AKW-Gegner Hartmut GründlerFlammende Wahrheit

Die Geschichte des Hartmut Gründler, der sich 1977 aus Protest gegen die Lügen der Atomindustrie selbst verbrannte von Frank Keil

Hier genau hat er oft gesessen«, sagt Wilfried Hüfler, und er streicht mit seiner Hand leicht über das Sofa. »Er hat bei uns übernachtet, er hat mit uns gegessen.« Aber wann er ihm das erste Mal begegnet sei? Der pensionierte Lehrer dreht sich um, zeigt über die blühenden Orchideen auf der Fensterbank hinweg durch das Wohnzimmerfenster auf die leicht hügelige schwäbische Landschaft: »Dort hinten, auf unserem Hausberg, wollten sie das Atomkraftwerk Reutlingen-Mittelstadt bauen, dort hätten die Kühltürme und der Reaktor stehen sollen. Und bei dem Kampf gegen dieses AKW haben wir Hartmut Gründler kennengelernt, irgendwann 1975.« Er stockt. »Wie lange haben wir gegen das AKW gekämpft, bis 85?«, fragt er seine Frau. »Bis 1987«, sagt Friedhild Hüfler.

Und das letzte Treffen? Das war drei Wochen bevor sich Hartmut Gründler in Hamburg verbrannte, im Herbst 1977. »Wir machten Briefe mit einem seiner Texte fertig, und er wollte, dass ich auf die Umschläge einen grellgelben Zettel mit der Aufschrift ›Letzter Hungerstreik!‹ klebe«, erzählt Hüfler. »Ich lehnte ab. Ich habe Gründler damals wie so viele andere im Stich gelassen.«

Anzeige

Nebenan in Hüflers kleinem Büro stapeln sich die Aktenordner, sortiert nach Jahren; gefüllt mit Flugblättern Gründlers, seinen Erklärungen, seinen offenen Briefen, seinen Briefwechseln mit Politikern wie Österreichs sozialdemokratischem Bundeskanzler Bruno Kreisky oder Erhard Eppler. Dazu kommen all die gespeicherten Dokumente im Computer. »Es gibt wohl niemanden, der so viel über ihn gesammelt hat wie ich«, sagt Hüfler. Und daraus sollte lange schon eine Biografie erwachsen! Nur – da ist das Bahnprojekt Stuttgart 21, gegen das Hüfler kämpft, was seine Zeit braucht. Da ist die von ihm gegründete Initiative für die Aufnahme des Volksentscheids in die baden-württembergische Verfassung. Wilfried Hüfler wurde jetzt 77. Gründler war gerade 47, als er starb.

Der Kämpfer und Prophet. Der Unerbittliche. Der Selbstverbrenner. Zur Welt kommt Hartmut Gründler im Januar 1930, ein Pfarrerskind aus dem kleinen Ort Hümme in Nordhessen. Die drei zum Teil um vieles älteren Brüder kämpfen an der Ostfront. Einer kehrt mit einer Kopfverletzung schwer traumatisiert zurück. Wichtig für Gründler wird ein Freund seines Vaters: Hermann Schafft, ebenfalls Pastor und Mitglied des bündischen Neuwerkkreises, der einem religiösen Sozialismus verpflichtet ist. 1945 besucht Gründler im nahen Hofgeismar über mehrere Monate einen Gesprächskreis, man spricht über den Islam, den Buddhismus, Mahatma Gandhi.

Der junge Mann macht nach dem Abitur erst einmal eine Maurerlehrer, beginnt ein Architekturstudium, wechselt an das Pädagogische Institut in Jugenheim bei Darmstadt, wird Volksschullehrer. Nach einigen Jahren im Schuldienst geht Gründler 1967 zurück an die Universität, nach Tübingen. Er schreibt sich ein für Pädagogische Psychologie und Allgemeine Sprachwissenschaft. Immer stärker beschäftigen ihn die Lehren Gandhis und dessen Prinzipien der gewaltfreien Aktion. Kurz kommt er beim maoistischen Tübinger Komitee für Umweltschutz unter, dann gründet er den Bund für Umweltschutz, den er strikt auf das Prinzip der Gewaltfreiheit verpflichten will.

