Geschichte der RadioaktivitätEin GAU pro Jahr schadet nicht

Wie gefährlich ist radioaktive Strahlung wirklich? Darüber gehen die Meinungen seit Röntgens Entdeckung heftig auseinander. Von Manfred Kriener von Manfred Kriener

Der Zivilschutz in den USA hatte, wie dieses Schulungsfoto aus den Fünfzigern zeigt, eine klare Empfehlung: "Duck and cover" – wegducken und vor allem den Kopf bedecken!

Der Zivilschutz in den USA hatte, wie dieses Schulungsfoto aus den Fünfzigern zeigt, eine klare Empfehlung: "Duck and cover" – wegducken und vor allem den Kopf bedecken!  |  © Three Lions/Getty Images

Über eine neue Art von Strahlen öffentlich, und einen Monat später berichtet er in einer Vorlesung erstmals über die geheimnisvollen "X-Strahlen". Er belässt es aber nicht bei Worten, sondern holt den Schweizer Anatomie-Professor Rudolf Albert von Kölliker aus dem Auditorium nach vorn. Kölliker muss seine Hand auf eine Belichtungsplatte legen, dann jagt Röntgen Strom durch eine seltsam geschwärzte Röhre. Anschließend hält er den gebannten Zuhörern die belichtete Aufnahme vor die Nase. Sie zeigt deutlich erkennbar die Handknochen des Kollegen.

Frau Röntgen ist verstimmt. Sie hat bereits dreimal nach ihrem Mann geschickt, um ihn zum Abendessen zu holen. Erst kommt er gar nicht, dann sitzt er schweigend am Tisch, isst nur ein paar Bissen – und verschwindet auch schon wieder im Labor. In jenen Novembertagen 1895 arbeitet der Würzburger Physiker Wilhelm Conrad Röntgen wie besessen an "einer interessanten Entdeckung". Am 28. Dezember macht er sie mit seiner Studie

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Röntgens Entdeckung ist ebenso spektakulär wie leicht verständlich. Der Blick durch die äußere Materie ins Innenleben von Menschen und Dingen löst einen Taumel der Begeisterung aus und revolutioniert die Medizin in rasendem Tempo. Die New York Sun spricht von einem "Triumph der Wissenschaft": Röntgen habe "ein Licht entdeckt, das Holz und Fleisch durchdringt".

Mit primitiven, oft von Ärzten selbst zusammengebastelten Apparaten werden die X-Strahlen zur Diagnose eingesetzt. Die größte Sorge der keuschen Zeitgenossen gilt anfangs der bedrohten Intimität, eine findige Londoner Textilfirma entwirft röntgensichere Unterwäsche. Dann aber zeigen sich Folgen ernsterer Art. Herbert Hawks, ein technikbegeisterter Student der Columbia-Universität, durchleuchtet in New Yorker Warenhäusern vor staunendem Publikum immer wieder den eigenen Körper. Bald fallen ihm die Haare aus, die Augen sind blutunterlaufen, und seine Brust brennt wie Feuer.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.

Klicken Sie auf das Bild, um die Infografik als PDF-Datei herunterzuladen.  |  © Julika Altmann

Er ist nicht das einzige Opfer der Wunderröhre. Ende 1896 dokumentieren Fachblätter 23 Fälle schwerer Strahlenschäden. Manche Patienten würden "auf dem Behandlungstisch regelrecht hingerichtet", schreibt James Ewing, ein Pionier der Radiologie, über die ersten Jahre der Anwendung. Auch die Ärzte sind ungeschützt den Strahlen ausgesetzt, viele verlieren ihr Leben.

Der Streit um die Risiken beginnt. Bleiabschirmungen werden entwickelt, aber viele Ärzte finden sie zu teuer und umständlich. Man solle die Gesundheitsschäden nicht dramatisieren, fordert der armenische Röntgenspezialist Mihran Kassabian, einer der führenden Radiologen, der 1910 selbst an den Strahlenfolgen stirbt. Kassabian fürchtet um den Fortschritt, wenn die Gefahren des Röntgens allzu plastisch beschrieben werden.

Durch radioaktiv optimiertes Futter legen die Hühner hartgekochte Eier

Im Ersten Weltkrieg setzt sich die neue Technik endgültig durch. Tausende von Kriegsopfern werden durchleuchtet, um Geschosse zu lokalisieren und gebrochene Glieder zu richten. Die Strahlen werden vorsichtiger dosiert, und in den zwanziger Jahren entwickeln die Ärzte einen ersten "Grenzwert". Der besteht in der rötlichen Färbung der Epidermis: Wenn die Haut zu glühen beginnt, ist es genug.

