Italien Kann man die Mafia besiegen?

Italien ist uns fremd geworden. Eine Serie zur Erklärung eines rätselhaften Landes.

Polizeieinsätze und Verhaftungen sind im Kampf gegen die Mafia immer nützlich, denn hinter jedem Boss müssen wir uns Hunderte von Jugendlichen vorstellen, die bereit sind, für ihn zu arbeiten und dafür alles Mögliche zu riskieren. Wird der Boss verhaftet, so verlieren diese Jungen zunächst einmal ihre kriminelle Bezugsperson. Und das ist noch nicht alles: Jede große Polizeioperation gegen einen Mafia-Clan hat zur Folge, dass sich alle Geschäftspartner dieses Clans zurückziehen und ihre Geschäfte lieber mit einer anderen Mafia-Familie machen. Denn nach einer großen Razzia steht ein Clan geschwächt da, die Mafiosi müssen sich das »Vertrauen« und die Macht in ihrem Einflussgebiet erst wieder erarbeiten. Oft gelingt ihnen das, wenn die Justiz nicht wirklich durchgreift, wenn sie zum Beispiel in dem nachfolgenden Prozess nur zu wenigen Jahren Haft verurteilt werden. Unsere Justiz ist leider sehr langsam und deshalb wenig effizient. Wenn aber der Staat Schwächen zeigt, so nützt das immer der Mafia.

Es gibt deshalb Italiener, die sagen: »Mafiosi zu verhaften, das nützt doch überhaupt nichts.« Aber das ist nichts weiter als ein Gemeinplatz, genauso wie es ein Gemeinplatz ist, zu behaupten, dass die vielen Razzien und Verhaftungen die Mafia besiegen würden. »Wieder ein entscheidender Schlag gegen die Mafia«, das haben wir schon so oft gelesen, und doch ist die Mafia immer noch da. Dass der Staat seine Stärke zeigt, dass die Polizei durchgreift, ist wichtig, aber es reicht ganz offensichtlich nicht aus. Gegen die neapolitanische Camorra hat auch der Militäreinsatz in Stadt und Hinterland Wirkung gezeigt. In meiner Heimatstadt Casal di Principe standen die Soldaten an jeder größeren Straßenkreuzung, sogar vor dem Fußballstadion. Der Staat wollte Präsenz zeigen, und das war eine wichtige Geste.

Anzeige
Roberto Saviano
Roberto Saviano

geboren 1979, ist ein italienischer Autor und Journalist. In Gomorrha (2006) schrieb er über das organisierte Verbrechen und wird seitdem von der Mafia bedroht.

Die Camorristi hat das sehr wohl gestört, sie konnten sich nicht so leicht bewegen wie sonst. Verbrechen haben die Soldaten jedoch nicht verhindert, die Camorra hat sogar weiter gemordet. Der Kronzeuge Carmine Schiavone sagte mir damals: »Es ist ein Risiko, derart junge, unerfahrene Soldaten in diese Gegend zu schicken. Sie können bedroht werden, man kann ihnen die Maschinenpistolen klauen, mit einem Wort: Sie sind zu nichts nütze.« Aber es stimmt nicht, dass die Militäroperation nutzlos war, sie hatte zunächst einmal hohen symbolischen Wert. Die Leute konnten einfach nicht übersehen, dass der Staat präsent war, dass er seine Soldaten schickte, um seine Bürger gegen die Mafia zu verteidigen. Das Problem war allerdings, dass manche in der Überzeugung bestärkt wurden, der Staat bestehe nur aus Polizisten und Soldaten.

Unter den vielen Schmähungen, die mich nach dem Erscheinen von Gomorrha aus meiner Heimat erreichten, war deshalb auch diese: »Nur weil du dieses Buch geschrieben hast, sind jetzt lauter Polizisten und Soldaten auf unseren Straßen. Ständig kontrollieren sie unsere Mofas und machen Ärger, dabei sind wir gar keine Camorristi.« Sie schrieben mir sogar: »Es ist deine Schuld, dass wir nicht mehr zur Schule gebracht werden. Die Soldaten haben den Schulbus stillgelegt.« Bei einer Kontrolle hatte sich herausgestellt, dass der Schulbus nicht versichert war, und so durfte er natürlich nicht weiterfahren. Das brachte aber die Schüler nicht etwa auf die Idee, den privaten Busunternehmer zu beschimpfen, der die Versicherung nicht bezahlt hatte. Die Schüler dachten: Da sieht man wieder, dass der Staat unser Feind ist, er macht unser Leben hier nur noch schwieriger. Nichts als Ärger hat man mit dem Staat.

