DIE ZEIT:Blixa Bargeld, wann merken Sie, dass bei einem Song etwas wirklich Neues geschieht?

Blixa Bargeld: Wenn meine persönlichen Erwartungen unterlaufen werden. Wenn ich erstens nicht mehr die Kontrolle habe und zweitens etwas geschieht, das ich nicht erwarte. An diesen Punkt zu kommen ist aber ungefähr so wie der Versuch, sich nach dem Aufwachen an einen Traum zu erinnern: Je härter man es versucht, desto schwerer wird es.

ZEIT: Wie verlieren Sie die Kontrolle?

Bargeld: Um etwas zu erschaffen, das es vorher nicht gab, muss man immer neue Strategien des Unterlaufens entwickeln. Ein Beispiel: Bei Aufnahmen für eines unserer letzten Alben haben wir mit einem System aus etwa 800 Karten gearbeitet, die ich zuvor mit Stichworten oder auch Anweisungen beschriftet hatte. Einmal hat jeder drei Karten gezogen, die Anweisungen darauf für sich behalten und sie musikalisch interpretiert. Wenn das alle gleichzeitig tun, kommen definitiv Dinge heraus, die keiner von uns erwartet hat.

ZEIT: Der Zufall als Helfer des Neuen.

Bargeld: Es sind immer Kontrollmechanismen, die das Neue verhindern. Das fängt schon bei den einfachsten Dingen an: Beim Viervierteltakt, einer Songlänge von dreieinhalb Minuten, beim Tempo, den Akkorden, der Abfolge Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Doppelrefrain-Ende. Wer so arbeitet, kann es auch gleich sein lassen. Erst wenn ich solche Kontrollmechanismen unterminiere, und sei es nur durch eine Zufallsinstanz wie dieses Kartensystem, kann etwas Neues entstehen. Man muss das Unvorhergesehene, auch den Unfall, zulassen.

ZEIT: Nach der Gründung 1980 haben die Einstürzenden Neubauten zur Kettensäge, zum Amboss, zu Backsteinen gegriffen. Sie haben Musik in einem leeren Wasserturm, ja sogar im Innern einer Autobahnbrücke aufgenommen. Haben Sie damals bewusst den Rahmen des Bekannten verlassen?

Bargeld: Anfangs hatten wir gar nicht die Wahl. Wir hatten kein Studio und keine Instrumente. Also haben wir mit einem Kassettenrekorder aufgenommen und Instrumente gespielt, die keine waren.

ZEIT: Not macht erfinderisch.

Bargeld: Jeder Künstler wird Ihnen bestätigen: Ist das Budget unendlich, fällt ihm nichts mehr ein. Erst die Beschränkung macht das Nachdenken interessant.

ZEIT: Wie wichtig ist das Fehlen von Traditionen, allgemeiner: von Wissen?

Bargeld: Es kann hilfreich sein. Ob in der Kunst oder in anderen Disziplinen: Die Erneuerer kommen oft von außen. Regeln zu brechen fällt schwer, wenn man die Regeln gut kennt.

ZEIT: Der Ökonom Joseph Schumpeter schrieb, der Innovator sei ein »schöpferischer Zerstörer«. Wie wichtig ist Zerstörung für Sie? Die erste Platte der Neubauten hieß Kollaps, die Musik und die Bühnenshows waren anfangs brachial.

Bargeld: Ich zitiere gerne Walter Benjamin: »Der destruktive Charakter ist jung und heiter. Er kennt nur eine Parole: Platz schaffen.« Zerstörung war für uns nie Zerstörung im Sinne eines Gewaltaktes. Sie diente uns immer eher dazu, Platz zu schaffen. Auch wenn viele Sachen auf der Bühne kaputtgingen und ich über die Jahre diverse Narben und Knochenbrüche davontrug.

 

ZEIT: Ein anderer Satz bei Benjamin lautet: »Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege.«

Bargeld: Schön, oder? Ein wunderbarer Satz.

ZEIT: Neues setzt sich oft schwer durch. Gab es ein Ereignis, das Ihnen zum Durchbruch verhalf?

Bargeld: Ganz wichtig war 1984 der fatale Auftritt im Institute of Contemporary Arts in London, das Concerto for voice and machinery, das hauptsächlich mit Stimmen, Baumaschinen und Zement auskam. Mit dem ICA war abgesprochen, dass das Ganze nicht länger als 25 Minuten dauern sollte. Im Publikum aber wusste das niemand. Und als dann auch noch die Lautsprecheranlage Probleme machte, dachten die Leute, das Konzert solle abgebrochen werden. In einer Art Massenaufstand demolierten sie den ganzen Saal, sodass das ICA anschließend zwecks Renovierung geschlossen werden musste und wir auf der Titelseite der Sun landeten. Der Effekt war gigantisch. Plötzlich wurden wir als Größe wahrgenommen.

