Kinder und Ernährung : Eltern, hört endlich auf, von gesundem Essen zu reden!

Wie man Kämpfe am Esstisch vermeidet: Ein Gespräch mit dem Ernährungspsychologen Thomas Ellrott
Schon die Wörter "gesund" und "Ernährung" lösen bei Kindern Widerstände aus, sagt Ernährungspsychologe Thomas Elrott © Sigrid Reinichs

ZEITmagazin: Herr Ellrott, was ist der größte Fehler beim Versuch, Kinder zu gesunder Ernährung zu erziehen?

Thomas Ellrott: Eltern und Lehrer, die es besonders gut meinen, holen gern die Wissenskeule heraus und halten den Kindern Vorträge über "gesunde Ernährung".

ZEITmagazin: Was ist falsch daran?

Ellrott: Schon die Wörter "gesund" und "Ernährung" lösen bei Kindern Widerstände aus. Wenn man sie fragt: "Was esst ihr besonders gern?", wählen sie fast immer das, was sie als "ungesund" zu benennen gelernt haben. Diese Sachen lieben sie. "Gesund" assoziieren sie bei Lebensmitteln mit: "Schmeckt mir nicht!" Und, noch unglücklicher: mit Bevormundung und Zwang. "Gesund" bedeutet: "Ich muss das essen, obwohl ich es nicht will."

Thomas Elrott

Der 45-jährige Mediziner leitet das Institut für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen. Er erforscht das Essverhalten von Kindern und Erwachsenen und hat mehrere Bücher über Ernährung geschrieben. Ellrot hat zwei Kinder im Alter von sechs und acht Jahren.

ZEITmagazin: Welcher Weg wäre der richtige?

Ellrott: Man sollte auf das Werten von Lebensmitteln verzichten. Ist eine Erdbeere gesund? Auch in Erdbeeren stecken nicht alle lebensnotwendigen Nährstoffe. Und ist eine Erdbeere mit ein paar Krümeln Zucker darauf gleich ungesund, wie mein Sohn in der Schule gelernt hat? Der Gesamtkonsum über längere Zeit entscheidet darüber, ob man gesund bleibt.

ZEITmagazin: Gilt das auch für die berüchtigten süßen Limonaden?

Ellrott: Der Unterschied zwischen Limonade und Apfelsaft ist: Bei der Limonade ist Zucker aus der Zuckerrübe drin, im Apfelsaft der Zucker aus der Frucht. Aber beim Apfelsaft denken viele, der ist ja natürlich, also nicht so schlimm. Viele Eltern glauben sogar, im Saft seien gar keine Kalorien. Dabei liefern Säfte praktisch gleich viel Energie wie Limonaden. Die Nationale Verzehrsstudie II der Bundesregierung hat gezeigt, dass wir in Deutschland mehr Kalorien durch Säfte und Nektare zu uns nehmen als durch Limonaden.

ZEITmagazin: Was ist mit Hamburgern?

Ellrott: Ein Hamburger hat 240 Kalorien, jedenfalls der vom Marktführer, bei zehn Gramm Fett. Problematisch wird so etwas dann, wenn es gleich mehrmals in der Woche ganze XXL-Menüs mit Dreifach-Burgern gibt.

ZEITmagazin: Der langfristige Nutzen gesunder Ernährung lässt sich Kindern kaum vermitteln?

Ellrott: Heute schon an die Zukunft denken – das können selbst Erwachsene nur begrenzt, Kinder noch weniger. Oft gehen die Erklärungen der Eltern deshalb nach hinten los. Meine sechsjährige Tochter ist heute Nachmittag auf einem Kindergeburtstag, da isst sie auch mal viele Süßigkeiten. Morgen kommt der Zahnarzt in den Kindergarten und sagt, Mensch, du hast ja tolle Zähne! Für sie ist das der Beweis, dass Süßes den Zähnen nicht schadet. Die Kinder merken, dass das so nicht stimmen kann, wie die Erwachsenen es erzählen. Und sie liegen gar nicht so falsch: Zahnpflege ist für Kariesschutz wichtiger als die Ernährung.

