Eigentlich hatte ich Afrika schon aufgegeben. Mit jeder Nachricht von einem neuen Bürgerkrieg oder einer Hungersnot verlor sich auch noch das, was ich zuletzt mit diesem Kontinent verbunden hatte: die Hoffnung, dass sich die Lebensumstände der Menschen dort bessern würden. Geblieben war nur der Wunsch, irgendwie zu helfen.

Aber womit? Und wie?

Wenn ich zu Hause, in meinem behaglichen europäischen Leben, die Zeitungen las, fand ich keine Antworten auf meine Frage, sondern Entmutigungen. »Wären Hilfsgelder die Lösung für Afrikas Probleme, dann wäre es ein reicher Kontinent«, schreibt Richard Dowden, Direktor der britischen Royal African Society. »Massiver Geldtransfer erstickt lokale Initiativen, schafft Abhängigkeiten und zieht Afrikas Regierungen gegenüber den Geberländern in die Verantwortung anstatt gegenüber der eigenen Bevölkerung.«

Als ich im amerikanischen Magazin Time eine ganzseitige Louis-Vuitton-Anzeige sah, die Bono zeigte, den Sänger der Popgruppe U2, den rockender Vorkämpfer für globale Menschlichkeit, modisch im afrikanischen Busch, hatte auch das eine ernüchternde Wirkung. Sein Edelmut scheint nichts anderes zu sein als Selbstbespiegelung.

Doch was konnte ich tun?

»Nicht spenden!«

Diese Antwort, die ich eines Tages las, war verblüffend klar und hart und kam aus dem Munde einer sambischen Ökonomin namens Dambisa Moyo. Für die nächsten fünf Jahre, forderte sie, solle die reiche Welt ihre Hilfe einstellen und nur noch bei Naturkatastrophen einspringen. Allein damit sei Afrika geholfen. Den europäischen Altruismus nannte Moyo, 41, ein ökonomisches und humanitäres Unheil für ihren Kontinent..

Im Unterschied zu mir ist Moyo Afrikanerin, eine sehr erfolgreiche: Sie studierte in Oxford und Harvard, arbeitete bei Goldman Sachs und der Weltbank. In diesem irritierenden Artikel riet Moyo: »Googeln Sie Kiva!«

Das mache ich. Auf dem Bildschirm meines Computers öffnet sich eine lindgrüne Seite voll mit Fotos, Flaggen und Pfeilen, ganz oben der Slogan »Loans that change lives«: Kredite, die Leben verändern. Kiva – das Wort bedeutet »Einigkeit« auf Swahili – verbinde reiche und arme Menschen durch Leihgeschäfte, steht darunter. Pfeile verbinden den Schattenriss eines anonymen Gebers mit einer dunkelhäutigen Frau, die hinter einer alten Nähmaschine sitzt.

Zwei Amerikaner, Matt Flannery und Jessica Jackley, gründeten Kiva 2005. Die Idee kam ihnen, als Jackley für eine Entwicklungshilfe-Organisation in Afrika arbeitete. Sie merkte, dass ambitionierte Kleinunternehmer kaum Zugang zu Kapital hatten.

Ich klicke weiter und finde Bilder von Webern, Fischern, Landwirten, die Geld brauchen. Da ist der Bauer Enrique Reyes aus Ecuador, der 600 Dollar für neues Saatgut benötigt; Reis, Mais und Bohnen. Da ist der Stoffhändler Julius Kiama aus Kenia, dem 750 Dollar fehlen, um sich sechs Altkleiderballen Damenblusen für seinen Marktstand leisten zu können. Und da ist die Wirtin Kumba Moore aus Sierra Leone, die 875 Dollar braucht, um ihr Restaurant in der Provinzhauptstadt Makeni auszubauen.

Sie alle wollen keine Geschenke, sondern Kredite, die sie innerhalb eines Jahres zurückzuzahlen versprechen, bis auf den letzten Cent. Es geht – aus deutscher Sicht – um wenig Geld. 700.000 Menschen, schreibt Kiva auf der Website, hätten in den vergangenen fünf Jahren rund 400.000 Kleinstunternehmern in ärmeren Ländern ausgeholfen. Der Mindesteinsatz liegt bei 25 Dollar. Jede Zahlung wird über PayPal in Singapur abgewickelt.