Angeregt von Röntgens X-Strahlen, experimentieren auch andere Wissenschaftler mit Stoffen, die Licht abgeben. Der französische Physiker Henri Becquerel entdeckt im Februar 1896, dass kleine Uranbrocken Strahlen aussenden, die Materie durchdringen. Die polnische Physikerin Marie Skłodowska Curie, die zum Studium nach Paris gegangen und dort geblieben ist, prägt für die Strahlung den Begriff "radioaktiv". Im Dezember 1898 identifiziert sie in einer Uranerzprobe aus dem Erzgebirge ein neues Element: Radium. Ohne die Gefahren zu ahnen, versuchen sie und ihr Mann, größere Mengen der stark radioaktiven Substanz zu isolieren und zu messen. 1934 stirbt die berühmte, zwei Mal mit dem Nobelpreis geehrte Forscherin 67-jährig und fast blind an Leukämie. Auch ihre Tochter wird tödlich verstrahlt.

1903 kommt Ernest Rutherford dem Phänomen der Radioaktivität genauer auf die Spur. Der aus Neuseeland stammende, in Montreal und später im englischen Cambridge arbeitende Chemiker unterscheidet die verschiedenen Typen der Alpha-, Beta- und Gammastrahlung. Sie alle haben eines gemeinsam: Man schmeckt, riecht und sieht sie nicht. Aber wenn die strahlenden Partikel auf biologische Zellen treffen, geben sie einen Teil ihrer Energie ab. Es sind winzige Kernexplosionen, welche die Zellen attackieren. Ein einziger Strahlentreffer kann einen irreparablen Schaden im Zellgewebe anrichten.

Von dieser Gefahr wissen Ärzte und Patienten noch nichts, als die ersten Experimente mit Radium beginnen. Der britische Erfinder und Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell erkennt 1907 das Potenzial für die Krebstherapie. Es gebe keinen Grund, warum man nicht "ein kleines Stückchen Radium [...] mitten in einen Krebsherd" platzieren sollte. Radium ist mit 120.000 Dollar je Gramm im Jahr 1920 extrem teuer und wird auch gegen Herzbeschwerden und Impotenz eingesetzt. Die verrückten Anwendungsideen reichen, wie die US-Journalistin Catherine Caufield in ihrem Buch Das strahlende Zeitalter 1989 dokumentiert, bis zu dem Vorschlag, kleine Radiummengen ins Hühnerfutter zu mischen, "damit die Hennen hartgekochte Eier legen". Weil die Bilder so schön leuchten, mischt man Radiumpartikel sogar in Ölfarben, Radiumwasser wird als "flüssiger Sonnenschein" verkauft.

Der Strahlenschutz hingegen kommt nur mühsam voran. Bis das dramatische Schicksal der Ziffernblatt-Malerinnen aus der Firma Radium Corporation im US-Staat New Jersey der Wissenschaft eine harte Lektion erteilt. In dem Betrieb werden in den zwanziger Jahren Millionen von Armbanduhren hergestellt, deren Zeiger und Indizes dank einer dünnen Radiumschicht fröhlich leuchten. Doch unter den jungen Arbeiterinnen häufen sich die Todesfälle. Untersuchungen kommen in Gang und enthüllen schaurige Arbeitsbedingungen. Haare, Gesichter und Kleider der Frauen leuchten im Dunkeln wie ein Weihnachtsbaum. Und sie haben alarmierende Blutbilder, klagen über Menstruationsbeschwerden, Müdigkeit und Depressionen. Schließlich ziehen einige der Schwerkranken vor Gericht. Manche sind zu schwach, um noch den Eid zu leisten. Am Ende erhält jede Arbeiterin 10.000 Dollar Entschädigung. Erst im Februar 1941 werden Grenzwerte für die Arbeit mit Radium festgelegt.

Leserkommentare
  1. Die Folgen der Radioaktivität wurden ständig verdrängt , verheimlicht.
    Es gibt auf Youtube viele Videos dazu. Empfehlung: nach "Holger Strohm" suchen. Da hört man, wie man ab den 70iger mit Kritk und Wahrheiten umging.

  2. Mit anderen Worten: Unsere Risikophilosophie (betreffend Kernspaltung) beruht hauptsächlich auf den Ergebnissen unserer "Feldforschung".

