Einheitsdenkmal : Das ist das Denkmal!

Der Wettbewerb für ein neues Nationalsymbol in Berlin war überflüssig. Niemand braucht die preisgekrönte Riesenschale der Event-Agentur Milla & Partner. Weil es das Einheitsdenkmal längst gibt: Das Brandenburger Tor.

Schuld an allem sind Florian Mausbach, Günter Nooke, Jürgen Engert und Lothar de Maizière. Die vier hatten genug von all den dunklen Erinnerungsstätten, von den vielen Denkmalen, die in Berlin an die Schrecken des Krieges und an die Judenverfolgung erinnern. Etwas Positives sollte her, ein Zeichen der Freude, etwas, das den Stolz der Deutschen kitzeln würde: ein Denkmal der Einheit und Freiheit, direkt am Schlossplatz gelegen. So wollten es die älteren Herren – und bald schon wollte es auch der Bundestag. Seit voriger Woche nun steht fest, wie dieses Nationaldenkmal aussehen wird: ein Monument des Biedersinns, von denkbar größter Belanglosigkeit.

Ersonnen hat es kein Künstler, kein Architekt, sondern die Eventagentur Milla & Partner aus Stuttgart – und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Gemeinsam mit der Choreografin Sasha Waltz entwarf die Agentur eine schalenförmige Riesenwippe , die sich langsam wiegend in Bewegung setzt, wenn die Besucher sie betreten und sich richtig darauf verteilen. Die Planer wollten keinen Ort der Besinnung, sondern eine Mitmachskulptur. Aus der historischen Freude machen sie einen jahrmarkthaften Spaß, alle Bedeutung lösen sie auf in Event.

»Das Konzept wurde in dem Geist geschaffen, dass jeder Mensch durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch gestaltend auf die Gesellschaft einwirken kann.« Mit dieser Pseudophilosophie begründen die Planer ihren Entwurf. Im Auf und Ab der Großskulptur soll sich sinnbildhaft zeigen, was Bürger in Bewegung (so der Titel des Projekts) zustande bringen. Beliebiger könnte das Konzept nicht sein: Falls demnächst irgendwo ein Denkmal für die Geschichte der Sozialversicherung, ein Denkmal für den Denkmalschutz oder ganz allgemein für die Errungenschaften der Zivilgesellschaft geplant wird, könnten Milla und Waltz auch dort ihren Berliner Entwurf problemlos einreichen. Nur die Fotos von der Revolution auf der Unterseite und die historischen Zitate auf der Oberseite der Wippe müssten entsprechend angepasst sein. Bequem könnte man das Ganze auch umrüsten und als mobiles Monument auf Kirchentage und Globalisierungskongresse schicken: überall dorthin, wo über das große Auf und Ab und das »Wohl der Gemeinschaft« diskutiert wird.

Doch die Metapher des neuen Denkmals krankt nicht allein an fürchterlicher Beliebigkeit. Sie zeugt auch von einem schwer deprimierten Geschichtsbild. Denn egal, wie munter und angeregt sich »die Bürger« auf der Wippe auch bewegen, über ein gemächliches Auf und Nieder werden sie nie hinauskommen. Es ist eine Bewegung ohne Bewegung, es geht nicht voran: In diesem Denkmal kommt die Geschichte nicht vom Fleck.

Doch war es genau dieser Stillstand der Zeit, die eingefrorene Epoche des Kalten Krieges, die von den Revolutionären im November 1989 überwunden wurde. Es ging ihnen nicht um Freude und Spaß und erst recht nicht um gemächliches Herumgewippe. Es ging um Mut, um politisches Aufbegehren, um einen eigensinnigen Freiheitskampf. Und am Ende bewiesen sie dem Erdball: Ja, es kann geschehen, es gibt ein Voran! Die Welt lässt sich verändern!

Nichts von alldem, von der Tollkühnheit, dem Aufruhr, dem unfasslichen Glück steckt in dem neuen Denkmal. Zu Recht ist seine geschichtsferne Belanglosigkeit von vielen kritisiert worden. Selbst etliche Beamte im Bundesbauministerium und beim Kulturbeauftragten stöhnen laut auf, wenn man sie auf den Siegerentwurf anspricht. Ungeheuer peinlich sei der Entwurf. Noch peinlicher jedoch sei es, diese Peinlichkeit nicht zu bauen. Wie stünde Deutschland dann da, eine Nation, die es nicht hinbekommt, ihrer jüngsten Geschichte ein Denkmal zu setzen?

Man hat es schließlich beschlossen, hat zwei Wettbewerbe abgehalten, Hunderte Alternativen geprüft, jetzt gibt es kein Zurück mehr. Und so ist das Einheitsdenkmal in Wahrheit ein Monument der selbst erzeugten Sachzwänge – auch das ein Zeichen unserer Zeit.

Doch wer braucht so etwas, eine Sachzwangskulptur für die erinnerungsfaule Spaßgesellschaft? Warum findet Bernd Neumann, der bislang doch so glücklich agierende Kulturstaatsminister, nicht den Mut, das drohende Debakel abzuwenden? Es wäre nicht das erste Mal, dass ein bereits gekürter Entwurf begraben wird; schon Helmut Kohl verhinderte die »Grabplatte« für das Holocaust-Mahnmal. Außerdem kann sich Neumann auf den besten aller guten Gründe berufen, sich von dem Projekt am Schlossplatz zu verabschieden: Es braucht kein Denkmal für Einheit und Freiheit, weil es bereits eines gibt. Eines, das in seiner Symbolkraft großartiger nicht sein könnte: das Brandenburger Tor.

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Monument der Verschwendung

In allen Gemeinden werden die "Tafeln" ausgebaut. Das und nichts anderes sind die neuen Tempel der Wiedervereinigung.

Dieses verbratene Geld in ein Seniorenheim gesteckt wäre wahrscheinlich zu sinnvoll. Und das ist nur ein Vorschlag von vielen Möglichkeiten. Wer wollte jetzt noch Griechenland Vorwürfe machen.

Manchmal habe ich einen Traum. Schilda ist überall. Wir leben in Wirklichkeit in Deppenland.

Jo, ich musste auch gleich an eine Banane denken.

Vermutlich müssen da entweder einige Politiker im entscheidenden Gremium oder die Kollegen bei der Eventagentur ihre Kindheitstraumata (leere Regale im Konsum, keine Banane) aufarbeiten.

Nebenbei ein sehr guter Artikel, dem ich nur beipflichten kann. Bilder gingen um die Welt, in denen Ostdeutsche für wenige Minuten in den Westen gingen - durch das Brandenburder Tor - und dann zurückkehrten. Kohl hielt seine Rede mit dem Brandenburger Tor im Rücken. etc etc etc

Es ist schön, es hat einen hohen geschichtlichen Wert für das Land und es ist bereits gebaut und bezahlt.

Vermutlich sind die letzten drei Punkte in der Politik eher Gründe, es abzureissen. Die Bauwirtschaft muss ja gefördert werden! :(

PS: Wieso eine Event-Agentur? Und eine Choreographin? Wir sind hier schliesßlich nicht bei "Let's Dance" oder einer anderen B-Promi-Verklappung. Es geht um ein (überflüssiges) Bauwerk, dass eine der größten Leitungen der deutschen Geschichte würdigen soll. Da ist doch sicher wieder geschmiert und getrickst worden - entwürdigend!