Der flache Klinkerbau mit dem schilfgrünen Dach wirkt aus der Ferne wie eine Mittelschule. Erst beim Näherkommen nimmt man die hohen Zäune, die Stacheldrahtrollen, die Flutlichtanlagen und die Wachtürme wahr. Die Federal Correctional Institution Allenwood ist ein US-Bundesgefängnis in Pennsylvania, draußen auf dem platten Land, weitab von jeder Siedlung. Besucher müssen ihre Telefone abgeben, Geld darf nur abgezählt in einem Plastikbeutel mitgenommen werden.

Die meisten, die hier warten, sind schwarze Frauen und Latinas, die Haare frisch frisiert, mit zappeligen Kindern in Sonntagskleidern. In kleinen Gruppen werden sie von den Wärtern durch Sicherheitsschleusen geführt. Es ist Besuchszeit, der Höhepunkt der Woche in Allenwood. Hier hat Christoph Schlütz-Reineke die vergangenen zweieinhalb Jahre verbracht. Vorher saß er zwei Jahre lang unter Drogendealern und Mördern im Untersuchungsgefängnis. »Das war die Hölle«, sagt er, hier in Allenwood sei es besser. Der 44-Jährige sieht fit und gepflegt aus. Ein paar silberne Strähnen zeigen sich in seinem dunklen Haar.

Bei wässrigem Automatenkakao und klebrigem Tütenkuchen plaudert er über sein Leben. Über die Geschichte des Finanzanlagedrückers aus der deutschen Provinz, der an die Wall Street auszog, um das ganz große Geld zu machen.

Genauer gesagt sitzt Schlütz-Reineke jetzt da und redet, als wolle er einem immer noch etwas verkaufen. Ehrgeizige Pläne habe er gehabt. Ein eigenes Brokerhaus habe er damals gründen wollen, sagt er. Eine Finanz-Boutique, die so funktionieren sollte, dass deutsche Anleger ihr Geld an ihn schickten, und er würde ihnen im Gegenzug die New Yorker Finanzwelt zugänglich machen. Mit seinen Händen zeigt Schlütz-Reineke, wie sein Brokerhaus gewachsen wäre – Umsatz, Gewinne, Aktienwert, seine Finger beschreiben eine steile Kurve nach oben. Die hellbeige Gefängnisuniform schmeichelt ihm.

Amerikanische Strafverfolger kamen 2006 zu dem Schluss: alles Betrug. Zehntausende soll er im Laufe seiner Karriere geschädigt haben, bis zu einem dreistelligen Millionenbetrag könnten sie alle zusammen verloren haben, so haben es Verbraucheranwälte geschätzt. Genau wurde es nie ermittelt. Die US-Richter fanden, Schlütz-Reineke habe seinen Kunden das Geld abgenommen und ihnen im Gegenzug überhaupt nichts geboten. Schlütz-Reineke ist zu 15 Jahren verurteilt worden, bei guter Führung kommt er 2020 raus.

Die Geschichte des geplatzten Wall-Street-Traumes begann in den Neunzigern in Düsseldorf. Kaum fertig mit der Schule, heuerte Schlütz-Reineke dort bei einer Brokerfirma an. Im Fitnessstudio hatten ihn Leute angesprochen, die bei derselben Firma arbeiteten, sie suchten Leute. Der Laden gehörte zum Imperium von Heinz Knöpfel, einem Mann, der in den siebziger und achtziger Jahren zu einer der berüchtigsten Figuren am deutschen Finanzmarkt aufgestiegen war.

Knöpfel, der sich zeitweise auch Hensley oder Piroth nannte, hat sich selber einmal als »der erfolgreichste Jäger nach dem Geld naiver Spekulanten« angepriesen. Nach eigenen Angaben erleichterte er die Kundschaft jedes Jahr um 50 Millionen Mark, Prominente wie der Exfußballstar Paul Breitner fielen auf ihn herein. Bild ernannte Hensley/Piroth einst zum »drittbesten Gauner der Welt«. Als Knöpfel Ende der neunziger Jahre ins Gefängnis kam, zerbrach sein Imperium, doch viele »Mitarbeiter« suchten ihr Glück nun auf eigene Faust. Eine der talentiertesten Nachwuchskräfte: Schlütz-Reineke.

1991 gründet Schlütz-Reineke seinen eigenen Laden: Large Investments, Inc. Er mietet Geschäftsräume an der mondänen Düsseldorfer Königsallee. Rechtlich gesehen, ist der Firmensitz die Isle of Man vor der Küste Großbritanniens, die Heimat zahlreicher unseriöser Briefkastenfirmen. Der Geschäftszweck sind Options- und Termingeschäfte für Kleinanleger.

Es ist eine Zeit, in der solche Instrumente in Deutschland einen Boom erleben. Ein Paradies für Abzocker. Sie nutzen die laxe Aufsicht, löchrige Vorschriften und die Unwissenheit der Anleger. »Es war der Wilde Westen«, sagt Schlütz-Reineke heute selbst. Eines Tages stehen Ermittler bei Large vor der Tür. Anleger haben sich beschwert, die Drücker des Unternehmens hätten das wahre Verlustrisiko der von ihnen verkauften Papiere verschwiegen. 2003 wird Schlütz-Reineke vom Landgericht Düsseldorf wegen Betrugs zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

Die Zeit bis zur Verurteilung wartet Schlütz-Reineke allerdings nicht tatenlos ab. Damals plant er schon seinen ganz großen Sprung: Er will an der Wall Street mitspielen. Er will es zu etwas bringen im Mekka der Finanzbranche. Er will das ganz große Rad drehen. Bis heute beteuert er, dass seine Pläne alle ganz legal gewesen seien, ein Bruch mit seiner schäbigen Vergangenheit. »Ich wollte dem Sumpf des grauen Kapitalmarkts in Deutschland entgehen.«