Auch auf der Berliner Pfaueninsel soll ein AKW entstehen

Natürlich dämmert auch den ICRP-Mitgliedern, dass es keinen ungefährlichen Schwellen- oder Grenzwert für Strahlung gibt, weil jeder noch so kleine Strahlenbeschuss zu Schäden führen kann. Ihr Job ist es, "Grenzwerte und Standards danach auszuwählen, was die Industrie mit vertretbarem Aufwand erreichen kann. Die wissenschaftlichen Beweise für die Gefahren waren gegen die Erfordernisse der jungen Nuklearindustrie abzuwägen", sagt der ICRP-kritische Münsteraner Strahlenbiologe und frühere Chef der Deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz, Wolfgang Köhnlein. Bei strengen Grenzwerten wären der Betrieb von AKWs oder Wiederaufarbeitungsanlagen und vor allem der Uranabbau im Bergwerk unmöglich gewesen. Also werden Atomarbeitern höhere Belastungen zugemutet als der Allgemeinbevölkerung, und für Störfälle gelten Ausnahmeregeln.

Die Kritik an dem allzu lässigen Umgang mit den Risiken nimmt allerdings zu. John Gofman, Karl Morgan, Ernest Sternglass, Irwin Bross, Alice Stewart, allesamt angesehene Fachleute, führen die Riege der Gegner an. Morgans Wort hat besonderes Gewicht, weil er Kernkraftwerke befürwortet und 14 Jahre lang Vorsitzender im ICRP-Ausschuss für inkorporierte Strahlung gewesen ist. Und doch weist man ihre Warnungen ab. Morgan sei "durchgedreht", erklären ICRP-Mitglieder Mitte der siebziger Jahre und verweigern sich seiner Forderung, Grenzwerte und Toleranzdosen zu halbieren. Andere Kritiker werden als "wissenschaftliche Landstreicher", als "Spinner" und "Werkzeuge der Atomgegner" verhöhnt.

Als immer mehr Meiler ans Netz gehen, nimmt die Sicherheitsdebatte eine Wende. Jetzt rückt die Unfallwahrscheinlichkeit in den Mittelpunkt der Diskussion. Schon in den sechziger Jahren geistert der größte anzunehmende Unfall (GAU) durch die Fachgremien. Doch noch bis 1965 glaubt man, dass zumindest eine teilweise Kernschmelze toleriert werden kann. Der GAU war damals eher eine "bürokratische Fiktion", schrieb der Bielefelder Historiker Joachim Radkau 1983, richtig ernst nahm man das nicht. Allerdings: "Großstadtnahe Kernkraftwerke", die will man nun auch wieder nicht. Als in West-Berlin, auf der Pfaueninsel in der Havel, ein Kernkraftwerk gebaut werden soll, lehnt die Bundesregierung dies Anfang 1962 ab.

Die Sicherheitsphilosophie der Industrie aber blieb zumindest nach außen hin weiter der Hybris treu, dass Kernkraftwerke sicher und verantwortbar sind und die Wahrscheinlichkeit von Unfällen gering ist. In den sechziger Jahren wurde in der Bundesrepublik sogar ernsthaft erwogen, beim Bau auf die äußere Schutzhülle für den Reaktorkern zu verzichten. Der Geschäftsführer des bayerischen Kernkraftwerks Gundremmingen erklärte dies 1966 zum "erstrebenswerten Ziel", so "ketzerisch und utopisch" der Gedanke klinge.

Auch mit Berstschutz erteilte die Wirklichkeit den großen Experten vier erschütternde Lektionen: Die GAUs und Super-GAUs in Windscale/Sellafield 1957, Harrisburg 1979, Tschernobyl 1986 und Fukushima verwandelten alle Wahrscheinlichkeitsberechnungen und Risikostudien in Schutt und radioaktive Asche. Doch selbst das wird die Atomgemeinde nicht beeindrucken. Wie sagte der ehemalige Präsident der Wiener Atompropagandaorganisation IAEA, Hans Blix: "Angesichts der Wichtigkeit der Kernenergie könnte die Welt einen Unfall vom Ausmaß Tschernobyl pro Jahr ertragen."

Der Autor ist Journalist und einer der beiden Chefredakteure des Umweltmagazins "zeozwei"