In der Logik dieser Jungen war das alles meine Schuld. Sie dachten: Wenn dieses Buch nicht erschienen wäre, würde sich niemand für uns interessieren, am wenigsten der Staat und seine Soldaten.

Ich bin der Meinung, dass die Militärpräsenz sinnvoll war. Sie bildete einen sichtbaren Kontrast zur Kultur der Camorra, nach der es normal ist, bis an die Zähne bewaffnet auf die Straße zu gehen oder jemandem ins Gesicht zu schießen, um danach seelenruhig nach Hause zu fahren. Als die Soldaten da waren, war das nicht mehr ganz so einfach.

Das Problem ist nur, dass die militärische Besetzung des Territoriums nicht dauerhaft ist und nicht dauerhaft sein kann. Das zeigt das Beispiel Scampia, ein Viertel am Stadtrand von Neapel, das vollkommen von der Camorra kontrolliert wird. Scampia ist heute ein riesiger Drogen-Supermarkt unter freiem Himmel. Dabei war das Viertel nach dem letzten Camorra-Clankrieg mit Dutzenden Toten voller Polizei. Es gab Polizisten in jeder Straße, in jeder Ecke. Jetzt aber sind die Kontrollen weniger geworden. Man kann eben Scampia nicht einfach ewig besetzen. Dort leben Tausende Menschen. Alles besetzen, das klingt so einfach, aber die Lage ist sehr kompliziert. Wenn die Polizei ständig patrouilliert, riskiert sie in Gegenden wie Scampia die offene Revolte.

Leser-Kommentare
    • joG
    • 27.04.2011 um 19:58 Uhr

    ....dass Innovationen Verbrechen auch organisiertes Verbrechen sehr viel schwieriger werden könnte. Transparenz aller finanziellen Transaktionen würde eine großen Schritt in dieser Richtung bedeuten. Die dazu notwendigen Daten und Datenanalysen würde natürlich das Tor für neue Betätigungsbereiche öffnen, die es wieder zu schließen gälte.

    Die Erfahrung der Menschheit scheint aber zu sein, dass Macht und Einkommen dem Staat ungerne konzediert wird. Gruppen wehren sich gegen den Verlust früherer Macht und werden dadurch im neuen staatlichen Gefüge in neuer Definition Verbrecher.

    Regeln werden eingeführt, die wirtschaftliche Arbitragen erlauben, die durch die Regeln weit profitabler sind als ohne die Regeln. Es treten Leute an, um die Gewinne abzuschöpfen und werden zu Verbrecher. Da muss man nur an die Prohibition in den USA oder das Verbot Drogen zu konsumieren.

    So ergäben sich auch durch andere Regeln Möglichkeiten das Verbrechen zu bekämpfen. Drogengeld bspw füttert die Händler und macht sie so reich wie Staaten. Könnte der Konsument vom Staat die Drogen beziehen, gäbe es die Nische nicht, von der die Verbrecher in Mexiko leben oder die Taliban ihre Waffen bezahlen. Leider wollen wir so kreativ nicht sein.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Schon heute ist die besagte Technologie vorhanden, aber was ist in deutschen Landen immer noch obligat ? : Handfunkgeräte von der Größe eines Kofferradios, Zwei Personen Bullistreife, die aber einen schönen Bogen um die wirklich gefährlichen Bezirke machen und Polizisten, die man mit Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz geködert hat, die aber hard/softwaretechnisch total unterbemittelt sind.
    Vielleicht ist es in Italien anders, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Solange Süditalien bei den Norditalienern immer noch zu Afrika gezählt wird sich nicht ändern. Waum auch ? Es ist relativ viel Geld für leichte Arbeit und man ist Mitglied einer mächtigen und gefürchteten Gemeinschaft, was will an mehr ?

    Schon heute ist die besagte Technologie vorhanden, aber was ist in deutschen Landen immer noch obligat ? : Handfunkgeräte von der Größe eines Kofferradios, Zwei Personen Bullistreife, die aber einen schönen Bogen um die wirklich gefährlichen Bezirke machen und Polizisten, die man mit Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz geködert hat, die aber hard/softwaretechnisch total unterbemittelt sind.
    Vielleicht ist es in Italien anders, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Solange Süditalien bei den Norditalienern immer noch zu Afrika gezählt wird sich nicht ändern. Waum auch ? Es ist relativ viel Geld für leichte Arbeit und man ist Mitglied einer mächtigen und gefürchteten Gemeinschaft, was will an mehr ?

