In Kessenich, einem Bonner Wohnviertel, grüßt ein Goldbär die Passanten. Das Wahrzeichen von Haribo. Firma und Bär gehören zum Inventar der Bundesrepublik. Jeder kennt die Marke und den Geschmack des Bären.

Haribo nährt das Bild von einer heilen Welt nach Kräften. Auf der Internetseite ist zu lesen, wie Hans Riegel in Bonn vor 90 Jahren anfing, mit nichts als einem Sack Zucker. Wie nach dem Krieg seine Witwe den Laden schmiss und dann die beiden Söhne übernahmen. Die Haribo-PR kennt viele Anekdoten. Eine Lakritz-wickelmaschine stammt aus diesem Haus. Im Herbst kommen Kinder, um gesammelte Kastanien gegen Zuckerzeug zu tauschen. Fast nebenbei erfährt man, wie das Unternehmen wuchs. Heute beschäftigt es 6000 Mitarbeiter in mehr als 20 Ländern. »Hariboianer« heißen sie in Stellenanzeigen, das klingt fast niedlich und zeugt von Zugehörigkeit.

Hinter der Front ist allerdings Schluss mit Nahbarkeit, und das aus gutem Grund. Das Innere dieses rheinländischen Wirtschaftswunders passt überhaupt nicht zu dem Image des knuddelsüßen Bären. Das Betriebsklima gilt selbst in der hartgesottenen Süßwarenbranche als mies. Es herrschen, erzählen Mitarbeiter, Angst und Willkür. »Der Druck ist enorm«, sagt Ernst Busch, Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG in Köln. »Wer bei Haribo aufmuckt, muss harte Konsequenzen fürchten.« Zudem liegen Mitglieder der Gründerfamilie seit langem im Clinch.

Seit Jahrzehnten gedeiht das Zuckergeschäft in giftiger Atmosphäre. Treibende Kraft ist Patriarch Johannes Peter Riegel, der sich wie sein Vater hartnäckig »Hans« nennt. Nach außen setzt er sich als »Mr. Haribo« in Szene und ist ein echtes Marketing-Genie. Drinnen regiert er autokratisch, manche sagen auch boshaft. Auch im Alter von 88 Jahren herrscht Hans Riegel ungebremst. »Für Haribo spricht allein Doktor Hans Riegel, das will auch die Familie so«, sagt Pressechef Marco Alfter. Er ist der Patensohn des Seniors, also fast selbst ein Teil dieser Familie. Für die ZEIT ist Hans Riegel nicht zu sprechen, folglich gilt das für alle Riegels, den Pressechef und die übrige Belegschaft. Direkte Anfragen rapportieren Gefolgsleute prompt an die Führungskräfte.

»Der Herrscher über die Gummibären hat in der Firma seinen Hofstaat – nicht nur in der Chefetage«, schrieb Bettina Grosse de Cosnac schon 2003 in einer wohlmeinenden Biografie über Die Riegels. Es gebe viele, »die großartige Bücklinge machen, und nur wenige, die genug Courage haben, dem Firmenfürsten zu widersprechen«. Der Senior sei zuletzt immer schwieriger geworden, sagt Michael Cremer. Der langjährige Marketingchef von Haribo hat nichts mehr zu verlieren. Er fiel in Ungnade, als er eine für ihn willkürliche Entscheidung nicht hinnahm. »Dem Druck folgte ein leichtes Burn-out-Syndrom«, erinnert sich Cremer, da hagelte es Kündigungsversuche. Am Ende werfe der sich vor den Zug wie Torwart Enke, soll der Senior damals gesagt haben. Die schlechte Presse, die dann drohe, wolle er nicht haben. »Ungewöhnlich emotional« sei der Arbeitgeber vorgegangen, sagt Cremers Rechtsanwältin Nathalie Oberthür aus Köln. Im vergangenen Jahr verglich man sich, Cremer verließ die Firma. Kontakt zu Exkollegen hält er weiter. »Bis heute ist alles auf den Senior zugeschnitten, er allein entscheidet«, sagt er. »Hans Riegel ist ein echter Despot.«

Auch andere fielen in Ungnade oder warfen frustriert das Handtuch. Nach Cremer verließen eine Produktmanagerin und eine weitere Marketingkollegin die Firma, Anfang Januar verlor der langjährige Leiter der Rechtsabteilung, seine Prokura. Die Ankündigung schließlich, dass Andreas Nickenig, der als Bereichsleiter Marketing und Vertrieb 18 Jahre lang den Aufstieg Haribos begleitet hat, diesen Sommer das Unternehmen verlässt, war ein echter Paukenschlag. Er sehe für sich »so gar keine Perspektive«, begründet der 43-Jährige den baldigen Wechsel zu Wettbewerber Wawi. »Er hat die Launen und Kapriolen von Hans Riegel nicht mehr ertragen«, heißt es in seinem Umfeld.

Dabei genoss Nickenig lange das Vertrauen des Seniors. Bis zur Ansage, dass er aussteigt, war er Vorstandschef der Dr. Hans Riegel Privatstiftung, hätte also im Erbfall den Stimmenanteil des Seniors mit kontrolliert. Er wäre ein Mittler zwischen den Gründerfamilien geworden, so einen hätte das Unternehmen gut gebrauchen können. Nachfolger als rechte Hand des Seniors im Unternehmen ist der 40-jährige Michael Phiesel, ein treues Haribo-Gewächs und schon seit 2007 Vorstandsmitglied der Riegelschen Privatstiftung.