Das Reden über die Atomkraft ist unverkennbar eines über die männliche Sexualität. Man wartete, als die Katastrophe in Fukushima sich abzeichnete, mit Bangen auf die Explosion wie auf eine orgasmische Entladung. Glühende Brennstäbe ragten aus dem Wasser, es galt, sie rasch abzukühlen. In den sogenannten Abklingbecken durften wiederum alte Brennstäbe sich nicht erneut erhitzen. Man sah Feuerwehrmänner mit schweren Schläuchen die Reaktoren abspritzen. Nun wird unablässig gekühlt und bewässert, wie um ein nur schwer zu bändigendes Begehren in den Griff zu kriegen.

Derlei Analogien sind keineswegs zynischer oder alberner Natur. Sie haben einen kulturhistorischen Kern, manifestierte sich doch in der Katastrophe von Fukushima metaphorisch noch einmal das von jugendlicher Frische beseelte Industriezeitalter, das einst der Futurismus gefeiert hatte. Im berühmten Manifest von Filippo Tommaso Marinetti aus dem Jahr 1909 wird die »Liebe zur Gefahr« besungen, »die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit«. Ein »aufheulendes Auto« sei schöner als die Nike von Samothrake. Bekämpft wurden von Marinetti der »Feminismus« und jede Feigheit, »die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht«. Mit Technik verband man die in den Himmel ragende Rakete, die dampfende Lok, die Bombe, das Kraftwerk. Und man bejubelte die Männer, die diese Wunderwerke nicht nur in der Regel erfanden, sondern sie auch noch lenkten, antrieben und beherrschten mit jugendlichem Abenteuersinn.

Es mag ein Zeichen alternder Gesellschaften sein, dass sie jedem Anflug des kraftstrotzend Männlichen mit größter Aversion begegnen. Während bekanntermaßen in Amerika und in Frankreich – beides Länder mit vergleichsweise hoher Geburtenrate – das nukleare Desaster in Japan auf ziemlich geringes Interesse stieß, wurden hierzulande binnen weniger Tage Atommeiler abgeschaltet, und es sorgten die Wähler für ein parteipolitisches Erdbeben bei der baden-württembergischen Landtagswahl: Erstmals wird ein Grüner Ministerpräsident, der 62-jährige Winfried Kretschmann. Günter Grass, 83, hält eine umjubelte Lesung vor dem AKW Krümmel. Alice Schwarzer, 68, klagt einen sexuell umtriebigen Wettermoderator an.

Man setzt in der neuen grünen Bundesrepublik eben auf Sonne, Wind, Weiblichkeit und hohes Alter. Renate Künast, jugendliche 55, kandidiert in Berlin für das Bürgermeisteramt und plädierte sogleich für die Einführung von Tempo 30 in der Hauptstadt, damit man gefahrlos auch mit Hüftschaden jede Straße passieren kann. Jene aufheulenden Autos, die noch Marinetti besang und in denen heute nur noch junge Männer aus geburtenstarken anatolischen Familien in Kreuzberg sitzen, sollen endlich genauso der Vergangenheit angehören wie deutsche Atommeiler.