Bildungsabstieg "Deutsch ist der Schlüssel"

Sinkende Schülerzahlen, mehr Einwandererkinder – der Pisa-Forscher Jürgen Baumert warnt vor einem Bildungsabstieg.

DIE ZEIT: Herr Professor Baumert, vor zehn Jahren haben Sie Deutschland schon einmal aufgerüttelt – mit der Pisa-Studie, die unserem Bildungssystem ein schlechtes Zeugnis ausstellte. In letzter Zeit bescheinigten Sie dann den Schulen und der Politik, sie seien auf einem guten Weg. Und nun schlagen Sie mit einem Gutachten wieder Alarm. Was ist passiert?

Jürgen Baumert: Zu befürchten ist, dass das Erreichte verspielt werden könnte, wenn es den Ländern in den nächsten Jahren nicht gelingt, die Gruppe derjenigen deutlich zu verkleinern, die die Mindestvoraussetzungen für das Erlernen eines zukunftsfähigen Berufs nicht erfüllen. Darauf macht die Expertenkommission Herkunft und Bildung aufmerksam. Dies erfordert abgestimmte, früh einsetzende und nachhaltige Maßnahmen, die bislang ausgeblieben sind. Die letzten zehn Jahre waren ja tatsächlich eine Periode des Erfolgs. Die Einstellung zur Bildung hat sich zum Positiven geändert. Eltern, Lehrkräfte und Politiker nehmen sie wichtiger. Mit diesem Mentalitätswandel gingen ein Anstieg der Leistung und der Motivation der Schüler einher sowie eine Verbesserung des Unterrichts und der individuellen Unterstützung durch die Lehrkräfte. In der Folge hat auch die soziale Ungleichheit etwas abgenommen.

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ZEIT: Was genau befürchten Sie?

Baumert: Die demografische Entwicklung wird in den alten Ländern nicht nur zum Rückgang der Schülerzahlen führen, sondern auch zur Veränderung der sozialen und ethnischen Zusammensetzung der Schulbevölkerung. Nach 2025 wird ein zweiter, genereller demografischer Einbruch folgen, der alle Länder betrifft.

Jürgen Baumert

Der Mahner Jürgen Baumert, 69, ist der bedeutendste Bildungsforscher des Landes. Bekannt wurde er als Leiter des deutschen Teils der Pisa-Studie (Programme for International Student Assessment), die im Jahr 2001 einen Schock auslöste: Unsere Schüler boten im internationalen Vergleich nur Mittelmaß, die Schulen zeigten sich als sozial ungerecht.

Gutachten zur Bildungspolitik

Am Dienstag legte Baumert gemeinsam mit anderen Forschern (Expertenrat Herkunft und Bildung) ein Gutachten zur Bildungspolitik in Baden-Württemberg vor, das von der noch amtierenden Kultusministerin Marion Schick (CDU) in Auftrag gegeben wurde. Darin warnt er vor den Folgen des demografischen Wandels und macht Vorschläge, wie ihnen zu begegnen ist. 

ZEIT: Die schlimmen Zeiten kommen dann erst?

Baumert: Die jüngeren Schülerjahrgänge werden kleiner. Gleichzeitig steigt der Anteil der Zuwanderer, die aus sozial schwächeren Verhältnissen stammen. In Flächenstaaten wie Baden-Württemberg kommen zurzeit 35 Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien. Bei den unter Fünfjährigen sind es bereits mehr als 40 Prozent – bei großen regionalen Verwerfungen. In den Ballungszentren werden in wenigen Jahren die Zuwandererkinder im Grundschulalter die Mehrheit bilden. Dabei liegt die Spannweite zwischen 50 und 70 Prozent.

ZEIT: Ein gewaltiger gesellschaftspolitischer Sprengstoff?

Baumert: Wenn nichts geschieht, genügt dieser sozialstrukturelle Wandel, um die deutschen Pisa-Zugewinne, etwa im Leseverständnis zwischen 2003 und 2009, zunichtezumachen. Gleichzeitig wird die Risikogruppe der schwachen Leser von jetzt rund 19 Prozent wieder auf über 21 Prozent anwachsen. Damit werden jährlich zusätzlich etwa 15.000 unzureichend qualifizierte Schulabgänger weitgehend erfolglos einen Ausbildungsplatz suchen.

ZEIT: Also hat Thilo Sarrazin doch recht mit seiner Warnung vor dem wachsenden Anteil von Migranten an der Bevölkerung?

Baumert: Thilo Sarrazin irrt, wenn er suggeriert, dies sei eine Frage der Genetik. Er hat weder das die menschliche Entwicklung bestimmende Prinzip der Wechselwirkung zwischen Anlage und Umwelt wirklich verstanden noch die Plastizität der wissensabhängigen Komponenten der Intelligenz.

ZEIT: Was ist es dann?