Die Idee des Mikrokredits war mir nicht neu. Immerhin hatten 2006 die bengalische Grameen Bank und ihr Gründer Muhammad Yunus für genau diesen Einfall den Friedensnobelpreis erhalten. Aber im vergangenen Jahr wurde Yunus beschuldigt, 100 Millionen Dollar in eine Tochtergesellschaft abgezweigt zu haben. Obendrein berichteten Medien, in Indien hätten Mikrokredit-Institute zahlungsunfähige Schuldnerinnen in den Selbstmord getrieben (siehe Kredit und Misskredit ). Vielleicht, dachte ich, kann ich mir bei Kiva selbst ein Bild davon machen, ob und wie Mikrokredite funktionieren. Wenn ich es einfach ausprobiere.

Einige Wochen bevor ich mich über Kiva informierte, muss 5700 Kilometer weiter südlich, in Makeni in Sierra Leone, ein Mann mit Aktentasche Kumba Moores kleines Speiselokal hinter der Bushaltestelle am Azzolini Highway betreten haben. Weder Kumba Moore noch ich hatten da eine Ahnung, dass dieser Besuch uns bald zusammenführen würde.

Das Lokal besteht aus einem ausrangierten Transportcontainer. An einer Seitenwand ist eine Durchreiche herausgeschnitten. Davor eine mit Wellblech gedeckte Veranda, Palmblätter an den Seiten als Schutz gegen Sonne und Regen. Auf dem Eingangstor die Darstellung eines essenden Paares, darüber steht kurios buchstabiert: Welcome to K-Restureant. Die Küche ist hinter dem Container versteckt. Eine wackelige Hütte, in der Reis, Maniok und Rindergulasch auf Feuerstellen garen.

 

Der Besucher mit der Aktentasche ist nicht zum Essen gekommen. Er setzt sich und legt ein Formular auf den Tisch. Kumba Moore, Mutter zweier Kinder, nimmt zögerlich neben ihm Platz. Skeptisch blickt sie auf das Formular. Was er alles wissen will! Ihr Geburtsdatum: 27. März 1974. Ihre Adresse: Polizeikaserne Makeni, Block B – ihr Mann ist Polizist. Wie viel der verdient? 200.000 Leone, umgerechnet 35 Euro im Monat. Das deckt kaum die Hälfte ihrer häuslichen Ausgaben.

Der Mann erkundigt sich nach Kumba Moores Buchhaltung. Buchhaltung? »Das mache ich alles im Kopf«, sagt sie. Er bittet sie, den Wert ihrer Kühltruhe, der gebrauchten Möbel, des Geschirrs und Bestecks zu taxieren. Für wie viel Geld sie monatlich Reis, Trinkwasser und Limonade anschafft, will er wissen. Mit wie viel Gewinn sie alles weiterverkauft. Wie viel Umsatz sie an guten und an schlechten Tagen macht. Wie viel Geld sie für ihr Handy ausgibt. Und wie viel für die Containermiete.

Der Mann erklärt ihr, er fahre nun in sein Büro zurück, um eine Bilanzrechnung zu erstellen und eine Cashflow-Analyse zu machen. Er steigt auf sein Moped. Auf dem Tank ein Aufkleber mit der Aufschrift »Service for Empowerment«, Dienstleistung für wirtschaftliche Emanzipation. Der Slogan beschreibt das Ziel der Organisation, für die er arbeitet: den Salone Microfinance Trust (SMT), ein Mikrokredit-Unternehmen und Kivas Partnerorganisation in Sierra Leone.

Kumba Moore muss schwindlig gewesen sein an diesem Tag, an dem von Bilanzen und Cashflows die Rede war. Sie macht sich wieder an die Arbeit. Und der Mann vom SMT protokolliert in seinem Büro: »Die Klientin hat ein, gemessen an ihren Ausgaben, sehr niedriges Haushaltseinkommen, aber ihr Geschäftsvorhaben ist vielversprechend. Ich befürworte die Vergabe eines Kredits.«

Kiva setzt also ein Foto von Kumba Moore auf seine Website, das sie vor der Durchreiche ihres Lokals zeigt – mit einem Büschel Maniokblätter in der Hand. »Ein Lieblingsgericht ihrer Gäste«, steht darunter. Und: Ein Kredit werde sie in die Lage versetzen, mehr Reis und Palmöl zu besorgen, ihr kleines Restaurant zu vergrößern, neues Geschirr und Besteck zu kaufen. Dazu eine Musikanlage, um die Gäste zu unterhalten.

An diesem Versprechen beteilige ich mich mit 250 Dollar. Sie sind mein Einsatz auf das von der Ökonomin Moyo empfohlene Förderungsmodell für Afrika.

