Schon die Wörter "gesund" und "Ernährung" lösen bei Kindern Widerstände aus, sagt Ernährungspsychologe Thomas Elrott © Sigrid Reinichs

ZEITmagazin: Herr Ellrott, was ist der größte Fehler beim Versuch, Kinder zu gesunder Ernährung zu erziehen?

Thomas Ellrott: Eltern und Lehrer, die es besonders gut meinen, holen gern die Wissenskeule heraus und halten den Kindern Vorträge über "gesunde Ernährung".

ZEITmagazin: Was ist falsch daran?

Ellrott: Schon die Wörter "gesund" und "Ernährung" lösen bei Kindern Widerstände aus. Wenn man sie fragt: "Was esst ihr besonders gern?", wählen sie fast immer das, was sie als "ungesund" zu benennen gelernt haben. Diese Sachen lieben sie. "Gesund" assoziieren sie bei Lebensmitteln mit: "Schmeckt mir nicht!" Und, noch unglücklicher: mit Bevormundung und Zwang. "Gesund" bedeutet: "Ich muss das essen, obwohl ich es nicht will."

ZEITmagazin: Welcher Weg wäre der richtige?

Ellrott: Man sollte auf das Werten von Lebensmitteln verzichten. Ist eine Erdbeere gesund? Auch in Erdbeeren stecken nicht alle lebensnotwendigen Nährstoffe. Und ist eine Erdbeere mit ein paar Krümeln Zucker darauf gleich ungesund, wie mein Sohn in der Schule gelernt hat? Der Gesamtkonsum über längere Zeit entscheidet darüber, ob man gesund bleibt.

ZEITmagazin: Gilt das auch für die berüchtigten süßen Limonaden?

Ellrott: Der Unterschied zwischen Limonade und Apfelsaft ist: Bei der Limonade ist Zucker aus der Zuckerrübe drin, im Apfelsaft der Zucker aus der Frucht. Aber beim Apfelsaft denken viele, der ist ja natürlich, also nicht so schlimm. Viele Eltern glauben sogar, im Saft seien gar keine Kalorien. Dabei liefern Säfte praktisch gleich viel Energie wie Limonaden. Die Nationale Verzehrsstudie II der Bundesregierung hat gezeigt, dass wir in Deutschland mehr Kalorien durch Säfte und Nektare zu uns nehmen als durch Limonaden.

ZEITmagazin: Was ist mit Hamburgern?

Ellrott: Ein Hamburger hat 240 Kalorien, jedenfalls der vom Marktführer, bei zehn Gramm Fett. Problematisch wird so etwas dann, wenn es gleich mehrmals in der Woche ganze XXL-Menüs mit Dreifach-Burgern gibt.

ZEITmagazin: Der langfristige Nutzen gesunder Ernährung lässt sich Kindern kaum vermitteln?

Ellrott: Heute schon an die Zukunft denken – das können selbst Erwachsene nur begrenzt, Kinder noch weniger. Oft gehen die Erklärungen der Eltern deshalb nach hinten los. Meine sechsjährige Tochter ist heute Nachmittag auf einem Kindergeburtstag, da isst sie auch mal viele Süßigkeiten. Morgen kommt der Zahnarzt in den Kindergarten und sagt, Mensch, du hast ja tolle Zähne! Für sie ist das der Beweis, dass Süßes den Zähnen nicht schadet. Die Kinder merken, dass das so nicht stimmen kann, wie die Erwachsenen es erzählen. Und sie liegen gar nicht so falsch: Zahnpflege ist für Kariesschutz wichtiger als die Ernährung.

ZEITmagazin: Sollen Eltern ihr Wissen für sich behalten?

Ellrott: Sie sollen den Kinder nur nicht erklären, dass ihre Auswahl an Nahrungsmitteln etwas mit Gesundheit zu tun hat. Lieber sagen: "Auf dem Teller fehlen noch andere Farben, so ist das langweilig" – statt: "Gemüse musst du essen, das ist gesund."

ZEITmagazin: Was tun, wenn das Kind ausgerechnet das Essen in "gesunden" Farben nicht mag?

Ellrott: Eltern müssen sich klarmachen: Kinder benutzen Essen auch dazu, im Mittelpunkt zu stehen. Manchmal bilden sie richtige Marotten heraus. Als mein Sohn fünf war, sagte er plötzlich: "Paprika mag ich aber nicht." Er hatte zuvor immer Paprika gegessen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie reagiert?

Ellrott: Leider falsch – meine Frau und ich haben uns beide zu ihm hingewendet und auf ihn eingeredet: "Das gibt’s doch gar nicht, überleg doch mal, Gulasch ist doch dein Lieblingsessen, da ist doch auch immer Paprika drin!" Was wir nicht kapierten, war, dass es ihm gar nicht um Paprika ging. Sondern um Zuwendung und Aufmerksamkeit. Die hat er bekommen.

ZEITmagazin: Was wäre die richtige Reaktion gewesen?

Ellrott: Ganz einfach: nicht hinhören. Nicht immer auf alles reagieren. Weiteressen. Dann lässt er die Paprikastreifen diesmal halt liegen. Oder man kann sagen: "Das ist ja toll, gib her", und nimmt sich schnell die Paprika vom Teller des Kindes. Dann fehlt ihm etwas, was seine Vorbilder gern essen. Das Prinzip nennt man künstliche Verknappung.

ZEITmagazin: Viele Eltern loben einen leckeren Nachtisch als Belohnung fürs Aufessen aus.

Ellrott: Essen als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen, ist eine fatale Strategie. Denn es werden damit genau die falschen Signale gesendet: Essen wird von den Innenreizen Hunger und Sättigung entkoppelt, die natürliche Regulation wird gestört.

ZEITmagazin: Was können Eltern stattdessen tun?

Ellrott: Achtgeben, wie sie sich selbst verhalten. Das Lernen von Vorbildern ist das Entscheidende. Das fängt bei Kleinkindern an und setzt sich fort bis ins jugendliche Alter.