Immer ist sie da. Nie wird man sie los. Stets drängt sie sich dazwischen: Die Armut ist eine lästige, eine unerträgliche Plage, besonders dort, wo sich alle darin gefallen, in der besten, schönsten aller Gesellschaften zu leben. Etwa im Griechenland der Antike. Wo jugendliche Helden das nationale Selbstbild formten, die köstliche Nacktheit in Marmor verherrlicht wurde, Künstler über dem Spiel trainierter Muskeln den Faltenwurf der Kleider hauchdünn drapierten, entschiedene Profile schnitten, harte Kinnlinien meißelten, unablässig am Menschenbild der kämpferischen Stärke feilten, das der Inbegriff des humanistischen Menschenbildes wurde. Aber selbst damals gab es natürlich – Arme. Menschen, ausgemergelt von Hunger, gemartert von Seuchen, verstümmelt in Feldzügen, abgestumpft von der Aussichtslosigkeit ihrer Lage.

Man sieht handtellerhohe Gestalten in den Vitrinen des Rheinischen Landesmuseums in Trier , das zusammen mit dem Stadtmuseum eine Doppelausstellung zum Thema Armut inszeniert hat. Figuren aus Terrakotta. 1. bis 4. Jahrhundert nach Christus. Fundort: Smyrna. Oder: Ägypten. Eine lehmfarbige Oberfläche. Fratzen über geblähten Leibern. Tiefe Furchen über schwulstigen Lippen, zahnlose Gaumen, aus den Körpern quellen riesige Penisse. Eicheln von der Größe einer Hand. Über die Haut ziehen sich knarzige Adern. Armut ist obszön, will das sagen. Ekelhaft. Bedürftigkeit ist lächerlich. Alter – nur widerlich!

Diese Grotesken dienten als putzige Accessoires in den gehobenen Haushalten der Antike. Die Griechen, wie die Römer, verhöhnten ihre Armen lustvoll. Äfften die Gezeichneten nach, luden sie ein, um mit ihrer Schmach die Gäste zu amüsieren. Zum Kreischen komisch, diese hässliche Alte!

Man unterschied würdige Arme von Gesindel und Säufern und Huren

Der Soziologe spricht von Exklusion. Ausschluss aus der Gesellschaft, etwa durch Erniedrigung. In der Geschichte der Armut, wie sie die Trierer Museen präsentieren, in Gemälden, Filmen, Tonaufnahmen, Kunstobjekten, historischen Dokumenten, Fotos oder Plakaten, findet sich eine solche Fülle von Exklusionsmaßnahmen, dass man von Kreativität reden möchte. Sie reichen von der Isolierung der Armen in Stadtteilen, der zwangsweisen Unterbringung in Armenhäusern über eine mit drakonischen Strafen bewehrte Kriminalisierung bis zur medialen Diffamierung als arbeitsscheues Volk oder zur Sortierung von Menschen in Kategorien der Bedürftigkeit, etwa in den Ausführungen zur Gewährung von Sozialhilfe, die in Deutschland singulär akribisch sind.

Schon im Hamburg der 1830er Jahre unterschied man zwischen einem reinlichen Arbeitswilligen, einem würdigen Armen zweiter Klasse, einem unwürdigen, apathischen, schmutzigen, trägen, bettelnden, ja unmoralischen (in wilder Ehe lebenden!) Armen, zuletzt, Armut Klasse vier: das Gesindel, die Bettler, Säufer, natürlich die Huren.

Man kann die Armutsgeschichte als ein Ringen betrachten, sich von der Abscheu gegenüber dem Elend zu emanzipieren. Es scheinen nur wenige Schritte zu sein von dem verhöhnenden Blick, der die Grotesken schuf, zu den Armutsstudien eines Rembrandt oder Jacques Callot, deren Blätter im Stadtmuseum zu bewundern sind – wie der Stift die Deformierung der Gesichtszüge abtastet, die zerfetzte Kleidung strichelt, bei der Abstützung eines verletzten Beines verweilt, die schmerzliche Verdrehung eines Fußes registriert. Und doch ist da ein Unterschied ums Ganze. Den macht das Mitleid aus. Eine Offenheit gegenüber der Einsicht, dass auch die verschmutzte, kranke Kreatur ein von Gott geschaffenes Wesen ist.

Die Kirche sprach von Misericordia, das Mitleid war eine Tugend, die Fürsorge für Arme ein Beweis von Charakter. Immer neu muss um diese Einsicht gerungen werden, das zeigen Auszüge aus Reden, mit denen das Stadtmuseum auf einem Transparent durch das Treppenhaus in die beiden Ausstellungsetagen führt. »Nur wer arbeitet, soll essen!« Franz Müntefering, SPD, Minister für Arbeit und Soziales, 2006.

Die schöne Stadt Trier ist natürlich ein unwahrscheinlicher Ort für das Thema Armut. Herrliches reiches altes Trier! Im 4. Jahrhundert war Trier die größte Stadt nördlich der Alpen. War Residenz des römischen Kaisers, ist Bischofssitz seit 1700 Jahren. Zwischen der Porta Nigra, dem alten Stadttor, und dem Rheinischen Landesmuseum am Rande des Palastgartens, der zu den Kaiserthermen führt, drängt sich ein unfassbarer Reichtum von Kulturerbe – der grandiose Dom mit Liebfrauenkirche, gegenüber das Palais Walderdorff, in dem Haute Cuisine unter deckenhohen Skulpturen serviert wird, das Kurfürstliche Palais mit seinem Barockgeflitter.

Wer aber das nächste Kirchenportal ansteuert, das in Trier nie weit ist, hat gute Chancen, sich an einer der ausgemergelten Gestalten vorbeidrängen zu müssen, die dort, auf groben Säcken kniend, die gefalteten Hände gen Himmel recken. Bettlerbande!, kommentiert dies verbittert ein Trierer Obdachloser in einem Dokumentarfilm im Stadtmuseum. Fallen morgens in Scharen in die Stadt ein, sind abends verschwunden, alles Geschäftemacher aus Rumänien! Da sind nun schon einige der modernen Vorurteile versammelt, welche die Ausstellung herausarbeitet, von den Menschenfluten vor Lampedusa bis zu Florida-Rolf.