250 Dollar sind eine beinahe ungebührlich hohe Summe, wie ich bald merke. Der Rest des Kredites für Kumba Moore kommt fast ausschließlich in 25-Dollar-Beträgen – von 13 Amerikanern, drei Australiern, einem Franzosen, einem Schweden, einem Filipino und von Jan, einem Postboten aus Hamburg.

Wer sich bei Kiva anmeldet, erhält ein Kennwort und kann dann mit den anderen Gebern kommunizieren. Meine mir unbekannten, über die ganze Welt verstreuten Kompagnons tun das leider nicht. Aber die meisten haben sich in Kurzprofilen vorgestellt: Andrew aus dem australischen Adelaide berichtet, er verleihe sein Geld, weil er glaube, jeder Mensch verdiene die Chance, seines eigenen Glückes Schmied zu sein. Er hat schon 21 Kredite vergeben. Jan, der Postbote aus Hamburg, schreibt: »Ich vergeude so viel Geld für Dinge, die ich gar nicht brauche, dass ich glaube, ich sollte zumindest etwas davon Leuten zugutekommen lassen, die etwas Nützliches damit anfangen.«

Er hat bereits 263 Kleinunternehmern geholfen. Sein materielles Opfer beschränkt sich auf den Verzicht auf Zinsen, dafür wächst stetig sein gutes Gefühl. Die meisten Gläubiger ziehen ihr Kapital nach der Rückzahlung nicht ab, sondern verleihen es immer wieder. In ihrem Depot sammeln sich keine Aktien, sondern Biografien.

Einen Tag nach meinem 250-Dollar-Darlehen ist die Anleihe für Kumba Moore voll finanziert. 875 Dollar für eine Wirtin in Sierra Leone. 875 Dollar, die Selbstständigkeit fördern sollen, nicht Abhängigkeit festigen. Das Experiment beginnt. Und ich beschließe, diese Frau zu besuchen.

Lungi, der einzige Flughafen Sierra Leones, liegt in einem unwegsamen Sumpfgebiet. Die Fahrt nach Makeni ist eine vierstündige Tortur, der Wagen schaukelt durch Schlaglöcher und knietiefe Pfützen in den lehmigen Straßen. Die Regenzeit geht ihrem Ende entgegen. Es ist schwül. Als sauge die Sonne all die Regengüsse der zurückliegenden Monate aus dem dichten Buschwerk links und rechts des Weges.

Kumba Moore steht hinter der Durchreiche ihres Lokals, als wir uns das erste Mal treffen. Sie sagt befangen »Hallo«, kommt aus dem Container auf die Veranda, bietet mir einen Platz an und fragt, ob ich etwas essen möchte. Es ist elf Uhr morgens, ich habe keinen Hunger, sage aber: »Ja.« Sie geht zurück in den Container und schöpft sehnige Rindfleischbrocken und dunkelgrüne Soße in eine bunt gemusterte Plastikschale. Das Fleisch ist scharf, dazu gibt es einen Berg Reis. Dann setzt sich Kumba Moore zu mir und sieht mir beim Essen zu.

Langsam beginnt sie zu erzählen. Sie hat ihr Lokal vor zwei Jahren eröffnet. In der Hoffnung, es werde ihrer Familie einen Ausweg aus der Armut bringen. Ihr Vater kam in dem elfjährigen Bürgerkrieg um, der 2002 zu Ende ging und 50.000 Menschen das Leben kostete.

»Ich habe mit vierzehn Jahren geheiratet«, sagt sie. Und setzt seufzend hinzu: »Mit vierzehn Jahren, viel zu früh«.

Im Durchschnitt bekommt eine Frau in Sierra Leone sechs Kinder. Kumba Moore beließ es bei einem Sohn und einer Tochter. Es sind Schulferien, die beiden helfen im Restaurant aus. Lawrence, 16, wirkt schon sehr erwachsen. Ruth, 14, kehrt noch die Teenagerin heraus, ist trotzig und ein wenig ungelenk. Kumba Moore möchte, dass beide einmal eine Universität besuchen.

 

Als Mädchen ging sie selbst auf eine Schule für das Hotel- und Gaststättengewerbe. Dort lernte sie den Begriff customer care, Kundenbetreuung. Sie versuche, sagt sie, jedem Gast das Gefühl zu geben, es sei ihr eine besondere Freude, ihn willkommen zu heißen.

