Es kommt nicht häufig vor, dass Finnland die Finanzmärkte bewegt. Am Montag dieser Woche war es so weit. Der Euro rauschte in die Tiefe, nachdem die rechtspopulistische Partei der Wahren Finnen bei der Parlamentswahl kräftig zugelegt hatte. Die Wahren Finnen verdanken einen Großteil ihres Erfolgs der Kritik am Rettungsschirm für die gemeinsame Währung – und darin liegt die Brisanz des Wahlergebnisses.

Denn Finnland ist nicht das einzige Land, in dem die Euro-Skeptiker auf dem Vormarsch sind. In Schweden, den Niederlanden, Belgien und Frankreich legen nationalistische Kräfte zu, in Deutschland haben Abgeordnete der schwarz-gelben Koalition angekündigt, der von der Regierung ausgehandelten Reform der Währungsunion ihre Zustimmung zu verweigern.

Und während der Norden nicht länger Zahlmeister sein will , will der Süden seine Zuchtmeister loswerden. Ob in Portugal , Griechenland oder Irland – die Kritik an den strengen Auflagen aus Berlin, Paris und Brüssel wächst. Aus deutscher Sicht finanzieren deutsche Steuergelder irisches Luxusleben. Aus irischer Sicht retten irische Sparanstrengungen deutsche Banken, die sich auf der Insel engagiert haben.

Statt Europa zusammenzuführen, spaltet der Euro den Kontinent – genauso wie es viele amerikanische Ökonomen einst vorhergesagt haben. Der Erfolg der Euro-Skeptiker zeigt, dass Geschichte kein linearer Prozess ist. Europa kann wieder zerfallen, so wie es geeint wurde.

Immer klarer wird: Europa als Elitenprojekt ohne Bürgerbeteiligung – das funktioniert nicht mehr. Also raus aus dem Euro und weg mit den Rettungsschirmen, weil die Bevölkerung das nun einmal will? Wer so argumentiert, der macht es sich zu einfach. Der Wille des Volkes ist keine feste Größe, die die Politik abrufen kann und dann nur noch umzusetzen braucht. Er schält sich vielmehr im politischen Diskurs immer wieder aufs Neue heraus. Politik bedeutet, auf diesen Volkswillen Einfluss zu nehmen.

Einflussnahme gibt es wohl, aber zumeist in Form von Panikmache. Dabei sind die Reformpläne für die Währungsunion bislang deutlich bescheidener, als es die aufgeregte Debatte nahelegt. Pläne für einen europäischen Finanzausgleich sind vom Tisch, die Staaten der Peripherie bekommen nichts geschenkt. Sie erhalten Kredite, die sie mit Zinsen zurückbezahlen müssen. Die jetzt gewählte Konstruktion soll gerade verhindern, dass es zu dauerhaften Transferzahlungen vom Norden in den Süden kommt. Und in jedem Fall ist es billiger, kriselnden Staaten im Ernstfall mit Krediten auszuhelfen, als sie bei jedem Schwächeanfall in die Pleite zu schicken – modern gesprochen, die privaten Gläubiger zu beteiligen – und damit eine Kettenreaktion auszulösen.

Die wohl bevorstehende Insolvenz Griechenlands wird zeigen, dass ein Staatsbankrott alles andere als ein Vergnügen ist, auch wenn er in diesem Fall gerechtfertigt erscheint, weil das Land überschuldet ist. Wer aber eine automatische Gläubigerbeteiligung fordert, der macht sich zur Geisel der Märkte, weil auch ein durch Spekulation ausgelöster temporärer Zahlungsengpass sofort in die Staatsinsolvenz führt.

Trotzdem wird der Vorschlag in Nordeuropa immer wieder vorgebracht. Es geht schließlich gegen den Süden und gegen die Banken. Und das ist populär. Genau wie die Forderung, die Zinssätze auf die Hilfskredite zu erhöhen. Nur könnte man dann die betroffenen Länder gleich in die Pleite schicken, weil sie die Belastungen nicht tragen könnten.

Die etablierten politischen Kräfte in Europa haben in der Krise durch ihr unglückliches Taktieren viel Glaubwürdigkeit verspielt. Mag sein, dass das Misstrauen der Bürger inzwischen zu groß ist. Vielleicht bleibt nur der Gang in die Offensive – ein europäisches Referendum über die Zukunft des Euro. Vielleicht würde der Austausch der Argumente die Skeptiker überzeugen.

Es wäre ein riskantes Unterfangen, weil niemand weiß, wie die Sache ausgeht. Doch gegen das Volk kann in einer Demokratie nicht regiert werden. Klar ist: Die ökonomischen Probleme des Euro , so schwerwiegend sie sein mögen, sind lösbar. Wenn die Währungsunion irgendwann zerbricht, dann aus politischen Gründen.