Stockhausen-UraufführungHängematte im Himmel

Gut drei Jahre nach dem Tod des Komponisten wagt die Kölner Oper die szenische Uraufführung von Karlheinz Stockhausens monumentalem "Sonntag". von 

Am Sonntag herrschen Ruhe und Frieden. Man singt Gottes Lob und feiert. So ist es auch bei Karlheinz Stockhausen. Mit seinem 29 Stunden dauernden Riesenopus Licht hat er das größte Musiktheaterkunstwerk aller Zeiten geschaffen . Es ist in sieben Teile gegliedert, die den sieben Wochentagen gewidmet sind. Am Ende steht der Sonntag. Wenn er anbricht, haben alle Erzählungen vom Werden und Vergehen der unheil- und segenstiftenden Kräfte ihren glücklichen Ausgang genommen. Alle kosmischen Konflikte sind beigelegt. Die dunkle Macht Luzifers hat ihren Einfluss verloren. Es kommt zur mystischen Vereinigung zwischen der Urmutter Eva und dem Lichtbringer Michael. Und Stockhausen, der Großkomponist des 20. Jahrhunderts, greift zur Feier des Tages noch einmal mächtig in die Himmelsharfe: Vielsprachig singende Engelschöre strömen herbei. Klänge verbinden sich mit Räucherdüften. Die Wunder der Schöpfung werden einzeln aufgerufen und besungen, das Kristall wie das Maiglöckchen, die Schwalbe wie das Flusspferd, Mutter Teresa und der heilige Franziskus und die fernsten Monde. Zu guter Letzt finden Solisten, Orchester, Chor und Tänzer in einer alles einenden Versöhnungshochzeit zusammen.

Gähnt einem aber am Sonntag nicht immer auch die Langeweile entgegen? Glückseligkeit und Schläfrigkeit liegen nahe beieinander. Am Tag des Herrn passiert nichts Aufregendes. Das ist auch das Problem in Stockhausens Licht- Zyklus: Der letzte Tag ist der theatralisch unergiebigste. Er kreist nur noch um seine eigene Feierlichkeit. Wahrscheinlich hat es deshalb so lange gedauert, bis jemand bereit war, den Sonntag szenisch uraufzuführen. Die einzelnen Szenen hatte der vor dreieinhalb Jahren verstorbene Komponist noch selbst aus der Taufe gehoben. Zu einer Gesamtaufführung war es nie gekommen. Die hat nun die Kölner Oper gestemmt, gemeinsam mit der Musikfabrik, einem der besten deutschen Ensembles für Gegenwartsmusik, und den Regisseuren von der katalanischen Theatertruppe La Fura dels Baus.

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Es war die kapitalste und gewiss auch teuerste Musiktheaterpremiere der Saison – zwei Abende mit jeweils drei Stunden Aufführungsdauer. Für Stockhausen-Aufführungen braucht man eigens konzipierte (und in Sonntag sogar synchron bespielbare) Räume, Chöre und Musikelektronik, Sängersolisten, Tänzer und hoch spezialisierte Instrumentalisten. Die La-Fura-Leute haben in den Hallen des Staatenhauses auf dem Kölner Messegelände den Bühnenboden unter Wasser gesetzt und an Videobeamern und computeranimierten Grafiken in 3-D nicht gespart. Sie haben einen Lichtschimmel am Kranausleger durch die Luft reiten lassen und Tänzer in Himmelshängematten unter die Decke gehängt. In der ersten Szene des ersten Abends durfte das Publikum in formschönen weißen Liegestühlen Platz nehmen. In der letzten Szene des zweiten Abends flanierte es über einen rundum beschallten Rummelplatz mit mannigfachen multikulturellen Tanz- und Ritualdarbietungen. Und doch steht am Ende die ernüchternde Erkenntnis: Für die Bühne taugt das Werk nicht. Zu statisch und oratorisch ist das finale Hosianna in seiner Gesamtstruktur angelegt, da können die Klänge noch so raffiniert im Raum wandern. Zu litaneihaft von oben herab fällt der Verkündigungston aus. Und der Abstand ist einfach zu groß zwischen den Beschwörungsritualen in erdenfernen Sphären und der realen Menschenwelt hier unten, als dass man sich als Hörer dazu in Beziehung setzen könnte. Es sei denn, man ist Stockhausen-Jünger und glaubt von Herzen an die frohen Botschaften.

Wer den monomanischen Heilsbringergestus kritisiert, muss im nächsten Moment gerechterweise einräumen, dass die Musik in Licht aber ganz großartig geraten ist. Stockhausen war ein überragender Herrscher im Reich der Töne. Er besaß ein Ohr von bestechendem Feinsinn, geniales Raumklangempfinden und das Genie des ingenieurhaft präzisen Klangkonstrukteurs. Den gesamten Licht- Zyklus hat er aus seiner berühmten Superformel abgeleitet, und es gibt keine Partiturseite, die nicht bis in die letzte Konsequenz zu Ende gedacht wäre. Diese Souveränität teilt sich jenseits aller Details in einer Gelassenheit seiner Musik im Großen und Ganzen mit. So ehrgeizig sie auch ertüftelt sein mag, am Ende erklingt sie immer wie umgeben von Weite und Freiheit.

Es gibt so viel Musik von Gegenwartskomponisten, die ihre Hörer grimmig am Kragen packt und ungeduldig auf sie einredet. Stockhausen hingegen verweist mit der entspannten Geste des kompositorischen Großgrundbesitzers auf seine prachtvollen Ländereien bis zum Horizont: Lustwandelt in meinem Reich!

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