Am ersten Tag nach der Eröffnung ihres Lokals kamen 15 Gäste, am zweiten Tag 17. Jetzt habe sie manchmal bis zu 300 Besucher, viele Stammgäste. Sie kaufte bei örtlichen Radiosendern Werbeminuten. Sie besuchte die Büros ausländischer Hilfsorganisationen, weil deren Angestellte mehr Geld verdienen als die meisten Einheimischen. Um die Mittagszeit sitzen Engländer, Amerikaner und Japaner um einen ihrer Tische. Jetzt wäre eine gute Zeit, um sich zu vergrößern, mehr zu besitzen als nur drei Tische und sieben Stühle. Auch wenn man das als Europäer kaum glauben mag: Kumba Moore sagt, genau da liege das große, schier unüberwindliche Hindernis. Ihr Profit sei zu gering, um das Restaurant zu erweitern. Eine Bank in Makeni, bei der sie um einen Kredit von drei Millionen Leone, damals rund 720 Euro, bat, war nicht zu überzeugen.

Kumba Moore zahlt 24 Prozent Zinsen – macht mich das zum Wucherer?

Und nun sitzt sie mit mir am Tisch, einem europäischen Kreditgeber, der nicht einmal eine Uhr am Handgelenk trägt. Der nicht, wie die afrikanischen Banker, mit dem neuesten Nokia-Handy hantiert. Und der sich am nächsten Tag in einer Holzbude am Straßenrand einen billigen Haarschnitt verpassen lässt. Ihr kommt das seltsam vor.

Dennoch – Kumba Moore erzählt von den Hoffnungen, die sie an meinen Kredit knüpft. Bevor sie ihr Restaurant aufmachte, arbeitete sie in der Küche eines Hotels auf der anderen Seite der Stadt. Es ist um einen Swimmingpool herum gebaut. Die Gäste, Diamantenhändler und Entwicklungshelfer, zahlen mehr als 70 Dollar für die Übernachtung. Kumba Moore verdiente einen Dollar am Tag. Der Kredit, hofft sie, könnte der erste Schritt auf dem Weg in eine bessere Zukunft für ihre Kinder sein. Und, »so Gott will«, vielleicht zu einem eigenen Haus.

Während Kumba Moore erzählt, steht sie immer wieder auf, kocht und serviert, geht zu den Marktfrauen auf der anderen Straßenseite und kauft Gemüse nach. Jeden Morgen um halb fünf verlässt sie ihre Zweizimmerwohnung, vor neun Uhr abends kommt sie meistens nicht zurück. Manchmal lächelt sie schüchtern und fragt: »Mache ich das alles richtig so?«

Am nächsten Tag holt Kumba Moore beim SMT an einem in eine Tür eingelassenen Schiebefenster ihren Scheck ab. Sie lächelt, obwohl sie weiß, was ihr bevorsteht: Sie muss 24 Prozent Zinsen zahlen. Das sind nur drei Prozent weniger als die bankübliche Rate. Ich bin schockiert. Habe ich ihr nicht einen zinsfreien Kredit gegeben?

Die Chefin des SMT, Regina Sulla, sitzt im ersten Stock eines Hauses, das in seiner ärmlichen Umgebung fast wie eine Villa wirkt. Innen ist es allerdings spartanisch eingerichtet. Sperrholztüren führen in winzige Büros. Im Chefzimmer hängt als einziger Schmuck ein in Goldimitation gefasstes Statement von Visionen und Werten: Der SMT versteht sich als Dienstleistungsbetrieb »für wirtschaftlich aktive arme Menschen«. Also ausdrücklich nicht für lethargische Hilfsempfänger.

Sulla, 51 und Mutter von vier Kindern, hat in Kampala, der Hauptstadt ihres Heimatlandes Uganda, Entwicklung ländlicher Regionen studiert und einen Master in Mikrofinanzwesen gemacht. Einwände gegen die bankähnlichen Bedingungen ihres Trusts empfindet sie fast als persönlichen Affront. Ohne Überschüsse und Rücklagen sei es unmöglich, ein geschäftsfähiges Entwicklungsmodell aufzubauen, sagt sie. Bei einer Inflationsrate von 17 Prozent bedeute der Kumba Moore abverlangte Aufschlag einen Realzins von sieben Prozent: ??Eine absolut realistische Rate.«

