Fischhändler zerlegen auf dem Tsukiji-Fischmarkt in Tokyo einen Thunfisch. © Yoshikazu Tsuno/AFP/Getty Images

Eiji Nakata ist auf dem Weg zu seiner Kajüte. Mit dem Fahrrad holpert der alte Fischer über einen Schrotthaufen aus Zement und Holzlatten. Wenn er schon wegen der hohen Strahlenwerte im Wasser nicht fischen kann, so will er doch einmal am Tag an Bord seines Schiffes gehen. Und wenn es nur für ein Bier ist. Seit einigen Wochen durchquert der 58-Jährige jeden Nachmittag den Hafen von Otsu achtzig Kilometer südlich der Katastrophenmeiler von Fukushima . Eine Trümmerlandschaft. Erdbeben und Tsunami haben Gebäude und Straßen an Otsus Küste größtenteils zerstört. Viele Fischerboote liegen beschädigt an Land. Ihre großen roten Netze hat der Tsunami fortgerissen und über die Ruinen der Häuser verteilt. Vor der unversehrten Kaimauer hält Nakata an und stellt sein dunkelrotes Fahrrad ab. "Mein Boot ist heil geblieben. Doch es nützt mir nichts. Wenn ich heute fischen gehe, kauft mir hinterher niemand den Fisch ab. Es ist einfach zu viel Radioaktivität im Wasser", sagt Nakata.

Otsu liegt in der Präfektur Ibaragi, die im Süden schon an Tokyo grenzt. Anders als in der Präfektur Fukushima, in der die havarierten Reaktoren stehen, ist das Fischen an der Küste Ibaragis seit dem Atomunfall nicht ausdrücklich verboten. Doch für Fischer wie Nakata ändert das nichts. Seit Anfang April in der Nähe Otsus das erste Mal Fisch gefangen wurde, dessen radioaktive Strahlung die zugelassenen Grenzwerte von 500 Becquerel Cäsium pro Kilogramm überschritt, will niemand mehr Fisch aus Ibaragi – weder die Fischhändler noch die Konsumenten. Schon liegt fast die gesamte Fischerei an der Nordostküste Japans still, eine Milliardenindustrie ist über Nacht zum Erliegen gekommen.

Die japanische Nordostküste zählt zu den fischreichsten Gewässern der Welt. Hier wechselt sich jedes Frühjahr ein nördlicher Meeresstrom mit einem Strom aus Süden ab und sorgt damit für einen besonders lukrativen Fang. Ein Viertel der japanischen Meeresernte ziehen die Fischer vor der Küste zwischen Tokyo und Hokkaido in normalen Jahren aus dem Wasser: mehr als 1,3 Millionen Tonnen Fisch im Wert von rund 35 Milliarden Euro. Darunter die Hälfte des japanischen Bedarfs an saury und squid, also Makrelenhecht und Tintenfisch, viele Sardinen, aber auch große Mengen des wertvollen Thunfisches für Sushi-Spezialitäten. Berühmt ist die Nordostküste aber ebenso für ihre Austern und Seegurken, die in alle Welt exportiert werden. Insgesamt exportierte Japan im Jahr 2009 Fischprodukte im Wert von knapp zwei Milliarden Euro. Sie wogen 500.000 Tonnen schwer, rund 70 Tonnen gingen davon nach Deutschland.

In Hamburg gibt Matthias Keller vom Bundesverband der deutschen Fischindustrie zurzeit noch Entwarnung: "Hierzulande kann Fisch nach wie vor ohne Sorgen verzehrt werden", sagt er. Außerdem weist er darauf hin, dass die bislang aus Japan eingeführte Menge – gemessen an dem Gesamtimport von zwei Millionen Tonnen Fisch – sehr gering sei. Zudem stammten ohnehin hauptsächlich Meeresfrüchte wie Kammmuscheln aus Japan.

Was aber ist mit dem Meeresgetier, das im Nordostpazifik auch von Fischern anderer Nationen gefangen wird? Wind und Wellen könnten die Radioaktivität aus Fukushima auch dorthin transportieren. Aus diesem Fanggebiet stammt beispielsweise der in Deutschland so beliebte Alaska-Seelachs. Davon werden im Jahr satte 150.000 Tonnen importiert. Und die kommen eben nicht aus Japan, sondern aus den USA, Russland und China.

Aus Sicht von Keller ist auch das kein Anlass zur Sorge: Die deutschen Importeure nutzten ihre Kontakte zu den Handelspartnern im Pazifik, "um frühzeitig Untersuchungen auf Radioaktivität zu veranlassen". Außerdem würden in Deutschland Stichproben genommen.

Auch die EU reagierte . Allerdings sorgten die Verantwortlichen in Brüssel zunächst eher für Verwunderung. Sie verschärften zwar die Einfuhrkontrollen, setzten aber gleichzeitig die Grenzwerte für die erlaubte radioaktive Belastung japanischer Produkte drastisch herauf. Erst nach scharfer Kritik von Verbraucherschützern wurden die Werte deutlich nach unten korrigiert. Nach wie vor aber beschränken sich diese Vorschriften ausschließlich auf die Importe aus Japan.

Yuzuru Murayama, Direktor der Fischereikooperative im Hafen von Otsu, will derweil retten, was zu retten ist. "Nur die kleinen Fische sind bislang verseucht", sagt er. Murayama ist ein weißhaariger Funktionär mit tiefen Falten im Gesicht, der seit Jahrzehnten den Fischhandel in seinem Hafen überwacht. Mit Klappstuhl und Kantinentisch ist er in den ersten Stock des neuen Bürogebäudes seiner Kooperative umgezogen, weil unten alles von dem Tsunami überschwemmt war. Jetzt liegen alte Akten zum Trocknen vor seinem Tisch ausgebreitet.