Nun, da Deutschland gar nicht schnell genug aus der Atomkraft aussteigen kann , ist es höchste Zeit, von den Kosten zu reden. Nein, nicht von Geld, das sei den Anwälten von RWE und den Haushältern von Union und FDP überlassen. Hier geht es um einen Preis, den andere bezahlen sollen. Es geht um den Klimawandel.

Gäbe es in Deutschland eine Klimaschutzbewegung, sie würde Busreisen für Atomkraftgegner organisieren. Treffpunkt wäre das Rheinufer im Duisburger Norden, beim neuen Steinkohlekraftwerk Walsum. Vorige Woche ist es in Betrieb gegangen, es gibt aber noch technische Probleme mit einigen Schweißnähten. Der Blick wandert aufwärts am 300 Meter hohen Schornstein. 750 Megawatt wird das Kraftwerk leisten. »Ein Zwerg«, sagt die Reiseleiterin.

Fünfzig Kilometer weiter im Osten derselbe Anblick. Datteln, das einzige im Bau befindliche Kraftwerk , dessen Fertigstellung vielleicht noch verhindert wird. Umweltschützer klagen dagegen. Wegen des Protests steht Datteln im unverdienten Ruf, ein Monstrum zu sein, dabei liegt es mit seinen 1000 Megawatt bloß im Mittelfeld der neuen Kraftwerksgeneration. 1000 Megawatt, das entspricht einem mittleren Atomkraftwerk.

Noch weiter im Osten, in Hamm/Westfalen, stehen wir vor einem echten Riesen, 1640 Megawatt, stärker als jedes deutsche Atomkraftwerk. Fertigstellung 2012. »Stößt so viel CO₂ aus wie Bolivien«, sagt die Reiseleiterin.

Wohin nun? Lünen ist nicht weit, bloß dreißig Kilometer. 750 Megawatt, so viel wie das AKW in Brunsbüttel, Fertigstellung Ende nächsten Jahres. Dann kommt der Höhepunkt. Mitten zwischen Düsseldorf, Köln und Mönchengladbach liegt Neurath: 2200 Megawatt der dreckigsten Sorte, Braunkohle. Der erste Block ist so gut wie fertig.

Walsum, Lünen, Neurath – vollkommen unbekannte Ortsnamen. Gäbe es in Deutschland eine Klimaschutzbewegung, dann hätten sie einen Klang, wie ihn die Namen Kalkar, Brokdorf und Wackersdorf bis heute haben. »Das sind alles eure Kraftwerke«, sagt die Reiseleiterin zu den Atomkraftgegnern. »Dafür habt ihr demonstriert.«

Große Aufregung im Reisebus. »Lüge!«, rufen die Atomkraftgegner. »Was können wir dafür, dass die Industrie Kohlekraftwerke baut! Wir wollten Windräder und Sonnenkraftwerke anstelle der AKWs.«

Geht leider nicht. Die Industrie hat das schon immer gesagt; nun, da es mit dem Ausstieg ernst wird, sagen es auch die Vordenker der Anti-Atom-Bewegung. Das Ökoinstitut in Darmstadt, das Umweltbundesamt in Dessau, der atomkritisch geprägte Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung, sie alle sind jetzt plötzlich zu demselben Ergebnis gekommen: Wind und Sonne mögen die ferne Zukunft der Stromversorgung sein. Zu einem schnellen Ausstieg aus der Atomkraft tragen sie wenig oder nichts bei. Dafür wird aber jedes einzelne der neuen Kraftwerke, unter denen einige von Grünen und Umweltschützern erbittert bekämpft wurden, nun dringend gebraucht. Kohle statt Atom – nicht schön, diese Klimakiller, aber unentbehrlich, leider.

Bei Greenpeace versuchen sie, das peinliche Eingeständnis zu vermeiden, und haben darum Karten gezeichnet, auf denen neue Gaskraftwerke wie Pilze aus dem Boden schießen. Es reicht immer noch nicht. Stillschweigend rechnet Greenpeace in seinem jüngsten Konzept für einen schnellen Atomausstieg vier der neuen Kohlekraftwerke ein.