UmweltschutzorganisationBasis contra Business

Vor 50 Jahren wurde in Zürich der World Wide Fund for Nature (WWF) gegründet. Er wollte Ökonomie mit Ökologie verbinden. Alexis Schwarzenbach hat die Ursprünge des konservativen Vereins untersucht – ein Gespräch mit dem Historiker von 

September 1965 im Londoner Zoo: Ein Elefantenjunges überreicht dem Vorsitzenden des World Wildlife Fund, Peter Scott, einen Scheck

September 1965 im Londoner Zoo: Ein Elefantenjunges überreicht dem Vorsitzenden des World Wildlife Fund, Peter Scott, einen Scheck  |  © Central Press/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Schwarzenbach, die englischen Gründer des WWF waren Konservative oder Adlige. Das erstaunt.

Alexis Schwarzenbach: Ich hatte zu Beginn meiner Arbeit auch andere Bilder vor Augen: langbärtige Männer, die gerne stricken, wie bei den Versammlungen der deutschen Grünen in den Achtzigern. Die Herren, die 1961 in Zürich den WWF gründeten, trugen aber alle Krawatten. Sie waren Ornithologen oder Jäger und die Ersten, die merkten: Es gibt immer weniger Viecher auf der Welt, und dagegen muss man etwas tun.

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ZEIT: Ein englischer Intellektueller, der Vögel beobachtet, ein Aristokrat, der schießt, fällt nicht auf. In der Schweiz ist so einer ein Exot.

Schwarzenbach: Es gibt auch hier Ausnahmen. Als ich den Roche-Erben Luc Hoffmann, einen wichtigen WWF-Gönner, fragte, ob sein Engagement etwas mit dem traditionellen Basler Mäzenatentum zu tun habe, sagte er mit leuchtenden Augen: »Nein, nein, ich habe mich schon in der Primarschule für Vögel interessiert.« Einer größeren Sache verpflichtet zu sein, das spielte für ihn keine Rolle. Und die Jagd ist in einigen Schweizer Gegenden kulturell tief verankert – gehen Sie mal nach Glarus oder Graubünden.

ZEIT: Anfang der sechziger Jahre gab es schon andere Umweltschutzorganisationen. Etwa den Rheinaubund oder den Schweizer Bund für Naturschutz. Wie unterschied sich der WWF?

Schwarzenbach: Der WWF hatte ein einmaliges Geschäftsmodell. Er wollte die Finanzierung des Umweltschutzes professionalisieren. Die Gründer, auch in der Schweiz, sahen sich als Geschäftsmänner. So konnte sich der WWF von den älteren, honorigeren Umweltschutzorganisationen abheben. Die Geschäftssprache war Englisch. Bei Problemen hieß die Antwort oft: »we need to be more businesslike« . Der erste Generaldirektor des WWF International, Fritz Vollmar, wurde als young swiss businessman vorgestellt, dabei arbeitete er als Direktionsassistent in einer Metallfabrik.

ZEIT: Also waren die WWF-Gründer Grünliberale avant la lettre?

Schwarzenbach: Ja, das könnte man so sehen. Man wollte gerne etwas für die Umwelt tun, aber trotzdem nicht das Wirtschaftswachstum gefährden. Die Gründer führten mit der Wirtschaft einen kritischen Dialog. Damit, so dachten sie, würden sie mehr erreichen. Anfangs machte man Fehler, nahm zum Beispiel Spenden von Erdölfirmen entgegen – ein Shell-Direktor wurde später gar Stiftungsratspräsident. Doch heute steht in den Verträgen: »We agree to disagree.«

ZEIT: Wichtige Schweizer WWF-Mitglieder wie Präsident Hans Hüssy standen damals der FDP nahe. Heute tut sich die Partei schwer mit grünen Themen. Wann hat der Freisinn sein Umweltbewusstsein verloren?

Schwarzenbach: Ich fand mal eine alte Mitgliederliste des »1001 Clubs«, der die wichtigsten WWF-Spender versammelt. In der Schweiz kamen viele aus Basel oder Genf. Im Raum Zürich, beim Wirtschaftsfreisinn, war es aber bereits Anfang der siebziger Jahre schwierig, für den Umweltschutz Geld aufzutreiben.

ZEIT: Der WWF Schweiz setzte sich bei den Bürgerlichen aber auch in die Nesseln. Mit Roland Wiederkehr, dem späteren LdU-Nationalrat, machte man 1968 einen jungen Wilden zum ersten vollamtlichen Direktor.

Schwarzenbach: Dass Hans Hüssy den damals 25-jährigen Journalisten Wiederkehr anstellte, war kein Zufall. Man meint ja, 1968 habe es in der Schweiz nicht gegeben. Dabei waren die Formen einfach andere. Man engagierte sich etwa in einer Organisation wie dem WWF. Die Schweizer Sektion wurde als Verein gegründet, in dem jeder Mitglied werden konnte. Das sorgte für eine sehr starke Identifikation an der Basis.

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