Aber wofür muss der SMT Rücklagen aufbauen? Hin und wieder zahle jemand seinen Kleinkredit ja auch nicht zurück, sagt Sulla. Außerdem strebe sie eine Fünf-Sterne-Bewertung bei Kiva an, nicht nur vier Sterne wie jetzt. Fünf Sterne würden dem SMT ein höheres Kreditvolumen garantieren. Sie könnte dann nicht mehr nur 4000 Menschen mit einer Million Dollar aushelfen wie jetzt, sondern doppelt so vielen mit doppelt so viel Geld. Alles, was Regina Sulla sagt, klingt logisch, aber in meinen Ohren auch ungewohnt: So kühl war die Sprache in der gutmeinenden Entwicklungshilfe nicht. Sulla argumentiert mit der ökonomischen Logik einer Finanzmanagerin, redet von »Kreditverläufen«, »systemischer Fehleraufspürung« und »effizienter Kundenbetreuung«.

Habe ich dafür meine 250 Dollar eingesetzt?

Drei Monate nach meinem ersten Besuch in Makeni trifft eine EMail von Kiva ein: Kumba Moore habe ihre erste Rate zurückgezahlt – 27,77 Dollar. Ich könne mir mein Geld jetzt überweisen lassen oder es an einen neuen Klienten verleihen. Gleichlautende E-Mails folgen in den nächsten Wochen. Ein Link führt zu einer detaillierten Aufstellung, der zufolge Kumba Moore in den vergangenen Monaten exakt 340764 Leone am SMT-Schalter in Makeni eingezahlt hat.

In der Trockenzeit, in der die Mittagshitze wie mit Nadeln sticht, besuche ich zum zweiten Mal Kumba Moore und ihr »K-Restureant«. Sie hockt auf einer Holzbank zwischen ihrem und einem benachbarten Container. Ihre Schwester flicht ihr gerade dünne Zöpfe ins Haar. Kinder schreien. Fliegen schwirren. Eine dicke Frau liegt neben ihrem Baby auf dem Boden und schnarcht. Die Luft ist stickig. Es riecht nach Schweiß.

Kumba Moore begrüßt mich wie einen alten Freund. Fast wie einen Liebhaber. »Der Mann vom SMT hat mir gesagt, dass du kommst. Ich habe sehnsüchtig auf dich gewartet. Warum hast du mich nicht angerufen? Ich habe dich vermisst!«

 

Ich spüre, dass da Sympathie gewachsen ist, auch auf meiner Seite. Aber das soll mein Experiment nicht beeinflussen. Ich will distanziert bleiben wie ein Wissenschaftler. Zumal Kumba Moore offenbar ein paar Missgeschicke unterlaufen sind.

Anstelle der imitierten Designeruhr, die sie beim letzten Mal am Arm trug, ist da jetzt eine schäbige Plastikuhr. Und das Mobiltelefon in ihrer Hand ist ein verkratztes, billiges Modell.

»Gehört meiner Tochter«, sagt Kumba Moore. Vor ein paar Monaten habe ein Dieb ihre Handtasche gestohlen, sie habe sie auf der Durchreiche liegen lassen – im nächsten Augenblick sei sie weg gewesen. Und damit auch knapp hundert Euro, ihre beiden Mobiltelefone, ein Goldkettchen, zwei Ohrringe und die Armbanduhr.

Als ihr Mann an Malaria erkrankt, wird das Geld knapp

Leider sei das noch nicht alles gewesen: Kurz darauf lieh sich Lawrence, ihr Sohn, das Moped eines Freundes. Er war noch nie Moped gefahren. Ein kleiner Junge lief ihm über den Weg – und kam mit gebrochenem Bein ins Krankenhaus. Kumba Moore musste die Rechnung bezahlen. Und die Polizei bestechen, damit sie Lawrence nicht wegen Fahrens ohne Führerschein verhaftete.

Dann erkrankte ihr Mann an Malaria. Jetzt fällt sein Einkommen weg, denn Lohnfortzahlung gibt es in Sierra Leone auch für Polizisten nicht.

Zu allem Unglück, berichtet sie weiter, sei der Anbau an ihr Restaurant viel teurer geworden als gedacht. Die Inflation. Und die Handwerker, die von dem Geld wussten, das sie über Kiva bekommen hatte. Kumba Moore beschränkte den Ausbau auf die halbe Größe. In ihrem Lokal stehen immer noch drei Tische und sieben Stühle. Ihr Darlehen ist fast aufgebraucht. Und ihre Einnahmen haben sich kaum vermehrt.