ZEITmagazin: Sollen Eltern ihr Wissen für sich behalten?

Ellrott: Sie sollen den Kinder nur nicht erklären, dass ihre Auswahl an Nahrungsmitteln etwas mit Gesundheit zu tun hat. Lieber sagen: "Auf dem Teller fehlen noch andere Farben, so ist das langweilig" – statt: "Gemüse musst du essen, das ist gesund."

ZEITmagazin: Was tun, wenn das Kind ausgerechnet das Essen in "gesunden" Farben nicht mag?

Ellrott: Eltern müssen sich klarmachen: Kinder benutzen Essen auch dazu, im Mittelpunkt zu stehen. Manchmal bilden sie richtige Marotten heraus. Als mein Sohn fünf war, sagte er plötzlich: "Paprika mag ich aber nicht." Er hatte zuvor immer Paprika gegessen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie reagiert?

Ellrott: Leider falsch – meine Frau und ich haben uns beide zu ihm hingewendet und auf ihn eingeredet: "Das gibt’s doch gar nicht, überleg doch mal, Gulasch ist doch dein Lieblingsessen, da ist doch auch immer Paprika drin!" Was wir nicht kapierten, war, dass es ihm gar nicht um Paprika ging. Sondern um Zuwendung und Aufmerksamkeit. Die hat er bekommen.

ZEITmagazin: Was wäre die richtige Reaktion gewesen?

Ellrott: Ganz einfach: nicht hinhören. Nicht immer auf alles reagieren. Weiteressen. Dann lässt er die Paprikastreifen diesmal halt liegen. Oder man kann sagen: "Das ist ja toll, gib her", und nimmt sich schnell die Paprika vom Teller des Kindes. Dann fehlt ihm etwas, was seine Vorbilder gern essen. Das Prinzip nennt man künstliche Verknappung.

ZEITmagazin: Viele Eltern loben einen leckeren Nachtisch als Belohnung fürs Aufessen aus.

Ellrott: Essen als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen, ist eine fatale Strategie. Denn es werden damit genau die falschen Signale gesendet: Essen wird von den Innenreizen Hunger und Sättigung entkoppelt, die natürliche Regulation wird gestört.

ZEITmagazin: Was können Eltern stattdessen tun?

Ellrott: Achtgeben, wie sie sich selbst verhalten. Das Lernen von Vorbildern ist das Entscheidende. Das fängt bei Kleinkindern an und setzt sich fort bis ins jugendliche Alter.

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Kommentare

43 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Meinen Kindern gegenüber....

habe ich mehr davon geschwärmt, dass Essen gut schmeckt,
als das es gesund ist. Gutes Essen, frisch, von hoher
Qualität, schmeckt und es ist gleichzeitig gesund.
Keine Fertiggerichte, keine Farb-und Zusatzstoffe,
möglichst Bio, frisch eingekauft und selbst zubereitet.
Es gab Mineralwasser und Fruchsäfte, hin und wieder
Schokolade, nie Wurst, wenig Fleisch, viel Käse und
Joghurt.
Die Präferenzen haben sie bis heute noch, obgleich sie
in ihrem Studentenleben eher auch den bequemen Weg
zu Mc...gehen :)
Wissen gutes Essen aber zu schätzen, der Gesundheitsaspekt
spielt da zugegebenermaßen eine untergeordnete Rolle, der
Geschmack schon eher.
Frische Salate, Obstsalate en masse, damit kann man sie
noch heute begeistern.

Find ich gut

was Sie schreiben. Allerdings muss ich auch Dasunheimlicheholg zustimmen: ne Thüringer-Rostbratwurst ist was feines.

Allerdings gibt es einen Trugschluss. Sie meinen, wenn ich es rihctig verstehe, dass ihre Kinder gutes Essen so schätzen, da es immer diese guten Sachen zu essen gab.
Ich muss sagen, sooo gesund zu Essen gab es bei uns nicht. Klar meistens selbst gekocht. Aber öfter auch ma Fertigzeugs.
Trotzdem weiß ich gutes Essen mehr als zu schätzen, obwohl mir manches Tütenzeug auch sehr gut schmeckt.

