Zwei Frauen trauern nach dem Amoklauf in Alphen aan den Rijn, Niederlande © Phil Nijhuis/AFP/Getty Images

Die Polizei wird auf Florian K. aufmerksam, als der 23-Jährige einen Amoklauf an seiner ehemaligen Berufsschule in Ludwigshafen ankündigt, verbunden mit einem Todesdatum. Unter einem Decknamen hat er selbst gedrehte Waffenvideos ins Netz gestellt. Doch bei einem Hausbesuch wimmelt der Verdächtige die Beamten ab. Alles sei nur ein Scherz.

»Hätte man sich in seinem Zimmer umgesehen, hätte man dreißig Schreckschusswaffen, eine Armbrust und mehrere Kampfmesser gefunden«, sagt Harald Dreßing. Der Psychiater vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat den jungen Mann begutachtet – nach seiner Tat. Drei Jahre lang hatte Florian K. sein Verbrechen geplant. In einem Tagebuch beschrieb er ausgiebig seine Gewaltfantasien. Auf seinem Computer findet die Polizei später Daten, die davon zeugen, wie intensiv er sich mit früheren Amokläufen in Schulen beschäftigt hat. Vier Lehrer standen auf K.s Todesliste. Diese alarmierenden Indizien bleiben den Polizisten bei ihrer Visite verborgen. Am 18. Februar 2010 ersticht der 23-Jährige einen seiner ehemaligen Pädagogen an der Schule. Ohne jeden Widerstand lässt er sich kurz darauf festnehmen.

Hätte der Mord verhindert werden können? Lassen sich Massaker wie vergangenes Jahr in Ludwigshafen, letzte Woche im brasilianischen Rio de Janeiro und vor wenigen Tagen in den Niederlanden vermeiden?

»Es gibt immer Vorboten eines Amoklaufs«, sagt der Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin. Nach Untersuchungen des amerikanischen Secret Service weihten 38 von 41 Amokläufern in den Vereinigten Staaten Gleichaltrige vorher detailliert in ihre Pläne ein. Fast immer waren Menschen in der Umgebung des Täters – Lehrer, Eltern, Klassenkameraden – vor dem Massaker ernsthaft um den Jugendlichen besorgt, weil dieser sich sonderbar verhalten hatte. Auch die Täter von Erfurt, Emsdetten und Winnenden prahlten vor Mitschülern mit Waffen. In jeder Gerichtsakte über Gewalt an Berliner Schulen aus den vergangenen zehn Jahren stieß Scheithauer auf frühe Anzeichen, die im Umfeld des Attentäters aufgefallen waren.

»Wer die Frühwarnsignale wahrnimmt, kann einen Amoklauf abwenden«, davon ist der Darmstädter Kriminalpsychologe Jens Hoffmann überzeugt. Im Verein mit Psychologen und Psychiatern verlangt er eine neue Form der Prävention. Sie beruht darauf, Vorboten eines Amoklaufs zu erkennen und ernst zu nehmen. In den USA hat sich diese Vorsorge bereits bewährt. Die school shootings sind zurückgegangen. 2008 und 2009 starben so wenige Menschen an US-Schulen wie seit den neunziger Jahren nicht mehr.

Den Präventionskonzepten liegen neue Erkenntnisse über die Vorgeschichte der Taten zugrunde. Amokläufer handeln niemals im Affekt. Von der Idee bis zur Tat vergehen meist Monate, häufig Jahre. »Dieser Prozess folgt einem erstaunlich homogenen Verhaltensmuster«, legt Kriminalpsychologe Hoffmann Ende 2010 erstmals auf einem Kongress in Berlin dar. Anhaltende Hoffnungslosigkeit und wiederholte Niederlagen stehen am Anfang der Eskalationskette; die Täter tauchen zunächst in ausgeprägte Gewaltfantasien ein. Ihre blutige Gedankenwelt dringt allerdings manchmal in Briefen, Äußerungen oder Aufsätzen nach außen. In einer zweiten Phase malen sich die Personen die Tat in allen Details aus. Auch diese Visionen bleiben selten verborgen; die Täter fertigen Zeichnungen von getöteten Lehrern an oder schildern ihre Aktionen Gleichaltrigen.

Im nächsten Schritt beginnt der Betreffende die Tat konkret vorzubereiten. Abschiedsbriefe werden verfasst, Waffen beschafft. Die Täter kapseln sich in dieser Zeit immer mehr von ihrer Umwelt ab. Auch dies seien wichtige Warnsignale, erklärt Hoffmann. Die Täter sind nun wie eine entsicherte Waffe. Es reicht eine Kränkung, etwa das Ende einer Beziehung, ein Schulverweis oder eine kleine Hänselei, um den Amoklauf auszulösen.