Baumert: Es gibt ein soziales Problem und ein damit verbundenes Sprachproblem. Die Zuwanderer stammen vorwiegend aus schwächeren sozialen Schichten. Wir haben preiswerte Arbeitskräfte angeworben und aus humanitären Gründen immer mehr Flüchtlinge aufgenommen, als es die Genfer Konvention verlangt. In der Erwartung, dass diese Menschen wieder in ihre Heimat zurückkehren, haben wir ihre sprachliche Integration und vor allem die ihrer Kinder vernachlässigt.

ZEIT: Warum ist die Situation so dramatisch?

Baumert: In unserem Land werden keine unqualifizierten Arbeitskräfte gesucht, sondern vorzüglich ausgebildete Fachleute. Die Nischen auf dem Arbeitsmarkt für schwach Qualifizierte sind weitgehend verloren gegangen. Deshalb sind auch die knapp 20 Prozent der 30-Jährigen, die jährlich ohne abgeschlossene Berufsausbildung bleiben, ein bedrohliches gesellschaftliches Problem. Zu dieser Gruppe gehören acht Prozent der deutschstämmigen jungen Erwachsenen und ein Drittel der Personen mit Migrationshintergrund. Je nach Jahrgangsstärke können dies jährlich bis zu 150.000 Personen sein. Sie haben auch langfristig eine diskontinuierliche Erwerbsbiografie und geringes Einkommen zu erwarten. Die gesellschaftlichen Kosten infolge entgangener Steuern und anfallender Sozialleistungen sind immens.

ZEIT: Der wachsende Migrantenanteil ist also kein Problem, weil Zuwanderer weniger intelligent sind, sondern weil sie schwächeren sozialen Schichten angehören. Aber damit ist das Problem doch nicht vom Tisch. Weltweit zeigt sich, dass die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht in hohem Maße vererbt wird.

Baumert: Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg wird dann zu einem nicht tolerierbaren Problem, wenn die für gesellschaftliche Teilhabe notwendigen Grundkompetenzen nicht erworben werden. Politisch stellt sich damit zuallererst die Frage, wie das für eine selbstständige Lebensführung erforderliche Bildungsminimum für die gesamte nachwachsende Generation gesichert werden kann – und zwar unabhängig von sozialer oder ethnischer Herkunft. Das verlangt systematische Förderung der Leistungsschwächsten. Gelingt dies, verringern sich auch soziale und ethnische Ungleichheiten.

Leser-Kommentare
  1. Er kommt mit den gleichen Statistiken wie der Sarrazin daher, und formuliert ähnliche Erkenntnisse.
    ´´Die Plastzität der wissensabhängigen Komponenten der Intelligenz´´ habe ich auch nicht verstanden, da gleiche ich dem Sarrazin,oder soll das nun Professoren-Kauderwelsch sein , das intelligent klingt ? Wenn es eine wissensabhängige Komponente gibt, was ist dann die andere ?
    Die Vorschläge zur Verbesserung der Situation sind nun auch nicht umwerfend, frühere Betreuung, Ganztagsbetreuung nützt nun auch nichts, wenn auf Grund der Parallelgesellschaft türkisch oder was auch immer im Kindergarten gesprochen wird.
    Traurig an der ganzen Diskussion ist, das wir uns nicht um eine bessere Bildung kümmern müssen sondern um das Bildungsminimum, das ist auf jeden Fall ein gewaltiger Rückschritt.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Bildungsarmut zu verhindern und dafür zu sorgen, dass jeder junge Mensch mit einer ausreichenden Bildung die Eintrittskarte ins Leben erhält."

    Ich bin sehr auf seiner Seite, auch wenn das Erlernen eines zukunftsfähigen Berufs noch lange keine solche Eintrittskarte ist, wenn man Artikel wie den folgenden liest:

    http://www.zeit.de/zeit-w...

    Da haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns und auf dieser Grundlage sind motivierte Betroffene auch schwer vorstellbar. Allerdings verstehe ich die folgende Äußerung nicht, wenn das Ziel sein soll niemanden ungerechtfertigt zu benachteiligen:

    "Vergleicht man türkische Zuwandererkinder und deutsche Kinder aus der gleichen Sozialschicht und mit gleichen Schulleistungen am Übergang von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen, dann sind die Chancen des türkischen Kindes, eine anspruchsvollere Schule zu besuchen, deutlich höher."

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    Ich wollte diesen Link posten:

    http://www.zeit.de/gesell...

