Geschichte der USAErinnern, nicht feiern

Die USA gedenken ihres grausigen Bürgerkriegs, der vor 150 Jahren begann. von Ronald D. Gerste

Salutschüsse hallen über den Platz vor dem ehrwürdigen Kapitol in Montgomery, der Hauptstadt von Alabama. Markige Reden, die Kapelle spielt Dixie-Musik. Höhepunkt des historischen Spektakels ist die »Vereidigung des Präsidenten«. Doch der Mann, der hier schwört, Jefferson Davis, ist nicht der Präsident der USA, sondern der eines neuen Landes: der Südstaaten – der Konföderierten Staaten von Amerika.

Die Amerikaner lieben solche reenactments, solch historisches Freilichttheater. Und zurzeit erlebt dieses eine besondere Hausse. Bald jede Woche wird irgendwo in den USA ein Staatsakt nachgespielt oder ein berühmtes Gefecht, wie die legendäre Schlacht von Gettysburg. Denn vor 150 Jahren begann der Amerikanische Bürgerkrieg: Am 12.April 1861 eröffneten auf Befehl ebenjenes Jefferson Davis hin Geschütze der Miliz von South Carolina – die nun Teil der Armee der Konföderierten wurde – das Feuer. Es galt der Festung Sumter, am Hafen von Charleston gelegen, die von loyalen Truppen der Union gehalten wurde. Das Bombardement dauerte einen Tag und eine Nacht; als Todesopfer war allerdings nur ein Pferd zu beklagen. Doch so glimpflich ging es wahrlich nicht weiter. Als der mörderische Bruderkrieg im Frühjahr 1865 mit der Kapitulation der Konföderierten zu Ende ging, hatte er 620.000 Menschenleben gefordert.

Anzeige

Insofern erscheint es dem Außenstehenden schon etwas seltsam, dass man jetzt in Alabama ausgerechnet Jefferson Davis feiert, den Mann, mit dessen Bestimmung zum »Präsidenten« durch die abtrünnigen Südstaaten die Elendszeit begann. Aber die Organisatoren des Historienspiels, ein Verein namens Sons of Confederate Veterans, begannen das Jahr bereits mit einem »Konföderiertenball« in Charleston – eine Veranstaltung, bei der Gentlemen in eleganten Gehröcken und Ladys in rauschenden Roben à la Scarlett O’Hara den alten Süden wiederauferstehen ließen. Nur die Sklaven, welche die Basis dieser Bälle, dieser Kultur, dieser ganzen Gesellschaft bildeten, wollte offensichtlich niemand spielen.

So viel historische Unschuld war nie. Das Thema Sklaverei versuchen die »Söhne der Konföderierten« ebenso gezielt auszublenden wie andere Enthusiasten der Südstaaten, darunter republikanische Gouverneure wie Haley Barbour (Mississippi) und Bob McDonnell (Virginia). Sie alle versuchen mal wieder, die Geschichte des Bürgerkrieges ein wenig umzudeuten. So habe der Süden nur seine Unabhängigkeit wahren wollen und sich gegen die Anmaßung des Nordens wehren müssen. Der Krieg sei gar kein Bürgerkrieg, sondern ein Unabhängigkeitskrieg des Südens gewesen, ein »War of Southern Independence«, ja ein »War against Northern Aggression«.

Im Internet gibt es eine Liste mit den Namen von 250.000 Rekruten

Dass es sich bei flotten Thesen dieser Art um eine Verdrehung der Kausalitäten handelt, zeigt schon ein Blick auf die simpelsten Fakten: Es war die Wahl Abraham Lincolns zum 16. Präsidenten der USA im November 1860, welche die Sklaverei-Staaten zum Ausscheren aus der Union brachte. (Und fast meint man heute, diese Verweigerungshaltung der Verlierer wiederzuerkennen, gibt es doch nach den Worten eines führenden republikanischen Kongressabgeordneten kein wichtigeres Ziel für 2012, als Obamas Wiederwahl mit einer totalen legislativen Blockade zu verhindern.) Es waren Offiziere aus dem Süden, die ihren Eid auf die Verfassung der USA brachen, die ihre Uniformen schnell und bedenkenlos wechselten. Und es waren die Kanonen des Südens, die den blutigen Bruderkrieg eröffneten. Erst danach rief Präsident Lincoln 75.000 Freiwillige zu den Waffen, zu einem – wie man in Washington hoffte – allenfalls 90 Tage währenden Feldzug gegen die Rebellen.

Für die USA bleibt dieser Krieg ein tiefer Einschnitt in ihrer Geschichte. Das Programm zum 150.Jahrestag ist nur noch schwer zu überblicken. Ungezählte Ausstellungen, darunter die große Schau in den National Archives in Washington, Fernsehdokumentationen und Bücher, wie das auch bereits auf Deutsch erschienene des britischen Militärhistorikers John Keegan, bieten reichlich Material, um ein differenziertes Bild des Bruderkampfes zu entwickeln. Jenseits der üblichen Klischees, der abstrusen nostalgischen Verklärung und der pseudoprovokanten Volten zeigt sich die Realität weniger im heroischen oder infernalischen Glanz denn in allen Stufen des Graus.