Doch der eigene Verein setzt ihn vor die Tür. Gründler will sich keinen Mehrheitsbeschlüssen beugen. Er gründet den nächsten: den Arbeitskreis Lebensschutz – Gewaltfreie Aktion Umweltschutz e.V., eng verquickt mit dem reaktionären Weltbund zum Schutz des Lebens, der nicht nur gegen die Atomwirtschaft opponiert, sondern auch das Rauchen geißelt und die Vollwerternährung predigt. Ans Lehrerpult zieht es ihn nicht zurück; nur wenn das Geld knapp wird, gibt er noch Deutschkurse für Ausländer.

Für Furore sorgen Gründlers essayistische Schriften, in denen er sich die Sprache der Energiekonzerne und deren Lobby vornimmt, die in jenen Tagen glauben machen will, dass ein atomares Endlager beherrschbar ist, wenn man es nur »Entsorgungspark« nennt. Seine Analysen sind ebenso scharfzüngig wie präzise. Schon das Wort Atom, schreibt er in seinem Wörterbuch des ZwieDenkens, sei »ein Reizwort, das die Atomlobby möglichst vermeidet, da es unerwünschte, wiewohl sachlich zutreffende Assoziationen zur Atombombe weckt. Planmäßig sorgt z. B. das Deutsche Atomforum für die Sprachregelung, ›Atom‹ durch ›Kern‹ zu ersetzen. Auch hier gibt es Assoziationen, aber höchst liebenswürdige: Haselnußkerne, Kernobst, kernig, kerngesund.«

Leserkommentare
  1. Wenn man sich überlegt, dass viele Länder heute - wegen der Bedrohung durch andetre Länder - in den Krieg ziehen, und wenn man sich ansieht, warum sie das tun: also wegen Wirtschaftsmacht, Einfluss, Angst vor Kommunismus und nicht wegen echten Bedrohungen....

    Und wenn man sich dann überlegt, dass die Atomkraft keine Grenzen kennt und die Atommeiler in Frankreich sogar mich hier bedrohen...

    Dann kann man verstehen, wie man zu drastischen Maßnahmen greift, und man kann fragen, warum erklären einige Länder nicht anderen den Krieg, wenn diese anderen Länder einen mit Atomkraft bedrohen?
    Weil wir halt Kriege um andere Dinge führen. Aber die Bedrohung eines explodierten Reaktors, auch implodiert und wegplodiert, ist im Grunde ähnlich verheerend, wie wenn Amerika in Afghanisten einmarschiert um die Bedrohung durch Terror zu bekämpfen. Die Zahlen durch Atomtod können den Vergleich mit Terror standhalten.

    Ich will damit nur zum Nachdenken anregen, wie die Welt doch eigentlich auf den Kopf gestellt ist, weil man könnte wahrlich einen Kriegsgrund darin sehen, von Atomenergie bedroht zu werden, nicht? Wenn nicht, dann frage ich mich aber, warum einige Länder in Libyen, in Afghanistan oder Irak wichtigen Grund finden, dort gegen MVW oder Terror vorzugehen--- wo doch mehr Bedrohung durch Atomkraft real existent ist. Eine Aschwolke von Island über Deutschland würde nichts verseuchen. Die Wolke von Tschernobyl und Fukushima ist wie Giftgas und das für tausend Jahre

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Paranoia weiter Teile der deutschen Bevölkerung vor der
    Atomenergie ist mit rationaler Vernunft wohl nicht mehr bei-
    zukommen. Unsere europäischen Nachbarn sind fassungslos über
    dieses Massenphänomen.[...] Wichtig ist , dass unsere Nachbarn da kon-
    sequent ihren eigenen Weg gehen und nicht in panischer Hektik
    verfallen wie wir.
    Teil entfernt. Bitte bemühen Sie sich um sachliche Vergleiche. danke. Die Redaktion/wg

    ...zu bestimmen, was wir in unserem Lande denken und machen? Seit wann sind sie unser Souverän? Bloß weil Rumsfeld diese Länder mal als "New Europe" bezeichnete, weil sie dem George W. kritiklos in den Irak folgten?