Denn kurz nach der Kreditvergabe machte zwei Häuserblocks weiter ein Lokal auf, das es auf ihre beste Kundschaft abgesehen hat, die Angestellten westlicher Hilfsorganisationen. Es gehört einer einheimischen Mitarbeiterin des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, die ihr festes Einkommen gut investiert – und ihre weißen Kollegen zu Kunden macht. Zu Kumba Moore kommen sie jetzt kaum noch. Sie ist voller Zweifel. Soll sie aufgeben? Etwas Neues beginnen? Sie könnte ihr Restaurant in eine Bar umwandeln. Oder in einen Kosmetiksalon.

Kumba Moores Kreditverwalter beim SMT wird mir später berichten, er habe den Katalog all der kleinen Lebenskatastrophen überprüft. Was sie erzähle, sei die Wahrheit. Die Einzahlungsbelege im SMT-Büro spiegeln ihre prekäre Lage wider: Die vorletzte Rate blieb sie schuldig, holte aber dann einen Monat später ihr Versäumnis mit zwei Zahlungen nach. Jetzt steht die aktuelle Rate aus – zwei Wochen nach der Fälligkeit. Der SMT hat Kiva mein Geld nur deshalb zurückerstattet, um die eigene Kreditwürdigkeit, diese vier Sterne, nicht zu gefährden. Aus den Rücklagen. Deshalb haben weder ich noch meine Mitinvestoren in den USA, Australien, Frankreich, Deutschland, Schweden und auf den Philippinen etwas von Kumba Moores Problemen erfahren.

Macht Kumba Moore als Geschäftsfrau nicht alles falsch? Hätte sie mein Geld nicht zurücklegen müssen, anstatt es in ihre Handtasche zu stecken? Sie macht keinen Unterschied zwischen ihrem eigenen Besitz und geliehenem Kapital, zwischen Investitionen ins Geschäft und privaten Ausgaben.

Im Chefzimmer des SMT sitzt an diesem Tag Archibald Shodike, 32, ein studierter Betriebswirt. Regina Sulla ist nicht da, sie berät gerade ein Mikrofinanzunternehmen in Indonesien. Angesprochen auf Kumba Moore, zieht Shodike die Schultern hoch und dreht seine Handflächen nach oben. »Das Problem mit unseren Kunden ist nicht, dass sie ihre Raten nicht bezahlen können«, sagt er, »die wollen das Geld so lange wie möglich für sich arbeiten lassen. Sie sind smarte Geschäftsleute. In Europa machen viele Menschen den Fehler, zu glauben, Afrikanern fehle das ökonomische Verständnis. Auf akademischem Niveau stimmt das vielleicht, aber nicht auf praktischer Ebene. Sie nützen jede Möglichkeit, die sich ihnen bietet.«

Kumba Moore, sagt er, habe allerdings echte Probleme. »Und wenn ein Kunde Probleme hat, verhalten wir uns nicht wie eine Bank. Eine Bank wäre nicht flexibel genug, um persönlichen Umständen Rechnung zu tragen. Wenn sie Geld aus der Geschäftskasse abzweigt, um eine Krankenhausrechnung zu bezahlen, sagen wir nicht: ›Das darfst du nicht, das kannst du nicht machen.‹ So sieht die afrikanische Wirklichkeit nicht aus. Wir schlagen mit unserer Herangehensweise trotzdem einen hübschen Gewinn aus diesen eigentlich mittellosen Leuten«, fügt Archibald Shodike heiter hinzu.

Haben Entwicklungshelfer, die diese Kaltschnäuzigkeit der Mikrokreditbranche anstößig finden, vielleicht doch recht?

Drei englische Entwicklungshelferinnen, mit denen ich in Makeni diskutiere, monieren einen Mangel an sozialer und ökologischer Aufbauarbeit der Kleinkredit-Institute. Eine von ihnen sieht das Elend Afrikas durch den Klimawandel noch verschärft und möchte die Bauern in Sierra Leone in alternativen Anbaumethoden ausbilden und traditionelle Bewässerungstechniken wieder einführen. Der Anspruch der drei Frauen erscheint enorm – sie wollen nicht weniger als die Verwirklichung einer besseren Welt. Und das hier, in Sierra Leone. Die Mikrofinanziers nehmen die Welt lieber so, wie sie ist. Sie setzen auf den Markt, auf den Wettbewerb und auf den Wunsch des Menschen, seine Lebensumstände zu verbessern. Steht da Idealismus gegen Pragmatismus?

