Roman von James Frey Jesus lebt jetzt in New York

Amerikas hoffnungsvollster Skandalautor James Frey schreibt die Bibel fort. Sein neuer Roman heißt "Das Letzte Testament der Heiligen Schrift" und handelt von einem Messias, der nicht an die Kirche glaubt. Ein Auszug.

Der Schriftsteller James Frey

Der Schriftsteller James Frey

Der Heiland ist unter uns. Mehrere Augenzeugen wollen ihm in New York begegnet sein. Sie sagen, er schwängere Huren und küsse Männer, heile Kranke und verdamme Heilige. Diese Zeugen sind die Evangelisten von heute. Ihr Evangelium ist ein Roman. Hier treten auf: Ben Zion Avrohom – der Heiland, Mariaangeles – die Hure, Charles – der Baumeister, Luke – der Junkie, Mark – der katholische Priester

Mariaangeles

Bei unserer ersten Begegnung kam er mir im Flur entgegen. Schräg gegenüber stand seit einem Jahr eine Wohnung leer. Der letzte Mieter hatte von Teufeln und Dämonen gefaselt und behauptet, der einzige Mensch zu sein, der noch zwischen uns und dem Ende stehe. Seine Kirche erteilte ihm Hausverbot. Er schrie seine Familie an und spielte die ganze Nacht Orgelmusik. Irgendwann war die Musik nicht mehr zu hören, und es begann zu stinken, und Momma rief die Bullen, und sie fanden ihn erhängt in der Dusche. Er trug eine weiße Kutte und war mit Elektrokabeln gefesselt. Seine Frau und seine Söhne waren auch gefesselt und hatten jeweils eine Plastiktüte über dem Kopf. Auf einem Zettel stand, dass sie in eine bessere Welt hinübergegangen seien. Vielleicht hatte der Teufel sie geholt. Vielleicht waren sie wirklich in eine bessere Welt hinübergegangen. Die Sache sprach sich rum, und niemand wollte die Wohnung haben. Bis auf Ben. Er kam mir im Flur mit einem Rucksack entgegen und zog sofort ein. Entweder wusste er von nichts, oder es machte ihm nichts aus. Er bezog die Wohnung ohne jedes Zögern. Einfach so.

James Frey

James Frey ist der neue Star des amerikanischen Sozialromans. Der 41-Jährige schreibt härter als Don DeLillo und zorniger als Bret Easton Ellis.

Sein Bestseller Tausend kleine Scherben und sein Los-Angeles-Roman Strahlend schöner Morgen bestechen durch die präzise Schilderung des Höllischen in unserer Gegenwart.

Freys dokumentarisch anmutende Prosa verursachte aber auch einen heftigen Literaturstreit. Nachdem sein autobiografisches Debüt 44 Wochen lang auf der Bestenliste der New York Times stand, kam heraus, dass es doch nicht ganz autobiografisch war. Enttäuschte Kritiker zerfetzten das Buch in der Luft. Doch das tat weder Freys Popularität noch seiner literarischen Wirkung Abbruch.

Vielleicht ist das das Unverschämte an ihm: dass seine Figuren so echt wirken, und dass er den Ton unserer Zeit so genau trifft.

Er war der einzige Weiße im ganzen Haus. Außer den Juden, denen die Schnapsläden und Kleidergeschäfte gehörten, war er der einzige weiße Junge im ganzen Viertel. Alle anderen stammten aus Puerto Rico. Einige aus der Dominikanischen Republik. Dann gab es noch ein paar schwarze Wichser vom alten Schlag. Alle arm und voller Wut. Sie fragten sich, wie es besser werden könnte, aber keiner kannte die Antwort. Es war, wie es war, und ist, wie es ist. Das beschissene Ghetto einer amerikanischen Stadt. Ben schien das nicht wahrzunehmen.

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Meine Arbeit im Klub war nicht schwer, aber ich musste einen Teil meines Herzens verschließen. Ich war vorher erst mit drei Männern zusammen gewesen. Liebe ist für jeden etwas anderes. Für manche ist es Hass, für andere Spaß, Angst, Eifersucht, Folter, Frieden. Um einen Mann so anzufassen, musste ich ihn lieben. Also schaltete ich das ab. Schloss es weg. Begrub es.

Eines Nachts kam Ben in den Klub. Er lächelte und sagte Hi, und ich sagte Baby, schön, dich zu sehen. Ging mit ihm in den Raum, in dem wir immer tanzten. Fiel über ihn her. Ich sagte zu ihm, ich will, dass du mich fickst, ich will es Tag und Nacht mit dir treiben. Ich bestellte einen Drink nach dem anderen und besorgte es ihm. Nach einer Stunde war er hinüber. Seine Brieftasche war leer. Und ich fühlte mich mies. Ich wusste, er war okay. Nur einsam. Ein Mann, allein in einer Wohnung, in der außer ihm niemand leben wollte. Mit seinem Fernseher und seinen Pizzakartons und seiner verwarzten Matratze und seinem dreckigen Badezimmer. Er verlor das Bewusstsein. Auf dem Stuhl, mit meinem Arsch zwischen seinen Beinen. Die Türsteher wollten ihn rauswerfen. Er ist mein Nachbar, sagte ich zu ihnen. Wir riefen ein Taxi und legten ihn auf die Rückbank. Ich setzte mich neben ihn. Er schnarchte wie ein Baby. Und als wir die Sozialsiedlung erreicht hatten, half mir der Fahrer, ihn aus dem Auto zu hieven. Ich schleppte ihn bis vor seine Tür. Als ich ihn das nächste Mal sah, hatte er sich verwandelt, in jemand anderen, in etwas Unglaubliches. Ich konnte es nicht fassen. Aber dann glaubte ich es doch. Ich glaubte.