  2. Der Paranoia weiter Teile der deutschen Bevölkerung vor der
    Atomenergie ist mit rationaler Vernunft wohl nicht mehr bei-
    zukommen. Unsere europäischen Nachbarn sind fassungslos über
    dieses Massenphänomen.[...] Wichtig ist , dass unsere Nachbarn da kon-
    sequent ihren eigenen Weg gehen und nicht in panischer Hektik
    verfallen wie wir.
    Teil entfernt. Bitte bemühen Sie sich um sachliche Vergleiche. danke. Die Redaktion/wg

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Liste der Entscheidungen bei denen die Deutschen in den letzten 20 Jahren recht und die Nachbarn falsch liegen ist meterlang.
    Kriege, Banken, Wirtschaft, usw. waere ich ein Nachbar wuerde ich ganz leise sein, denn was wenn die Deutschen wieder recht haben....

    ...mit anderen Worten haben Atomkraftgegner den Verstand verloren? Und die Sache mit der Angst weise ich weit von mir. Genauso wie den versteckten Vorwurf, ich könne nicht sachlich darüber urteilen (was Atomkraftbefürworter wohl als einzige können ...).

    Unfassbar finde ich, dass einigen Leuten die Erde so egal zu sein scheint, als hätten sie eine zweite in der Hosentasche gepachtet. Und dann werd ich noch als Gutmensch oder Ökofaschist (nicht von Ihnen ;)) betitelt. Ahjo, Wutbürger war auch noch so'n tolles Wort. egal, hat nix mit dem zu tun was ich eigentlich sagen wollte :-)

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/se

    • Digne
    • 16. Juli 2011 12:07 Uhr

    Es ist unerträglich immer wieder solche Texte zu lesen.

    Wie stumpf muss wohl jemand sein, der sich konsequent weigert, aus den überall verfügbaren Informationen über Atomenergie ,-wirtschaft (,-desinformationen)
    ein r e a l i s t i s c h e s Organigramm zu erstellen.

    Wie selektiv geht jemand vor, der all das bereits verursachte UND DOKUMENTIERTE Leid vollständig ignorieren kann?

    Aber das kennen wir ja schon.
    Aus unserer unrühmlichen Vergangenheit.
    Leider!

  3. Die Liste der Entscheidungen bei denen die Deutschen in den letzten 20 Jahren recht und die Nachbarn falsch liegen ist meterlang.
    Kriege, Banken, Wirtschaft, usw. waere ich ein Nachbar wuerde ich ganz leise sein, denn was wenn die Deutschen wieder recht haben....

    Antwort auf "Deutsche Urängste"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • spacko
    • 25. April 2011 20:35 Uhr

    "...waere ich ein Nachbar wuerde ich ganz leise sein,..."

    Mit dieser Aussage bestätigen Sie die These des von Ihnen beantworteten Beitrags.

  4. Entfernt. Bitte achten Sie auf eine respektvolle und sachliche Diskussion. Danke. Die Redaktion/km

  5. ...mit anderen Worten haben Atomkraftgegner den Verstand verloren? Und die Sache mit der Angst weise ich weit von mir. Genauso wie den versteckten Vorwurf, ich könne nicht sachlich darüber urteilen (was Atomkraftbefürworter wohl als einzige können ...).

    Unfassbar finde ich, dass einigen Leuten die Erde so egal zu sein scheint, als hätten sie eine zweite in der Hosentasche gepachtet. Und dann werd ich noch als Gutmensch oder Ökofaschist (nicht von Ihnen ;)) betitelt. Ahjo, Wutbürger war auch noch so'n tolles Wort. egal, hat nix mit dem zu tun was ich eigentlich sagen wollte :-)

    Antwort auf "Deutsche Urängste"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kein denkender Mensch würde bestreiten, dass die Erde wohl von Menschen zerstörbar ist. Worüber Sie sich mit uns Atomkraftbefürwortern und gemäßigt Liberalen einfach nicht einigen können, ist das Maß der Dinge und die Plausibilität mancher katastrophischen Szenarios. Glauben Sie mir, dass auch die zynischsten Technokraten über Selbsterhaltungstrieb verfügen und schon in Ihrem eigenen Interesse nicht die Erde zerstören wollen. Was mich stets vom grünen Lager fernhält ist der unsägliche Fanatismus, den die Leute wie Gründler an den Tag legen und bereits sind, ihr Leben wegen eines so zweifelhaften Anliegens zu nichte zu machen. Der Vergleich mit Palach ist wohl übertrieben, denn dieser hat sein Leben im Appel an die Humanität und menschliche Würde geopfert. Oder glauben Sie, dass die heutigen Grünen sich als geistige Nachfolger von Gründler sehen?
    Deutschland fängt an, ein patologisch krankes Land zu werden, denn der Hunger nach Ideologie und ideologisierten Weltbildern scheint hier immer noch sehr groß zu sein.