  1. Als erstes zerstöre man den Drogenmarkt durch ein Ende der Prohibition!

    Danach muß man die Bosse fangen, reden lassen und wer schweigt - töten!

    Das wird aber nicht passieren weil diese Typen die Regierung in der Hand haben und unendlich viel Geld.

    Die Demokratie hat versagt!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Eine Austrocknung der Einnahmequellen ist der allererste Schritt. Dafür sollte die ganze westliche Welt endlich aufhören, bestimmte Güter zu verbieten: Alkohol, Zigaretten, Marihuana, harte Drogen.

    Wer sich selbst schädigen will, soll das tun. Ich glaube nicht, dass auf ein Mal die Bevölkerung massenhaft anfängt Heroin zu spritzen, genausowenig wie Leute massenhaft aus dem Fenster oder von den Brücken springen.

    Wenn es einen legalen Markt für diese Güter gibt, dann lässt sich damit im Schatten kein Geld mehr verdienen. Es bleiben noch Güter wie Waffen, die verboten bleiben sollten, weil sie *andere* schäden können. Aber der illegale Waffenmarkt dürfte viel kleiner sein als der Drogenmarkt.

    Verbot von Drogen ist Moral an der falschen Stelle. Wir beschützen damit niemanden. Wir schaffen nur einen gigantischen Markt von den afghanischen Bauern bis zu den italienischen Zwischenhändler und den Dealern in der Fußgängerzone. Angebot und Nachfrage schlagen unkontrolliert ihre Schneise durch alle Verbote.

    Wenn wir den Markt transparent machen, wird er kontrollierbar. Wer nach Jahrzehnten erfolglosem Drogenverbot immer noch nicht verstanden hat, dass ein Verbot viel mehr schadet, als es nutzt, dem ist nicht zu helfen. Der muss mit der Mafia leben.

    Eine Austrocknung der Einnahmequellen ist der allererste Schritt. Dafür sollte die ganze westliche Welt endlich aufhören, bestimmte Güter zu verbieten: Alkohol, Zigaretten, Marihuana, harte Drogen.

    Wer sich selbst schädigen will, soll das tun. Ich glaube nicht, dass auf ein Mal die Bevölkerung massenhaft anfängt Heroin zu spritzen, genausowenig wie Leute massenhaft aus dem Fenster oder von den Brücken springen.

    Wenn es einen legalen Markt für diese Güter gibt, dann lässt sich damit im Schatten kein Geld mehr verdienen. Es bleiben noch Güter wie Waffen, die verboten bleiben sollten, weil sie *andere* schäden können. Aber der illegale Waffenmarkt dürfte viel kleiner sein als der Drogenmarkt.

    Verbot von Drogen ist Moral an der falschen Stelle. Wir beschützen damit niemanden. Wir schaffen nur einen gigantischen Markt von den afghanischen Bauern bis zu den italienischen Zwischenhändler und den Dealern in der Fußgängerzone. Angebot und Nachfrage schlagen unkontrolliert ihre Schneise durch alle Verbote.

    Wenn wir den Markt transparent machen, wird er kontrollierbar. Wer nach Jahrzehnten erfolglosem Drogenverbot immer noch nicht verstanden hat, dass ein Verbot viel mehr schadet, als es nutzt, dem ist nicht zu helfen. Der muss mit der Mafia leben.

    • Sergon
    • 27.04.2011 um 20:49 Uhr

    Mir kann niemand erzählen, dass es nicht, zumindest auf höchster Ebene, ein Vermischung von Staat, legaler und illegaler Wirtschaft gibt. Wenn man mal genau darüber nachdenkt, dann wird klar, dass das ganze Mafiageld auch wieder in den "legalen" Wirtschaftskreislauf fließt. Die Frage ist, wo zieht man die Grenze?

    Die Prohibition zeigt ganz klar, dass der Staat die Möglichkeit zur illegalen Betätigung überhaupt erst erschafft. Ein Markt, eine Nachfrage wird stets bedient. Ist der Handel illegal steigen nur die Margen und die Kontrolle wird schwerer.

    Die Mafia wird nicht so schnell verschwinden.