Pragmatisch ist wohl, dass die Vergabe von Mikrokrediten nicht überall auf die gleiche Weise funktioniert. Die Grameen Bank von Muhammad Yunus vergibt Kredite nur an Kooperativen mit 20 bis 25 Mitgliedern, von denen jeder für jeden bürgt. Auch der SMT setzte anfangs auf Kooperation. Aber seine Gründer glaubten bald, dass das Modell aus Bangladesch nicht funktioniere: Die Menschen in Sierra Leone trauten einander nicht genug. Womöglich ein Erbe des Bürgerkrieges. Beim SMT bekommen nur noch Gruppen mit höchstens fünf Mitgliedern Geld. Die meisten Kreditnehmer sind Einzelpersonen wie Kumba Moore.

 

Mein Experiment, das ist mir auf dem Rückweg von meinem zweiten Besuch bei Kumba Moore klar, steht auf der Kippe. Es scheint weder die entwicklungspolitischen Hoffnungen zu erfüllen noch Kumba Moore mit ihrem Restaurant vorangebracht zu haben. Die Mikrobank verfolgt ihr Geschäftsinteresse, zahlt mir pünktlich mein Geld zurück – doch Kumba Moore steht vor dem Absturz.

Lag Dambisa Moyo, diese rigorose sambische Ökonomin, mit ihrem Lob der Mikrokredite vielleicht falsch?

Jeden Monat treffen regelmäßig Mails von Kiva bei mir ein, dann ist ein Jahr vergangen. »Hi Reiner«, beginnt die automatisch erstellte letzte Nachricht, »27,78 Dollar des von Dir gewährten Kredits wurden letzten Monat beglichen. Dein Kiva-Konto enthält jetzt 250,00 Dollar.« Die gesamte Kreditsumme. In Kumba Moores Kundenprofil lese ich, sie habe ihren Kredit komplett beglichen.

Zu dieser Zeit muss der zuständige Sachbearbeiter Kumba Moore zum SMT bestellt haben. Dort blätterte er die rosafarbenen Durchschläge ihrer Einzahlungsbelege durch. Wieder war sie seit einem Monat in Zahlungsverzug. Wieder hatte der Trust ihre Verbindlichkeiten vorgeschossen. Vermutlich hat der Mann die Stirn genauso in Falten gelegt und den strengen Ton eines Sparkassenleiters angenommen, wie er das später tut, als er mir davon berichtet. »Sie haben die von uns in Sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt«, hielt er seiner säumigen Kundin vor. »Sie werden einen Zuschlag entrichten müssen.«

Kumba Moore versprach, das zu tun und den Kredit voll zurückzuzahlen. Sobald sie nur Geld habe. Zum Abschied sagte der Mann, ihre finanziellen Probleme beruhten auf Managementfehlern. Die müsse sie überwinden.

Sie hält sich nicht an die Regeln der Bank – aber ist das so schlimm?

Als ich Kumba Moore ein Jahr nach Beginn des Experiments zum dritten Mal besuche, trägt sie ein neues hellblaues Kleid und silberne Ohrringe. Ihr Haar ist blond gesträhnt. Ihre Aufmachung hebt sie auf den ersten Blick aus der Menge hervor. Sie ist eine andere Frau als die unsichere, aber hoffnungsvolle Kumba Moore von vor einem Jahr – und als die entmutigte vor einem halben.

Ihr Lächeln wirkt nicht mehr schüchtern, keine Spur mehr von der alten Befangenheit. Sie sitzt auf einem Stuhl, zählt zerknüllte Geldscheine und steckt die Bündel in ihre Handtasche. In scharfem Ton ruft sie Anordnungen zur Kochstelle. Sie beschäftigt jetzt drei Hilfskräfte. Zwei bereiten die Speisen zu, die dritte schöpft sie in die Teller. Ein Neffe hilft beim Kellnern. Die Gaststätte ist voll bis in die letzte Ecke. An sieben Tischen können jetzt 14 Gäste Platz nehmen. Doppelt so viele wie vor einem Jahr.

Wie das?

Die weißen Mitarbeiter der Hilfsorganisationen sind nicht zurückgekehrt. »Dafür kommen immer mehr Einheimische«, sagt Kumba Moore. Die meisten essen wortlos, bezahlen und gehen wieder. Sie verweilen nicht wie Europäer, belegen also keine Plätze, ohne zu konsumieren.