ZEIT: Wie reagieren Zuhörer auf neue Songs?

Bargeld: Die meisten unserer Fans mögen unsere Musik in ihrer ganzen Bandbreite und nicht nur die hundertste Wiederholung von Haus der Lüge. Noch immer betreten wir während unserer Konzerte Neuland, mit Improvisationen, die wir »Rampen« nennen, weil sie nur eine kleine Vorgabe haben. Etwa im Sinne von: Jochen fängt an. Auch live lassen wir es immer noch zu, dass etwas geschieht. Mal fällt einem zwar nichts ein, mal geht man zu kontrolliert vor, mal fängt man nach drei Tourtagen an, sich zu wiederholen. Meistens aber geht es gut.

ZEIT: Überwiegt die Erfahrung, dass es sich lohnt etwas auszuprobieren? Oder denken Sie im Studio: Jetzt habe ich fünf Stunden sinnlos vertan?

Bargeld: Das denke ich sogar ziemlich oft. Aber es lohnt sich trotzdem. Was ich will, ganz egoistisch, ist, nach jedem Album jemand anderes zu sein. An manchen Ideen knabbere ich tagelang, nur um am Ende doch einzusehen, dass sie einfach schlecht sind. In anderen Fällen aber hilft Ausdauer. Plötzlich ist dann eine Lösung da. Für mich bedeutet Musizieren, also das Komponieren und Aufnehmen von Musik, Probleme zu lösen. Probleme, die wir uns selbst stellen. Zum Beispiel einen Gegenstand zu nehmen und zu überlegen, wie wir ihm per Mikrofon einen Klang entlocken können, wie wir ihn dazu bringen, sein Innerstes in einer sonoren Form von sich zu geben.

ZEIT: Wie viel am Neuen ist Handwerk?

Bargeld: Bei einer unserer ersten Aufnahmen in einem Plattenstudio hatten wir ein Budget von 5000 D-Mark. Zehn Tage à 500 D-Mark. Der Toningenieur war darin nicht inbegriffen. Kurt, so hieß er, sagte einfach: Da müsst ihr die Mikrofone reinstecken, das sind die Equalizer, hier ist der Aufnahmeknopf, und wenn ihr mich braucht – ruft an. Das war’s. Wir haben dann so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte: Aufnahmen, die total übersteuert waren oder auf dem rechten Kanal viel lauter als auf dem linken. Wir haben aber auch viele Sachen gemacht, die ein Toningenieur so nicht machen würde, die aber funktionieren und für uns gut und richtig waren.

ZEIT: Kann das Neue zur Routine werden, erwartbar somit? Mitte der Neunziger sangen Sie »Höchstens Trampelpfade, nur kein Neuland mehr«.

Bargeld: Wir bewegten uns damals auf Trampelpfaden, abgesichert und eingegrenzt. Heute ist die Band wieder viel besser in ihrer Bereitschaft, sich auf neue Dinge einzulassen. Möglich wurde das nur durch einen radikalen Bruch. FM Einheit und Mark Chung verließen die Band, das zwang die Neubauten, sich neu zu formieren. Vor allem aber entschieden wir uns 2001, unsere Musik nur noch mithilfe des Internets zu produzieren. Unser Plattenlabel Rough Trade verlangte immer weiter das Brachiale. Als unser Vertrag erfüllt war, gingen wir daher neue Wege: Wir schufen eine Internetplattform, über die uns mehrere Tausend Fans unterstützten, Geld zahlten – und die Produktion von Platten finanzierten, in deren Genuss nur sie kamen. Auf diese Weise sind mehrere Alben entstanden. Wir können heute machen, was wir wollen.

ZEIT: Welche Spielräume eröffnete diese Abkehr von der konventionellen Musikproduktion?

Bargeld: Auf den regulären Platten mündeten unsere Experimente doch in eher klassischen Liedformaten. Zusätzlich haben wir aber auch zum Beispiel Musterhäuser aufgenommen, eine gesonderte Serie für radikalere Experimente. Unglaublicher Lärm etwa war eine Performance, bei der wir eine Soundanlage für 1000 Personen in einen kleinen Raum gestellt haben – und selbst ein Stockwerk höher gespielt haben. Unten hat einem der Schalldruck förmlich die Haare weggeblasen, man hat die Musik mehr gefühlt als gehört. Eine extreme physische Erfahrung. Bei einem anderen Musterhaus haben wir einen Sommelier kommen lassen, nach strengen Ritualen Wein konsumiert, schweigend – und all das aufgenommen. Es gab sechs schöne Flaschen und Gläser, die gut klangen.

 

ZEIT: Ihr Modell gilt als Beispiel, wie Musiker sich erfolgreich von der kriselnden Industrie lösen können. Vor einiger Zeit aber haben Sie es beendet. Hat es am Ende doch nicht funktioniert?

