DIE ZEIT : Herr Professor Baumert, vor zehn Jahren haben Sie Deutschland schon einmal aufgerüttelt – mit der Pisa-Studie, die unserem Bildungssystem ein schlechtes Zeugnis ausstellte. In letzter Zeit bescheinigten Sie dann den Schulen und der Politik, sie seien auf einem guten Weg. Und nun schlagen Sie mit einem Gutachten wieder Alarm. Was ist passiert?

Jürgen Baumert : Zu befürchten ist, dass das Erreichte verspielt werden könnte, wenn es den Ländern in den nächsten Jahren nicht gelingt, die Gruppe derjenigen deutlich zu verkleinern, die die Mindestvoraussetzungen für das Erlernen eines zukunftsfähigen Berufs nicht erfüllen. Darauf macht die Expertenkommission Herkunft und Bildung aufmerksam . Dies erfordert abgestimmte, früh einsetzende und nachhaltige Maßnahmen, die bislang ausgeblieben sind. Die letzten zehn Jahre waren ja tatsächlich eine Periode des Erfolgs. Die Einstellung zur Bildung hat sich zum Positiven geändert. Eltern, Lehrkräfte und Politiker nehmen sie wichtiger. Mit diesem Mentalitätswandel gingen ein Anstieg der Leistung und der Motivation der Schüler einher sowie eine Verbesserung des Unterrichts und der individuellen Unterstützung durch die Lehrkräfte. In der Folge hat auch die soziale Ungleichheit etwas abgenommen.

ZEIT : Was genau befürchten Sie?

Baumert : Die demografische Entwicklung wird in den alten Ländern nicht nur zum Rückgang der Schülerzahlen führen, sondern auch zur Veränderung der sozialen und ethnischen Zusammensetzung der Schulbevölkerung. Nach 2025 wird ein zweiter, genereller demografischer Einbruch folgen, der alle Länder betrifft.

ZEIT : Die schlimmen Zeiten kommen dann erst?

Baumert : Die jüngeren Schülerjahrgänge werden kleiner. Gleichzeitig steigt der Anteil der Zuwanderer, die aus sozial schwächeren Verhältnissen stammen. In Flächenstaaten wie Baden-Württemberg kommen zurzeit 35 Prozent der Schüler aus Zuwandererfamilien. Bei den unter Fünfjährigen sind es bereits mehr als 40 Prozent – bei großen regionalen Verwerfungen. In den Ballungszentren werden in wenigen Jahren die Zuwandererkinder im Grundschulalter die Mehrheit bilden. Dabei liegt die Spannweite zwischen 50 und 70 Prozent.

ZEIT : Ein gewaltiger gesellschaftspolitischer Sprengstoff?

Baumert : Wenn nichts geschieht, genügt dieser sozialstrukturelle Wandel, um die deutschen Pisa-Zugewinne, etwa im Leseverständnis zwischen 2003 und 2009, zunichtezumachen. Gleichzeitig wird die Risikogruppe der schwachen Leser von jetzt rund 19 Prozent wieder auf über 21 Prozent anwachsen. Damit werden jährlich zusätzlich etwa 15.000 unzureichend qualifizierte Schulabgänger weitgehend erfolglos einen Ausbildungsplatz suchen.

ZEIT : Also hat Thilo Sarrazin doch recht mit seiner Warnung vor dem wachsenden Anteil von Migranten an der Bevölkerung?

Baumert : Thilo Sarrazin irrt, wenn er suggeriert, dies sei eine Frage der Genetik. Er hat weder das die menschliche Entwicklung bestimmende Prinzip der Wechselwirkung zwischen Anlage und Umwelt wirklich verstanden noch die Plastizität der wissensabhängigen Komponenten der Intelligenz.

ZEIT : Was ist es dann?

Baumert : Es gibt ein soziales Problem und ein damit verbundenes Sprachproblem. Die Zuwanderer stammen vorwiegend aus schwächeren sozialen Schichten. Wir haben preiswerte Arbeitskräfte angeworben und aus humanitären Gründen immer mehr Flüchtlinge aufgenommen, als es die Genfer Konvention verlangt. In der Erwartung, dass diese Menschen wieder in ihre Heimat zurückkehren, haben wir ihre sprachliche Integration und vor allem die ihrer Kinder vernachlässigt.

ZEIT : Warum ist die Situation so dramatisch?

Baumert : In unserem Land werden keine unqualifizierten Arbeitskräfte gesucht, sondern vorzüglich ausgebildete Fachleute. Die Nischen auf dem Arbeitsmarkt für schwach Qualifizierte sind weitgehend verloren gegangen. Deshalb sind auch die knapp 20 Prozent der 30-Jährigen, die jährlich ohne abgeschlossene Berufsausbildung bleiben, ein bedrohliches gesellschaftliches Problem. Zu dieser Gruppe gehören acht Prozent der deutschstämmigen jungen Erwachsenen und ein Drittel der Personen mit Migrationshintergrund. Je nach Jahrgangsstärke können dies jährlich bis zu 150.000 Personen sein. Sie haben auch langfristig eine diskontinuierliche Erwerbsbiografie und geringes Einkommen zu erwarten. Die gesellschaftlichen Kosten infolge entgangener Steuern und anfallender Sozialleistungen sind immens.

ZEIT : Der wachsende Migrantenanteil ist also kein Problem, weil Zuwanderer weniger intelligent sind, sondern weil sie schwächeren sozialen Schichten angehören. Aber damit ist das Problem doch nicht vom Tisch. Weltweit zeigt sich, dass die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht in hohem Maße vererbt wird.

Baumert : Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg wird dann zu einem nicht tolerierbaren Problem, wenn die für gesellschaftliche Teilhabe notwendigen Grundkompetenzen nicht erworben werden. Politisch stellt sich damit zuallererst die Frage, wie das für eine selbstständige Lebensführung erforderliche Bildungsminimum für die gesamte nachwachsende Generation gesichert werden kann – und zwar unabhängig von sozialer oder ethnischer Herkunft. Das verlangt systematische Förderung der Leistungsschwächsten. Gelingt dies, verringern sich auch soziale und ethnische Ungleichheiten.