Kumba Moore deutet auf die Tür. Der naiv bemalte Eingang mit dem kurios buchstabierten Restaurantnamen ist verschwunden, dort hängt eine schwere Holztür in neuen Scharnieren. Und neben dem Container steht jetzt eine Holzbude – ein Telefonladen, aus dem afrikanischer Rock dröhnt. Das ersparte Kumba Moore die im Kreditvertrag aufgelistete Anschaffung einer Musikanlage.

Am Nachmittag fährt ein riesiger weißer Toyota-Landcruiser vor. Kumba Moores Angestellte beladen ihn mit Geschirr, Besteck und Thermosbehältern. Kumba Moore hat ein neues Geschäftsfeld erschlossen: Sie hat sich das Catering für die monatlich abgehaltene Konferenz der englischen Geburtenregelungsorganisation Marie Stopes International gesichert. Ein hochprofitables Geschäft. Für 22 Gedecke erhält sie 80.000 Leone, 50.000 davon verbucht sie als Gewinn. Das sind umgerechnet acht Euro für zwei bis drei Stunden Arbeit. Bei einer doppelt so großen, zweitägigen, ebenfalls monatlich abgehaltenen Konferenz der Hilfsorganisation Care macht sie regelmäßig einen Profit von 200.000 bis 300.000 Leone – zwischen 31 und 46 Euro.

Wie hat Kumba Moore die Aufträge bekommen? Einheimische Angestellte der Organisationen vermittelten die ersten Bestellungen. Mit den Einnahmen daraus – und dem wenigen, was vom Kredit übrig war – konnte sie ihre Küche und ihr Restaurant umrüsten.

Ist mein Experiment also doch geglückt? Kumba Moore sagt, ihr Leben sei nicht einfacher geworden. Sie habe ständig Geldsorgen. Die Geschäftsführer der Hilfsorganisationen ließen sich oft drei Wochen Zeit, bevor sie ihre Schecks unterzeichnen. Und die Angestellten! »Ich versuche ihnen immer wieder einzubläuen, worum sich dieses Geschäft dreht, was mein Ziel ist«, sagt sie, »aber es geht in ein Ohr rein und aus dem anderen wieder raus. Ich weiß gar nicht, wie viele ich schon gefeuert habe. Wenn ich nicht hier bin, machen sie, was sie wollen.«

Kumba Moore ist eine ziemlich selbstbewusste Geschäftsfrau geworden – obwohl der SMT sie nicht als Erfolg einstuft. Rechnet man die Inflation ein, ist der Umsatz des K-Restureant zwar nicht wahnsinnig gestiegen. Aber Kumba Moore hat drei Arbeitsplätze geschaffen – was im Kreditabkommen nicht vorgesehen war. Und die Straßenjungen, die das Geschirr abspülen, bekommen freie Mahlzeiten. Damit bleibt ihnen das Betteln erspart. Das alles ist der Beginn einer wirtschaftlichen Entwicklung.

Vor allem aber ist Kumba Moore persönlich gereift. Sie hat sich selbstständig gemacht – sogar vom SMT und von Kiva. Deshalb war der Kredit genau das Richtige für diese Frau an diesem Ort, für dieses Leben in diesem Land.

Am Tag des Abschieds eröffnet mir Kumba Moore noch ein Geheimnis: »Ich habe vor einem Jahr auf einer Bank ein Sparkonto eröffnet. Dort liegen jetzt 1,5 Millionen Leone.« Das sind 233 Euro, eine Menge Geld. Damit hätte sie doch ganz einfach ihre Schulden beim SMT abbezahlen können, werfe ich verständnislos ein. »Ich bin die Hauptverdienerin der Familie«, gibt sie ebenso verständnislos zurück. »Ich brauche Rücklagen.«

Ihren Mann, den Polizisten, erwähnt sie kaum noch. Sie trägt die Verantwortung. Sie kümmert sich um die Kinder – um ihre eigenen und die von zwei ihrer zehn Schwestern. Die eine starb vor drei Jahren, sie hinterließ drei Waisen. Die andere kam diesen Juni zu Besuch, mit unerträglichen Kopfschmerzen. Kumba Moore brachte sie in ein Krankenhaus, wo sie zehn Tage später starb. Sie bezahlte die Krankenhausrechnung, das Begräbnis und alle Kosten, die sonst noch anfielen, 400.000 Leone insgesamt, 62 Euro. Dem Sohn dieser Schwester will sie jetzt das Jurastudium finanzieren. Mit Geld, das sie von ihrem Lokal abzweigt – und vielleicht von einem neuen Kiva-Kredit.