    • spacko
    • 25. April 2011 20:35 Uhr

    "...waere ich ein Nachbar wuerde ich ganz leise sein,..."

    Mit dieser Aussage bestätigen Sie die These des von Ihnen beantworteten Beitrags.

    Antwort auf "Paranoia?"
    • spacko
    • 25. April 2011 20:45 Uhr

    Mittlerweile geht die Presse dazu über, auch noch die letzten Bastionen der Vernunft mit ihren Hetztiraden wegzubügeln.
    Ist bzw war der Herr Gründler ein Jan Palach oder eher ein Reinhold Elstner?
    Oder: Nicht jeder, der sich selbst verbrennt, hat automatisch recht.
    Und: Wir (als Kultur im Niedergang) werden es nicht mehr schaffen, die Welt zu zerstören. Da sei Renate Künast vor; das bleibt den BRIC vorbehalten. Immerhin geh'n wir dann mit Gutem Gewissen (TM) hops.

    Mein linkerlinker Platz ist leer, ich wünsch mir meinen Zensor her (argumentieren Sie sachlich, respektvoll, nachhaltig, grün, "die Redaktion")

  6. Mir ist eigentlich immer noch nicht klar, warum man sich in den Diskussionen totredet über zwei Extreme. Wäre es nicht sinnvoller, statt die Atomkraftenergie gänzlich zu verbieten, sie einfach sicherer zu machen?
    Wieviele Menschen starben in den letzten 50 Jahren in Deutschland an Folgen des Straßenverkehrs? Ich denke, es sind weitaus mehr, als wenn es in Folge eines Super-GAUs wäre, trotzdem wäre es nicht vernünftig diesen zu verbieten, auch wenn wir zig Tausende Menschenleben damit retten würden. Mein Schluss lautet also: wenn man Zivilisation will, muss man auch was in Kauf nehmen. Die Frage ist, wie weit ist man da bereit zu gehen? Wieviel Straßenverkehr ist noch tragbar im Verhältnis zu den Toten, die auf den Straßen jäh und plötzlich umkommen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben recht, dass der Straßenverkehr wesentlich gefährlicher ist, als die Atomkraft. Das Problem ist allerdings, dass die Atomkraft eine abstrakte Gefahr ist, welche die Menschen nicht so leicht verstehen können. Wenn man sich anschaut, wofür in diesem Land enorme finanzielle Mittel eingesetz werden um etwas sicher zu machen und es mit der tatsächlichen Gefahr vergleicht, dann möchte man nur noch kotzen.

    Nehmen wir mal als Beispiel die Flugsicherung. Hier werden abermillionen Euro jedes Jahr ausgegeben, um das Fliegen noch ein quäntchen sicherer zu machen. Im Gegensatz dazu geben wir fast überhaupt kein Geld für unsere Krankenhäuser aus, in denen jährlich tausende Menschen an völlig sinnlosen Infektionen sterben, weil Mitarbeiter zu übelastet sind um die Hygieneregeln vollständig einzuhalten.

    Ich sag nur: BSE Kontrollen, Tempolimit auf Autobahnen, AntiTerrorAbwehr, TÜV etc. etc.

    Gerade die Deutschen meinen immer, dass sie die Weisheit mit Löffeln gefressen haben und viel besser als andere Nationen sind. Wir haben hier aber ebenfalls eine extrem irrationale Politik, welche noch damit geaart wird, dass der Deutsche im Vergleich zu anderen Nationen wesentlich obrigkeitshöriger ist. Und ja ich wiess, dass wir tolle Maschinen bauen :P Und sonst?

    Niemand hat jemals einen GAU oder sogar mehrere Kernschmelzen zugleich für Japan vorhergesagt!
    Bei Tschernobyl waren es ja die sowjetischen Schrottreaktoren oder die Desorganisiertheit oder die Planwirtschaft oder... oder...
    Und Deutschland hat keine Tsunamis. Soweit richtig. Aber glauben Sie, Sie wüssten im Voraus, was auch noch alles schiefgehen kann?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Helmut Schmidt | Grüne | SPD | Willy Brandt | Hans Matthöfer | Mahatma Gandhi
Service