Bargeld: Nein, wir haben es im Grunde mehrfach beendet. Wir haben es immer dann gestartet, wenn wir eine Platte – in meinem Jargon heißt es nach wie vor Platte – aufnehmen wollten. Im Moment produzieren wir keine Platte. So einfach ist das.

ZEIT: Von irgendetwas muss ein Musiker ja aber leben. Wovon leben Sie?

Bargeld: Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich in meinem Leben so viele Platten aufgenommen habe, dass ich mir solche Sorgen nicht machen muss. Im Übrigen ist mir irgendwann klar geworden: Andere Leute sind reich – ich bin legendär.

ZEIT: Rechnet sich das Neue?

Bargeld: Natürlich nicht. Würde man anfangen zu rechnen, würde man das Neue gar nicht erst in Angriff nehmen. Das ist die Tragödie der Avantgarde schlechthin und keineswegs nur auf die Musik beschränkt. In der Geschichte der Neubauten gab es in der Band – und erst recht seitens der Plattenfirma – Stimmen, die sagten: Ach, lass uns doch mal was Tanzbares machen. Guck mal, Elektronik ist so groß im Kommen. Aber da gab es eine persönliche Sperrigkeit, bei mir und anderen, die diesen direkten Weg zum Geld verstellt hat.

ZEIT: Aus Prinzip oder bloß als Reaktion?

Bargeld: Künstlerisches Schaffen ist immer Reaktion. Ich bin kein Demiurg, und auch fast alle anderen Künstler sind Menschen, die auf etwas reagieren. Da liegt auch einer der großen Fehler im geltenden Urheberrecht, insbesondere in seiner amerikanischen Ausprägung: Man kann gar nicht mehr auf etwas reagieren! Macht man heute zum Beispiel einen Trickfilm, in dem man Mickey Mouse parodiert, kriegt man gleich Probleme mit Walt Disney.

ZEIT: Ähneln Sie aber nicht längst den »Businessmenski«, über die Sie in Ihrer Litanei geschrieben haben? Sie leben selbst von Ihren Urheberrechten, haben ein Image, das gepflegt werden will, tragen dunkle Anzüge, und auf Tour gleicht Ihr Leben dem eines Managers, der morgens manchmal nicht mehr weiß, in welcher Stadt er gerade ist.

Bargeld: Trotzdem – wenn ich in Helsinki in der First Class Lounge sitze und all diese Herren sehe, komme ich mir immer als Fremdkörper, als Spion vor. Ich gehöre da nicht hin und werde vermutlich auch als Fremdkörper wahrgenommen. In dieser Welt bin und bleibe ich ein stiller Beobachter.

ZEIT: Auch privat reisen Sie viel. Sie und Ihre Frau leben seit Jahren in Berlin, San Francisco und vor allem Peking. Hat die Heimat für Sie an Reiz verloren?

Bargeld: Das ändert sich gerade. In Peking haben wir unseren Besitz in einen Container eingelagert, unsere Zelte in San Francisco brechen wir ebenfalls ab. Meine Tochter wird dieses Jahr drei Jahre alt, und der Prenzlauer Berg ist schlicht kinderfreundlicher als San Francisco oder Peking. Zudem hat Berlin immens gewonnen. Heute ist es eine der Welthauptstädte. Wobei ich an meinen Freunden und Kollegen sehe, dass man sich in Berlin inzwischen extrem anstrengen muss, nur um auf der Stelle zu stehen und sich zu behaupten.

ZEIT: Was bringt dieses Jahr noch Neues?

Bargeld: Ich muss meine Autobiografie schreiben. Da hinke ich so weit hinterher, dass ich den Atem meines Verlegers Helge Malchow von Kiepenheuer & Witsch schon im Nacken spüre. Ich werde sie aber komplett erfinden.

ZEIT: Erfinden?

Bargeld: Ich habe in den vergangenen zehn Jahren viele Autobiografien von Künstlern gelesen, und die zerfallen in zwei Kategorien. Die eine besteht aus dem verkannten Künstler, der die Dinge endlich einmal gerade rücken möchte. In diese Kategorie gehört zum Beispiel der Fotograf Man Ray – ich schätze sein Werk sehr, aber wenn man seine Autobiografie gelesen hat, möchte man nichts mehr mit ihm zu tun haben. In die andere Kategorie fallen Autobiografien wie die von Salvador Dalí, die komplett over the top sind. Bei denen weiß man wirklich nicht mehr, was man glauben soll – aber sie sind sehr viel unterhaltsamer und großartig zu lesen. Vor die Wahl gestellt, entscheide ich mich natürlich für die zweite Kategorie.

Das Gespräch führte Arne Storn