In dem Satz

geht es darum, NUR Äpfel zu Essen, also garnichts anderes.

Veganer ernähren sich auch vielseitig und Abwechslungsreich. Verschiedene Gemüse-Sorten, Pilze, Tofu, Nudeln, Reis...
Und das alles ganz ohne Tierische Produkte.
Wenn ein Veganer tagelang nur Bohnen isst, wird er auch etwas anderes wollen.

Und die Gier nach Fleisch ist ja gar nicht vorhanden, weil es eine bewusste Entscheidung ist, auf Fleisch zu verzichten. Dann fehlt es einem auch nicht.
Stellen Sie sich vor, sie mögen keine Bananen. Also verzichten sie bewusst darauf. Dann haben sie doch nicht plötzlich eine Gier nach Bananen, nicht wahr?

Gier nach Bananen?

Es mag ja sein, das eine bewusste Entscheidung für oder gegen ein Lebensmittel psychologisch selbst auferlegte Beschränkungen zu ertragen hilft.

Allerdings läßt sich der Körper oder "Mutter Natur" nicht "ungestraft" knechten.

Wer keinen Zucker oder Salz zu sich nimmt, hält das ja vielleicht mal eine Weile durch. Es wird aber irgendwann zu schweren körperlichen Schäden kommen und der Körper giert nach diesen lebensnotwendigen Stoffen!
[...]
Gekuerzt. Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

Veganer und andere Pseudoexoten

Was für die meisten Veganer und anderen Pseudovegetarier gilt, dürfte wohl ein anderer Aspekt sein, der im Interview angesprochen wurde: Ich will Exot sein, will Aufmerksamkeit. Das merkt man dann daran, wie inkonsequent die Allermeisten doch sind.

Nichts allerdings gegen die Vegetarier und Veganer, die das auch konsequent durchziehen und es aus wirklicher Überzeugung tun.

In meiner

vegetarischen Phase (von 13 bis 19) hatte ich mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb war. Mir war das extrem unangenehm. Ständig muss man sich rechtfertigen, nur, weil man etwas nicht mag. Für meine Aversion gegen Bananen musste ich das nie tun.
1. Frage (immer(!)): Was? Wieso isst du denn kein Fleisch?
2. Frage: Wie kann man denn Fleisch nicht mögen?
3. Frage: Nicht mal Hühnchen?
4. Aussage: Koste doch erstmal. Vielleicht schmeckts dir ja wieder.
...

Nur, weil man etwas nicht mag!
Wieso ist es ok, wenn man ein anders Lebensmittel, z.B. Fisch, nicht mag und bei Fleisch ist es gleich ein riesiges Problem?

Nicht jede Einstellung ist radikal oder Effekthascherei. Das wird leider immer übersehen, wenn man von "den Vegetariern" spricht.

Nicht verallgemeinern

Ich übersehe das nicht und habe ja entsprechend differenziert.

Mein Hinweis bezog sich auf einen Großteil der "Vegetarier" und "Veganer", die dieses Essverhalten sich in den letzten Jahren angewöhnt haben. Abgesehen davon, dass das für viele Trend ist, wird es dann ja noch nicht einmal konsequent gelebt. Die vielen Pseudovegetarier, die Fisch und / oder Geflügel essen genauso wie bspw. Gelatineprodukte und damit echten Vegetariern das Leben schwer machen. Die Veganer, die sich elitär zur besonderen Lebensform erheben, aber Lederschuhe, -gürtel und Daunenjacke tragen.

Und dann gibt es noch diejenigen, die bei jedweder Gelegenheit z.T. aggressiv missionierend auftreten. Diese könnten sich Elrotts letztes Beispiel zu Gemüte führen: Anstatt immer mit dem erhobenen Zeigefinger oder gar anderen Waffen zu drohen, wären unmissionarisch, genussvolle Beispiele viel schöner. Und zwar möglichst keine "gesunde", wie die Allzweckwaffe Sojabratling oder Seidentofu als ultimativen Fleischersatz ;-)