Leser-Kommentare
    • STOTB
    • 24.04.2011 um 15:48 Uhr

    Jesus wuerde im Leben KEINE green card erhalten!!!

  1. Wieso manche Menschen absichtlich provozieren wollen bleibt mir schleierhaft.
    Nun, Jedem das Seine...

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    2."Wieso manche Menschen absichtlich provozieren wollen bleibt mir schleierhaft."

    Psychoanalytisch ist die Motovation nicht schleierhaft,es handelt sich um einfache Motivationen wie Narzißmus,Geltungssucht,Sucht nach Anerkennung etc.

    2."Wieso manche Menschen absichtlich provozieren wollen bleibt mir schleierhaft."

    Psychoanalytisch ist die Motovation nicht schleierhaft,es handelt sich um einfache Motivationen wie Narzißmus,Geltungssucht,Sucht nach Anerkennung etc.

  2. Dieser Artikel ist eine Beleidigung für Christen. Durch den Abdruck solcher Schriften durch Die Zeit fragt man sich, welche Ziele sie verfolgen? Wollen sie unsere Religion zerstören? Den Straftatbestand des §166 StGB scheinen sie zu überschreiten. Die Gesellschaft braucht nicht nur stärkere Bankenkontrolle sondern auch Kontrolle der Medien.
    Dieser Herr der dort zitiert wird, ist kein Star, sondern ist ein Demagoge der wegen Beleidigung eine Strafe bekömmen müßte.

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    • seschu
    • 24.04.2011 um 23:02 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie Ihrerseits sachlich. Danke. Die Redaktion/lv

    ... gibt es wohl nicht nur im Islam. Fehlt nur noch, dass die empörten Kommentatoren hier ein Kopfgeld auf James Frey aussetzen, nachdem sie öffentliche Bücherverbrennungen inszeniert haben.

    • seschu
    • 24.04.2011 um 23:02 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie Ihrerseits sachlich. Danke. Die Redaktion/lv

    ... gibt es wohl nicht nur im Islam. Fehlt nur noch, dass die empörten Kommentatoren hier ein Kopfgeld auf James Frey aussetzen, nachdem sie öffentliche Bücherverbrennungen inszeniert haben.

  3. je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr kommt es einem gerade an Ostern als eine besonders schwere Geschmacklosigkeit vor. Ich fordere Sie auf, löschen Sie diesen Artikel.

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    "Löschen sie diesen Artikel
    je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr kommt es einem gerade an Ostern als eine besonders schwere Geschmacklosigkeit vor. Ich fordere Sie auf, löschen Sie diesen Artikel."

    Ich fände es klüger Derartiges einfach zu ignorieren.

    "Löschen sie diesen Artikel
    je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr kommt es einem gerade an Ostern als eine besonders schwere Geschmacklosigkeit vor. Ich fordere Sie auf, löschen Sie diesen Artikel."

    Ich fände es klüger Derartiges einfach zu ignorieren.

  4. schon mal was von meinungs- und religionsfreiheit gehoert? hier ruft ja mancher schon zur virtuellen buecherverbrennung auf! ich werde das buch uebrigens kaufen.

  5. Wann entdecken die auf Wut und Ausgrenzung spezialisierten Zeit-Kommentatoren ihren inneren Christen? Wenn sie damit ihre Wut und Ausgrenzung rechtfertigen können.

  6. Bei Douglas Adams waren die Matratzen aus Sumpftieren hergestellt und hatten möglicherweise sogar Warzen, in unserer Galaxie ist das eher auszuschliessen.
    Abgesehen von einer allfälligen wissenschaftlichen Sensation bietet dieses Buch aber wohl nicht viel neues.

  7. Die Christen, die sich her sich echauffieren haben scheinbar nicht verstanden, was der Autor des Buches ausdrücken möchte. Es geht hier nicht um Provokationen und Geschmacklosikeiten, sondern um die Darstellung einer leider sehr realen Fiktion, die das Elend beschreibt, in dem sich viele Menschen befinden. Es geht um den Versuch, die Taten Jesu in die heutige Welt zu extrapolieren, es geht darum, den alten Geschichten neues Leben einzuhauchen und zu untersuchen, wie und wo ein Jesus heute wirken würde.

    Von Religionszerstörung kann keine Rede sein, eher von einer Erneuerung, die sich nicht scheut, die Wirklichkeit in all ihrer Schärfe und Häßlichkeit darzustellen. Und dann gibt es da noch die Figur, die den Menschen Hoffnung spendet... Erkenne dich selbst, Christ!

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