Aufgescheucht haben wir über Wochen die Liveticker im Fernsehen oder im Internet verfolgt, haben uns schwindlig geschaut an den dramatischen Ereignissen in Japan oder Libyen, jeder Moment, so ahnten wir, kann für die Menschen in Fukushima oder Misrata der entscheidende sein, Stunde um Stunde haben wir so bang verbracht und spüren nun dennoch mit wachsendem Unbehagen, dass die im Minutentakt zerschnippelte Wirklichkeit immer bedeutungsloser wird.

Nicht die Schnelligkeit der historischen Zeitläufte allein treibt uns um, sondern die Nachhaltigkeit ihrer Deutung. Nicht die bloßen Daten und Fakten, nicht die Millisievert des strahlenden Reaktors oder die in Metern gerechneten Raumgewinne oder -verluste der Rebellen in Libyen zählen, sondern das, was sie eigentlich bedeuten. Nicht die Quantität der Informationen beschäftigt uns, sondern die Qualität; die historische Zäsur muss nicht bloß verbreitet, sondern zuallererst verstanden werden.

So verschieden die Ereignisse auf den ersten Blick auch scheinen, so hoffnungslos die japanische Reaktorkatastrophe wirkt und so hoffnungsvoll die arabischen Revolutionen aussehen, so eint sie doch, dass alle sie vorab jeweils für unwahrscheinlich gehalten haben. Eine friedliche Revolution in Kairo? Ein demokratischer Aufstand gegen das Regime von Hosni Mubarak? Jugendliche in Damaskus, Sanaa und Bengasi, die nach Menschenrechten rufen?

Diese Vorstellung passte in das etablierte Weltbild ungefähr so wie ein Erdbeben, das die erdbebenerfahrene japanische Hochtechnologienation hilflos und überfordert wirken lässt. Unrealistisch, hätte es geheißen, wenn jemand eines der Ereignisse vorherzusagen gewagt hätte. Es mussten erst die Reaktoren in Trümmern liegen, es mussten erst Hunderttausende Jugendliche in Tunis, Kairo und Tripolis ihr Leben riskieren, bis das Unwahrscheinliche als Möglichkeit aufscheinen durfte.

In diesen Tagen erinnern jüdische und christliche Gläubige an zwei Erzählungen, die ihnen jeweils den Triumph des Unwahrscheinlichen über das Wahrscheinliche bedeuten. An Pessach feiern Juden den Auszug des jüdischen Volks aus Ägypten und damit die angekündigte Befreiung aus Sklaverei und Knechtschaft, an Ostern feiern Christen die Auferstehung Jesu Christi und damit die versprochene Vergebung ihrer Sünden. Es mögen für Atheisten unglaubwürdige Geschichten sein, aber selbst ihres metaphysischen Gehalts beraubt, selbst wenn sie nicht wahr sein sollten, so bleiben sie Geschichten, die uns etwas Unverzichtbares erzählen. Sie erzählen von Unrecht und Leid, von Lüge und Verrat, von Plagen und Zerstörung und von denen, die sie erdulden, denen, die sich treu bleiben, denen, die verschont werden.

Es sind Geschichten, an die Jahr für Jahr in Familien und Gemeinden erinnert wird, die dort nachgelebt werden, weil mit diesem Ritual auch der Glaube an die Hoffnung weitergereicht wird von Generation zu Generation, wie ein Laib Brot, von dem sich jeder ein Stück bricht, Hoffnung auf Befreiung oder auf Erlösung. So schreiben sie sich ein, die Geschichten, in das innere Repertoire, aus dem sich schöpfen lässt in finsteren Zeiten.

Was das mit heute zu tun hat? Warum das im nachmetaphysischen Zeitalter relevant sein sollte? Weil diese Geschichten daran erinnern, dass wir, individuell oder kollektiv, immer nur mit einem utopischen Vorgriff leben können, dass wir auf einen Horizont hin ausgerichtet sein müssen, der das überschreitet, was ist.

Es braucht den Glauben an das globale Wir, auch wenn es erst im Entstehen begriffen ist. Es braucht den Glauben an das Unglaubliche, das Trotzdem, das sich in einer trostlosen Gegenwart den Widerständen der herrschenden Ideologien widersetzt, es braucht die Hoffnung auf das, was der Philosoph Ernst Bloch das "Noch-Nicht" nennt – sonst ist Veränderung nicht möglich. Sonst lässt sich aber auch die Gegenwart auf Dauer kaum aushalten.

Wenn die japanischen Ingenieure in Fukushima keine Hoffnung in all der Hoffnungslosigkeit hätten, könnten sie nicht in die Sperrzone gehen; wenn die Jugendlichen auf dem Tahrir-Platz in Kairo nicht dem Wahrscheinlichen misstraut hätten, wäre die Revolution gescheitert; wenn die Ostdeutschen 1989 nicht dem Realistischen getrotzt hätten, wäre die Wende nie möglich gewesen. Wer sich nur an dem ausrichtet, was ist, kann Unfreiheit und Knechtschaft nicht überwinden oder die Wirklichkeit nicht überschreiten.

Das Undenkbare ist wieder denkbar geworden, die zynische Schwerkraft all derer in Politik und Medien, die Utopien nur nach ihrer Wahrscheinlichkeit beurteilen und verwerfen wollten, ist gebrochen. Denen, die ihre Chancen nicht mathematisch kalkulieren, die ihrem Denken keine Grenzen setzen, die ihren Glauben nicht an der Wahrscheinlichkeit ausrichten, ob in China oder Iran, in Syrien oder Japan, gebührt nicht nur Respekt, ihnen gebührt auch Dank. Und wir sollten ihre Geschichten erzählen an diesen Tagen zu Pessach und Ostern, an denen wir uns an die großen alten Erzählungen der Hoffnung erinnern.

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