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    • Reffke
    • 19.04.2011 um 16:38 Uhr

    Der Mahner Jürgen Baumert, 69, ist also der bedeutendste Bildungsforscher des Landes, aber die Zeit, das Buch von Thilo Sarrazin zu lesen, hatte er offenbart nicht: denn Sarrazin suggeriert darin eben gedade nicht, dies sei eine Frage der Genetik... sehr interessant!
    Anstatt bei diesem offenbar heiklen Thema quasi den Schulterschluß der Demokraten zu suchen, nämlich den der CDU, die die Studie ja in Auftrag gegeben hat, mit der SPD, der Sarrazin noch angehört, windet er sich angesichts des großartigen Erfolgs von "Deutschland schafft sich ab", wie im Märchen von der Goldene Gans =) allerdings ist er geradezu märchenhaft zu Teils frapant gleichen Schlüssen gekommen: sehr komisch dieser Eiertanz!
    Jeder der sich thematisch mit den Argumenten Sarrazins beschäfftigt, bleibt offenbarr an ihnen hängen... ;)

  3. Eine Bestätigung der Thesen Sarrazins - mit anderen Worten, überlegter, eben NACH Sarrazin,
    aber: Sarrazin hat wachgerüttelt, Sarrazin hat Recht:
    Man muss fordern und gezielt Einwanderung zulassen.
    Es kann doch nicht sein, dass wir noch einmal drei Generationen lang die Zuwanderer aufrütteln müssen, mitzumachen, Deutschlands Stärke nicht nur zu nutzen, sondern sich daran zu beteiligen in Form von aktiver Beteiligung.
    Und außerdem: Nicht noch mehr Ungelernte aus solchen Gebieten zuhauf zu den bisherigen Problemgruppen zuwandern lassen - damit die jetzigen sich nicht so einsam fühlen? Weiter sich in Ihrer Religion einigeln? Weiter die hiesigen Werte ablehnen oder gar bekämpfen?
    Wie sagt Sarrazin: Wenn Menschen schon nicht die Bildung mitbringen, die hier vonnöten ist, dann brauchen wir DIE nicht, die sich weigern, daran etwas zu ändern.
    Die, die sich integrieren und den Bildungsweg mitgehen - die hört man nicht, die sind damit beschäftigt, die Ihnen hier gebotenen Chancen zu nutzen.
    Außerdem she ich ganz klar ebenfalls ausgesagt: die deutsche Sprache schon so früh wie möglich an die Kinder heranbringen - dann können sie auch mit den Chancen mitwachsen, verstehen - und sich verständlich machen.

  4. Nur winden sich die sog. Wissenschaftler und diffamieren Sarr. mit Geneitk, denn das hat er in seinem Buch nicht als Hauptgrund genannt. Vielleicht mal das Buch gründlich lesen, bevor solche Abgrenzungen losgelassen werden.
    Alle Politiker haben nach der Sarrazin-Hysterie im Grunde ihm beigepflichtet, aber man muß ihn dennoch an den Rand stellen, wegen der sog. Genetik, die überhaupt nicht Bestandteil seines Buches ist.

  5. Bevor mir Rassismus unterstellt wird, ich habe mich durchaus mit ein paar Ausländern über das Thema unterhalten die mir zugestimmt haben. Einer sagte in Dänemark würde es so laufen (bin da nicht informiert). Aber grundsätzlich muß es doch machbar sein ausländische Eltern zu zwingen ihre Kinder mit 2-3 Jahren in den Kindergarten zu geben und ihnen dort deutsch beizubringen. Kostet sicher auch sehr viel (ja, ich weiß, Kindergartenplätze sind gerade Mangelware) diese Plätze zu schaffen, ist aber vielleicht doch erheblich billiger als die aktuellen Kosten zu tragen (keinen Schulabschluß, keine Ausbildung, durchaus verständlicher Frust und daher wohl auch die Gefahr "mist zu machen" usw. usw). Wobei das sicher nur ein Punkt ist da ja mittlerweile auch genügend deutsche Schüler nicht ausbildungsfähig sind.

    • Rolf28
    • 19.04.2011 um 17:29 Uhr

    Der Trick, wie man aus der Bildungsmisere mit den sozial schlechtgestellten Migranten kommt, besteht darin, dieselben Schlüsse wie Sarrazin zu ziehen, unter Einbringung derselben Statistiken, aaaber am Ende zu sagen, dass der Kerl unrecht hatte (mit solchen Weltklasse-Sprachverrenkungen wie "Die Plastizität der wissensabhängigen Komponenten der Intelligenz" hätte er nicht verstanden).
    Dann finden einen die Sarrazin-Kritiker gut(, weil sie ohnehin nie festmachen konnten, warum sie diesen nicht mochten - irgendwas mit "Genetik"); und die, die Sarrazin gelesen und verstanden haben, finden ihn auch gut, weil sie wissen dass es endlich mal jemandem gelingt, eine "politisch korrekte" Sprache zum selben Anliegen zu finden.

    • tchonk
    • 19.04.2011 um 17:36 Uhr

    ich finde es lächerlich, wie immer alle versuchen in der öffentlichkeit nur nicht dem sarrazin recht zu geben. wovor haben die angst? falscher anspruch an sich selbst. wirklich jämmerlich.

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