Eigentlich hatte ich Afrika schon aufgegeben. Mit jeder Nachricht von einem neuen Bürgerkrieg oder einer Hungersnot verlor sich auch noch das, was ich zuletzt mit diesem Kontinent verbunden hatte: die Hoffnung, dass sich die Lebensumstände der Menschen dort bessern würden. Geblieben war nur der Wunsch, irgendwie zu helfen.

Aber womit? Und wie?

Wenn ich zu Hause, in meinem behaglichen europäischen Leben, die Zeitungen las, fand ich keine Antworten auf meine Frage, sondern Entmutigungen. »Wären Hilfsgelder die Lösung für Afrikas Probleme, dann wäre es ein reicher Kontinent«, schreibt Richard Dowden, Direktor der britischen Royal African Society. »Massiver Geldtransfer erstickt lokale Initiativen, schafft Abhängigkeiten und zieht Afrikas Regierungen gegenüber den Geberländern in die Verantwortung anstatt gegenüber der eigenen Bevölkerung.«

Als ich im amerikanischen Magazin Time eine ganzseitige Louis-Vuitton-Anzeige sah, die Bono zeigte, den Sänger der Popgruppe U2, den rockender Vorkämpfer für globale Menschlichkeit, modisch im afrikanischen Busch, hatte auch das eine ernüchternde Wirkung. Sein Edelmut scheint nichts anderes zu sein als Selbstbespiegelung.

Doch was konnte ich tun?

»Nicht spenden!«

Diese Antwort, die ich eines Tages las, war verblüffend klar und hart und kam aus dem Munde einer sambischen Ökonomin namens Dambisa Moyo. Für die nächsten fünf Jahre, forderte sie, solle die reiche Welt ihre Hilfe einstellen und nur noch bei Naturkatastrophen einspringen. Allein damit sei Afrika geholfen. Den europäischen Altruismus nannte Moyo, 41, ein ökonomisches und humanitäres Unheil für ihren Kontinent..

Im Unterschied zu mir ist Moyo Afrikanerin, eine sehr erfolgreiche: Sie studierte in Oxford und Harvard, arbeitete bei Goldman Sachs und der Weltbank. In diesem irritierenden Artikel riet Moyo: »Googeln Sie Kiva!«

Das mache ich. Auf dem Bildschirm meines Computers öffnet sich eine lindgrüne Seite voll mit Fotos, Flaggen und Pfeilen, ganz oben der Slogan »Loans that change lives«: Kredite, die Leben verändern. Kiva – das Wort bedeutet »Einigkeit« auf Swahili – verbinde reiche und arme Menschen durch Leihgeschäfte, steht darunter. Pfeile verbinden den Schattenriss eines anonymen Gebers mit einer dunkelhäutigen Frau, die hinter einer alten Nähmaschine sitzt.

Zwei Amerikaner, Matt Flannery und Jessica Jackley, gründeten Kiva 2005. Die Idee kam ihnen, als Jackley für eine Entwicklungshilfe-Organisation in Afrika arbeitete. Sie merkte, dass ambitionierte Kleinunternehmer kaum Zugang zu Kapital hatten.

Ich klicke weiter und finde Bilder von Webern, Fischern, Landwirten, die Geld brauchen. Da ist der Bauer Enrique Reyes aus Ecuador, der 600 Dollar für neues Saatgut benötigt; Reis, Mais und Bohnen. Da ist der Stoffhändler Julius Kiama aus Kenia, dem 750 Dollar fehlen, um sich sechs Altkleiderballen Damenblusen für seinen Marktstand leisten zu können. Und da ist die Wirtin Kumba Moore aus Sierra Leone, die 875 Dollar braucht, um ihr Restaurant in der Provinzhauptstadt Makeni auszubauen.

Sie alle wollen keine Geschenke, sondern Kredite, die sie innerhalb eines Jahres zurückzuzahlen versprechen, bis auf den letzten Cent. Es geht – aus deutscher Sicht – um wenig Geld. 700.000 Menschen, schreibt Kiva auf der Website, hätten in den vergangenen fünf Jahren rund 400.000 Kleinstunternehmern in ärmeren Ländern ausgeholfen. Der Mindesteinsatz liegt bei 25 Dollar. Jede Zahlung wird über PayPal in Singapur abgewickelt.

Die Idee des Mikrokredits war mir nicht neu. Immerhin hatten 2006 die bengalische Grameen Bank und ihr Gründer Muhammad Yunus für genau diesen Einfall den Friedensnobelpreis erhalten. Aber im vergangenen Jahr wurde Yunus beschuldigt, 100 Millionen Dollar in eine Tochtergesellschaft abgezweigt zu haben. Obendrein berichteten Medien, in Indien hätten Mikrokredit-Institute zahlungsunfähige Schuldnerinnen in den Selbstmord getrieben (siehe Kredit und Misskredit ). Vielleicht, dachte ich, kann ich mir bei Kiva selbst ein Bild davon machen, ob und wie Mikrokredite funktionieren. Wenn ich es einfach ausprobiere.

Einige Wochen bevor ich mich über Kiva informierte, muss 5700 Kilometer weiter südlich, in Makeni in Sierra Leone, ein Mann mit Aktentasche Kumba Moores kleines Speiselokal hinter der Bushaltestelle am Azzolini Highway betreten haben. Weder Kumba Moore noch ich hatten da eine Ahnung, dass dieser Besuch uns bald zusammenführen würde.

Das Lokal besteht aus einem ausrangierten Transportcontainer. An einer Seitenwand ist eine Durchreiche herausgeschnitten. Davor eine mit Wellblech gedeckte Veranda, Palmblätter an den Seiten als Schutz gegen Sonne und Regen. Auf dem Eingangstor die Darstellung eines essenden Paares, darüber steht kurios buchstabiert: Welcome to K-Restureant. Die Küche ist hinter dem Container versteckt. Eine wackelige Hütte, in der Reis, Maniok und Rindergulasch auf Feuerstellen garen.