Street-ArtMit den Augen zur Wand

Warum Los Angeles das neue Zentrum der Street-Art ist. von Catriona Mclaughlin

Ein Bild von Barack Obama ziert einen Tag nach seiner Wahl im November 2008 eine Hauswand auf der Melrose Avenue in Los Angeles.

Ein Bild von Barack Obama ziert einen Tag nach seiner Wahl im November 2008 eine Hauswand auf der Melrose Avenue in Los Angeles.  |  © Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

Der New Yorker Galerist Jonathan LeVine gibt einen Seufzer von sich. »New York ist schon wichtig. Aber L.A. könnte bald die Krone tragen«, sagt er. »Vielleicht muss ich doch irgendwann umziehen.« Die Galerie des 42-Jährigen ist die erste Adresse für Street-Art in New York. Seine Kunden – und seine Künstler – kommen allerdings fast zur Hälfte aus Los Angeles. »Für die Kunst ist es dort wie im Wilden Westen«, sagt LeVine. Nirgendwo sei der Kunstmarkt für Street-Art so offen wie in Los Angeles.

Der erfolgreichste Straßenkünstler, der Brite Banksy, hatte nicht zufällig 2006 in dieser Stadt seinen Durchbruch. Viele der prominenten Sammler von Street-Art leben und arbeiten hier, der Schauspieler Brad Pitt etwa oder die Sängerin Christina Aguilera. Es war nicht zuletzt ihre Begeisterung für Street-Art, die selbst konservativere Sammler auf die neuen Namen aufmerksam machte.

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Nachdem die Weltwirtschaftskrise Ende 2008 auch den Boom der Street-Art im Kunstmarkt schlagartig beendet hatte, kehrt das Geschäft nun zurück. Heute erzielen die bekannten Auktionshäuser wieder gute Gewinne mit der neuen Kunstform. Auch Graffitikünstler, deren Erfolge bereits durch die Wirtschaftskrise 1987 gelitten hatten, stehen heute wieder hoch im Kurs. Das Auktionshaus Bonham’s zum Beispiel hat nach zwei Jahren Pause die sogenannten Urban-Art-Auktionen wieder eingeführt – und erzielte im Januar für Werke von Graffitikünstlern wie Futura und Street-Artists wie Shepard Fairey mittlere fünfstellige Beträge.

Ähnlich sieht man beim Auktionshaus Christie’s die Street-Art zunehmend als Teil des Geschäfts – und als Möglichkeit, neue und jüngere Sammler anzusprechen, während gleichzeitig auch ältere, etablierte Käufer zunehmend interessiert sind. In Los Angeles bekommt die Kunst seit vergangenem Wochenende eine besondere Weihe, im Museum of Contemporary Art (MOCA) hat die große Überblicksschau Art in the Streets eröffnet, sie zeigt, wie sich Street-Art und die artverwandten Graffiti seit den siebziger Jahren entwickelt haben.

Auf dem Kunstmarkt könnte diese Museumsshow für eine langfristige Etablierung der neuen Kunstform sorgen – eine Hoffnung, die wohl auch Jeffrey Deitch teilt. Der einflussreiche Galerist und Street-Art-Förderer wurde im vergangenen Sommer zum Direktor des MOCA ernannt, eine Entscheidung, über die im Kunstbetrieb heftig gestritten wurde.

Als Galerist vertrat Deitch bekannte Street-Art-Künstler wie Shepard Fairey, Barry McGee, SWOON und Os Gemeos. Sein Plan ist es nun, diese und andere Street-Art-Künstler als die legitimen Nachfolger der Pop-Art zu etablieren. »Das Establishment fängt gerade erst an zu verstehen, wie bedeutend diese Bewegung ist«, meint Deitch.

Dabei ist das Verhältnis zwischen Deitch und der Street-Art-Szene nicht ungetrübt: Der Künstler BLU, international bekannt durch seine animierten Filme, hatte im Dezember 2010 im Auftrag des MOCA eine Außenwand als Vorankündigung für Art in the Streets gestaltet. BLU lieferte mit der Abbildung von mit Dollarnoten bedeckten Särgen einen politischen und provokanten Kommentar zum Soldatentod im Irakkrieg ab. Deitch kam, sah und ließ die Kunst wegwischen. Der Zerstörungsakt wurde jedoch dokumentiert und im Internet veröffentlicht, eine Zensurdebatte entbrannte, zahlreiche Künstler kritisierten Deitch. BLU fehlt nun in der Ausstellung genauso wie die Street-Art-Künstler FAILE und Ron English.

Leserkommentare
  1. Wäre schön mal zu hören, was es hier in Deutschland gibt.

    Von einem weiß ich. Als ich mal in Freiburg war, da gibt es eine Kunstverein, der nichts anderes als Street-Art macht. Heißt glaube ich "achtung frisch gestrichen" oder so.

    Dort bin ich öfters vorbeigegangen, war faszinierende jeden Tag zu sehen, wie das Bild weiter gewachsen ist.

  2. Es gibt schon interessante Streetart in Deutschland. Entdecken kann man sie am besten, wenn man mit offenen Augen durch die größeren Städte geht. Man findet zwar auch viel geschmierten Mist, aber dazwischen sind immer wieder Perlen. Aber - Streetart gehört für mich auf die Straße. Einen Hauch illegal sollte es schon sein. Keine Kunst, die irgendwelche Stars und Sternchen sammeln und in ihren abgeschlossenen Häusern oder Galerien sammeln. Denn dann wäre es ja Houseart. ;)

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