorstellen, dass Sie jemals etwas erschüttert hat.

Wolfgang Ischinger: Oh doch, absolut. Der Krieg in Bosnien ebenso wie die Katastrophe im Kosovo. Und auch von persönlichen Erschütterungen bin ich leider nicht verschont geblieben. Wissen Sie, ich habe jahrzehntelang in dem Bewusstsein gelebt, dass ich vom Glück verfolgt werde. Ich hatte eine junge Frau, wir bekamen drei gesunde Kinder, ich machte Karriere im Auswärtigen Amt. Auf eine Tragödie war ich überhaupt nicht vorbereitet.

ZEITmagazin: Welche persönliche Tragödie war das?

Ischinger: Das ist jetzt elf Jahre her. Florian, unser Ältester, war damals bei der Bundeswehr. Ich habe ihn enorm bewundert, weil er ein ganz außerordentlich begabter Junge war. In Mathematik, in Sprachen und besonders in Musik. Er spielte Posaune, er hatte Preise gewonnen. Wir hatten ein gutes und enges Verhältnis und diskutierten viel. Er interessierte sich auch für meine beruflichen Aufgaben, auf eigene Initiative schrieb er eine große Hausarbeit über die ethnischen Konflikte auf dem Balkan. Eines Morgens ereilte mich die Nachricht, dass er sich das Leben genommen hatte. Wie mir seine Bundeswehrkameraden später erzählten, hatte er sich davor immer öfter abgesondert und eingeschlossen. Typische Anzeichen einer Depressionserkrankung, die man sicher hätte behandeln können. Aber wir wussten davon nichts. Wenn er uns besuchte, schien alles in Ordnung zu sein.

ZEITmagazin: Wie sind Sie damals mit diesem Verlust umgegangen?

Ischinger: Ich habe mich gezwungen, ins Amt zu gehen. Ein paar Stunden nachdem die Nachricht von seinem Tod gekommen war, habe ich Besprechungen geleitet. Diese Routine hat mir sehr geholfen weiterzuleben. Aber es waren sehr schwere Tage.

ZEITmagazin: Hat Ihr Sohn einen Abschiedsbrief geschrieben?

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Ischinger: Ja, ich lese diese Notiz in Abständen immer wieder durch. Und ich trage sie immer bei mir. Das ist sozusagen mein Link, meine Verbindung zu meinem Sohn. Ich wünsche mir sehr, dass die vielen heutigen Hilfsangebote durch eine offene Diskussion in unserer Gesellschaft von jungen Menschen in einer solchen Lage erkannt und genutzt werden.

ZEITmagazin: Und trotzdem hatten Sie Schuldgefühle?

Ischinger: Immer wieder fragt man sich: Hätte ich nicht etwas bemerken können? Habe ich etwas übersehen? Hätte ich ihn abhalten können? Das ist ein entsetzliches Gefühl. Davon werde ich nie ganz loskommen. Ich fragte mich auch, warum Gott ausrechnet mich so bestrafen musste. Ich fühlte mich ganz allein. Bis mich dann Kollegen und andere Menschen ansprachen: »Uns ist das Gleiche passiert, auch wir erlebten diese Hölle des Verlusts eines Kindes. Sie sind nicht allein.« Das hat geholfen.

ZEITmagazin: Was hat Ihnen noch geholfen?

Ischinger: Florian hatte von seiner Großmutter ein bisschen Geld geerbt. Wir spendeten es der Hilfsorganisation Cap Anamur. Mit dem Geld wurde eine im Kosovokrieg zerstörte kleine Schule in einem Bergdorf wieder aufgebaut. Sie ist nach ihm benannt, sie heißt jetzt »Florian Ischinger Schola«. Ich wallfahre jedes Jahr dorthin, wenn irgend möglich. Und letztes Jahr konnten wir zehn Kinder aus dieser Schule nach Berlin einladen. Wir hatten trotz Sprachschwierigkeiten eine wunderbare Zeit. Gutes zu tun hat eine große therapeutische Wirkung.

ZEITmagazin: Wie hat sich das Verhältnis zu Ihren anderen Kindern verändert?

Ischinger: Ich möchte immer wissen, wo sie sind, ob alles in Ordnung ist. Man wirft mir vor, ich würde ständig Kontrollanrufe tätigen. Es ist ein entsetzlicher Gedanke, dass einem meiner Kinder etwas passiert sein könnte. Letztes Jahr war meine Tochter während eines Erdbebens in Chile. Die zwei Tage, bis ich erfuhr, dass alles okay ist, habe ich kaum überlebt.

ZEITmagazin: Nun sind Sie ein zweites Mal verheiratet und haben noch ein Kind bekommen. Hat Sie auch das aus dem tiefen Tal gerettet?

Ischinger: Natürlich! Dass ich jetzt noch einmal stolzer Vater einer Erstklässlerin bin, hilft mir mehr als alles andere. Ich habe mir geschworen, diesmal ein besserer Vater zu sein und mehr Zeit mit der kleinen Josie zu verbringen. Manchmal überkommt mich noch immer Selbstmitleid wegen des Verlustes. Nichts hilft dann mehr als das Bewusstsein, Verantwortung für einen neuen Menschen zu haben. Und wenn ich mir vor Augen halte, dass ich eine wunderbare Frau habe, ein wunderbares kleines Kind und zwei wunderbare große Kinder, zu denen ich engen Kontakt habe, dann bin ich mit den Dingen im Reinen und glaube nicht mehr, dass ich zu klagen habe.