Gozo Andacht unter Palmen
Auf Maltas Nachbarinsel Gozo kommt der Gast zur Ruhe. Im Kloster servieren die Mönche erdigen Wein, die Luft riecht nach Thymian und Salbei
Im verschleierten Erwachen eines Tages schwimmt mir die Insel entgegen. Grün die Felder und Bäume, purpurrot die an den Hängen wachsenden Lupinen, schimmernde Felsen, gekrönt mit mächtigen Kirchen und Türmen und Glockentürmen. Eine Landschaft, wie von alten Meistern gemalt. Gerade als die Fähre den Hafen Mgarr erreicht, klettert die Sonne an den Himmel und legt Gold über Kuppeln und Dächer.
Dies ist Gozo, Maltas Schwesterinsel. 67 Quadratkilometer groß, 14 Orte, 31000 Bewohner, davon ein Fünftel in der Hauptstadt Victoria lebend. Gozo, über das in schneller Folge Völker und Kulturen kamen: Karthager, Römer, Byzantiner, Normannen und schließlich die Ritter vom Orden des Heiligen Johannes, die im Deutschen Malteser heißen. Ihren jeweiligen Göttern erschufen die Bewohner Kultstätten, aus Tempeln wurden Kapellen, bis schließlich namhafte Architekten im Auftrag der begüterten Ordensritter aus dem gelben Sandstein Gotteshäuser im Stil des italienischen Barock bauten, jedes von ihnen ein architektonisches Meisterwerk.
Ich bin gekommen, um ein verloren gegangenes Gespräch wiederaufzunehmen. Ich habe vier Tage, um einen Gott wiederzufinden, der mir einmal sehr nahestand. An seine Existenz glaube ich immer noch, bezweifle aber, dass er es gut mit uns meint. Mein Rückzugsgebiet ist das Manresa-Haus, am Rande von Victoria gelegen und von drei jesuitischen Mönchen geführt. Die üblichen Gäste dort sind gläubige Menschen, die sich zu Exerzitien und anderen spirituellen Übungen einfinden, zweimal am Tag an der Messe teilnehmen und in ihren Zimmern, dem Gebetsraum, dem Klostergarten oder in der Kapelle Andacht halten. Inzwischen hat sich das Manresa-Haus auch für Touristen geöffnet, die einfach nur Ruhe finden wollen. Man muss nicht beten. Es genügt, sich dem stillen Gang der Tage anzupassen.
Ich wohne im obersten Stock des Hauses, durch eine Rotunde in der Decke fällt Tageslicht. Die langen Flure des Gebäudes sind angenehm kühl, es riecht nach Desinfektionsmittel, Suppe und Tradition. Nach einer kurzen Führung durch Vater Cilia, den Leiter, bin ich mir selbst überlassen. Auf den Steinfliesen schlagen meine Schritte auf und hallen an den Wänden entlang. Das Zimmer hat ein Fenster zum Garten, und der Duft der Orangenbäume, die die letzten Früchte dieses Frühlings tragen, mischt sich mit dem Holzgeruch der Kiefernmöbel. Ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch, eine Wolldecke, eine Bibel. Ich denke plötzlich, wie lang die Tage hier drinnen sein werden. Mir ist, als rufe die draußen liegende Insel.
- Anreise
Flüge mit Air Malta zum Beispiel ab Berlin oder Düsseldorf. Von Malta mit der Fähre nach Gozo, Dauer der Überfahrt circa 25 Minuten.
- Unterkunft
Das Manresa-Haus ist zu buchen über: Klosterreisen, Tel. 0511/5343597, www.klosterreisen.de. 7 Übernachtungen mit Halbpension ab 375 Euro pro Person. Im Angebot für Gozo ist auch das Augustinerkloster.
- Auskunft
Fremdenverkehrsamt Malta, Tel. 069/247503130, www.urlaubmalta.com
Um den touristischen Verlockungen aber nicht schon am ersten Tag zu erliegen, gehe ich hinunter in die Kapelle. Bunt bemalte Gipsmadonnen stehen in Nischen, ihre verzückt zum Himmel verdrehten Augen befremden mich. Über dem Altar hängt ein zweigeteiltes Gemälde. Oben Maria und das Kind auf fluffigen Wolken, unten der heilige Ignatius von Loyola, der Schutzpatron dieses Klosters. Im oberen Eck des Gemäldes hält ein Engel ein Banner: »Gesegnet sind jene, die Gottes Wort hören und halten«. Lange sitze ich dort und finde kein Wort in mir, das Gebet werden könnte.
»Nirgends ist Europa so katholisch wie hier«, sagt der Jesuitenpater
Vater Edward ist abends mein Tischnachbar. Ein freundlicher Jesuitenpater, der auf Malta geboren wurde, dann vierzig Jahre lang Missionsarbeit in Chile leistete und heute in Rom lebt. Zur anderen Seite sitzt ein ununterbrochen scherzender Engländer, der gerade acht Tage im Gebet verbracht hat. Das Motto des Hauses sind die Eröffnungsworte aus Psalm 27, gemeißelt in ein Relief an der Wand: Dominus illuminatio mea (Der Herr ist mein Licht). Während ich auf den Tomaten aus dem klostereigenen Garten kaue, die fantastisch nach Tomaten und nicht nach Gewächshaus schmecken, versuche ich mir den Zustand der Erleuchtung vorzustellen und bin nicht sicher, ob ich ihn will. Doch schnell verfliegen die Gedanken, weil Vater Edward so aufmerksam ein ums andere Mal die Gemüseplatte reicht, erdigen maltesischen Wein nachschenkt und über seine Heimat spricht. »Im Staate Malta gibt es für jeden Tag des Jahres eine Kirche«, sagt der Pater, »Dutzende stehen allein auf Gozo. Nirgends ist Europa so katholisch wie hier.« Vater Edward versteht, dass ich die Insel sehen möchte, aber nicht weiß, wie sich das mit meinem Rückzug vereinbart. »Erkunden Sie Gozo zu Fuß«, sagt er. »Dann bleiben Sie im Gebet.«
Am anderen Morgen begrüßen vor dem Fenster wohl hundert Spatzen das erste Morgenlicht. Barfuß laufe ich auf dem Steinboden hinunter in den kleinen Gebetsraum, wo es nach Weihrauch und alten Wänden riecht, dann ist es Zeit für das Frühstück. Vater Cilia erklärt, dass Exerzitien für Geist und Seele das seien, was Sport für den Körper ist. In der Hausbibliothek steht ein Buch dazu: Alone with God Alone. Die Welt sei wie die Tentakel eines Oktopus, lese ich darin, und jene, die uns am stärksten im Griff hätten, seien Selbstgefälligkeit und Ablenkung. Darum müssten wir lernen, in der Welt und in der Stille zugleich zu sein.
- Datum 07.05.2011 - 12:39 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.4.2011 Nr. 17
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