  3. Die GAUs und Super-GAUs in Windscale/Sellafield 1957, Harrisburg 1979, Tschernobyl 1986 und Fukushima verwandelten alle Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Risikostudien in Schutt und radioaktive Asche.

    In einer 1980 von einem deutschen Institut publizierten Studie wurde das Risiko eines 'large scale meltdowns' bei 25 deutschen Reaktoren pro Jahr auf 1 zu 400 geschätzt. Setzt man diese Zahl ein und rechnet dies auf die über die nun fast 70 Jahre andauernde Entwicklung und die in dieser Zeit durchschnittlich auf der Welt existierenden Kraftwerke an, so ergibt sich für 4-5 solcher Kernschmelzen (würde man z.B. noch Luzern zu den oben genannten hinzuzählen) in diesem Zeitraum eine Wahrscheinlichkeit von etwa 55-70%. Dies mag für einige noch zu wenig erscheinen, aber dieser Richtwert gibt unter der Betrachtung, dass die Sicherheitsstandards zeitlich und geographisch veränderlich sind, zumindest eine einigermaßen realistische Zahl an.

    Natürlich dämmert auch den ICRP-Mitgliedern, dass es keinen ungefährlichen Schwellen- oder Grenzwert für Strahlung gibt, weil jeder noch so kleine Strahlenbeschuss zu Schäden führen kann.

    Hier herrscht immer noch Bedarf an Studien, die Strahlungslokalisierung, Menge und Zeitraum in einen vernünftigen Zusammenhang setzen können.

    Dem Durchschnittsbürger bleibt leider nicht viel mehr, als zwischen den beiden kontrastierenden Desinformationspolitiken weiter im Trüben zu fischen.

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    Kleiner Zahlendreher, die Wahrscheinlichkeiten bewegen sich im Bereich von 30-45%.

  4. Kleiner Zahlendreher, die Wahrscheinlichkeiten bewegen sich im Bereich von 30-45%.

  5. bei Giften hat es jahrhundertelang gedauert, bis man diese nachweisen konnte. Dazu gibt es spannende Geschichten in diversen Sachbüchern oder Romanen, auch Filme darüber ziehen die Menschen noch heute an. Ich erinnere an die "berühmten Kriminalfälle", die noch vor ein paar Jahren in der ARD gezeigt wurden, darunter auch einige Giftfälle.
    Es zeigt sich, daß erst nach einiger Zeit die Wissenschaft begreift, wie wichtig die Entdeckungen der Nebenwirkungen z.B. von verschiedenen Medikamenten oder Arzneien sind.
    Nun ist allerdings bei Radioaktivität hinreichend belegt, wie negativ sich diese auswirken kann, und das schon in geringsten Mengen. Es ist auch bekannt, wie lange die Halbwertszeiten von radioaktiven Elementen sind.
    "Doch selbst das wird die Atomgemeinde nicht beeindrucken. Wie sagte der ehemalige Präsident der Wiener Atompropagandaorganisation IAEA, Hans Blix: »Angesichts der Wichtigkeit der Kernenergie könnte die Welt einen Unfall vom Ausmaß Tschernobyl pro Jahr ertragen.«"

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    • self22
    • 17. April 2011 23:12 Uhr

    Das hat der doch nicht wirklich gesagt, oder?

  6. Diese Aussage ist einfach nur dumm und töricht. Wie Fukushima jetzt zeigt, könnte es nach Tschernobyl wieder dazu kommen, daß im Umkreis von 30 km (der sich durchaus noch erhöhen könnte) das Gebiet langfristig unbewohnbar wird. Tausende von Menschen leben jetzt in Notunterkünften, abermals Tausende werden in den nächsten Wochen und Monaten noch dazukommen. Nahrungsmittel aus diesem Gebiet werden nicht mehr verzehrt werden können. Durch die Einleitung radioaktiven Wassers in den Pazifik wird die Nahrungskette mit Radioaktivität belastet, zudem wird sich die Radioaktivität über den Wasserkreislauf weltweit verbreiten.

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    Sorry, aber Sie scheinen dem Trugschluss aufzusitzen, dass Radioaktivität in der Natur nicht frei vorkomme. Das ist Unsinn. Erkundigen Sie sich doch einmal wie hoch die Strahlenbelastung durch einen Vulkanausbruch ist. Auch scheinen Sie mir keine rechte Vorstellung von der Größe der Weltmeere zu haben.