  2. Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und konstruktiv. Danke. Die Redaktion/ew

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Der Größte Mafiosi ist der Staat."

    es muß heißen "Mafioso"; mafiosi ist der plural. sie sollten schon wissen, worüber sie schwadronieren.

    "Der Größte Mafiosi ist der Staat."

    es muß heißen "Mafioso"; mafiosi ist der plural. sie sollten schon wissen, worüber sie schwadronieren.

  3. Es geht stets um Macht. Wo ein Vakuum entsteht, wird dieses gefüllt. Wo Rückgrad und Anstand versagen, wo Verantwortungsträger keine Verantwortung mehr tragen, ist Platz für die Mafia.

    Diese Volksparasiten haben überall andere Namen. Ob Mafia, Wirtschaftskartelle, oder Lobbyisten. Es geht um die Entmündigung des Menschen und da sich dieser gerne entmündigen läßt, wird es immer solche Organisationen geben.

    Bei der Mafia brauchen wir nicht wieder auf Italien zeigen, dies geht mir auf den Zeiger. Öfters lese ich hier in der ZEIT über die Mafia, nie über Organisationen in Deutschland. Was ist mit dem Miri-Clan in Bremen? Warum steht da keiner auf?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    sie sprechen mir aus dem herzen.

    sie sprechen mir aus dem herzen.

  4. Schon heute ist die besagte Technologie vorhanden, aber was ist in deutschen Landen immer noch obligat ? : Handfunkgeräte von der Größe eines Kofferradios, Zwei Personen Bullistreife, die aber einen schönen Bogen um die wirklich gefährlichen Bezirke machen und Polizisten, die man mit Aussicht auf einen sicheren Arbeitsplatz geködert hat, die aber hard/softwaretechnisch total unterbemittelt sind.
    Vielleicht ist es in Italien anders, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Solange Süditalien bei den Norditalienern immer noch zu Afrika gezählt wird sich nicht ändern. Waum auch ? Es ist relativ viel Geld für leichte Arbeit und man ist Mitglied einer mächtigen und gefürchteten Gemeinschaft, was will an mehr ?

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Eine Austrocknung der Einnahmequellen ist der allererste Schritt. Dafür sollte die ganze westliche Welt endlich aufhören, bestimmte Güter zu verbieten: Alkohol, Zigaretten, Marihuana, harte Drogen.

    Wer sich selbst schädigen will, soll das tun. Ich glaube nicht, dass auf ein Mal die Bevölkerung massenhaft anfängt Heroin zu spritzen, genausowenig wie Leute massenhaft aus dem Fenster oder von den Brücken springen.

    Wenn es einen legalen Markt für diese Güter gibt, dann lässt sich damit im Schatten kein Geld mehr verdienen. Es bleiben noch Güter wie Waffen, die verboten bleiben sollten, weil sie *andere* schäden können. Aber der illegale Waffenmarkt dürfte viel kleiner sein als der Drogenmarkt.

    Verbot von Drogen ist Moral an der falschen Stelle. Wir beschützen damit niemanden. Wir schaffen nur einen gigantischen Markt von den afghanischen Bauern bis zu den italienischen Zwischenhändler und den Dealern in der Fußgängerzone. Angebot und Nachfrage schlagen unkontrolliert ihre Schneise durch alle Verbote.

    Wenn wir den Markt transparent machen, wird er kontrollierbar. Wer nach Jahrzehnten erfolglosem Drogenverbot immer noch nicht verstanden hat, dass ein Verbot viel mehr schadet, als es nutzt, dem ist nicht zu helfen. Der muss mit der Mafia leben.

  6. Im Prinzip durchaus: ja.

    Wenn man es will. Man muss es nur wollen.

    Wenn das nicht gut genug gelungen ist, dann liegt das daran, dass "man" das nicht wollte.

    Heißt: Die Verflechtungen reichen bis in die allerhöchsten Gesellschaftsspitzen und genau deshalb haben mutige Kämpfer sterben müssen.

    Es gab mal eine Zeit in welcher das it. Volk die Mafia ächtete.
    In dieser Zeit nahm die Macht der Mafia ab.

    Wenn man die Mafia bekämpfen will, muss man ganz oben anfangen.
    Solange jedoch "ganz oben" die Mafia schützt, kann die Mafia nicht besiegt werden.

    Das Volk könnte aber bei Wahlen den gesamten Systemapparat abwählen.

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service