Leserkommentare
  1. Hat die internationale Gemeinschaft eingegriffen?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die internationale Gemeinschaft bestand aus Kaisern einem Napoleon einem King u.ä.. Spass in allen Ehren aber Blödsinn muss halt auch nicht Sinn

  2. 2. Oh je

    Die internationale Gemeinschaft bestand aus Kaisern einem Napoleon einem King u.ä.. Spass in allen Ehren aber Blödsinn muss halt auch nicht Sinn

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Frage ist, war es berechtigt die Einheit des Landes
    kriegerisch mit zigtausenden Toten zu erzwingen?

  3. Die Frage ist, war es berechtigt die Einheit des Landes
    kriegerisch mit zigtausenden Toten zu erzwingen?

    Antwort auf "Oh je"
  4. lag weniger in der Sklaverei selbst, als in zwei völlig unterschiedlichen Gesellschaftsformen. Einer nahezu feudalen Agrargesellschaft im Süden, in der der Status auf Landbesitz und Familienzugehörigkeit beruhte und einer eher pluralistischen Industriegesellschaft im Norden, in welcher so ziemlich jeder durch Erfindergeist sein Glück machen konnte. Dazu wuchs die Bevölkerung im Norden - die ohnehin ein mehrfaches des Südens betrug - sehr viel schneller, wodurch der Süden zunehmend politischen Einfluss in der Union verlor. Früher oder später wäre es so wohl auch ohne Sklaverei zum Krieg gekommen.

    Übrigens hat auch Lincoln lange gezögert die Sklavenbefreiung zum Thema zu machen, da es auch im Norden Befürworter der Sklaverei gab. Lincolns Ziel lag im Erhalt der Union. Erst als klar war, dass es keine Rückkehr zu einer ante bellum- Union gab, entschloss er sich die Befreiung der Sklaven als Kriegsziel öffentlich zu machen, und so den Mission Creep der Unabhängigkeitserklärung zu beseitigen:

    "Als Nation begannen wir mit der Erklärung dass "Alle Menschen sind gleich geschaffen" sind. Jetzt lesen wir diese praktisch als "Alle Menschen sind gleich geschaffen außer Schwarzen". Bald wird es heißen "Alle Menschen sind gleich geschaffen, außer Schwarzen, Ausländern und Katholiken". Wenn es dazu kommt, werde ich es vorziehen in ein Land auszuwandern, wo man nicht vorgibt die Freiheit zu lieben."

    PS: Als *die* Dokumentation würde ich immer noch "The Civil War" von Ken Burns empfehlen.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben die wahren Ursachen dieses für damalige Verhältnisse unglaublich verlustreichen Krieges,nicht nur im Hinblick auf den Blutzoll,sondern auch bezüglich der Ökonomie,sehr gut dargestellt.
    Soweit ich mich erinnere ist auch ein General Lee nicht einfach so schäbig nebenbei von blauem zu grauem Tuch gewechselt.
    Persönlich war ich sehr betroffen,als ich in Gettisburgh auf dem Hügel stand,gegen die damals Zehntausende über freies Gelände anrennen mussten.

    • colca
    • 15. April 2011 17:40 Uhr
    5. schade

    1861 empörten sich die Bundesstaaten des Südens gegen die aus ihrer Sicht um sich greifende Willkür und Bevormundung durch den Norden. Sie beschlossen also, aus der Union auszutreten und verteidigten auch gewaltsam ihre neue Freiheit gegen eine anmaßende Zentralmacht.

    Aus heutige Sicht hätte wohl die "internationale Gemeinschaft" zu Gunsten des Südens eingegriffen, da der ja um sein Selbstbestimmungsrecht rang. Entweder direkt militärisch oder mit der Erzwingung eines getrennten Referendums, welches absolut sicher in die Unabhängigkeit der Südstaaten geführt hätte.
    Schade, dass das damals anders gelaufen ist. Sonst gäbe es heute mehrere, kleinere Vereinigte Staaten von Nordamerika. Die hätten niemals diese Hegemonialstellung erlangen können, welche die USA in den letzten 100 Jahren inne hatte.
    Damit wäre der Welt viel erspart geblieben - und in Deutschland würden sich keine 60 000 GIs breitmachen, die von hier aus ihre Kriege führen.

    Da wurde eine große Chance vertan.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zitat : "Damit wäre der Welt viel erspart geblieben - und in Deutschland würden sich keine 60 000 GIs breitmachen, die von hier aus ihre Kriege führen."

    Klar. Da würden sich hier keine GIs tummeln, sondern die Nazis, die einen Großteil Europas fest im Griff hätten.
    Sehr beruhigende Aussicht.

    • Midway
    • 16. April 2011 0:26 Uhr

    Weil:
    1.) Der Süden die Sklaverei befürwortete. Durch einen Sieg der Konföderation wäre die Sklaverei weiterhin Bestandteil der amerikanischen Politik gewesen. Tolle Konsequenz.