  7. Daß die frühen Wissenschaftler darüber nichts wußten und ungeniert mit radioaktiven Stoffen hantierten, denen sie selber zum Opfer fielen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Menschheit es hier mit Substanzen zu tun hat, deren Freisetzung höchst gefährlich sein ist. In Fukushima ist schon Plutonium gefunden worden, glücklicherweise nur kleinste Spuren, wenn man den Messungen trauen darf. Bei einer Halbwertszeit von 24000 Jahren wäre ein damit verseuchtes Gebiet nach menschlichem Ermessen auf Ewigkeiten unbewohnbar http://de.wikipedia.org/w....
    Ein Unfall in einem Kernkraftwerk ist also nicht zu vergleichen beispielsweise mit dem Bruch eines Staudamms, der zwar auch katastrophale Auswirkungen haben könnte, aber keine auf tausende von Jahren ausgeweitete Wirkung. Auch in Japan machen ja nicht die Folgen des Erdbebens und des Tsunamis eine Rückkehr in die Gebiete rund um Fukushima unmöglich, sondern die drohende Verstrahlung. Ansonsten könnte man dort unbedenklich aufräumen und neu bauen.
    Aus diesem Grund sollte man grundsätzlich von der Atomkraft als Energieträger absehen - mag selbst die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls äußerst gering sein, so hat er doch solche Schadensfolgen, daß die Menschheit diese nicht wirklich beherrscht, vor allem langfristig.

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    ein kleiner Nachtrag: da es bis jetzt keine wirkliche Behörde gibt, die sich mit der Sicherheit der Kernkraftwerke weltweit beschäftigt (die IAEA ist ja eine Lobby zur Verbreitung von Atomkraft), wird es dringend Zeit, daß die internationale Gemeinschaft hier handelt.
    Weltweit existieren 212 Kernkraftwerke mit 442 Reaktorblöcken http://de.wikipedia.org/w....
    Wenn es im jetzigen Tempo mit den Unfällen in Atomkraftwerken weitergeht, ist absehbar, wann der größte Teil der Welt so verstrahlt ist, daß der Menschheit tatsächlich nur übrigbleibt, zuzusehen, wie die genetischen Auswirkungen der Strahlung sich bei ihren Nachkommen bemerkbar machen.

  8. Wen es interessiert: ich habe am Freitag, 15. April, 19.06 Uhr im Radiosender Ö1 im Wissenschaftsmagazin "Dimensionen" einen Beitrag zu dauernder niedriger Radioaktivität gehört, den ich hier empfehlen möchte: Nachzuhören bis kommenden Freitag unter Ö1, "7 Tage Ö1", Programm unter http://oe1.orf.at/program...

    Der Beitrag ergänzt diesen Artikel bzw. bestätigt, dass auch niedrige Radioaktivität gefährlich ist.

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    Eine interessante, wenn auch sehr einseitige Berichterstattung mit vielen Mängeln:

    - In dem gesamten Bericht wurde keinerlei Zeitangabe gemacht, sondern nur absolute Strahlendosen genannt. Diese sind in diesem Rahmen nahezu unverwertbar.
    - Bei der Errechnung der 'gesundheitlich unbedenklichen Schwelle' von radioaktiven Materialien, sprich nach 10 bzw. 13 Halbwertszeiten, wurde die Menge des vorhandenen Materials total außer Acht gelassen. Hier kommt es vielmehr darauf an, wie viel % des Materials abgebaut werden müssen bis diese zusätzliche Strahlenbelastung nicht mehr als schädlich für den Menschen gilt.
    - Die weitergegebenen erblichen Fehler können durch eine hohe Kurzzeitdosis hervorgerufen werden. Hier muss man die Testsubjekte über den gesamten Zeitraum in einer Niedrigstrahlungsumgebung ohne Initialmutationen beobachten.
    - Bei der Studie der vermehrten männlichen Geburten um KKWs fehlt der Nachweis einer erhöhten Strahlung in eben jenen Gebieten. Wenn sich die Strahlenbelastung das ganze Jahr über in einem normalen Bereich bewegt, so muss man diese Ursachenquelle ausschließen
    - Der Einfluss der Lokalisation, des Zeitraumes und der Menge der Strahlenexposition wurde richtig erkannt. Hierbei gibt es mittlerweile Studien aus Gebieten mit sehr hoher jährlicher Hintergrundstrahlung (Ramsar etc.), die keinerlei schädliche (oder sogar positive) Wirkungen aufzeigen.

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