Schließfach 311 ist so groß wie ein Lastwagen. Der Schlüssel öffnet eine zweiflügelige Tür, dahinter erhebt sich ein Tresor. Hinter dessen Tür noch einmal dickes Panzerglas und dann Türme aus Ein-Kilo-Barren reinen Golds, Fünf-Kilo-Barren Silber, Wiener-Philharmoniker-Münzen, die berühmten Krügerrand-Goldmünzen mit ihrem speziellen, rötlichen Glanz. Alles ordentlich aufgeschichtet. Etliche Millionen Euro dürften das sein. Zum Greifen nah.

Schließfach 311 ist das Allerheiligste der Firma Pro Aurum in München. Die Zentrale des Edelmetallhändlers fällt in dem architektonischen Einerlei des neuen Stadtteils auf. Das Äußere ist einem Goldbarren nachempfunden und mit einer goldschimmernden Metallhaut überzogen. »Dafür wurde natürlich kein echtes Gold verwendet, sondern recycelte Münzen aus der DM-Zeit«, erläutert David Reymann, der bei Pro Aurum für den Vertrieb zuständig ist.

Reymanns Kunden, die nur selten nach München kommen und sich kein Schließfach zulegen wollen, können per Mausklick via Internet Gold ordern und direkt im Depot einlagern lassen. »Hier ist das Gold absolut sicher, zudem auch noch bankunabhängig«, versichert der Händler.

Reymann hat einen gewaltigen Mitspieler: die Angst seiner Kunden. Je besorgter sie sind, desto besser läuft sein Geschäft . Und die Deutschen, das weiß Reymann, treibt die Angst vor Inflation . Vor einem Zusammenbruch des Bankensystems. Vor der Pleite ganzer Staaten. Die Angst, alles zu verlieren, was man sich im Leben erarbeitet oder auch nur geerbt hat. Lange Zeit kannte man diese Angst nur von älteren Menschen, die noch die Hyperinflationen des vergangenen Jahrhunderts miterlebt hatten. Doch seit der Finanzkrise ist auch jüngeren Menschen mulmig zumute, wenn die Inflation wie zuletzt auf 2,6 Prozent steigt. »Am größten war der Ansturm im Zuge der Griechenlandkrise«, erinnert sich Reymann. »Die Kunden haben unsere Schalter regelrecht gestürmt.« Der Internethandel musste sogar einen Tag lang geschlossen werden.

Anlagen in Gold und anderen Edelmetallen waren selten so gefragt wie heute. Schon vor der Finanzkrise kannte die Kurve nur eine Richtung – nach oben. Die Krise beschleunigte den Aufwärtstrend dann noch. Innerhalb von zehn Jahren stiegen die Notierungen, bezogen auf den Dollarkurs, um mehr als das Fünffache. Nach einem vorübergehenden Einbruch Anfang dieses Jahres legte Gold wieder rund 10 Prozent zu und notiert aktuell um rund 25 Prozent höher als zur gleichen Zeit des Vorjahres.

»Wer jetzt überlegt, in den Edelmetallmarkt einzusteigen, sollte sich bewusst sein, dass es im Tempo der letzten zwei Jahre nicht weitergeht«, glaubt Oliver Schickentanz, Leiter der Investmentstrategie der Commerzbank. Andere sehen das ganz anders. Zum Beispiel Thomas Geissler, Vorstand des Reutlinger Edelmetallhandelsunternehmens Ex oriente lux. Er sagt: »Wir sind noch weit entfernt von einer Goldblase. Wir werden uns alle wundern, wie hoch der Goldpreis noch klettern wird.« Natürlich redet er in eigener Sache. Doch auch unabhängige Experten erwarten wegen der wachsenden Inflationssorge nach den staatlichen Schuldenorgien in Europa, dass der Goldpreis steigt, auf womöglich mehr als 2000 Euro pro Feinunze. Dies wäre doppelt so hoch wie heute.

An diesem Boom wollen die Edelmetallhändler mitverdienen, fallen zwischen dem Ankauf und dem Verkauf von physischem Geld doch teils zweistellige Margen ab. Ex oriente lux etwa betreibt unter dem Label Gold-Supermarkt mehrere Onlineshops. Das Edelmetall kann per Werttransport nach Hause geliefert oder bei einem Dienstleister eingelagert werden.

Im Herbst begann das Handelshaus damit, in Luxushotels, bei Juwelieren und Banken sowie in gehobenen Shoppingcentern seine »Gold-to-go«-Automaten aufzustellen. An den Maschinen, die wie Getränkeautomaten aussehen, kann sich der eilige Kunde en passant und rund um die Uhr mit kleineren Mengen des Edelmetalls eindecken. Die Firma hat damit vor allem die Gelegenheitskäufer im Blick. »Ein Gramm Gold in einer schönen Geschenkbox für die Freundin ist sicher origineller als ein Blumenstrauß«, sagt der Geschäftsmann Geissler. Dabei gilt: Je kleiner die Menge, desto größer die Marge des Händlers.