    2.) Die GI´s hier in Deutschland sind wegen unseres Bündnisses stationiert. Ergo haben wir, also die Bundeswehr selbst, stationierte Soldaten in den USA.

    3.) Wollen wir mal nicht daran Denken, wie die Konföderation zum 3. Reich gestanden hätte.

    • Atan
    • 15. April 2011 17:40 Uhr

    ist die doch sehr viel anders geartete Auseinandersetzung in den USA damit, die es zumindest erst mal der ganzen Gesellschaft ermöglicht, sich mit der Geschichte zu befassen.
    Bei uns wäre so etwas vermutlich eine dermaßen trockene Fachdiskussion, dass kaum jemand einen Jahrestag bemerken würde.
    Neben rein touristischen Mittelaltermärkten oder grundschulpädagogischen Steinzeit-Seminaren gibt es über das Fachwissenschaftliche hinaus allenfalls noch ein etwas Gedenk- & Betroffenheitshistorie, kein Wunder das Geschichte bei uns so wenig Interesse erweckt.

    Und so bleibt es US- oder britischen Historikern überlassen, Dokumentationen und Bücher zu verfassen, die auch rezipiert werden, während man bei uns lieber immer nur mahnend mit dem Zeigefinger wackelt.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • th
    • 15. April 2011 18:18 Uhr

    als man eine Gedenkstätte für die Opfer von Flucht und Vertreibung (damals betroffen ca. 20 % der deutschen Bevölkerung) errichten wollte. Anstatt vernünftigerweise dem - abgewandelten - Prinzip "Commemoration, not Condemnation" zu folgen.

    so sehe ich das nicht. Sicher wird Geschichte oft sehr langweilig und langatmig aufbereitet; aber wer immer sich dafür interessiert, es mangelt nicht an Büchern oder Zeitschriften.
    Allerdings sind diese eher den Ursachen gewidmet, weniger den Beschreibungen; ich vermute aber mal, bei den Amerikanern dürfte es andersherum sein, da sind wahrscheinlich die Beschreibungen wichtiger.
    Die Nachstellungen als solche - ja nun, ich weiß nicht, ob man das machen muß. Ich sehe das eher mit einem lachenden und einem weinenden Auge zugleich. Es ist sicher ein eindrucksvolles Schauspiel - dabei dürfte es aber auch oft bleiben. Ich bezweifle, ob auf die Ursachenforschung und Nachvollziehung durch den einzelnen Bürger der gleiche Wert gelegt wird.
    Ich kann mich irren - ich lasse mich da gerne belehren.

  5. Sie haben die wahren Ursachen dieses für damalige Verhältnisse unglaublich verlustreichen Krieges,nicht nur im Hinblick auf den Blutzoll,sondern auch bezüglich der Ökonomie,sehr gut dargestellt.
    Soweit ich mich erinnere ist auch ein General Lee nicht einfach so schäbig nebenbei von blauem zu grauem Tuch gewechselt.
    Persönlich war ich sehr betroffen,als ich in Gettisburgh auf dem Hügel stand,gegen die damals Zehntausende über freies Gelände anrennen mussten.

    2 Leserempfehlungen
    • th
    • 15. April 2011 18:18 Uhr

    als man eine Gedenkstätte für die Opfer von Flucht und Vertreibung (damals betroffen ca. 20 % der deutschen Bevölkerung) errichten wollte. Anstatt vernünftigerweise dem - abgewandelten - Prinzip "Commemoration, not Condemnation" zu folgen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    der Auseinandersetzung um die Gedenkstätte selber wenig befaßt, dafür aber mehr mit Frau Erika Steinbach. Und ich glaube nicht, daß es generell um die Gedenkstätte ging - ich denke, es ging eher um die Erklärung der 'Opferrolle' der Deutschen, die Frau Steinbach aufrecht erhalten wollte.
    Sicher waren die Deutschen Opfer - vor allem die alten Menschen, Frauen und Kinder, die nicht selber am Krieg teilnehmen mußten und unter Flucht und Vertreibung entsetzlich gelitten haben.
    Allerdings wären sie nicht Opfer gewesen, hätte nicht der Faschismus diesen Krieg begonnen - diese Aussage wollte Frau Steinbach gerne unter den Tisch fallen lassen.
    Ich finde die gegenseitige Aufrechnung sowieso völlig falsch - wer hat mehr gelitten, wer hat weniger gelitten? Gelitten haben alle. Insofern wäre es besser gewesen, ein gemeinsames Friedensmuseum zu begründen als nochmalig diese Einteilung aufrecht zu erhalten.
    Nur ganz nebenbei: mein persönlicher Eindruck von Frau Steinbach ist auch, daß es extrem wichtig für sie ist, diese Rolle als 'aufrechte Deutsche', die sich für die Opfer einsetzt, beizubehalten. Zum einen hängt ein sicherlich gut dotierter Job daran, zum anderen: wer würde über sie reden, wenn sie nicht selbst diese Auseinandersetzung immer wieder forcieren würde?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Geschichte | USA | Abraham Lincoln | Amazon | Bürgerkrieg | Charleston
Service